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Alle Jahre wieder?


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Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 25.11.2021

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Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 12/2021

Unser TITEL THEMA

An unserer Weihnachtstafel werden dieses Jahr neun Personen sitzen: mein Mann und ich, unsere kleine Tochter, seine große Tochter und ihre Mama, deren Lebensgefährte, ihr Bruder und ihre Eltern. Wie auch schon im letzten Jahr. Für uns ist es der perfekte Patchwork- Weihnachtsabend. Und obwohl die Großeltern unserer Tochter nicht anwesend sind, fehlen sie an diesem Abend nicht. Sie sind virtuell dabei, denn üblicherweise fliegen im Halbstundentakt die Fotos durch die WhatsApp-Gruppen, und nach dem Festmahl folgt der Video- Telefon-Marathon. „Das Beste aus allen Welten“, sagt mein Mann dazu – und er hat recht. Denn an diesem besonderen Abend werden Traditionen durchaus gepflegt: Die Christbaumkugeln stammen noch von meiner Oma, wir singen schief, aber mit Inbrunst Weihnachtslieder, und vermutlich schneit in diesem Jahr – unsere Tochter ist zwei Jahre alt – auch der Weihnachtsmann ...

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... zum ersten Mal rein. So weit, so klassisch. Und die Patchwork-Kombi, bei der beide Mädchen ihr Fest mit beiden Elternteilen verbringen können, funktioniert dabei erstaunlich harmonisch.

„Das klassische, bekannte Weihnachtsritual ändert sich für Menschen immer dann, wenn die Personen sich ändern, die am Fest beteiligt sind“, sagt der Soziologe Christian Stegbauer von der Universität Frankfurt. Wenn ein Kind geboren wird und dazu kommt oder eine Person, die traditionell dabei war, plötzlich nicht mehr da ist, sind das Zäsuren, an denen Rituale neu entwickelt werden.

Das Christkind verliert Federn

Genau so war es bei der zweifachen Mama Julia Schnippenkötter (38) aus Bochum. Als erklärter Weihnachtsfan mochte sie es schon immer, ihr Haus üppig zu dekorieren. Nach der Geburt von Töchterchen Mila (heute 4) entwickelte die Familie ein neues Ritual, das alle Anwesenden mit einbezieht: den Christkind-Besuch. Und der geht so: „Mila steht mit beiden Omas und mit ihrem einjährigen Bruder Leo im Kinderzimmer am Fenster. Dort halten sie alle nach dem Christkind Ausschau“, erzählt Julia. Die Opas leuchten draußen mit einer Taschenlampe in die Bäume, und die Kinder glauben das Christkind zu sehen und verfolgen gebannt den Lichtkegel. In der Zwischenzeit legen Julia und ihr Mann die Geschenke unter den Baum und streuen Federn aus, die der himmlische Besuch bei seiner Stippvisite verloren hat. Wenn alles bereit ist, klingelt ein Opa mit dem Glöckchen. „Die Kinder kommen dann unglaublich aufgeregt aus ihrem Zimmer gelaufen und jauchzen los, wenn sie die Federn sehen. Sie suchen im ganzen Haus nach dem Christkind und bemerken die Geschenke auch erst mal gar nicht. Ihre Freude zu spüren, ist für uns alle das schönste Geschenk“, erzählt Julia.

„Wir haben beobachtet, dass Paare, wenn sie zusammenkommen, ihre Traditionen aus Kindheit und Jugend mit in die Beziehung bringen, diese bekannten Rituale vermischen und daraus dann ein für das Paar neues Ritual erschaffen, welches aber altbekannte Wurzeln hat“, sagt Christian Stegbauer. Interessant dabei sei, dass die Frauen in diesem Prozess oft etwas mehr zu sagen haben als die Männer.

Waisen-Weihnacht gegen die Einsamkeit

Ein Fest im trauten Familienkreis gibt es für die in Berlin lebende Künstlerin und alleinerziehende Mutter Julieta Aranda (46) schon lange nicht mehr. Sie hat vor vielen Jahren begonnen, die Bedeutung von Weihnachten auf besondere Art in ihren eigenen vier Wänden umzusetzen. Sie feiert eine „Waisen- Weihnacht“ und öffnet ihre Türen für all die Menschen aus ihrem Bekanntenkreis, die sonst allein wären. „Ich habe selbst keine Familie mehr und musste einmal ein ziemlich trauriges, einsames Fest feiern. Danach überlegte ich mir, dass es anderen Menschen sicher auch so geht, und kündigte meine erste Waisen-Weihnacht an“, erzählt Julieta. Um die 30 Personen saßen bei der Premiere an ihrer Tafel, fortan feierte sie jedes Jahr auf diese Art. Das änderte sich auch nicht, als vor fünf Jahren ihr Sohn León auf die Welt kam. „Er liebt das Fest genauso sehr wie ich“, sagt Julieta. Trotz der besonderen Feier werden alte Bräuche gepflegt: „Jeder, der kommt, bringt ein Geschenk mit, wir singen, und es gibt einen Weihnachtsbaum.“ Allerdings sieht der bei ihr und León anders aus: „Wir nutzen nie echte Pflanzen, sondern basteln uns den Baum, den mein Sohn sich wünscht. Im letzten Jahr war es ein Raumschiff- Baum.“ Für dieses Jahr hat Julieta übrigens schon wieder Anfragen bekommen. „Ich rechne dieses Mal mit 15 bis 20 Gästen“, sagt Julieta.

Riesenparty statt stiller Nacht

In noch größerer Runde feiern Chantal Delgado und ihr Mann David (beide 41) aus Sprockhövel (NRW). Das Paar entflieht dem heimischen Festtagstrubel seit Jahren und fährt mit den beiden Söhnen Lenn (5) und Neo (8) in die kleine Gemeinde Maria Alm nach Österreich. Dort wartet eine riesige Gesellschaft aus alten Bekannten, inklusive Chantals Vater, Mutter und Schwester. „Mein Papa trifft sich seit über 45 Jahren mit Studienfreunden aus Berlin an Weihnachten in dem immer gleichen Hotel. Mittlerweile kommen auch die Kinder und Enkel der Freunde mit, wir sind fast 50 Personen“, berichtet Chantal. Natürlich gibt es einen Baum und Geschenke, doch niemand muss sich Gedanken um das Festmahl oder die Dekoration machen – denn all das übernimmt die Hotel-Besitzerin. „Die meisten aus der Gruppe sehen sich nur einmal im Jahr, eben an Weihnachten“, sagt Chantal. „Aber für uns ist es die schönste Art, das Fest zu feiern.“

Letztlich aber ist es nicht wichtig, ob alte Traditionen gepflegt oder neue Rituale geschaffen werden. Denn an Weihnachten zählen – um im aktuellen Sprech zu bleiben – nur die vier „Gs“: Gemeinsamkeit, Geborgenheit, Gemütlichkeit und Glück.

Unser Experte

Christian Stegbauer … ist Professor an der Goethe-Universität Frankfurt und hat sich mit seiner Lehrforschungsgruppe des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften mit der Soziologie rundum Weihnachten befasst.

Weihnachtsmenü ohne Stress

Der Klassiker am Heiligen Abend: Kartoffelsalat mit Würstchen. Macht wenig Arbeit, schmeckt immer und ist einfach abzuwandeln, wenn Vegetarier im Haushalt leben. Für die Feiertage wird es dann schon kniffliger, etwas Feines auftischen. Wer auf das Weihnachtsmenü nicht verzichten, sich aber den Kochstress ersparen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten:

Viele Restaurants bieten Enten- oder Gänsebraten zum Abholen oder Ausliefern an. Rotkohl, Klöße, Soße und Dessert sind meist im Komplettpreis inbegriffen. Veggie-Varianten sind ebenfalls bestellbar.

Auch große Anbieter wie Lieferando werben mit einem Weihnachtsmenü und verzeichneten in den letzten Jahren sogar am Heiligen Abend immer mehr Bestellungen: Von 2018 auf 2019 waren es 10 Prozent mehr, von 2019 auf 2020 coronabedingt sogar 80 Prozent mehr. Dabei führt aber nicht das Weihnachtsmenü, sondern Pizza klar die Bestell-Hitliste an, gefolgt von Burger, Pasta und Sushi.

Der Anbieter „Gans einfach“ aus Berlin verschickt seine Gänsemenüs bundesweit per UPS. Die Weihnachtsgans wird kurz vor Weihnachten zugestellt und ist bei gleichbleibender Qualität bis mindestens 26. Dezember gekühlt haltbar.

Veggie-Tipp: Wer zwar Klöße und Rotkohl mag, aber keine Gans, kann sich bei Anbietern wie zum Beispiel „Vantastic Foods“ einen fleischlosen Festtagsbraten auf Seitanbasis oder vegane Ente mit BBQ-Geschmack bestellen.