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Alfred gegen die große Armee: Der letzte König


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 20.09.2019

Im 9. Jahrhundert landen die heidnischen Wikinger in England. Binnen Kurzem fällt ein Königreich nach dem anderen. Nur ein Mann steht den Angreifern jetzt noch im Weg: Alfred


Der letzte König sieht aus wie ein Bettler. Verdreckt und abgekämpft. Hungrig und frierend. Die Sümpfe von Somerset sind kein guter Aufenthaltsort im tiefen Winter. Und dennoch irrt König Alfred in diesen Januartagen des Jahres 878 mit seinen wenigen Getreuen durch die einsame Wildnis. Nachts hören sie die Wölfe heulen.

Alljährlich kommen die Wikinger, sie rauben und morden

793: Das Unglücksjahr, in dem alles beginnt

Alfred hat nur ...

Artikelbild für den Artikel "Alfred gegen die große Armee: Der letzte König" aus der Ausgabe 10/2019 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 10/2019

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... noch schätzungsweise hundert Mann bei sich. Kann man ihn überhaupt noch einen König nennen? Eher ist er ein Gejagter, ein Streuner. Er hat die Macht in Wessex verloren, so wie vor ihm schon die Könige der drei anderen angelsächsischen Reiche Northumbria, East Anglia und Mercia. Ganz England ist nun von den Wikingern besetzt. Die Heiden triumphieren, das Christentum ist Geschichte. So zumindest sieht es aus.

Fromm und wehrhaft
»The Last Kingdom« erzählt von König Alfred, großartig gespielt von David Dawson. In Deutschland ist die Serie etwa im digitalen Shop von Amazon Prime Video und auf Netflix zu sehen


Es ist der Schlusspunkt einer Entwicklung, die im Jahr 793 ihren Anfang genommen hat. Damals tauchten kleine Punkte am Horizont auf: Schiffe, wie man sie an Englands Stränden noch nie gesehen hatte. Schiffe mit Drachenköpfen. Kamen sie geradewegs aus der Hölle? Dies konnte man mit gutem Grund vermuten, denn die fremden Seefahrer brachten Mord, Raub und Brand über das Land. Sie plünderten Klöster und Dörfer, entweihten Kirchen, töteten Geistliche und verschleppten ganze Familien als Sklaven. Seit jenem Unglücksjahr 793 sind sie jeden Sommer zurückgekehrt.

Jetzt bleiben die Wikinger und unterwerfen sich das Land

865: Aus den Räubern werden Eroberer

Den Seewölfen eilt der Ruf unvorstellbarer Grausamkeit voraus. So erzählt man sich, dass sie ihren Gefangenen mitunter bei lebendigem Leibe die Brust aufschneiden und die Lungen herausklappen. Unter den letzten Atemzügen des sterbenden Opfers bewegen sich die Lungenflügel auf und nieder – »der Blutadler« fliegt.

1


2


Stumme Zeugen der Gewalt

Die Kämpfe und die Zeit haben ihre Spuren hinterlassen: DerSpeer 1 gehörte einst einem Wikinger. Das eiserneSchwert 2 ist eine angelsächsische Waffe – und kostbar durch den silbernen Knauf

Im Jahr 865 dann hat sich alles noch einmal verschlimmert. Wieder sind Wikinger an der Küste Ostenglands gelandet, aber diesmal sind sie nicht nur als Räuber gekommen, sondern als Eroberer. Auf mehrere Tausend Krieger wird ihre Streitmacht geschätzt. Die Angelsachsen nennen sie schaudernd »die große heidnische Armee« oder das »Große Heer«. Ihr Anführer, so heißt es, ist kein gewöhnlicher Mensch. Es ist ein Dämon, ein Geist oder Zauberer – Ivar der Knochenlose. Es geht das Gerücht, dass er nicht laufen kann, sondern von seinen Leuten auf einen Schild gehoben und getragen werden muss. Sein Ziel: die Eroberung Englands! Ivar will König werden. Und das scheint ihm auch zu gelingen. In unglaublichem Tempo überrennt er ein Königreich nach dem anderen. Als erstes fällt das durch Machtkämpfe zerrissene Northumbria – die Thronrivalen Osberth und Aelle werden niedergemetzelt. Es folgt East Anglia – auch sein König Edmund findet den Tod. Dann ist Mercia an der Reihe – König Burgred setzt sich gerade noch rechtzeitig nach Rom ab, möglichst weit weg von den schrecklichen Nordmännern. Jetzt ist nur noch das Königreich Wessex ganz im Westen übrig.

Wie ist der Erfolg der Wikinger zu erklären? Die Angelsachsen sind in verfeindete Reiche zersplittert. Und es hat wohl auch etwas mit ihrer Einstellung zum Krieg zu tun. Als Christen sind die Angelsachsen davon überzeugt, dass sie in den Himmel kommen, wenn sie keinem anHeiden deren Menschen etwas zuleide tun. Die Wikinger sind davon überzeugt, dass sie in den Himmel kommen, wenn sie möglichst viele Feinde massakrieren.


»Das letzte Königreich«


Wir befinden uns im 9. Jahrhundert n. Chr. Ganz England ist von den Wikingern besetzt. Ganz England? Nein! Der König von Wessex hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten … Aus diesem Stoff formte der britische Schriftsteller Bernard Cornwell ab 2004 die Romanreihe »Die Uhtred- Saga«. Sie bildet die Grundlage für die Fernsehserie »The Last Kingdom« (ab 2015). Bei den Dreharbeiten zu den Schlachtenszenen durften sich die Darsteller so richtig austobe

Bald wankt auch Wessex. 871 ist der gut 20 Jahre alte Alfred König geworden. Kann er das Blatt wenden? Nach mehreren verlorenen Schlachten glaubt er wohl selbst nicht daran, jedenfalls zahlt er den Wikingern Geld, damit sie sich zurückziehen. Er kauft sich Zeit.

Legenden ranken sich um die sieben einsamsten Wochen des Königs

Winter 878: Alfred durchlebt die tiefste Krise

Und jetzt also ist das Schicksalsjahr 878 angebrochen. Gleich zu Beginn hat Guthrum, der neue Anführer der Wikinger, den entscheidenden Schlag ausgeführt. Am 6. Januar, als Alfred in seiner Festung Chippenham Weihnachten feierte, ist er in einem Gewaltmarsch vorgerückt und hat die Angelsachsen überfallen. Nahezu alle Krieger wurden getötet, mitten in der Nacht ereilte sie ein Schlag mit der Dänenaxt. Sie hatten keine Chance. Nur Alfred ist entkommen. Jetzt versteckt er sich mit wenigen Männern in den Sümpfen von Somerset. Sieben Wochen wird er dort verbringen. Sieben Wochen, in denen das Schicksal Englands am seidenen Faden hängt. Wie magisch diese kurze Zeitspanne im Nachhinein wirkt, sieht man daran, dass sich viele Legenden darum ranken.

Die bekannteste ist jene von Alfred und den verbrannten Kuchen. Irgendwann auf seiner Flucht kehrt er in der Hütte eines Schweinehirten ein. Niemand erkennt in der abgerissenen Gestalt den glücklosen König. Die Hüttenbewohner geben ihm und seinen Begleitern trotzdem zu essen. Die Frau bittet ihn dafür nur, auf die Kuchen achtzugeben, die über dem Feuer gebacken werden. Alfred nickt. Er starrt in die Flammen und sinnt darüber nach, was er jetzt noch für sein Volk tun kann … Die Kuchen vergisst er darüber. Als die Frau zurückkehrt, schimpft sie ihn aus: »Schau her, Mann, du hast gezaudert, die Kuchen umzudrehen, jetzt sind sie verbrannt! Wo du sie doch nur allzu gern isst, wenn sie warm vom Feuer kommen.« Der Gescholtene senkt den Kopf, bittet um Verzeihung und verspricht, das nächste Mal besser aufzupassen.

Das ist die eine Geschichte. Eine andere erzählt von einem einsamen Pilger, der Alfred in den verschneiten Sümpfen begegnet. Er bittet ihn um ein Almosen. Alfred hat selbst nicht viel, aber er gibt ihm, was er entbehren kann: einen Laib Brot und etwas Wein. Der Mann dankt ihm – und ist im selben Augenblick verschwunden, ohne auch nur einen Fußabdruck zu hinterlassen. Zu seinem großen Erstaunen stellt Alfred fest, dass seine Vorräte plötzlich wieder aufgefüllt sind. In der nächsten Nacht erscheint ihm der Mann im Traum, gekleidet in das Gewand eines Bischofs. »Ich bin Cuthbert«, sagt er. Cuthbert von Lindisfarne, ein Bischof aus dem 7. Jahrhundert, ein Heiliger, der für seine vielen Wunder bekannt ist. Er verspricht Alfred: »Du wirst Hilfe bekommen!«


»Er war der erste Mann, der sich mit einigem Recht König der Engländer nannte«

Justin Pollard, britischer Autor und Historiker


Gefolgsleute des Königs
Wie die erfundene Filmfigur Uhtred (Alexander Dreymon, li.) in »The Last Kingdom« scharen sich auch in Wirklichkeit einige Männer um den König (re.). Mit ihrer Hilfe zermürbt er die Wikinger durch eine Guerillataktik – und stärkt so den Mut seiner Angelsachsen


Guthrum aber will Alfred erledigen. Solange der König lebt, kann sich der Wikinger seines Sieges nicht völlig sicher sein. Er schickt Späher aus. Sobald sie eine Spur von Alfred gefunden haben, will er ihm mehrere Hundert Krieger auf den Hals hetzen. Alfred hat nur wenige Leute. Wie will er da gegen Guthrum ankommen?

Die sieben Wochen im Niemandsland überlebt Alfred nur, weil er einen Plan hat: Er demonstriert der Bevölkerung, dass er nicht aufgibt. Wie ein Geist taucht er ganz plötzlich aus dem Nichts auf und verschwindet dann wieder. Er zeigt sich den Bauern, aber er überfällt auch Spähtrupps von Guthrum, die ihn ausfindig machen sollen: Plötzlich geht ein Hagel von Pfeilen und Speeren auf sie nieder. Um sicherzugehen, dass Guthrum von niemandem Hinweise auf seine Stärke oder sein Versteck bekommen kann, lässt Alfred alle Wikinger töten. So gesehen, drängt er in dieser Krisensituation das Christliche in ihm zurück und entdeckt seine barbarischen Wurzeln wieder. Dazu kommt, dass ihm das Gelände von Jagdausflügen aus glücklicheren Zeiten vertraut ist. Er hat Heimvorteil. Sein letzter Rückzugsort ist die Feste Athelney auf einer Insel mitten im Sumpf. Die Kunde von seinen erfolgreichen Attacken verbreitet sich schnell. Die Botschaft lautet: Ich lebe noch! Kommt und unterstützt mich!

Die Angelsachsen beginnen sich endlich zu wehren

Mai 878: Jetzt wendet sich das Blatt

Und diese Botschaft verfängt. Irgendwann wird es Frühling – und die Angelsachsen schütteln ihre Angst ab. Sie melden sich als Helfer bei ihm, ganz so wie es der heilige Cuthbert prophezeit hat. Jetzt hat das Versteckspiel ein Ende. Alfred organisiert den Widerstand. Er bringt eine provisorische Kampftruppe von 3000 oder 4000 Mann zusammen. Anfang Mai 878 trifft diese Streitmacht bei Edington auf die Truppen Guthrums – und besiegt sie. Es ist eine der entscheidenden Schlachten der englischen Geschichte. Guthrum zieht sich mit seinen ge schlagenen Kriegern nach Chippenham zurück – in eben jene Festung, in der er Alfred während der Weihnachtsfeierlichkeiten überfallen hat. Alfred folgt ihm. Er weiß: Die Lage der Dänen ist aussichtslos. Im Winter waren die Vorratskammern von Chippenham gut gefüllt, jetzt sind sie leer. Binnen weniger Wochen hat sich die Situation damit ins Gegenteil verkehrt: Der Sieger ist zum Verlierer geworden, der Gejagte zum Jäger. Alfred hat die Kuchen kein zweites Mal anbrennen lassen.

Wikinger greifen eine unfertige Befestigungsanlage an


Typisches angelsächsischesBurh aus der Zeit Alfreds


Grausame Welt Mit allen Mitteln wehren sich die Angelsachsen gegen die Feinde. Etwas Sicherheit bietet eine befestigte Siedlung(Burh). Rechts hinten stehen darin auch Zelte für Bauern aus dem Umland, die vor den Wikingern geflohen sind

Alfred wählt eine Lösung, die das Fortbestehen Englands sichert

Frühjahr 878: Friedensschluss

Nach zwei Wochen Belagerung ist Guthrums Heer am Ende. Er bittet um Frieden. Und nun tut Alfred etwas, worauf sein späterer Beiname »der Große« wesentlich zurückgeht. Er nutzt seine überlegene Position nicht aus, um seinen Feind zu bestrafen oder gar zu vernichten. Er fordert ihn auf, zum Christentum überzutreten. Guthrum stimmt zu. Die letzten Wochen haben ihm Respekt vor dem Gott der Angelsachsen abgenötigt. Und so entfaltet sich nun in dem Dorf Aller in Somerset eine merkwürdige Szene: In einer kleinen hölzernen Kapelle warten etwa 30 Wikinger in weißen Taufkleidern auf die ihnen unbekannte Zeremonie. Im entscheidenden Moment spürt Guthrum eine Hand auf seiner Schulter – die Hand von Alfred, seinem Taufpaten. Er hilft ihm aus dem Taufbecken. Es ist eine diplomatische Meisterleistung des angelsächsischen Königs. Alfred hat erkannt, dass es ihm nicht um einen kurzfristigen Sieg gehen kann, denn die Macht der Wikinger wäre damit nicht gebrochen – sie halten weiterhin ganz Ostund Nordengland. Er erkennt stattdessen, dass eine langfristige Lösung wichtig ist. Man muss sich miteinander arrangieren, und deshalb schließt er mit Guthrum einen Friedensvertrag, in dem er die dänische Herrschaft im Norden anerkennt. Manche mögen darin ein Zeichen der Schwäche sehen, tatsächlich aber verschafft sich Alfred damit die Zeit, sein Reich mit einer ganzen Kette von Festungen zu sichern. Im Rückblick ist es der erste Schritt zu einem vereinigten England.

LESETIPPS
Anders Winroth: »Die Wikinger. Das Zeitalter des Nordens«. Klett-Cotta 2019, € 12, – Justin Pollard: »Alfred the Great. The Man who made England«. John Murray/GB 2006, antiquarisch


BILDNACHWEIS: CARNIVAL FILM & TELEVISION LTD

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