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Alles für zwei


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 02.10.2019

Güher und Süher Pekinel ziehen eine erste Zwischenbilanz ihres umfangreichen Wirkens.


Artikelbild für den Artikel "Alles für zwei" aus der Ausgabe 11/2019 von FONO FORUM. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: PR

Treasures“ ist die Box schlicht benannt, die auf sieben CDs, vier DVDs und zwei Blu-ray-Discs Aufnahmen der Schwestern Pekinel aus den Jahren 1981 bis 2015 versammelt. Vom „Lebenswerk“ ist in ihrem Wikipedia-Eintrag die Rede, ihre Homepage nennt keinen einzigen aktuellen Konzerttermin. Hat das (neben den Labeques) prägende Klavierduo der letzten Jahrzehnte die Karriere beendet?

„O nein“, reagieren sie entsetzt. Sie hätten das Angebot des Labels Arthaus, eine solche Box zusammenzustellen, mit Freuden angenommen ...

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... und dafür wichtige Aufnahmen ausgewählt. Aber das sei absolut nicht ihr „Lebenswerk“. Sie gönnten sich endlich mal ein Sabatical, ihre erste Auszeit seit acht Jahren. „Man braucht Zeit und Ruhe, um neue Werke zu erarbeiten. Und die nehmen wir uns jetzt.“ Aber natürlich seien sie weiterhin aktiv.

Dass sich die beiden aufs Altenteil zurückziehen, kann man sich im Moment auch nicht recht vorstellen. Als wir uns in der Lobby eines Berliner Hotels treffen, werde ich sehr nett begrüßt und charmant, aber auch resolut ins Hotel-Bistro geleitet und an der Kopfseite des Tisches platziert, zwischen Güher und Süher Pekinel, die sofort loslegen, die Box zu erklären. Die sei kein „Best-of “, sondern allein vom Repertoire heraus entwickelt.

„Der Wunsch war: ein Gesamtbild der Duoklavier-Literatur zu geben – mit zehn Konzerten von Bach über Mozart, Mendelssohn und Bruch bis zu Bartók und Poulenc –, das auch für Menschen interessant ist, die die Duoliteratur nicht gut kennen. Deshalb gibt es dazu ein hundertseitiges Buch mit dem dazugehörigen Gedankengut. Uns ist es nie nur darum gegangen, Aufnahmen zu machen. Unsere Aufgabe ist vielmehr, die Literatur auf transzendente und transparente Art und Weise darzulegen und dem Hörer zu vermitteln, warum wir etwas machen. Wir haben bei unseren CDs immer etwas erzählt, in der Musik und darüber hinaus in den Texten, Cover-Abbildungen und DVDs, wenn wir zum Beispiel Bartók mit Kandinsky verbinden. Oder Strawinskys Interesse am Schamanismus und an der indischen Kultur – je mehr man weiß, desto mehr hört man. Man darf die Werke nicht nur musikalisch analysieren, sondern muss sie auch in ihrem geschichtlichen und philosophischen Zusammenhang verstehen. So erzählen wir auch in dieser Box eine Geschichte, entwickeln eine Linie durch die Musikhistorie mit sehr langem Atem.“ Schließlich hätten Haydn, Mozart, Brahms und all die anderen Großen am Klavier komponiert und ihre Stücke oft zunächst mit Kollegen an zwei Klavieren gespielt. Charakteristischerweise verstehen Güher und Süher Pekinel das Klavier dann auch als „ein sinfonisches Instrument“.


Die Zwillinge sind ganz verschieden. Und können einander immer noch überraschen


Im Gespräch wechseln sich die beiden munter ab. Sucht die eine nach dem treffenden Wort, hilft die andere aus und guckt dabei nicht mich, sondern stets die Schwester an. Oder sie sagt: „Entschuldige, darf ich das noch ausführen?“ und übernimmt im fliegenden Wechsel. Natürlich frage ich sie irgendwann nach ihrem Leben als Zwillinge.

Sie seien ganz verschieden, betonen sie sofort. „Auf einer Tournee funktionieren wir wie ein Uhrwerk. Aber danach finden wir sehr schnell wieder jeder unseren eigenen Rhythmus. Wir haben nicht dieselben Freunde, wir lesen andere Bücher, hören andere Musik. Auch Zwillinge haben ihr Eigenleben – Gott sei Dank!“ – „Zwei Seelen, ein Gedanke“, habe Rudolf Serkin über sie gesagt. Und doch könnten sie einander immer noch überraschen. „Sonst würden wir nicht mehr zusammenspielen.“

Geboren in Istanbul, lernten sie als Töchter einer Pianistin früh Klavier, gaben mit sechs schon ihr erstes Konzert und mit neun Jahren ihr Orchesterdebüt – mit Mozarts Konzert für zwei Klaviere und dem Philharmonischen Orchester Ankara. Mit elf wechselten sie in ein Internat nach Frankreich, später auf die Odenwaldschule südlich von Frankfurt, wo extra für sie ein zweiter Flügel gekauft wurde. Der Lohn war der erste Preis beim Bundeswettbewerb Jugend Musiziert.

Ein geteilter erster Preis! Denn seit ihrem elften Geburtstag spielten Güher und Süher solo und nahmen, wenn auch bei denselben Lehrern, Einzelunterricht. Bei Yvonne Loriot in Paris, bei August Leopolder in Frankfurt, später bei Rudolf Serkin am Curtis Institute in Philadelphia und bei Adele Marcus an der Juilliard School in New York.

„Serkin sagte: Ihr seid für das Duo geboren, aber ich werde mit euch nur solistisch arbeiten. Das wollten wir auch, denn wenn Sie mit einem Serkin arbeiten können, dann möchten Sie für sich alles rausziehen.“

„Serkin sagte: Ich spiele Euch nie vor, ich habe eine andere Hand, mein Ton ist anders, Ihr müsst Euren Ton selbst finden. Der Ton ist das, was den Interpreten ausmacht, und um den zu finden, wollten wir so viele verschiedene Schulen und Lehrer besuchen. Es freut mich, wenn man uns einen wunderschönen Ton attestiert“, sagt Güher Pekinel. „Du solltest das so nicht sagen“, sagt Süher sofort. „Aber es stimmt ja“, sage ich. Und wir alle lachen.

Mit 25, in ihrem letzten Jahr auf der Juilliard School, schlug ihnen dann jemand vor, an einem erstmals ausgetragenen Wettbewerb für Klavierduo in Colorado teilzunehmen. „Wir haben uns dreieinhalb Wochen vorbereitet und den ersten Preis gewonnen. Und zwei Wochen später haben wir in New York den nächsten Wettbewerb gewonnen. Daraufhin sprach uns Sheldon Gold von der Agentur ICM an: Kommen Sie doch morgen in mein Büro, ich würde gern mit Ihnen sprechen. Und dann sagte er uns: Ich nehme Sie auf unsere Liste. Wir sagten: Wie bitte? Damit war es entschieden. Und wenn Sie einmal als Duo bekannt sind, dann wollen Sie sich da auch halten. Das geht nicht nebenbei. Ab da haben wir uns ganz aufs Duospiel konzentriert. Aber wir haben immer Kammermusik mit anderen gemacht, das war uns sehr wichtig.“


Auf der Bühne platzieren sie ihre Flügel nicht gegen-, sondern hintereinander


Bis heute studieren sie ihre Klavierparts jede für sich ein, und wenn sie dann zusammenkommen, ist das „wie ein Haus zu bauen, man legt einen Stein auf den anderen. Wir kontrollieren uns durch Aufnahmen, das hilft, zusammen zu sein. Aber entscheidend ist natürlich der musikalische Ausdruck. Manchmal kommen wir drei Wochen nicht aus dem Studio raus, und da gibt es auch mal Krieg.“

Aber erst nach diesen langen Arbeitsphasen fühlen sie sich frei fürs Konzert. Und da gehen sie das größtmögliche Risiko ein. Denn auf der Bühne platzieren sie ihre Flügel nicht gegeneinander, wie es alle machen, sondern hintereinander. „60 Prozent des Klangs gehen nach oben weg. Und wenn man den Deckel abnimmt, geht ein Teil der Klangfarben verloren. Wir haben vieles ausprobiert und sind irgendwann auf die Lösung gekommen, beide Flügel ins Publikum zu richten. Wir wundern uns, dass das sonst keiner macht. Dabei ist es so naheliegend.“

Vielleicht liegt es schlichtweg daran, dass sich andere Musikerpaare anschauen müssen beim Spielen. Güher und Süher Pekinel nicht. „Wir fühlen uns. Wenn ich etwas anders mache, weiß ich, dass sie mir folgen wird. Nur so ist die Freiheit in dem Moment möglich.“

Zudem wechseln sie einander ab, mal spielt die eine vorn, mal die andere – was man aber aus dem Saal gar nicht recht mitbekommt. In der Tat sind die beiden einander äußerst ähnlich, auch wenn ich mir einbilde, im Gespräch deutliche Unterschiede ausgemacht zu haben.

„Andere Duos müssen versuchen, ihre Erfahrungen aufeinander abzustimmen und einen Atem zu finden. Das ist bei uns anders: Wir haben den gemeinsamen Atem. Aber je mehr Sie zusammen fühlen und atmen, desto mehr brauchen Sie dann abseits der Musik auch wieder Ihre Individualität.“

Hinzu kommt, dass Güher und Süher Pekinel Perfektionisten sind. So schieben sie, wie sie erzählen, auf der Bühne ihre Flügel selbst zurecht. „Es geht um Zentimeter – das verändert so sehr den Klang.“

Nun also gönnen sie sich mal wieder ein konzertfreies Jahr, in dem sie neue Werke lernen. „Sie müssen sich immer weiterentwickeln, und das können Sie nur, wenn Sie die Zeit haben, an sich zu arbeiten.“ Arvo Pärt und Benjamin Britten nennen sie, auch wollen sie sich mit Filmmusik beschäftigen. Und sie bekommen viele neue Werke zugesandt.

Güher und Süher Pekinel hatten schon immer einen breiten Horizont. Sie haben auch Philosophie und Psychologie in Frankfurt studiert, sie malen, sie haben die „West Side Story“ gespielt in einer Fassung, die Leonard Bernstein extra für sie schrieb – in der Box findet sich eine Live-Aufnahme mit zwei Perkussionisten –, und sind oft mit Jacques Loussier und seinem Jazztrio aufgetreten.

In unserem Gespräch schwärmen sie zwischendurch von den Malkünsten Felix Mendelssohns und von den ethnologischen Studien Bartóks und Strawinskys, sie fragen sich, wo die Komponistinnen bleiben und schauen mit Sorge auf den Brexit, sie wollen meine Einschätzung hören, welcher junge Pianist wohl eines Tages die Statur eines Daniel Barenboim erreichen könne – wir einigen uns auf Daniil Trifonov –, und fragen mich besorgt nach der Entwicklung des Musiklebens in Deutschland. Die beiden haben lange in München gelebt, jetzt wohnen sie in London, doch wenn sie an Musik arbeiten, so erzählen sie, sprechen sie miteinander Deutsch. „Wir haben unser Abitur auf Deutsch gemacht, wir haben die Musik verstanden und erarbeitet und aufgenommen über die deutsche Sprache. Deutsch ist unsere musikalische Sprache.“

Dass es in Deutschland so schlecht um den Musikunterricht steht, können sie nicht verstehen. Da sei man in England weiter. Doch insgesamt schauen sie optimistisch in die Zukunft der klassischen Musik. „Es gibt großartige junge Musiker mit einem ganz anderen Aufnahmevermögen und intellektuell auf anderer Ebene. Wichtig ist, sich an der Tradition zu orientieren und von da aus den eigenen Weg zu finden.“ Wie einst Bach, dessen Werk ihnen viel bedeutet.

Güher und Süher Pekinel belassen es aber nicht beim Reden, sie nehmen die Zukunft selbst in die Hand. „Wir hatten das Glück, mit den besten Musikern arbeiten zu können. Wir selbst sind nicht dazu geboren, zu unterrichten. Also haben wir überlegt: Was können wir machen? Wie können wir etwas zurückgeben?“

Als Ergebnis haben sie vor über zehn Jahren drei Projekte in der Türkei initiiert. In einem Internat für Hochbegabte haben sie eine Musikabteilung gegründet, in der sich zur Zeit zwölf Musiklehrer um 190 Schüler kümmern: im Chor, im Instrumentalunterricht und in Musiktheorie. „Wir denken, Musik sollte unbedingt Teil der Schulbildung sein. Aber es kommt noch etwas hinzu: Die Kinder an dieser Schule werden später als Entscheider in der Wirtschaft oder in der Politik arbeiten. Wir müssen dafür sorgen, dass ihnen Musik und Kultur wichtig sind und dass sie sie später unterstützen werden.“

Ziel des zweiten Projekts ist es, türkische Musiker so auszubilden, „dass sie wirklich eine internationale Karriere machen können“. Mit Hilfe von Sponsoren erhalten 20 junge Musiker ein Stipendium für ein Studium – die meisten sind in Deutschland. Dafür müssen sie allerdings auch hart arbeiten. „Sie müssen jedes oder jedes zweite Jahr einen Wettbewerb bestreiten. Sie müssen sich vergleichen und lernen, was ihnen noch fehlt. Sonst kommen sie nicht weiter. Einige von ihnen haben bereits bedeutende Wettbewerbe gewonnen. Es gibt einem Freude und Energie, diese tollen jungen Musiker zu sehen.“

Ganz früh setzt dagegen das dritte Projekt an: Es will Kindergartenund Grundschulkindern Musik nahe bringen mit dem Orff-Schulwerk, das schon 1938 von Paul Hindemith in der Türkei eingeführt wurde. Um wirklich in die Breite wirken zu können, finanziert die Stiftung der Pekinel-Schwestern Lehrern eine Ausbildung in Salzburg. Bedingung ist, dass sie anschließend in der Türkei ihrerseits Lehrer im Orff-Schulwerk ausbilden. Ein Schneeballsystem mit positiver Zielsetzung. „Wenn die Lehrer nicht gut sind, können die Kinder keine gute Erziehung bekommen! Das ist das A und O. Kinder sind so dankbar, so hungrig. Mit Orff entwickelt man ein anderes, ein humanes Verständnis vom Menschen. Aber dazu braucht man die richtigen Lehrer.“

Güher und Süher Pekinel, die seit 1991 den schönen Titel „Ehrenbürgerinnen der Türkei“ tragen, haben unverändert die Hoffnung, „dass wir etwas ändern können. Die Gesellschaft ist veränderbar. Aber man muss aktiv werden, man darf nicht nur reden. So lange wir können, machen wir weiter.“

Das glaubt man ihnen sofort. Gerade wird ein Film über sie gedreht, auch eine zweite Box können sie sich vorstellen, dann mit vielen Aufnahmen, die sie jetzt aus Rechtegründen nicht wiederveröffentlichen durften. Und bald werden Güher und Süher Pekinel auch wieder auf die Konzertbühnen zurückkehren. Anderthalb Stunden sind bei Kaffee, Kuchen und angeregtem Gespräch wie im Fluge vergangen, und wenn ich noch Fragen hätte, solle ich mich unbedingt und gern melden, sagen sie bei der Verabschiedung. Zurück im Büro höre ich mir aber zunächst nochmal ihre Aufnahme von Strawinskys „Sacre“ an. Die ist schon richtig gut!

CD/DVD-Box

Treasures. Studio- und Live-Aufnahmen aus den Jahren 1981- 2015; Güher und Süher Pekinel und diverse Kammermusik- und Orchesterpartner; Arthaus (7 CDs, 4 DVDs, 2 Blu-rays)

Foto: Arthaus Musik