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Alles im Fokus


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tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 80/2022 vom 18.07.2022

TURNIERE WIMBLEDON

Artikelbild für den Artikel "Alles im Fokus" aus der Ausgabe 80/2022 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 80/2022

Court 11 in Wimbledon, einer von acht nebeneinander liegenden Plätzen auf der Anlage im All England Club. In diesem kleinen Areal drängeln sich zu Stoßzeiten die Zuschauer in den schmalen Gassen, um Wimbledon-Matches aus nächster Nähe zu erleben. Es ist der erste Tag des Turniers. Das Wetter in London: typisch britisch. Regen hat den Spielplan gleich zu Beginn durcheinandergewirbelt. Zu später Abendstunde kämpft Tatjana Maria vor nur noch knapp 50 Zuschauern gegen die australische Qualifikantin Astra Sharma gegen das Aus in der ersten Runde. Ihrem Vorhand-Slice, mit dem sie später für viel Aufsehen sorgen wird, fehlt noch der Feinschliff. Maria erzwingt im Einbruch der Dämmerung den Satzausgleich. Spielabbruch wegen Dunkelheit.

Zehn Tage später: Centre Court, 14.979 Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen und jubeln Maria zu, als sie den Platz verlässt. Die 34-Jährige hat gerade ...

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... das größte Match ihrer Karriere, das Wimbledon-Halbfinale gegen die Tunesierin Ons Jabeur (Nummer zwei der Welt), in drei Sätzen verloren. Gewonnen hat die Deutsche trotzdem: die Herzen der Fans. Wimbledon verneigt sich vor der 34-Jährigen: der sympathischen Stehauffrau, der unkonventionellen Spielerin, der Super-Mami. Dass Maria, zweifache Mutter, nicht nur aus deutscher Sicht die vielleicht schönste Geschichte dieses Wimbledonturniers schreiben würde, da fehlte vor Turnierbeginn jegliche Vorstellungskraft. Wobei: Man hätte es irgendwie ahnen können. Denn dieses Wimbledon, dieser heilige Rasen, dieses prestigeträchtigste Turnier der Welt führt seit Jahrzehnten eine besondere Liebesbeziehung zu den deutschen Spielerinnen und Spielern.

Es beflügelt zu Höchstleistungen und märchenhaften Geschichten. Es sind nicht nur die vielen Titel von Steffi Graf, Boris Becker, Michael Stich und Angelique Kerber, die hervorstechen, sondern vor allem diese traumhaften Reisen von deutschen Außenseitern auf dem heiligen Rasen, die im Gedächtnis haften bleiben. Erinnern Sie sich noch an die Viertelfinalteilnahmen der Nobodys Alexander Radulescu (1996) und Alexander Popp (2000 und 2003)? Oder an Sabine Lisickis erste Wimbledon-Gala 2009? Die unfassbare Serve-and-Volley-Trickshow von Dustin Brown auf dem Centre Court gegen Rafael Nadal im Jahr 2015? In diesem Jahr schrieben Tatjana Maria und Jule Niemeier die nächsten Kapitel in der deutschen Erfolgsgeschichte in Wimbledon. Zwei unterschiedliche Geschichten, zwei unterschiedliche Charaktere, zwei mitreißende Spielstile.

Maria: „Ich sollte also mehr Babys machen.”

Zurück zu Tatjana Maria. Als die 34-Jährige mit dem Einzug in die dritte Runde ihr bestes Grand Slam-Resultat egalisierte, schwärmte sie von der problemlosen Rückkehr auf die Tour nach ihren Schwangerschaften. „Die schöne Sache ist: Nach der Geburt von Charlotte habe ich gleich bei meinem ersten Wimbledonturnier zum ersten Mal die dritte Runde eines Grand Slam-Turniers erreicht. Nun spiele ich mein erstes Wimbledonturnier nach der Geburt von Cecilia. Ich sollte also mehr Babys machen“, sagte sie schmunzelnd. Ihre Tochter Charlotte kam 2013 zur Welt, im April 2021 folgte Tochter Cecilia. Dass Maria mit zwei Kindern erfolgreicher denn je spielt, macht ihre Leistungen als Super-Mami umso beeindruckender. Im April gewann sie ein Jahr nach der Geburt ihrer zweiten Tochter in Bogota ihren zweiten WTA-Titel, nun das Halbfinale in Wimbledon. „Es ist ein Traum, das mit meiner Familie, mit meinen zwei kleinen Töchtern zu erleben“, sagte sie über ihr Wimbledon-Märchen. Nur fünf Spielerinnen hatten zuvor das Halbfinale in Wimbledon nach ihrem 34. Geburtstag erreicht. Billie Jean King, Chris Evert, Martina Navratilova und die Williams-Schwestern Serena und Venus. Nun stieß die Deutsche zu diesen Legenden hinzu, und das als zweifache Mutter.

Verrückt! Zweifler gab es viele, bereits nach ihrem ersten Baby-Comeback im Jahr 2014. Nach dem zweiten Baby-Comeback umso mehr. Marias Glaube blieb stets ungebrochen. „Ich habe immer daran geglaubt, dass ich es schaffen kann. Es ist egal, wie alt du bist, oder wie viele Kinder du hast. Wenn du an dich selbst glaubst, kannst du es schaffen.“ Dieser Glaube führte sie von Court 11 über Court 18 und die Courts 2 und 1 auf den Centre Court ins Halbfinale. Als die 34-Jährige Runde um Runde gewann, rückte ihre Rolle als zweifache Mutter auf der Tour immer mehr in den Fokus der internationalen Medien. Ob sie sich reduziert fühle auf die Rolle als spielende Mutter, wollte ein Reporter wissen, Maria entgegnete: „Ich liebe es, darüber zu sprechen. Für mich ist das Wichtigste in meinem Leben, eine Mutter von zwei Kindern zu sein.“

Es war nicht nur ihre Rolle als Mama, sondern auch ihr unkonventioneller Spielstil mit dem zu 90 Prozent gespielten Slice auf Rückhand und Vorhand, mit dem Maria die Aufmerksamkeit auf sich zog und ihre Gegnerinnen zur Verzweiflung trieb. „Manchmal ist anders sein nicht so schlimm. Mit meiner Spielweise denken einige, wenn ich Matches verliere, dass ich kein Tennis spielen kann. Im Endeffekt ist es nur eine andere Spielweise. Für meine große Tochter Charlotte ist es auch wichtig, dass sie weiß, dass es nicht nur Bum-Bum-Tennis mit Vollgas bei der Vorhand und Rückhand gibt. Wenn man gewinnen will, muss man sich auf alles vorbereiten. Der Vorhand-Slice ist eine meiner Waffen“, sagte Maria über ihren gefühlvollen Spielstil. Mit viel Gefühl und genauso viel Durchschlagskraft spielte sich eine weitere deutsche Spielerin in Wimbledon in den Fokus: Jule Niemeier. In ihrem erst zweiten Grand Slam-Turnier im Hauptfeld zeigte die 22-jährige Dortmunderin, dass sie das Spiel hat, um bei den Besten mitzumi- schen. „Ich kann fast jede hier schlagen“, sagte Niemeier nach ihrem beeindruckenden 6:4, 6:0 in der zweiten Runde gegen die Weltranglistendritte Anett Kontaveit aus Estland.

Als bei den French Open 2021 erstmals seit 63 Jahren keine Deutsche die zweite Runde erreichte, stand die große Frage im Raum: Wann kommt endlich die nächste deutsche Generation? Kann jemand die Lücke hinter Angelique Kerber, Andrea Petkovic & Co. schließen? Niemeier, im April 2021 noch auf Platz 265 im WTA-Ranking, scheint neben Nastasja Schunk (18), die sich in Wimbledon über die Qualifikation ins Hauptfeld spielte, eine neue Konstante im deutschen Damentennis werden zu können. „Wichtig ist, dass ich mich in allen Bereichen weiterentwickele, damit ich auch an Tagen, an denen nicht alles läuft, gewinnen kann“, sagte Niemeier nach dem Sieg gegen Kontaveit.

Wie schnell Niemeier lernt und diesen nächsten Schritt umsetzte, sah man in der dritten Runde gegen die Ukrainerin Lesia Tsurenko. Ein Match, bei dem es keinen Schönheitspreis zu gewinnen gab. Der sonst so stabile Aufschlag der 22-Jährigen kam überhaupt nicht, elf Doppelfehler servierte sie, nur vier Aufschlagspiele gewann sie. Und trotzdem reichte es zum Sieg. „Ich hatte natürlich nach dem Sieg zuvor die Erwartung, dass ich gewinnen werde. Dieser nächste Schritt, dass man Matches gewinnt, in denen man nicht sein bestes Tennis spielt, ist mir heute gelungen. Darauf bin ich stolz“, sagte sie.

119 Netzattacken im Match zwischen Maria und Niemeier

Wie cool, fokussiert und abgeklärt Niemeier in ihrem erst zweiten Grand Slam-Turnier an die Sache heranging, konnte man bestens im Achtelfinale sehen. Bevor Niemeier den Centre Court zum Duell gegen die Britin Heather Watson betrat, fand die Zeremonie zur 100-Jahr-Feier des Centre Courts statt mit 26 Wimbledonsiegern. Direkt nach einer solch emotionalen Gala ausgerechnet gegen eine Lokalmatadorin zum ersten Mal auf dem Centre Court zu spielen – bei den meisten hätten die Nerven gestreikt. Die Dortmunderin empfand dies mehr als Ehre und nicht als Belastung. „Dass ich das Match vom ersten bis zum letzten Punkt so solide runtergespielt habe, damit habe ich mich selbst überrascht“, erzählte Niemeier.

Mit dem Sieg gegen Watson war das deutsche Traumviertelfinale zwischen Maria und Niemeier perfekt. Und was war dieses Match für ein Fest für den Fan. Was die beiden deutschen Damen auf dem Court 1 zelebrierten, erinnerte an die alten Zeiten in Wimbledon. Stopps, Lobs, Slice, Hechtsprünge, Variationen, Serve-and-Volley und ganz viel Emotionen. Es war alles dabei, was Tennis so einmalig macht. Insgesamt 119-mal stürmten Niemeier (74-mal) und Maria (45-mal) ans Netz. Solch ein Damenmatch hatte man ewig nicht mehr gesehen in Wimbledon. Die lange und innige Umarmung der beiden nach dem 4:6, 2:6, 7:5-Sieg für Maria sorgte für große Gefühle am Ende eines der besten Matches dieses Wimbledonturniers. „Ich hätte sie am liebsten gar nicht mehr losgelassen. Ich habe überall Gänsehaut, wir haben Deutschland stolz gemacht“, sagte die Siegerin. Auch Niemeier konnte nach der verpassten Chance auf das erste Grand Slam-Halbfinale im zweiten Grand Slam-Turnier schnell wieder lächeln. „Ich habe es genossen, es gibt sehr viele positive Dinge, die ich mit ein bisschen Abstand mitnehmen kann.“ Maria und Niemeier: Sie haben in diesen Wimbledontagen Deutschland tatsächlich stolz gemacht, auch wegen ihrer erfrischenden Auftritte abseits des Platzes.

Besonders bedauerlich für die beiden ist es, dass es keine Weltranglistenpunkte für ihre Glanzleistungen gab. Punkte, welche die beiden in den jeweiligen Phasen ihrer Karriere gut gebrauchen hätten können, um direkt in die Hauptfelder aller großen WTA-Turniere zu kommen. Maria wäre, so rechneten es einige Statistiker aus, durch den Halbfinaleinzug auf Platz 31 vorgerückt – sie hätte damit ihr bestes Karriere-Ranking von Platz 46 deutlich gesteigert. Niemeiers Weg nach oben in der Weltrangliste scheint jedoch nur aufgeschoben zu sein.

FACTS

DEUTSCHE DAMEN IM WIMBLEDON-HALBFINALE

Cilly Aussem 1930-31

Hilde Krahwinkel 1931, 1933, 1936

Bettina Bunge 1982

Steffi Graf 1987-93, 1995-96, 1999

Sabine Lisicki 2011, 2013

Angelique Kerber 2012, 2016, 2018, 2021

Julia Görges 2018

Tatjana Maria 2022

Kurioses Postskriptum: Nicht mal 48 Stunden nach dem verlorenen Halbfinale gegen Ons Jabeur reiste Tatjana Maria zum TC Bredeney nach Essen. Sie ließ es sich nicht nehmen, beim letzten Bundesligaspiel dabei zu sein, kam aber nicht zum Einsatz. Immerhin ging es für das Team, für das auch Jule Niemeier spielt, im Heimspiel gegen den TK BW Aachen um die Titelverteidigung. Wenn es schon nicht mit dem Wimbledontitel klappte, sollte immerhin der Meistertitel in der Bundesliga gefeiert werden. Und es gelang. Maria und Niemeier, die wenige Tage zuvor noch das spektakuläre Wimbledon-Viertelfinale gegeneinander gespielt hatten, feierten nun gemeinsam den Deutschen Meistertitel. Die unerwarteten Erfolge der Herzdamen in Wimbledon haben gezeigt, dass die Zukunft im deutschen Damentennis doch nicht so düster aussieht, wie sie viele gezeichnet haben. Ja, es kann auch nur eine schöne Momentaufnahme gewesen sein. Es werden sicherlich auch andere Tage kommen. Was Wimbledon aber wieder eindrucksvoll bewiesen hat: Es ist das Turnier der Deutschen – diesmal dank Maria und Niemeier!

Rybakina: Eiskalt zum Titel

Solch einen Gefühlsausbruch hatte es nach einem Wimbledonsieg noch nie gegeben, nämlich überhaupt keinen. Als Elena Rybakina das größte Turnier der Welt im Finale gegen Ons Jabeur gewann, tat sie so, als ob dies für sie die normalste Sache auf der Welt sei. Dass die 23-Jährige ein kompromissloses Angriffstennis mit einem überragenden Aufschlag, hat, das ist seit Jahren bekannt. Nur: Sie konnte ihr Spiel nach starken Siegen nicht über einen längeren Zeitraum durchziehen.

Ausgerechnet in Wimbledon fügten sich nun die Puzzleteile zusammen bei Rybakina, der gebürtigen Moskauerin, die seit 2018 für Kasachstan spielt. Dass Russinnen in Wimbledon nicht startberechtigt waren, bestimmte dann auch den Tenor der Fragen an Rybakina. Ob sie sich mehr als Russin oder Kasachin fühle, wollte man von ihr wissen. „Eine schwere Frage. Ich repräsentiere Kasachstan, das macht mich glücklich. Und meine Heimat ist die Tour. Ich trainiere in der Slowakei, bin kaum in Moskau“, sagte sie.

Man konnte spüren, wie unwohl sich Rybakina fühlte, wenn das Thema Russland angesprochen wurde. Dass sie inzwischen für Kasachstan spielt, liegt daran, dass die Unterstützung aus Russland fehlte. „Der kasachische Verband hat mir 2018 ein Angebot gemacht. Damit fiel mir die Entscheidung leichter. Ich habe meine Nationalität geändert, weil Kasachstan an mich geglaubt hat. Ich war nicht gut, als das Angebot kam. Man hat mich sehr unterstützt“, begründete sie ihren Entschluss.

Emotional wurde Rybakina dann doch. Als in der Pressekonferenz jemand nach ihren Eltern in Moskau fragte, brach die 23-Jährige in Tränen aus. „Sie werden wahrscheinlich superstolz sein“, sagte Rybakina und konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. „Ihr wolltet doch Emotionen sehen. Ich habe sie zu lange zurückgehalten“, sagte sie. Eiskalt ist Elena Rybakina wohl nur auf dem Platz.