Lesezeit ca. 5 Min.

ALFAS SCHATZ-KISTEN


Logo von Auto Bild
Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 13.01.2022

EXTRATOUR

Artikelbild für den Artikel "ALFAS SCHATZ-KISTEN" aus der Ausgabe 2/2022 von Auto Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 2/2022

Drei fixe Italiener: links der Alfa 75, in der Mitte der 156, rechts der 155 V6 TI, einer der besten Tourenwagen der 90er

ARESE liegt vor den Toren Mailands und mitten in den Herzen der Alfisti. 1963 haben sie hier eine Produktion für Alfa Romeo hochgezogen, als die Marke noch Staatskonzern war. 1986, mit dem Einstieg von Fiat, wurden in der 20 000-Einwohner-Stadt erst weniger und seit 2005 gar keine Autos mehr gebaut. Arese ist trotzdem Heimat der ganz großen Herzschmerz-Modelle. Wir sind zu Besuch im Museum von Alfa Romeo, so wie 100 000 andere Menschen pro Jahr. Aber uns machen sie die Türen auf, die allen anderen verschlossen bleiben. Einmal raus aus dem Museum, Treppe steigen, nach rechts in den Fahrstuhl, hoch in die dritte Etage; dann ist Ostern und Weihnachten und Papst-Geburtstag auf einmal.

Die geheimen Alfa-Tiere – heute werden wir sie sehen …

Es ist Dienstag, da ist das Museum eigentlich zu. Ein Glück, so hat Lorenzo Ardizio (48) ganz viel Zeit für eine Exklusiv-Führung durch SEINE heiligen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Auto Bild. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2022 von BESTANDSSCHUTZ FÜR PLUG-IN-HYBRID-BESTELLER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BESTANDSSCHUTZ FÜR PLUG-IN-HYBRID-BESTELLER
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von SCHÖNE AUSSICHTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SCHÖNE AUSSICHTEN
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von JETZT KANN ER AUCH KURVEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
JETZT KANN ER AUCH KURVEN
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von GEBRAUCHTE IN DER KOSTENFALLE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GEBRAUCHTE IN DER KOSTENFALLE
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
DIE AUTOS WERDEN JETZT ERST RICHTIG GUT
Vorheriger Artikel
DIE AUTOS WERDEN JETZT ERST RICHTIG GUT
ALS UNSERE EX MIT UNS SCHLUSS MACHTEN
Nächster Artikel
ALS UNSERE EX MIT UNS SCHLUSS MACHTEN
Mehr Lesetipps

... Hallen. Zuerst das Bekannte im Schnelldurchlauf: Der erste A.L.F.A. 24 HP von 1910, die atemberaubende Giulietta von 1954, die wunderschöne Giulia von 1962. Lorenzo guckt ganz verliebt, dann erzählt er: „Ich habe drei Giulia GT, von 66, 67 und 72.“

Der Blick des Alfa-Mannes ändert sich erst, als wir vorm 68er Carabo stehen, dieser keilförmigen Studie von Marcello Gandini, bei der sich Scherentüren nach oben öffnen und wir feststellen: „Der sieht ja aus wie ein Lamborghini Countach!“ Lorenzo guckt uns an, als würden wir die Carbonara mit dem Löffel essen: „No, no, no!“, sagt er. „Der Countach sieht aus wie ein Carabo.“ Denn die Lambo- Studie aus der Feder des Bertone- Chefdesigners kam erst 1971, also drei Jahre später. „Lorenzo“, sagen wir jetzt, „bevor es noch später wird, zeig uns bitte die geheimen Autos!“

ALFA IST GANZ KEIL DANK GIORGETTO GIUGIARO

Dann stehen wir wirklich im Lift, und als die Tür wieder öffnet, da ist es so, als hätten wir uns ins Parallel-Universum gebeamt. Lorenzo steht neben einem Motor: „Unser erster Hybrid aus den 70ern für den Alfasud!“ Auf den Verbrenner haben sie einen Elektromotor geflanscht, bei Gaswegnahme sollen sich Zylinder abschalten. Ob das jemals funktioniert hat? Wer weiß, aber allein die Idee hätten wir Alfa genauso wenig zugetraut wie das mit dem Tank, unter dessen Ummantelung sich beim Unfall ein Liquid mit dem Benzin vermengt, Explosionen unmöglich macht. Und dass der Alfa 156 JTD der erste Seriendiesel mit Common-Rail-Einspritzung war, bevor Bosch das Patent gekauft hat – Lorenzo lächelt voller Stolz, wenn er darüber referiert.

Jetzt müssen wir lächeln! Welch ein Keil! Der großartige Giorgetto Giugiaro hat uns Autos beschert wie den ersten Golf oder den einzigen echten Scirocco von 1974 und 1980 die tolle Kiste Fiat Panda. Ganz viel Giorgetto steckt auch in Alfa. Sein Alfasud etwa kam 1972 zwei Jahre vor dem Golf raus, noch ein Jahr früher die Studie Caimano. Das Ding sieht aus wie der kleine Bruder von irgendeinem Lambo, hat aber Großserientechnik aus dem Alfasud unterm „keilen“ Blech, den 1.3er-Vierzylinder mit 86 PS zum Beispiel. Wer rein will, muss die Kuppel samt Plexiglas- Frontscheibe hochklappen, welch eine unpraktische Show. Vielleicht hätte die Studie, flach wie Holland, unterm Schlagbaum der Mautstation durchgepasst; aber Giugiaro hat links und rechts in die Seiten Löcher eingearbeitet, um Tickets zu ziehen und Geld zu zahlen. Sind halt ehrliche Leute, die Italiener.

Der Herr der Kanten ist gleich mehrfach vertreten hier in den beiden geheimen Stockwerken, in denen die Autos derart dicht an dicht stehen, dass du sie rausziehen musst, um sie zu bewundern. Das New York Taxi zum Beispiel. 1975, das Museum of Modern Art bat um Vorschläge für Taxen der Vernunft, also außen klein und innen groß und nicht zu durstig. Alfa und Giugiaro hatten da was im Angebot: eine eckige Kiste, vier Meter kurz, hinten auf jeder Seite Schiebetüren, Platz für Fahrer und fünf Passagiere. Welch ein knuffiges Raumwunder! Heute haben sie es versteckt zwischen all den anderen Studien. Dem Z33 Free Time etwa, auch so ein Raumwunder. Mitunter ist es ja gut, dass sie Showcars wegstellen, hier ist es sogar dringend erforderlich. Das Ding von Designer Zagato ist ein Mini-Van und stammt von 1984, große Glasflächen, nur vier Meter lang, innen brauner Plüsch und sechs Sitzplätze, die Rückleuchten müssen sie beim Opel-Händler besorgt haben, sehen stark nach Kadett D aus. Vielleicht sollten sie dieses Unikum abdecken und ihm so die nötige Wärme geben, die es zu Lebzeiten nie bekommen hat.

Dabei war Alfa niemals die Marke der praktischen Raumautos. Einen Alfa hast du gekauft, weil du dich verliebt hast. So wie Dustin Hoffman 1967 erst in Mrs. Robinson und anschließend in Mrs. Robinsons Tochter und vielleicht am meisten in seinen roten Alfa Romeo Spider, mit dem er durch San Francisco rast und im Tunnel den Auspuff röhren lässt. „Wir haben der Film-Produktion nur das Auto gegeben, kein Geld“, sagt Lorenzo, und dass es bis heute die beste und günstigste Image-Kampagne sei. Genau so einen Spider haben sie irgendwann 2006 von Donatella bekommen, und das ist eine traurige, schöne Geschichte.

„Geschenk von Donatella Dezzi in Gedenken an Massimo Dezzi“ steht auf einem kleinen Schild in der Frontscheibe neben einem Aufkleber mit Stadtwappen von Mönchengladbach. Massimo war Alfista bis ins Blut, das Auto seine Herzenssache. Nach seinem Tod sollte es unbedingt ins Museum.

„Der Zustand ist nicht perfekt“, sagt Lorenzo, „aber wir lassen ihn so.“ Das Auto ist von 1968, auf dem Tacho stehen 62 539 Kilometer, vielleicht fehlt davor eine Eins, die Anzeige ist nur fünfstellig, überall Kratzer und Steinschläge, Sitze mit Patina, die Wangen gerissen. „In diesem Zustand ist er etwa 30 000 Euro wert, wenn er perfekt wäre, dann 50 000“, sagt der Alfa-Auskenner. Jedenfalls steht er hier warm und trocken, Massimos Herz schlägt im Scudetto weiter.

Und dann gehen wir vorbei an Eintagsautos wie einer Giulia, die sie 1966 zum viertürigen Cabrio umgebaut haben, weil Staatspräsident Giuseppe Saragat beim Werksbesuch nicht laufen sollte. Und an Tagträumen wie einem Alfa 164 Procar, das sie Ende der 80er-Jahre zum zivilen Formel-1- Renner umgebaut und von einer Tourenwagenserie mit Rennsporttechnik geträumt haben. Der Wagen hat einen 3,5-Liter-V10 mit 620 PS und soll tatsächlich mal 329 km/h geschafft haben. Wer auch immer vom E-Auto schwärmt, das in zwei Sekunden auf Tempo 100 fährt: nix Neues, siehe Alfa.

286 Autos hat Alfa in seiner collezione gesammelt, 180 weitere in zwei Hallen, schon 1956 haben die Italiener angefangen, die eigene Geschichte wegzustellen.

Zum Schluss zeigt uns Lorenzo noch zwei Prototypen. Er lächelt nicht, er lacht: „Diese Giulia haben wir 1959 in Jugoslawien getestet, weil es dort so wenig Journalisten gab. Und auf diese 1750 Berlina haben wir einen Rover-Schriftzug geklebt, um euch zu verwirren.“

Tja, was sollen wir sagen? Wir sind verwirrt, weil wir uns in so viele alte Alfas verliebt haben …