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Alle meine Emojis


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Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 24.11.2022
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Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 12/2022

Die Nachricht der Kita-Mutter bringt mich aus dem Konzept. Ist die sauer auf mich? Warum klingt alles so wütend? Obwohl – wütend ist nicht das richtige Wort. Die Nachricht ist einfach unhöflich! Dabei steht doch gar nichts Unhöfliches darin. Oder? Es ist die Absage für die morgige Verabredung unserer Töchter. Gut begründet, wohlbemerkt. Und trotzdem: Irgendetwas stört mich an diesen Zeilen. Harmoniesüchtig, wie ich bin, reagiere ich trotzdem (oder gerade deshalb?) mit der maximalen Freundlichkeits-Keule: „Kein Problem! Alles gut! Verstehe ich total!“, tippe ich ins Handy. Und dann, zwei rosa Herzen und einen Smiley, der der anderen Mutter ein virtuelles Küsschen durch unseren WhatsApp-Kanal schickt.

Und noch bevor ich auf den „Senden“-Button klicke, realisiere ich, was mich gestört hatte. Was mich hatte glauben lassen, die Absenderin würde mich unhöflich, sogar passiv-aggressiv abservieren: Die ...

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... sechszeilige Textnachricht enthält kein einziges Emoji! Kein trauriges Gesicht, das wegen der Absage weint. Keine gefalteten Hände, die die Hoffnung auf einen schnellen Nachholtermin unterstreichen. Und kein buntes Herzchen, das sich für mein Verständnis bedankt. Es waren schlicht und ergreifend nur – Buchstaben! Mal im Ernst: Wer macht denn so was?

Nicht ohne meine Emojis

Natürlich weiß ich, wie man ohne bunte Bildchen kommuniziert. Ich habe es im Journalismus-Studium sogar professionell gelernt. „Wer Emojis braucht, um zu erklären, was er meint, benutzt nicht die richtigen Worte“, hatte mein Dozent uns eingebläut. Logisch, dass es unter uns Studierenden mehr als verpönt war, schriftliche Aussagen mit Lachsmileys oder Herzchen zu dekorieren. Aber heute, mehr als 15 Jahre später, schreibe ich kaum eine Nachricht ohne fröhlich-gelbes Grinsegesicht.

Mit dieser Angewohnheit bin ich nicht allein: Weltweit verwenden 92 Prozent aller Internetnutzer Emojis! Unter den 25- bis 34-Jährigen sind es laut sogar nur 2,2 Prozent, die gar keine Emojis verwenden. Wenn Jugendliche kommunizieren, dann tummeln sich innerhalb von 1000 Wörtern im Schnitt stolze 60 Emojis – also alle 16 bis 17 Wörter ein neues buntes Bildchen. Das hat Dr. Florian Busch herausgefunden. Im Rahmen seiner Promotion analysierte der Linguist mehr als 19.000 Textnachrichten aus WhatsApp: „Entgegen zahlreicher Behauptungen werden Emojis aber in der Regel nicht dafür genutzt, ganze Wörter oder Sätze zu ersetzen’, weiß Florian Busch. (Also keine Sorge: Wir verfallen nicht zurück in höhlenmalereiähnliche Zeichen-Kommunikation.) Emojis würden stattdessen meistens genutzt wie Satzzeichen – am Ende der Aussage und als Interpretationshilfe, wie diese zu verstehen ist.

Unser Experte

Dr. Florian Busch

… ist Assistenzprofessor für Germanistik, Medienlinguistik und Soziolinguistik an der Universität Bern. Zu seinen aktuellen Forschungsinteressen gehören unter anderem computervermittelte Kommunikation, Sprachideologien und Sprache in digitalen Spielen. Mehr Infos: florian-busch.net

(Friendly) Funfact

Die Bangor University in Wales fand heraus: Je mehr Emojis ein Text enthält, als desto angenehmer wird ihr Verfasser eingeschätzt.

Mehr Emotion, bitte!

Womit wir wieder bei meinem Ausgangsproblem wären: Ja, in der Nachricht stand alles Wichtige drin. Nur fehlte mir eben die zugehörige Emotion! Das, was ich bei einem persönlichen Gespräch in der Gestik und Mimik meines Gegenübers ablesen kann. Ist die Mutter traurig, dass sie unsere Verabredung absagen muss? Ist es ihr vielleicht unangenehm? Oder ist es ihr total egal? Das verraten die Buchstaben nämlich nicht, möchte ich meinem Dozenten von damals jetzt gern in Großbuchstaben zuschrei(b)en (natürlich gefolgt von einem Lach-Smiley mit Schweißtropfen auf der Stirn, um zu signalisieren, dass ich nicht wirklich wütend bin … oh Hilfe, ich denke sogar schon in Emojis!).

Nicht immer eindeutig

Nicht nur das Fehlen von Emojis kann zu Missverständnissen führen: Auch die Auswahl selbst sorgt laut Florian Busch oft für Verwirrung. Denn dabei werden Regeln angewandt, die in keinem Nachschlagewerk stehen, und allein davon abhängig sind, wer eine Nachricht sendet (und vor allem: an wen). So gibt es Menschen, bei denen wir jede einzelne Nachricht im Chat-Verlauf mit einem roten Herzchen „liken“, ohne mit der Wimper zu zucken, während wir bei anderen im Erdboden versinken, wenn wir mit den Fingern abrutschen und versehentlich das Zeichen der Liebe versenden (Ich habe dem Fußballtrainer meines Sohnes im Sommer ein rotes Herz gesendet und schäme mich noch heute dafür.).

Kleines Emoji-Lexikon

Missverständnisse sind bei ihm vermutlich ausgeschlossen: Der Smiley mit den Lachtränen ist das meistgenutzte Emoji auf der Welt! Aber vielleicht ändert sich das bald, denn …

… immer mehr Jugendliche nutzen den Totenkopf, wenn sie etwas witzig finden. Nach dem Motto: Ich lach mich tot! (An dieser Stelle merke ich wieder, dass ich ganz und gar nicht mehr „jugendlich“ bin – ich hatte keine Ahnung!)

Den Daumen nach oben finden die 16- bis 29-Jährigen dafür maximal uncool. Das harte Urteil der „Generation Z“ laut Marktforschungsunternehmen Perspectus Global: Wer dieses Emoji benutzt, ist alt! Dasselbe gilt übrigens für das rote Herz. (Echt jetzt?)

Zum Glück gibt es noch andere Farben! Ich habe mich auf schlau gemacht, was die bedeuten: Das lila Herz wird als Ausdruck von Glamour oder Reichtum verwendet (aha!), das blaue steht für platonische Freundschaft und Loyalität, das grüne drückt Naturverbundenheit aus, das gelbe die Freude am Leben. Vorsicht bei Orange: Das steht für halbherzige Liebe.

Kein Kopfstand, sondern der Hinweis: Diese Aussage war ironisch gemeint! Wenn alle das wüssten, würden uns vermutlich viele Missverständnisse erspart bleiben.

Der zwinkernde Kerl kann sowohl „Ich meine es nicht ernst“ als auch „Ich flirte mit dir“ bedeuten. Vielleicht ist diese Zweideutigkeit der Grund für etwas, was Florian Busch herausgefunden hat: Der Zwinker-Smiley verliert immer mehr an Beliebtheit, wird kaum noch genutzt.

Bei den Kuss-Smileys spielen nicht nur die Lippen und das Herzchen eine Rolle – sondern das ganze Gesicht: Neutrale, offene Augen: Ein lieber Gruß an Freunde und Bekannte. Rote Wangen oder gar ein Zwinkern bedeuten aber eindeutig mehr! (Also bitte nicht aus Versehen an den Fußballtrainer senden …)

Schon gewusst?

Emoticons sind kurze Zeichenfolgen aus Buchstaben, Zahlen und Symbolen, die Gesichtsausdrücke darstellen sollen, zum Beispiel :-). Das erste Emoticon der Welt wurde am 19. September 1982 versendet. Der Begriff Emoticon setzt sich aus den englischen Worten „emotion“ (Gefühl) und „icon“ (Zeichen) zusammen. Das Wort Emoji bedeutet übersetzt Bildzeichen und kommt aus dem Japanischen (e = Bild und Moji = Buchstabe/Zeichen). Inzwischen machen viele Messenger aus Emoticons automatisch Emojis. So wird zum Beispiel aus ;-) von allein .

Die gute Nachricht ist: Florian Busch ist sicher, dass wir uns bei den Menschen, die uns wirklich wichtig sind, nicht allzu viele Gedanken über Emojis machen müssen: „Enge Freunde verzichten mitunter ganz auf den Einsatz von Emojis, weil sie nicht nötig sind, um einander richtig zu verstehen.“

Ohne Smileys geht’s auch

Während ich darüber nachdenke, dass meine Freundinnen und ich zwar durchaus gern mit albernen Emojis um uns schmeißen, aber in der Tat keinen Smiley als Ironie-Hinweis füreinander benötigen, meldet sich mein Mann bei mir per WhatsApp: „Was wollen wir essen?“, lese ich. Und scrolle dann durch unsere letzten Nachrichten von heute morgen, gestern, der letzten Woche. Da realisiere ich: Wenn ich mit dem Vater meiner Kinder texte, verwenden wir beide tatsächlich (so gut wie) keine Emojis!

Nach meinem neuesten Emoji-Wissen kann das nur eins bedeuten: Wir sind Seelenverwandte, die sich perfekt verstehen und ganz genau wissen, was der andere meint! Hach, ist das nicht romantisch? Meine Antwort an die Kita-Mutter habe ich längst vergessen, ich habe jetzt Wichtigeres in WhatsApp zu tun: „Burger?“ schicke ich meinem Mann als Antwort. Und direkt hinterher ein altmodisches (siehe Lexikon!) dickes, rotes Herz.