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ALLE HEBEL BEDIENEN


greenup - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 13.05.2020

In der Großproduktion wird in XXL gedacht. Auch in puncto Nachhaltigkeit? Wir haben mit Axel Bachmann von Coca-Cola über Verpackungsformate, recyceltes PET und darüber gesprochen, warum das Geschäftsfeld Nachhaltigkeit nicht nur ein Nice-to-have sein kann


Mehr als 7.500 Mitarbeiter und 35 Standorte, darunter 16 Produktionsstatten, 80 Getranke und einen Bekanntheitsgrad von nahezu 100 Prozent – die Rede ist vom grosten Hersteller alkoholfreier Getranke in Deutschland: Coca-Cola. Tausende Super- und Getrankemarkte, Tankstellen und Gastronomiebetriebe werden beliefert. In vielfaltigen Verpackungsarten, in ...

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Bildquelle: greenup, Ausgabe 8/2020

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... unterschiedlichen Verpackungssystemen. Eine Idee zur Grosenordnung gefallig? Allein die im Oktober 2019 neu eroff nete Glas-Abfullanlage in Mannheim befullt in der Stunde bis zu 60.000 Flaschen. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland insgesamt 3,8 Milliarden Liter abgefullt. Angesichts des hohen Einsatzes an Energie und Material stellt sich die Frage: Wie denkt ein Branchengigant wie Coca-Cola eigentlich uber Nachhaltigkeit? Welche okologisch, sozial und okonomisch bedeutenden Ziele sind im unternehmerischen Handeln verankert?

MOTIVATION FÜR EINE FIRMENPOLITIK

Grundlage einer solchen Geschaftsausrichtung ist bei Coca-Cola der europaische Nachhaltigkeits-Aktionsplan „Handeln.verandern“. Das Strategiekonzept wurde 2017 in einem aufwendigen Verfahren unter der Teilnahme vieler Akteure ins Leben gerufen. „Das triff t sehr schon, worum es geht. Wir mussen das Handeln und unser Geschaft und die Art wie wir unser Geschaft betreiben, verandern“, sagt Axel Bachmann, Geschaftsleiter Nachhaltigkeit bei Coca-Cola European Partners Deutschland. „Wir nehmen die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen sehr ernst. Wir schauen immer danach, was von dem was wir tun, auf welches der 17 Ziele einzahlt. Dementsprechend mussen wir uns auch grose Ziele setzen.“ Naturlich ist dabei auch die okonomische Komponente zu berucksichtigen, die vorausschauendes Handeln impliziert. „Ich hielte es fur nicht richtig, wenn man behauptet, man handele ausschlieslich aus altruistischen Motiven, so Bachmann weiter. „Fakt ist, wenn man sich Gedanken uber Nachhaltigkeit macht, muss man auch immer daran denken, wie das eigene Geschaft in 20 oder 30 Jahren aussieht.“ Spater fugt Bachmann noch hinzu: „Wir konnen es uns gar nicht erlauben, Produkte auf den Markt zu bringen, die der Verbraucher nicht wirklich haben mochte.“ Der Aktionsplan von Coca-Cola erstreckt sich uber sechs Handlungsfelder: Getränke, Verpackungen, Gesellschaft, Wasser, Klima und eine nachhaltige Lieferkette. Fur jeden dieser Bereiche gibt es Ziele, Strategien und Masnahmen.


STRATEGISCH – NICHT MAL EBEN SO, ON TOP ODER NEBENBEI


EINWEG, MEHRWEG, RECYCLING

So auch im Bereich der Verpackungen. An der Optimierung von Verpackungen, sprich Auswahl und Reduktion der Materialien, arbeitet das Unternehmen ohnehin nicht erst seit gestern. Das Recycling soll so vorangetrieben werden, „dass im Idealfall aus einer Flasche wieder eine Flasche werden kann. Das ist unser Ziel“, stellt Bachmann heraus. Weitere Aspekte sind die Ruckfuhrung von leeren Verpackungen, Innovationen und ein geschlossener Wertstoff kreislauf.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Getrankeriesen ist die kleine Glasflasche. Auch das Ein-Liter-Glasformat ist seit 2019 wieder auf dem Markt. 1929 hat Coca-Cola das Mehrweg-Pfandsystem fur Erfrischungsgetranke in Deutschland eingefuhrt


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1 Installation einer 100 Tonnen schweren Flaschenreinigungsanlage in Deizisau. Pro Liter Fertiggetrank werden bei Coca-Cola 1,7 Liter Wasser verbraucht, 40 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren 2 2019 wurden uber 3.100 Tonnen PP-Mehrwegdeckel recycelt. Gut ein Drittel wurde zu Rigofill-Blocken (Regenwasserspeicher) umgewandelt 3 Industrietaugliche PET-Flasche, die zu einem Viertel aus Meeresplastik besteht 4 Das Flaschenportfolio aus Glas und PET umfasst ein Dutzend Grosenformate

Auf die Frage, ob nun das Mehrwegoder das Einwegpfandsystem die sinnvollste Losung ist, bezieht Bachmann klar Position: „Es gibt nicht die nachhaltige Verpackung und nicht das Alleinseligmachende“. Das Mehrwegsystem zum Beispiel funktioniere dann am besten, wenn die Verpackung nah bei der Kiste bleibt. Wenn eine Mehrwegflasche zum Beispiel an einer Tankstelle vermehrt nur gekauft, aber dort nicht zuruckgegeben wird, mussen leere Kisten, die sich dadurch ansammeln, dorthin gebracht werden, wo sie wiederum fehlen. Das fuhrt dazu, dass in einer nicht unerheblichen Grosenordnung Lkw mit Kisten ohne Flaschen durch Deutschland fahren mussen – ein okologischer Nachteil. „Aus diesem Grund passen wir kontinuierlich unser Verpackungsportfolio an. Denn nur, wenn gewahrleistet ist, dass eine Mehrwegflasche zuruck kommt und wiederbefullt wird, erfullt sie ihren Zweck“, berichtet Bachmann. Entscheidend fur die Wahl der Verpackungsart sind Konsumanlass und -situation. Die beste Okobilanz kann, in vielen, nicht allen Bereichen, die Ein-Liter-PET-Mehrwegflasche vorweisen – unter der Voraussetzung, dass sie, wie bei Mehrweg notwendig, auch zuruckgegeben und oft wiederbefullt wird. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn die Verbraucher sie in Kisten fur zu Hause kaufen. Die PET-Flasche ist leichter als ihr Glas-Pendant – ein Vorteil beim Transport.

RECYCELTER KUNSTSTOFF – EINE WERTVOLLE RESSOURCE

Die Einwegpfandflasche in ihren vielen Auspragungen ist als Verpackung bei Coca-Cola schlicht und einfach nicht wegzudenken. Das Verhaltnis Einweg zu Mehrweg liegt bei 60 zu 40 Prozent. Material-Reduktion, Recycling und recyceltes PET (rPET) fur neue Flaschen lauten hier die Gebote der Stunde. Die Rucklaufquote im deutschen Pfandsystem bei Einwegpfandverpackungen liegt bei 97 Prozent. Ein sortenreines Recycling ist aufgrund der Trennbarkeit von Deckel, Folie und Flasche gewahrleistet. Im Jahr 2019 recycelte ein Entsorgungsunternehmen beispielsweise 1.200 Tonnen Kunststoff deckel von Coca-Cola-PET-Mehrwegflaschen und produzierte aus dem Recyclat Regenwasserspeicher, die bis zu 50 Jahre lang nutzbar sind. Kunststoff granulat, vor allem lebensmitteltaugliches, ist ein wertvolles Gut, das auf dem europaischen Markt stark nachgefragt ist. Bis zum Ende dieses Jahres sollen PET-Flaschen von Coca-Cola im Durchschnitt zu 42 Prozent aus rPET bestehen, bis 2023 sollen es 50 Prozent sein. Dass rPET deutlich teurer ist als neuer Kunststoff , ist nicht das Thema. „Das Problem ist die Verfugbarkeit“, berichtet Bachmann. „Wir werden auf lange Sicht auch andere Wege finden mussen, um an Material zu kommen.“ Als eine vielversprechende Initiative zeigt sich die Investition in ein niederlandisches Tech-Start-up, damit betraut, mittels eines erweiterten, chemischen Upcycling-Verfahrens aus alten PETVerpackungen aller Art lebensmitteltaugliche Rezyklate herzustellen. Eine 2019 prasentierte Musterflasche besteht zu einem Viertel aus Plastikmull, der im Rahmen eines Projektes von Stranden und aus dem Meer in Sudeuropa gesammelt wurde. Diese Flasche konnte, bei entsprechend vorhandenen Kapaziaten, auch im industriellen Masstab produziert werden – ein groses Potential.

WIR ALLE SIND AUF DEM WEG

„Wir haben verschiedene Hebel in der Hand, die wir alle bedienen mussen.“ Axel Bachmann meint damit die Optimierung von Material, Recycling und Mehrwegsystem. „Wir haben im letzten Jahr 61 Millionen Euro in die Abfullung von Mehrweggetranken investiert, das ist viel Geld.“ An dieser Stelle komme noch ein weiterer nachhaltiger Aspekt hinzu, der in der Off entlichkeit kaum wahrgenommen wurde: Es geht um dezentrale Produktion und Regionalitat – gunstige Voraussetzungen fur ein Mehrwegsystem. An 12 von 16 Produktionsstandorten hierzulande werde auch Mehrweg abgefullt. Die Distanz fur eine grose Mehrwegflasche zwischen Produktionsstandort und Verkauf seien im Durchschnitt 100 Kilometer.

NACH INNEN LEUCHTEN

Nachhaltigkeit wurde bei Coca-Cola 2011 zu einm inhaltlich und strukturell fest verankertes Geschaftsfeld. Die Denkweise soll nicht zuletzt auch die Unternehmenskultur durchdringen und die Mitarbeiter mit einbeziehen. Es liese sich noch daruber reden, dass der Erfrischungsgetrankeproduzent zu 100 Prozent Okostrom bezieht oder es Produktionsstandorte gibt, an denen nur 1,15 Liter Wasser pro Liter Fertiggetrank verbraucht wird – inklusive des Getranks selbst. Oder daruber, welche weiteren Masnahmen Coca-Cola zum Ziel fuhren sollen, die Treibhausgas-Emissionen bis 2025 um 50 Prozent gegenuber 2010 zu reduzieren. Doch auch intern will das Unternehmen zu nachhaltigem Tun inspirieren. „Wir mochten alle mitnehmen und jeder kann seinen Beitrag leisten.“ Dazu gibt es Umfragen, Aktionstage und Angebote. Darunter auch ein Programm, im Rahmen dessen sich Mitarbeiter seit 2019 zwei Tage im Jahr wahrend der Arbeitszeit fur eine ehrenamtliche Tatigkeit engagieren konnen.


HOHER ERKLÄ- RUNGSBEDARF FÜR KOMPLEXE SACHVERHALTE


BAUCHGEFÜHL ODER TATSACHE?

All das schaff t Glaubwurdigkeit – ein zu Recht so vielgepriesenes Schlussel-wort. Immer wieder tauchen schlieslich Greenwashing-Vorbehalte und Vorwurfe auf, Auserungen des Unternehmens entsprachen nicht der Wahrheit. Unter anderem der zahlen- und faktenbasierte Nachhaltigkeitsbericht soll fur Transparenz sorgen. „Damit gewahrleisten wir, dass wir unsere Aktivitaten ganz klar off enlegen und dokumentieren. Daran gibt es nichts zu rutteln und das sorgt fur Glaubwurdigkeit“, weis Bachmann aus Erfahrung. Daruber hinaus sind Nachhaltigkeitsthemen komplex und haben, wie zum Beispiel die rPET-Thematik, einen hohen Erklarungsbedarf. Den Konsumenten dementsprechend mitzunehmen und aufzuklaren, sieht Bachmann als wichtige Aufgabe der Nachhaltigkeitsarbeit in einem Grosunternehmen. Zumal die Off entlichkeit dazu neige, bei Nachhaltigkeitsthemen schwarz oder weis zu sehen, wie sich an der Einweg-oder-Mehrweg-Frage haufig zeige. Keine dieser Fragen ist einfach zu beantworten. Es geht um ein komplexes Faktorengemisch aus Okobilanzen, Verbrauchssituationen, Konsumentenwunschen, Rohstoff verfugbarkeiten, Unternehmenszielen sowie aktuellen und zukunftigen Rahmenbedingungen.

MITTEN IN DER GESELLSCHAFT

Der Getrankeriese unterstutzt und fordert Initiativen zur Integration, zur Biodiversitat in Nationalparks oder gegen Lebensmittelverschwendung. Gesellschaftliches Engagement, das die Glaubwurdigkeit eines Global Player untermauern soll. Fur Axel Bachmann ist insbesondere die Unterstutzung der Deutschlandstiftung Integration wie auf den Leib geschneidert. „Bei Coca-Cola in Deutschland arbeiten Menschen aus uber 60 Nationen und wir sagen: Lasst diese Gesellschaft so vielfaltig und bunt sein wie es eben geht, weil es der Gesellschaft guttut. Wir stecken wirklich sehr viel Herzblut in dieses Engagement.“


Fotos: Coca-Cola Deutschland