Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 9 Min.

Alles geregelt?


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 24.02.2020

Ein Testament zu machen ist eine gute Idee, aber gar nicht so einfach. Fachanwältin Katja Habermann erklärt die Tücken des letzten Willens


Artikelbild für den Artikel "Alles geregelt?" aus der Ausgabe 3/2020 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 3/2020

Katja Habermann hat als Anwältin Hunderte Erbschaften betreut. Ein Gespräch über ihre merkwürdigsten Fälle und darüber, was beim Vererben alles schieflaufen kann.

Frage: Wenn Klienten Sie aufsuchen, um ein Testament zu machen: Was fragen Sie die als Erstes?/Katja Habermann: Ich frage, warum sie kommen. Sie haben immer einen inneren Drang. Es gibt ja keine Zwangsberatung für jeden.

Was für ein innerer Drang ist das?
Viele wünschen sich, dass Konflikte, die sie selbst ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Reader´s Digest Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2020 von ZUALLERERST: Regeln brechen für die Zukunft?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ZUALLERERST: Regeln brechen für die Zukunft?
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von HELDEN: Haltung gezeigt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HELDEN: Haltung gezeigt
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von GESUNDHEIT: So können Sie vorbeugen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GESUNDHEIT: So können Sie vorbeugen
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Selten, aber gefährlich. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Selten, aber gefährlich
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von NEUES AUS DER WELT DER MEDIZIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEUES AUS DER WELT DER MEDIZIN
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von GUTE NACHRICHTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GUTE NACHRICHTEN
Vorheriger Artikel
RICHTIG WÜTEND
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Tierisch treffend
aus dieser Ausgabe

... angelegt haben, etwa durch eine zweite Ehe, sich nicht eines Tages entzünden. Andere wollen jemanden ausschließen als Erben, einen Menschen oder den Staat, also Steuern vermeiden. Andere wollen etwas wiedergutmachen. Sie sagen: „Ich habe von meinen Eltern mehr bekommen als meine Schwester, das war nicht fair. Darum sollen nicht nur meine Kinder etwas bekommen, sondern auch sie.“

Sie sagten, es gebe keine Zwangsberatung. Das klingt, als würden Sie sich die wünschen.
Wirklich jeder sollte sich mal zumindest Gedanken machen, was ist, wenn er stirbt. Und das festschreiben.

In welchem Alter spätestens?
Man kann es nicht an einem Alter festmachen. Ich würde raten: wenn Kinder da sind oder schon etwas Geld.

Die meisten kommen wann?
Jenseits der 60.

Gibt es nicht auch Fälle, in denen man kein Testament braucht? Weil durch die gesetzliche Erbfolge alles gut geregelt ist - wenn also die nächsten Verwandten zuerst erben?
Wenn Sie verheiratet sind, Kinder haben, alle verstehen sich super, und Ihr Vermögen beträgt nicht mehr als die gesetzlichen Freibeträge, dann können Sie das Testament lassen. Aber sobald Ihr Leben nur in einem Detail abweicht von diesem Fall, etwa weil Sie schon mal verheiratet waren oder weil Ihre Kinder sich vielleicht doch nicht so gut verstehen oder weil Sie keine Kinder haben und nicht wollen, dass Sie sich irgendwann mit Ihrer Schwägerin das Haus teilen müssen, dann wäre es viel besser, eins zu haben.

Wie kann einem das passieren mit der Schwägerin?
Der Glaube ist einfach unausrottbar, dass, wenn zwei verheiratet sind, der Witwer oder die Witwe alles erbt. Es ist aber nicht so. Es erben, wenn keine Kinder da sind, auch die Eltern des Verstorbenen. Und wenn diese Eltern schon tot sind, erben die Geschwister des Verstorbenen. Und jetzt stellen Sie sich vor, die Schwägerin, mit der Sie sich sowieso nicht grün sind, besitzt plötzlich ein Viertel des Hauses, in dem Sie leben. Sie kriegen sie da nicht raus, keine Chance, das Gesetz hat das so geregelt.

Aber wenn ich im Testament schrei be: Mein Ehepartner soll alles kriegen, dann ist alles in Ordnung?
Ja.

Muss ich dafür unbedingt zum Anwalt oder zum Notar?
Sie können es auch allein schreiben, wenn Sie möchten, auch auf ein Post-it, aber es muss von Hand sein. Und dann sollte man die Schrift auch lesen können. Die Unterschrift darf nicht fehlen und das Datum. „Testament“ muss nicht drüberstehen. Ich habe gerade einen Fall, da streiten sich vier Geschwister darüber, ob das, was die Mutter auf einen DIN-A6- Zettel gekritzelt hat, ein Testament ist: Eine der vier Töchter soll Alleinerbin sein. Die anderen bekämen also nur ihren Pflichtteil.

KATJA HABERMANN ist seit 20 Jahren Rechtsanwältin in Hamburg-Wilhelmsburg, seit 2006 mit dem Schwerpunkt Erbrecht. Seither hat die 50-Jährige rund 1000 Erbfälle betreut, indem sie entweder Testamente für ihre Mandanten er arbeitet hat, Testaments voll streckerin war oder nach un bekannten Erben gesucht hat. In solchen Fällen wurde sie vom Gericht mit der sogenannten Nachlasspflege betraut.

Wo hebt man ein Testament am besten auf? Ein enterbtes Kind könnte es ja finden und vernichten.
Ich bin mir sicher: Ganz viele Testamente werden nie gefunden. Einige verstecken es zu Hause besonders gut, irgendwo in einem Buch, das sie gern lesen. Wenn sie versterben, guckt niemand jedes Buch durch. Also: Hinterlegen Sie das Testament bitte bei Ihrem Amtsgericht. Kostet 75 Euro Gebühr. Weiß fast niemand.

Was auch die wenigsten ahnen: wie schnell ungewollte Erbengemeinschaften entstehen, indem nicht nur eine Person erbt, sondern mehrere Leute gemeinsam erben. Wenn kein Testament da ist, passiert das fast immer, weil es in den allermeisten Fällen mehrere gesetzliche Erben gibt: Geschwister, Eltern und Kinder, Enkel, Schwägerinnen, (zweite) Ehegatten, Halbgeschwister. Ich halte solche Erben gemeinschaften für äußerst unglücklich, ganz gleich, wer da drin ist.

Worum gibt es nach Ihrer Erfahrung den häufigsten Streit?
„Es geht mir nicht ums Geld, es geht mir nur ums Prinzip.“ Das ist der Eingangssatz bei fast jeder Auseinandersetzung.

Das klingt, als glaubten Sie das nicht?
Es geht den Streitenden um ihre Idee von Gerechtigkeit, das glaube ich denen schon. Und jeder hat eine andere Auffassung davon, was gerecht ist. Es geht meiner Meinung nach oft um Zuneigung und Aufmerksamkeit. Mit dem Erbe werden diese von den Eltern zum letzten Mal verteilt, ohne dass jemand nachfragen könnte: warum? Und wenn man nicht das bekommt, was man sich vorgestellt hatte, dann führt das zu ganz erheblichen Frustrationen.

Und plötzlich unterstellen sich, diesen Fall hatte ich, Geschwister gegenseitig, Fotos aus dem Elternhaus gestohlen zu haben, Fotos, die man mühelos reproduzieren könnte. Es brechen alle möglichen Konflikte auf: „Ist doch klar, dass du weniger bekommst, unsere Eltern haben ja dein Endlos-Studium finanziert.“ - „Was soll das, dafür hast du …“ Ich denke mir dann: Es sind alles Fragen, die nur eure Eltern hätten beantworten können.

Würden Sie sagen: Erbschaften kehren das Schlechte aus den Menschen heraus?
Nein. Ich würde sagen: Beim Erben zeigt sich der Charakter.

Wenn das Erben unter Geschwistern schon nicht unbedingt glücklich macht: Werden wenigstens die Alleinerben glücklich, die mal eben so eine Million erben?
Wie es ihnen langfristig mit dem vielen Geld ergeht, kriege ich nicht mehr mit. Aber wenn sie die Nachricht erhalten, sind viele erstaunt, überrascht, fast verwirrt. Was ich auch erlebe, ist, dass diese Menschen das Erbe ausschlagen. Sie sagen: „Ich kenne diesen Menschen nicht. Ich will nichts mit seinem Geld zu tun haben. Ich will das nicht. Ich brauche das nicht.“ Das kommt ziemlich häufig vor.

Man muss sich also schon identifizieren können mit dem Erbe?
Ja, wobei es eine Summe gibt, ab der die Erben ihre Meinung manchmal ändern. Geht es um weniger als 50 000 Euro, bleiben die, die anfangs nicht annehmen wollten, oft bei ihrer Entscheidung. Geht es um mehr, lässt sich die Mehrheit doch noch überzeugen. Aber längst nicht alle. Einen älteren Mann, der rund 100 000 Euro bekommen sollte, fand ich nach langer Suche in Australien. Als ich ihn schließlich am Telefon hatte, sagte er mir: „Das Geld will ich nicht. Aber dass Sie mir den Stammbaum geschickt haben, das hat mir sehr geholfen.“

Angenommen, ein Paar kommt zu Ihnen in die Kanzlei und sagt: Unsere Tochter soll nichts erben, auch keinen Pflichtteil. Helfen Sie dem Paar dann?
Für mich ist das übliche Beratungspraxis, wenn es ein Problemkind gibt in der Familie: Wie kriege ich den Pflichtteil weg?

Und das kriegt man also über ein Testament hin, dass die Tochter gar nichts bekommt?
Nur übers Testament nicht, nein. Aber es gibt ja zum Beispiel neuerdings die Europäische Erbrechtskonvention. Personen, die ihren Aufenthalt dauerhaft in ein anderes europäisches Land verlegen, können nach dem dort geltenden Recht ihr Testament machen. Und: Es gibt europäische Länder wie Großbritannien, die keine Pflichtteile kennen. Wer also in ein solches Land zieht, kann so dafür sorgen, dass sein Sohn, seine Tochter ganz leer ausgeht.

Sie würden dem Paar also raten, nach Großbritannien zu ziehen?
Sehr wenige Menschen wollen tatsächlich ihren Wohnort wechseln. Da müsste der Leidensdruck schon gewaltig sein. Die meisten wählen den Weg, das über Schenkungen wegzubekommen.

Und wie geht das?
Sie können den übrigen Kindern oder anderen Menschen zu Lebzeiten so viel von Ihrem Vermögen schenken, dass am Ende für das Kind, das nichts bekommen soll, nichts oder fast nichts übrig bleibt. Sie müssen damit aber rechtzeitig anfangen, deutlich mehr als zehn Jahre vor Ihrem Tod, sonst wird die Schenkung wieder zurückgerechnet, zumindest teilweise.

Erfahren Sie, warum Eltern enterben wollen?
Ganz häufig, weil es keinen Kontakt mehr gibt. Ich höre: „Wir haben nicht einmal unsere Enkelkinder kennenlernen können. Dann wollen wir da nicht auch noch Geld hinlegen.“ Das passiert nicht selten. Oft geht es im Ursprung um Enttäuschungen, die ich als Außen stehende kaum nachvollziehen kann. Es geht zum Beispiel darum, wer wen warum nicht besucht hat.

Also vielleicht alles nur Missverständnisse?
Da bohre ich nicht nach. Nur wenn ich das Gefühl habe, es brodelt noch so richtig, dann frage ich durchaus: Haben Sie sich schon mal überlegt, den Streit beizulegen? Aber wenn ich höre: Wir haben uns seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, wir kennen auch unsere Enkelkinder nicht, erteile ich keine Ratschläge.

Welche Wissenslücken begegnen Ihnen noch?
Viele wissen nicht, dass ein gegenseitiges Ehegattentestament nicht mehr zu widerrufen ist, wenn einer von beiden tot ist. Das ist aber im BGB so fest geschrieben. Eine Klientin glaubte ganz fest, Erbin ihres verstorbenen Mannes zu sein. Der hatte auch ein Testament zu ihren Gunsten geschrieben. Das zählte nur nicht, und das wussten beide nicht. Der Mann war nämlich schon mal verheiratet gewesen. Er hatte damals, mit Anfang 20, ein bindendes Ehegattentestament vereinbart mit seiner damaligen Frau, die dann tatsächlich sehr jung verstarb.

Er erbte alles von ihr und, was ihm offenbar nicht bewusst war: Ihre Kinder oder Enkel erben nun alles von ihm. Er konnte danach sein Testament so oft umschreiben, wie er wollte: Die waren alle ungültig. Als er starb, bekam seine jahrzehntelange Ehefrau gar nichts, die Kinder der ersten Ehefrau alles. Denn auch alle Fristen, um gegenzusteuern, waren bereits versäumt.

Dass sich Ehegatten gegenseitig zum Alleinerben einsetzen, das so genannte Berliner Testament, ist sehr beliebt.
Und sehr gefährlich. Ich empfehle daher immer ein Probesterben.

Wie bitte?
Man setzt sich zusammen und überlegt: Was bedeutet dieses Testament, dieser Erbvertrag, wenn du, du oder du zuerst stirbst. Dann du oder du. Man sollte alle möglichen Reihenfolgen, alle Sterbefälle durchspielen.

Neigen Menschen, die ein Testament schreiben, eigentlich dazu, ihre Lebensgeheimnisse endlich aufzudecken?
Nein. Das ist zumindest bei mir noch nicht vorgekommen. Übrigens auch keine späten Abrechnungen, im Sinne von: Was ich dir schon immer mal sagen wollte. Aber wenn ich Erben ermittle, dann stoße ich schon mal auf Geheimnisse. In einem Fall hatte der Verstorbene, er war schon fast 80, wohl mindestens drei Leben nebeneinander geführt. Er wohnte zuletzt in einer Villa am Hamburger Stadtrand, die er von seiner zuvor verstorbenen Frau geerbt hatte. Das war auch das Haus, das seine aktuelle Lebenspartnerin kannte.

Gleichzeitig gab es aber noch eine kleine Mietwohnung in einem weniger betuchten Viertel. Die war offenbar seit den 1960er-Jahren nicht mehr anders eingerichtet worden, heute würde man sagen: Vintage, aber eben original. Möbel, Lampe, Nierentischchen, alles von damals. Es sah so aus, als wäre er da ab und zu hingekommen wie in ein altes Leben. Der Kalender war noch aus den Achtzigern. Und immer schön Miete gezahlt, von einem Extrakonto. Nach seinem Tod kam Post von Frauen in der Wohnung an.

Was stand drin?
„Meld dich doch mal wieder, was ist los?“ Alles sprach dafür, dass sie sich näher kannten und mehr waren als nur Freunde. Ich erinnere mich an Postkarten von vier oder fünf verschiedenen weiblichen Absendern. Persönlich habe ich mit dreien gesprochen. Die waren völlig perplex, als ich sagte, der hat ja mit seiner Partnerin da und da gewohnt. Von dem Leben in der Villa war denen nichts bekannt.

Und wer erbt jetzt?
Der Verstorbene war mit einem der letzten Flüchtlingstrecks 1944/1945 aus Breslau geflohen, hatte sich hier ein Leben völlig unabhängig von seiner Familie in Polen aufgebaut und behauptete, er habe seither keinen Kontakt gehabt, auch nicht zur Mutter. Und dass er nichts wisse von Halbgeschwistern. Es stellte sich heraus, das stimmte nicht, er kannte sie. Es gab kein Testament. Die Halbgeschwister bekamen alles, die Lebensgefährtin nichts, sie waren ja auch nicht verheiratet.

Immerhin war dieser Mann nicht gerade vereinsamt am Ende seines Lebens.
Die Vereinsamung betrifft natürlich auch das Vererben und Erben. Statistisch ist das sicher nicht belastbar, aber unter Kollegen ist man sich einig: Wenn der Mann zuerst stirbt, bleibt die Frau zumeist allein. Wenn der Ehemann zurückbleibt, hat er oft innerhalb kürzester Zeit eine neue Partnerin, und erstaunlich oft ist das die Reinigungskraft oder Haushälterin. Übrigens nicht nur in der Oberschicht. In einem Fall habe ich die Kinder aus der ersten Ehe vertreten. Die lebten in Hamburg, der Vater eineinhalb Stunden entfernt, wo sie auch aufgewachsen waren. Nachdem die Mutter gestorben war, organisierten sie für den Vater eine Haushälterin. Als der Vater immer kränker und auch bedürftiger geworden ist, hat sie es geschafft, dass er sie heiratet.

Es könnte ja auch Liebe sein.
Selbstverständlich.

Und die Kinder gingen am Ende leer aus?
Diese ältere Dame sagte: Euer Vater hatte am Ende nichts mehr zu vererben. Auf eine Art stimmte das, denn es wurde klar, dass sie mit einer Generalvollmacht alles auf ihr eigenes Konto übertragen hatte. Sie meinte: „Hier ist der Kontoauszug, da sind 100 Euro drauf. Ich konnte selbst die Bestattungskosten kaum bezahlen.“

Kam sie damit durch?
Die Schenkung brachte ihr nichts. Man kann sich nichts von Ehepartner zu Ehepartner schenken, um die Pflichtteilsberechtigten, die Kinder, um ihre Rechte zu bringen. Das Geld konnten wir zum großen Teil zurückholen.

Sie haben sicher selbst ein Testament, richtig?
Ja, ich habe eins gemacht, nachdem mein erstes Kind da war. Ich hole das Testament alle fünf Jahre wieder hervor, um zu sehen, ob es noch passt. Wenn nicht, schreibe ich es um.

Ist das nicht belastend, immer wieder an seinen Tod zu denken, so lange, bis er schließlich eintritt?
Ich empfinde es jedes Mal wie ein innerliches Aufräumen. Es ist wie Gerümpel wegbringen. Alles ist dann klarer.

Das Erbrecht in Österreich ist dem deutschen in vielen Punkten sehr ähnlich. In anderen unterscheidet es sich deutlich: So räumt es Eltern oder - so diese vor dem Erblasser gestorben sind - seit 2017 Geschwistern keinen Pflichtteil mehr ein.

Indes des Lebens dünner Zwirn verschleißt, der Erbe lauert und die Gicht uns beißt.

GeorGe Gordon Byron, enGl. dichter (1788-1824)

Der Kranke tut sich keinen Gefallen, der den Arzt als Erben einsetzt.

PuBlilius syrus, röm. dichter (1. Jh. v. chr.)


Foto: © Zoonar gmbH/alamy stock PHoto