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ALEXA, GEH’ TANZEN!


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 13.06.2019

Auch Yeasayer sind am 13. August beim MEFestival in Berlin dabei. Auf ihrem neuen Album beschreiben die New Yorker Experimental- Poprocker die Gegenwart als Albtraum: Firmen regieren die Welt, Amazon guckt durchs Schlüsselloch. Und der Präsident macht Politik zum Porno. Warum klingt EROTIC RERUNS trotzdem so lustvoll und überbordend?


Artikelbild für den Artikel "ALEXA, GEH’ TANZEN!" aus der Ausgabe 7/2019 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 7/2019

Von links: Ira Wolf Tuton, Chris Keating und Anand Wilder.


Da ist schon mal das Albumcover. In einer Wüstenlandschaft steht ein grünes Objekt, das groß wie ein Hochhaus sein könnte – oder kompakt wie eine Einkaufskiste. Über die Kanten quillt Undefinierbares in Bonbonpink. ...

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... Himmel, was ist das? „Was glaubst du denn, was das ist?“, fragt Chris Keating, Keyboarder und Sänger von Yeasayer, am Telefon. Zeugnis einer Atomkatastrophe? Ein verschollener Outtake aus „Mad Max“? „Für mich sah das Foto fast wie ein Ost-Berliner Wohnblock aus, der in Flammen steht. Oder wie ein dystopisches Horrorszenario“, sagt er: „Aber ich glaube, es ist nur ein Fischernetz, das in einem riesigen Behälter liegt.“ Ein knallbuntes Arrangement, das einen aus schwer fassbaren Gründen beunruhigt: Es ist das perfekte Bild, um EROTIC RERUNS zu umreißen, das fünfte Album der New Yorker.

Vor über zehn Jahren waren Yeasayer angetreten, um den ewig zackigen Nullerjahre- Indie aus seinem Korsett zu erlösen. Während MGMT verspulte Psychedelia und Vampire Weekend westafrikanischen Highlife in die Gegenwart schmuggelten, hatten Yeasayer auf ihrem Debüt 2007 schon die Synthese aus beiden Strategien gefunden: ALL HOUR CYMBALS vereinte Trip-Musik mit Global-Pop-Zitaten – und scheint heute Lichtjahre entfernt von EROTIC RERUNS. Das klingt nämlich, obwohl es die Band eine Weile ihr „Classic Rock“-Album genannt haben soll, so hedonistisch, tight und poppig wie bislang nichts von Yeasayer.

Und doch ist hier immer etwas faul: Mal wollen sie dem irrlichternden US-Präsidenten eine Pyramide bauen, in der er auf Drogen der Unsterblichkeit entgegendämmern kann. Mal verspricht das lyrische Ich im Song„Let Me Listen In On You“ , unsere Träume zu erfüllen – wenn wir es nur in unser Kämmerlein lauschen lassen. Bist du’s, Xi Jinping? Oder hat Alexa den Verstand verloren? „Es ist verstörend, wie viele Leute Geräte wie ‚Amazon Echo‘, die uns ständig belauschen, im Haus haben“, sagt Keating. „In China überwacht dich der Staat, in den USA die großen Unternehmen – nur um zu erfahren, welche Socken oder Makkaroni du kaufen willst. Und überall auf der Welt hat sich die Einstellung der Menschen gegenüber solcher Dauerüberwachung längst ganz grundlegend geändert.“

Nun ist das erstens keine neue Erkenntnis. Und zweitens eine, die einen schnell in die Nähe von verschwörungsgläubigen Wirrköpfen rückt, wenn man ihre Konsequenzen zu fabulierwütig ausbuchstabiert. Aber Yeasayer sind zu schlau, um ein fatalistisches Album über den Abschied von der Freiheit aufzunehmen: Die Kritik am „Albtraum der amerikanischen Gegenwart“, wie Keating sagt, klingt bei Yeasayer mal verführerisch, mal unterschwellig bedrohlich. „And I’ll watch out for you my friend, if you keep an eye on my place while I’m out of town“, heißt es in„Let Me Listen In On You“ : Bis gegen Ende des Songs überdeutlich wird, dass es um Überwachung geht, könnte man meinen, ein übergriffiger Lover habe das Wort ergriffen.

Zu trennen seien Sex und Macht eh nicht mehr. „Wir haben mit Trump einen Reality- Show-Porno-Präsidenten”, sagt Keating. „Das autoritäre Moment, das es bis zu einem gewissen Grad auch schon bei Präsidenten wie Reagan gab, wurde unter Trump erotisiert.“ Wenn Neurechte wie Stephen Bannon ihre politischen Gegner als „Cucks“ diffamieren, als Schlappschwänze also; wenn für Mister President himself ein Griff zum weiblichen Intimbereich als Machtdemonstration dient – kurz, wenn dumme, dauergeile Typen die Sprache der Pornografie in die Politik tragen: Warum ihr Treiben nicht mit überdrehter Musik kritisieren, mit Pop, der trotzdem sexy groovt? Keating plädiert für weniger Ernsthaftigkeit, weniger heiligen Respekt vor der Macht. „Humor ist vielleicht nicht der adäquateste Weg, mit der aktuellen Situation umzugehen“, sagt er. „Aber es ist trotzdem der einzige Weg, den ich kenne.“
Albumkritik S. 86

50 Jahre Musikexpress – Das Festival Die legendäre Parkbühne Wuhlheide in Berlin-Oberschöneweide wird am Dienstag, 13. August, die Kulisse für das kleine, aber besonders erlesene Festival bieten, mit dem wir unseren 50. Geburtstag feiern werden. Es spielen Tame Impala, Blood Orange und Yeasayer.Tickets und weitere Informationen unter fkpscorpio.com