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Alles im grünen Bereich


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 43/2018 vom 19.10.2018

Grüne Es läuft so gut wie lange nicht. Doch die Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen noch höher hinaus. Kann das gelingen, ohne die eigene Identität zu verraten?Von Christoph Hickmann und Ann-Katrin Müller


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 43/2018

Wahlsieger Hartmann, Habeck auf der Wahlparty in München am Sonntag: Es ist alles ein großer Spaß


BJÖRN KIEZMANN / ACTION PRESS

Der Tag danach ist wie immer auch der Tag davor. Hilft nichts, es muss ja weitergehen, gerade jetzt, also: Auftritt Robert Habeck und Annalena Baerbock.

Montagnachmittag, dritter Stock der Grünengeschäftsstelle in Berlins Mitte, die Tür zum Besprechungsraum ...

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... geht auf, die beiden Parteichefs kommen herein.

Wie geht’s?

»Ich bin feddich«, sagt Baerbock.

»Ich auch«, sagt Habeck.

Nur: Sie wirken gar nicht so besonders feddich. Eher im Gegenteil.

Es ist der Tag nach der bayerischen Landtagswahl, Habeck ist nach der Wahlparty in München um halb zwei ins Bett gekommen und um halb fünf wieder aufgestanden, vorher war er zwei Wochen am Stück in Bayern unterwegs, und jetzt steht, nach kurzer Pause, gleich der nächste Wahlkampf an. Eigentlich müsste er tatsächlich ziemlich fertig sein, aber seine Finger finden keine Ruhe, sie trommeln auf den Tisch, spielen mit den Wassergläsern vor ihm. Er sagt: »Jetzt wollen wir auch in Hessen zeigen, dass wir die gesellschaftliche Stimmung drehen können.«

Baerbock war ebenfalls erst um halb zwei nachts zu Hause in Potsdam, die After - show bei »Anne Will« dauerte ein bisschen länger, dann noch Besprechung mit ihrer Pressesprecherin, aber sie ist kaum zu stoppen, sie redet und redet, man kommt nicht dazwischen. Sie sagt: »Uns haben Hunderttausende gewählt, die das noch nie vorher gemacht haben.« Das Ergebnis in Bayern sei »ein Auftrag – für Hessen, für die Europawahl, für Ostdeutschland«.

Und warum nicht gleich die ganze Welt? Wenn nicht alles täuscht, dann sitzen hier zwei Parteivorsitzende, die sich gerade ein bisschen zusammenreißen müssen, um nicht abzuheben.

Den Grünen gelingt gerade fast alles. In Bayern holten sie mit 17,5 Prozent ein Rekordergebnis, im Bund sind die Umfragewerte so hoch wie seit der Nuklearkatas - trophe von Fukushima im Jahr 2011 nicht, und bei der Landtagswahl in Hessen am 28. Oktober dürfte sich ihr Aufstieg fortsetzen. Am Ende könnten sie entscheiden, ob Volker Bouffier Ministerpräsident bleibt – und Angela Merkel Kanzlerin.

Doch für Baerbock und Habeck, seit Jahresbeginn Chefs der Grünen, geht es um noch mehr, sie planen darüber hinaus. Bayern war aus ihrer Sicht nur ein erster Schritt. Ihr großes Ziel ist es, aus einer Spartenpartei etwas Neues, Größeres zu machen – nur, was eigentlich genau?

Eine Volkspartei? Das hieße, für fast alle Teile der Gesellschaft wählbar zu sein, und das trifft auf die Grünen selbst in ihrem aufgepumpten Aggregatzustand nicht zu, man muss sich da nur mal ihre Werte unter Industriearbeitern oder Arbeitslosen ansehen. Doch statt aus zwei Volksparteien und ein paar Nischenkräften könnte das Parteiensystem der Zukunft aus mehreren mittelgroßen Parteien bestehen, die um die Spitzenposition ringen. Eine davon wären dann wohl die Grünen. Nach einer aktuellen Umfrage für den SPIEGEL können sich 47 Prozent der Bürger prinzipiell vorstellen, sie zu wählen. Und immerhin 22 Prozent könnten sich schon nach der nächsten Wahl einen grünen Kanzler oder eine grüne Kanzlerin vorstellen.

Baerbock und Habeck reden gern vom »Bündnis« oder der »Allianz«, die sie schmieden wollen, doch im Kern geht es ihnen schlicht darum, die Grünen breiter aufzustellen als je zuvor. Fast vier Jahrzehnte nach ihrer Gründung wollen sie die einstige Protestpartei zur »führenden Kraft im linksliberalen Spektrum« machen, so drückt es Habeck aus.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Grünen zu diesem Sprung ansetzen. Im November 2010 erschien der SPIEGEL mit einer Titelgeschichte über »Die neue deutsche Volkspartei«. Damals war es unter anderem die Atompolitik, die den Grünen Umfragewerte deutlich über 20 Prozent bescherte. Doch das war nicht alles.

Wie heute gab es damals breiten Verdruss über die Performance einer zerstrittenen Bundesregierung. Was damals Stuttgart 21 war, ist 2018 der Hambacher Forst: Aus einer regionalen Angelegenheit wurde ein bundesweites Symbol für einen Staat, der rücksichtslos vorgeht, um mutmaßlich Widersinniges durchzusetzen. Wieder sind es die Grünen, die vom Protest derjenigen profitieren, für die Arbeitsplätze ein eher nachrangiges Argument sind. Der Slogan »Hambi bleibt« wirkt wie gemacht für diese Partei. Hambi bleibt, Bambi auch.

Doch dieses Mal könnte der Höhenflug sich verstetigen. Nicht nur das Parteiensystem stellt sich ja gerade neu auf. Auch das Personal der Grünen ist frischer als das der Konkurrenz. Vor allem Habeck, der einerseits knallharter Machtpolitiker ist, andererseits immer ein bisschen aussieht, als käme er gerade vom Strand, wo er ein paar Haiku über das Auf und Ab der Gezeiten verfasst hat, wirkt im links - liberalen Milieu wie ein Magnet. Und die Partei ist bereit, ihm zu folgen.

Die Frage ist, was auf dem Weg nach oben auf der Strecke bleibt. Ob eine Partei sich für die Belange der Mopsfledermaus einsetzen und trotzdem das große Ganze im Blick behalten kann. Ob eine Partei, die breit werden will, noch spitz sein kann und scharf. Schon jetzt haben die Grünen viele Ecken und Kanten abgeschliffen. Aus der chaotischen Truppe von einst ist eine staatstragende, größtenteils wohlfrisierte Partei geworden. Katharina Schulze und Ludwig Hartmann, ihre Spitzenkandidaten in Bayern, hätten auch passable Chancen im Wettbewerb um die nettesten Schwiegerkinder der Nation gehabt.

Was sind die Gründe für den Aufstieg der Grünen, wo hat er seine Grenzen? Wer sind die Wähler, die ihnen zulaufen? Und was würde eigentlich passieren, wenn die Grünen mal wieder regieren würden?

Hubert Kleinert kommt mit einer Roth-Händle zwischen den Fingern zur Tür sei ner hübsch gelegenen Doppelhaushälfte in Marburg-Bauerbach. Er habe gerade Kaffee gemacht, sagt er, zur weißen Hose trägt er schwarzes T-Shirt und schwarze Socken, eine davon auf links. Mit einem Berlin-Mitte-Grünen hat Kleinert rein optisch so viel zu tun wie ein Campingplatzbewohner mit Christian Lindner. Aber Kleinert, 64, war schon Grüner, als Annalena Baerbock aller Wahrscheinlichkeit nach noch Windeln trug.

Parteichefs Habeck, Baerbock
»Du hast gesagt, du willst dich drum kümmern«


HANNES JUNG / DER SPIEGEL

Im Jahr 1983 zog er als einer der ersten Grünenabgeordneten in den Bundestag ein, war später hessischer Landeschef und galt als Vertrauter Joschka Fischers. Von Wahlergebnissen wie heute konnten er und seine Mitstreiter allenfalls träumen, doch Kleinert spricht nicht mit der Glut des Veteranen, sondern mit der Kühle des Wissenschaftlers, er lehrt mittlerweile Politikwissenschaften und Verfassungsrecht an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung. Und er beginnt nicht mit den Grünen, sondern mit der AfD.

Der AfD?

»Die AfD ist ja letztlich das Ergebnis des Protests gegen den grün geprägten, kosmopolitischmultikulturalistischen Zeitgeist«, sagt Kleinert.

Das heißt?

»Die Grünen waren ja in den letzten Jahrzehnten sehr erfolgreich darin, die gesellschaftliche Debatte zu prägen«, sagt Kleinert. »Und viele Menschen haben eben mittlerweile den Eindruck, die Politik kümmere sich zu wenig um die Normalos und zu viel um Minderheitenthemen. Wir haben doch einen öffentlichen Diskurs, der sich nach dem Empfinden vieler Menschen nur noch um Vegetarier und Veganer dreht und in dem man sich besser nicht als Bratwurstesser outet.« Aber selbst wenn – was hat das mit dem grünen Aufschwung zu tun?

Kleinert hat sich die nächste Roth-Händle angezündet. »Die Grünen«, sagt er, »profitieren vom Aufstieg der AfD, weil sie deren natürliche Antipoden sind. Weil sie auf der exakt entgegengesetzten Seite des Spektrums stehen. Und weil ihre Klientel, die noch immer vor allem aus einem akademischen Linksbürgertum besteht, nicht in Gefahr ist, von der AfD angezogen zu werden.« Sie sei dagegen »immun«.

Wenn es etwa um das Thema Migration gehe, sagt Kleinert, seien Union und SPD samt ihrer Anhängerschaft »tief gespalten «. Die Grünen hingegen seien konsistent. »Deshalb begünstigt die derzeitige Polarisierung sie, erst recht nach den Vorgängen in Chemnitz.«

Die Grünen verdanken ihren Aufstieg also einem Monster, das sie selbst miterschaffen haben? Die These ist momentan schwer in Mode, nicht nur unter Wissenschaftlern. Auch der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel wirft seiner Partei vor, sie habe zu stark auf den liberal-grünen Zeitgeist gesetzt und darüber ihre Kernklientel verloren. Man kann lange darüber streiten, wie viel Wahres da dran ist.

Nicht von der Hand weisen lässt sich allerdings der zweite Teil der Diagnose: dass die Grünen derzeit Anlaufstelle für einen Großteil derjenigen sind, die sich eine »offe ne Gesellschaft« wünschen, eine von Toleranz, Vielfalt, Liberalität geprägte Republik. Unter den 240000 Menschen, die kürzlich unter dem Motto »Unteilbar« in Berlin auf die Straße gingen, dürfte der Anteil der Grünenanhänger beinahe so hoch gewesen sein wie einst unter Katholiken der Anteil der CDU-Wähler.

Es ist, nachdem sich die politischen Lager viele Jahrzehnte lang nach ihrer Haltung zu Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen sortiert haben, die neue politische Trennlinie: autoritär gegen liberal, offen gegen geschlossen. Trotzdem ist das nicht alles. Wäre es nur das, dann hätten die Grünen in Bayern nicht 180000 Wähler von der CSU abziehen können – fast so viele wie von der SPD. Mit dem Ruf nach der offenen Gesellschaft begeistert man keine Konservativen. Aber womit dann?

Christian Stöckel aus Höchberg bei Würzburg, 53 Jahre alt, Angestellter bei der Sparkasse Mainfranken, hat es getan. Stöckel, seit vielen Jahren CSU-Mitglied, Beisitzer im Vorstand des christsozialen Ortsverbands Höchberg, hat bei der Landtagswahl die Grünen gewählt. Auch wenn es ihm am Ende schwerfiel.

»Als es dann so weit war und ich den Wahlzettel gesehen hab, kam ich mir wie ein Verräter vor. Aber ich hab mir dann gesagt, Christian, hab ich gesagt, du darfst jetzt nicht den Bauch entscheiden lassen, es muss der Kopf sein«, sagt Stöckel. Und dann habe er es einfach getan.

Es ist der Samstag vor der Bayernwahl, Stöckel hat als Treffpunkt eine Weinstube in der Nähe des Würzburger Hauptbahnhofs vorgeschlagen. Er sitzt draußen im Hof und trägt ein klein kariertes Sakko, seine Finger verraten, dass er ein bisschen aufgeregt ist. Unentwegt kneten und knibbeln sie aneinander herum. Gewählt hat er schon, per Brief, jetzt will Stöckel seine Begründung geben, seine Botschaft.

»Was sich unsere Landes-CSU in den letzten Wochen und Monaten geleistet hat, das geht so nicht«, sagt Stöckel. Dann legt er los, es geht um die Straßenbauabgabe, um Seehofer und Söder und, natürlich, um das Thema Migration. »Unserem schönen Bayern steht es nicht an, Grenzzäune zu errichten«, sagt er. Dann kommt er auf das Thema, das ihn offenkundig am stärksten umtreibt. »Mir geht es um den Umweltschutz «, sagt Stöckel. Oder, wie er als evangelischer Christ es ausdrückt: »die Bewahrung der Schöpfung«. Da hätten die Grünen »einfach den richtigen Ansatz« und seien »im Grunde konservativer als die Regierungspartei«.

Stöckel ist kein Grüner, »eine schwarze Seele bin ich«, sagt er, und dass er auch weiterhin in der CSU bleiben wolle, weil er weder mit »Marihuana für alle« etwas anfangen könne noch mit der doppelten Staatsbürgerschaft. Auch mit der Ehe für alle habe er länger gehadert. Aber als er dann in Würzburg zu einer Veranstaltung der Grünen gegangen sei, »mit schlechtem Gewissen, weil man das ja eigentlich nicht macht, zum politischen Gegner gehen, aber auch mit dem Wunsch, den eigenen Horizont zu erweitern«, da habe ihn Katha - rina Schulze, die grüne Spitzenkandidatin, »einfach überzeugt«.

»Ich weiß ja, es heißt immer, die Grünen sind eine Verbotspartei«, sagt Stöckel. »Aber manchen Dingen kommt man eben nur mit Verboten bei.« Dem Verschwinden der Grünflächen zum Beispiel. »Es kann doch nicht sein, dass hier jeder Bürgermeister nur daran denkt, was ihm ein neuer Supermarkt oder ein neues Einkaufszentrum an Gewerbesteuereinnahmen bringt.« So, sagt Stöckel, »macht man unser schönes Bayern kaputt«.

Mit ihrem aggressiven Kurs in der Flüchtlingspolitik hat die CSU christlich geprägte Wähler verschreckt. Überhaupt haben die Grünen in den vergangenen Jahren systematisch das Kirchentagsmilieu erobert, besonders das protestantische.

Vor allem aber war ihr Kernthema, die Ökologie, seit Langem nicht mehr so präsent wie heute. Spätestens im gerade erst zu Ende gegangenen Dürresommer dämmerte den Deutschen, dass sich da gerade tatsächlich etwas verschiebt, der Klimawandel also womöglich doch keine grüne Erfindung sein könnte. Es gibt das Insektensterben, es gibt den Diesel - skandal und Bilder von zugemüllten Weltmeeren. Alles ziemlich real, ziemlich konkret.

Trotzdem gibt es nach wie vor Milieus, die den Grünen verschlossen bleiben. Wähler von AfD und FDP wechseln so gut wie nie zu ihnen. Und bei der Bundestagswahl 2017 waren es eben doch vor allem Westdeutsche und Großstädter, eher Jüngere als Ältere und mehr Frauen als Männer, die ihr Kreuz bei den Grünen machten. Auch in Bayern triumphierten sie vor allem in den Großstädten, während sie in der Fläche schwächer abschnitten. Die Grünen sind derzeit eine Art Staubsaugerpartei: Sie sammeln auf, was die anderen in der Mitte liegen lassen.

Ex-Sozialdemokrat Peters
»Furchtbar verstaubt, sehr konservativ«


TIM WEGNER / DER SPIEGEL

Mittlerweile liebäugelten verstärkt ältere Frauen mit den Grünen, die früher CDU und CSU gewählt hätten, heißt es in einem internen Analysepapier der Grünenspitze. Und mit der Linkspartei gebe es »eine verschärfte Konkurrenz« in den Großstädten, schreibt darin der Bundesgeschäftsführer Michael Kellner. Doch mit Abstand die meisten Zugewinne kämen von der SPD. »Wir profitieren von ihrer Schwäche«, schreibt Kellner über die demoskopische Entwicklung der vergangenen Monate. Er plädiert dafür, den geschwächten Genossen weitere Wähler abzujagen: »Wichtig bleibt, dass wir die Betonung von Gerechtigkeitsthemen, die wir seit Beginn des neuen Bundesvorstands entschiedener erzählen, weiterführen.«

Es geht jetzt also um Leute wie Paul Peters, 27, blond, schlaksig, zwei Armbändchen am Handgelenk. Neun Jahre lang war er Mitglied bei der SPD und den Jusos, machte mit, engagierte sich im Ortsverein. Doch seit zwei Wochen ist er Mitglied der Grünen und wird sie nun bei der hessischen Landtagswahl auch wählen. Warum?

»Bei den Grünen fühle ich mich besser aufgehoben. Sie sind die Einzigen, die auf echte Zukunftsthemen setzen.«

Peters sitzt in einem Restaurant in Frankfurt am Main bei New York Cheesecake und Apfelwein und zählt die Gründe auf, die ihn vom Genossen zum Grünen werden ließen. Er ist angehender Volljurist, demnächst legt er das zweite Staatsexamen ab, entsprechend systematisch geht er vor, fängt bei der Umwelt an, spricht dann über Europa, Digitalisierung, Sozial - politik, Feminismus. Auf jedem dieser Felder hat die SPD aus seiner Sicht massive Fehler gemacht. Zum Beispiel, sagt Peters, hätte sie nie zulassen dürfen, dass die Klimaziele gekippt werden.

Dann sagt er, die Genossen seien einfach »zu oft mit sich selbst beschäftigt«. Das fange schon im Ortsverein an: »Furchtbar verstaubt, sehr konservativ, kümmern sich eher um die eigenen Probleme vor Ort.« Das mache keinen Spaß. Bei den Grünen dagegen könne man direkt auf Kreisebene mitmachen, also eine Etage höher, sagt Peters. »Toll.«

Es ist genau das, was sie bei der SPD fürchten. Je bedrohlicher die Lage der Genossen wird, desto misstrauischer schauen sie auf die erfolgreiche grüne Konkurrenz, die sie mittlerweile als eine Art politischen Fressfeind wahrnehmen. Es gab eine Zeit, 2013 war das, da trat Claudia Roth auf einem SPD-Parteitag auf, Sigmar Gabriel hatte sie eingeladen. Andrea Nahles würde wohl eher Barbara Schöneberger einladen als Annalena Baerbock.

Und noch etwas tut den Spitzengenossen weh: Seit Willy Brandts Zeiten hat sich die SPD stets viel darauf eingebildet, Künstler und Intellektuelle auf ihrer Seite zu wissen, zusammen für Gerechtigkeit. Damals war die SPD cool, schick, sexy. Heute sind es die Grünen.

Igor Levit, so etwas wie der Pianist der Stunde, soll bei ihrem nächsten Bundesparteitag im November auftreten. Bei den Grünen fühle er sich »nicht nur als Künstler, sondern eben auch als Staatsbürger« wahrgenommen, sagt Levit. Bei den Grünen gebe es echte »Offenheit und Interesse «. Vor allem hätten sie eine klare Haltung zu »Migration und Integration«.

Die Grünen haben es geschafft: dass Union und SPD gleichermaßen Angst vor ihnen haben. Doch das hat jetzt schon seinen Preis. Eine Partei, die ein breites Spektrum erreichen will, darf nicht mehr radikal sein. Jedenfalls nicht allzu sehr.

Radikal waren die Grünen, als sie vor 20 Jahren fünf Mark für den Liter Benzin forderten. Als sie aus der Atomkraft aussteigen wollten, jetzt und sofort. Und sie waren noch halbwegs radikal, als sie 2013 unter der Regie von Jürgen Trittin ihrer eige nen Klientel eine ganze Liste an Steuer - erhöhungen zumuten wollten.

Doch dann kam der Veggie Day. Eigentlich war die Forderung, in öffentlichen Kantinen einmal pro Woche auf Fleisch zu verzichten, nicht einmal besonders radikal. Doch sie brachte den Grünen den Stempel der Verbotspartei ein – und statt dagegenzuhalten, knickten sie ein. So etwas, schworen sie sich, solle ihnen nie wieder passieren. Nun erklären Habeck und Baerbock ständig, sie wollten »radikal und staatstragend« sein, also irgendwie dick und dünn zugleich. In Wahrheit tun die Grünen nicht mehr so richtig weh. Sie zwicken höchstens noch ein bisschen.

Statt Verzicht zu fordern, erklären sie jetzt, dass der Einzelne ja sowieso kaum etwas tun könne. »Wir müssen den Menschen nicht vorschreiben, wann sie kein Fleisch essen sollen, nämlich donnerstags nachmittags, sondern wir müssen die Agrarpolitik strukturell ändern«, schreibt Habeck in einem seiner Bücher. Und: »Ich habe keine Ahnung, zu welchen Bedingungen die Hose, die ich gerade trage, produziert wurde oder mein Laptop, auf dem ich gerade schreibe.«

Habeck trinkt auch mal Dosenbier, und er ist zwar Vegetarier, trägt das aber nicht vor sich her. So einen kann man ohne Schmerzen wählen, weil er nicht viel verlangt, eigentlich nur die Stimme bei der Wahl. Es ist wie bei einem katholischen Priester, der mit einem Augenzwinkern zu verstehen gibt, dass er das mit dem Zölibat auch nicht immer so genau nimmt.

Mitte Mai, ein Termin in Baerbocks und Habecks Büro. Ja, sie haben tatsächlich ein gemeinsames Büro.

»Annalena hat das große Los gezogen, das hier irgendwie hübsch zu machen«, sagt Habeck.

»Ohohohoho!«, ruft Baerbock. »Die klassische Rollenverteilung!«

Habeck: »Neeneeneeneenee, du hast gesagt, du willst dich drum kümmern. Ich hab gesagt, mir is’ egal.«

Baerbock: »Ja, das stimmt, ich hab gesagt, Robert hat keinen Geschmack, deshalb übernehm ich das.« Sie zeigt auf die Wand. »Und, na ja, der Kalender ist voll, da komm ich zu nix, deshalb hängt hier jetzt dieses pottenhässliche Bild.«

Habeck greift nach einer Zimmerpalme, die sich nach vorn klappen lässt, ohne zu brechen. Palme nach vorn, Palme wieder hoch. »Also, wenigstens haben wir geile Pflanzen«, sagt Habeck.

Es ist alles ein großer Spaß. Und vor allem würde es auch auf YouTube funk - tionieren, Arbeitstitel: Politik macht sich locker.

In einer Zeit des großen Überdrusses, an den Parteien, ihren Vertretern, den poli - tischen Mechanismen, haben die Grünen zwei Vorsitzende gewählt, die kaum besser in diese Zeit passen könnten. Das liegt vor allem daran, dass es beiden gelingt, irgendwie anders zu wirken und die Illusion zu erzeugen, sie seien neu, kämen von außen.

Habeck, 49, ist zwar seit fast einem Jahrzehnt Berufspolitiker und war sechs Jahre lang Landesminister in Schleswig-Holstein, geht aber in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor als eine Art politisierender Schriftsteller durch.

Baerbock, 37, wurde schon vor neun Jahren Grünen-Landeschefin in Brandenburg und sitzt seit 2013 im Bundestag, bemüht sich aber, eine andere Sprache zu sprechen, als sie in der Politik üblich ist. Manchmal klingt sie sogar noch ein bisschen rotzig.

Habeck, Doktor der Philosophie, sagt häufig Sätze, die erst sehr nachdenklich klingen, einen dann aber vor allem nachdenklich zurücklassen, weil man über den Sinn nachgrübelt. Nicht immer findet man einen. Gute Umfragewerte kommentiert er mit Worten wie »Hoffnungshorizont«.

Baerbock, Politologin mit Spezialisierung auf Völkerrecht, verkündete gleich bei ihrer Bewerbung für den Vorsitz, sie werde keinesfalls »nur die Frau an Roberts Seite« sein. Baerbock ist Sachpolitikerin, das Schriftstellerische geht ihr eher ab.

Joschka Fischer und Jürgen Trittin, Renate Künast und Claudia Roth kamen aus einer Zeit, in der die Grünen noch Bewegung waren und gegen den Mainstream kämpften. Ihr Grundmodus war die Gefechtsbereitschaft. Sie waren hart, kantig, und sie konnten ganz schön nerven.

Baerbock und Habeck kommen aus einer Gesellschaft, die längst vergrünt ist, sie reiten den Mainstream, sie wollen eher sammeln als kämpfen. Das grüne Genom, die moralische Hybris, blitzt bei ihnen höchstens als Betriebsunfall auf, so wie kurz vor der Bayern-Wahl, als Habeck verkündete, von Sonntag an gebe es endlich »wieder Demokratie in Bayern«. Als Empörung aufbrandete, entschuldigte er sich.

Doch so knuffig sie öffentlich rüberkommen mögen, so zielstrebig arbeiten sie intern am Projekt Diskurshoheit. Als Habeck kürzlich auf einem Podium nach der »grünen Erzählung« gefragt wurde, verkündete er selbstbewusst: »Wir reden gar nicht mehr über eine grüne Erzählung. Wir sind darüber hinausgewachsen.« Stattdessen müsse seine Partei sich jetzt Gedanken über die Frage machen: »Was ist die gesellschaftliche Erzählung?«

Übersetzt aus dem Habeck-Deutschen hieß das: Wir wollen den Ton angeben, und zwar nicht nur bei den Ökothemen, sondern überall. Der italienische Marxist Antonio Gramsci hat dafür den Begriff der »kulturellen Hegemonie« geprägt.

Zu diesem Zweck haben die Grünen gerade erst die Parteizentrale umgekrempelt. Eine neu geschaffene Grundsatzabteilung soll Antworten auf die großen Fragen finden. Im Frühjahr 2020 soll das neue Grundsatzprogramm stehen, es soll nach Habecks und Baerbocks Plänen die »vierte Phase der Grünen« einläuten. Phase eins war die Protestphase gleich nach der Gründung, Phase zwei nennen sie die »Projektphase«, nach der häufig zum Projekt verklärten rot-grünen Bundesregierung. Die dritte Phase bezeichnen sie als »Spagatphase«, gemeint ist die Zeit seit 2005: Seither sind die Grünen im Bund Opposition, regieren aber in etlichen Ländern mit, in allen möglichen Konstellationen. In der vierten Phase sollen die Grünen nun zur »Plattform« werden, an der möglichst viele andocken können.

Bayerische Spitzenkandidatin Schulze: Netteste Schwiegerkinder der Nation


GORDON WELTERS / DER SPIEGEL

Aber das wird nicht überall funktionieren. Die grüne Landkarte hat nach wie vor blinde Flecken. Vor allem im Osten. Seit je tun sich die Grünen dort schwer, daran ändert auch der aktuelle Höhenflug wenig. »Der Zugewinn in Ostdeutschland ist unterdurchschnittlich «, schreibt Bundesgeschäftsführer Kellner in seinem Analysepapier. Immer wieder mussten die Grünen dort um den Einzug in die Landtage bangen, und schon jetzt schaut die Parteispitze mit Sorge nach Sachsen, Thüringen und Brandenburg, wo im nächsten Jahr Wahlen anstehen. »In Sachsen und Thüringen ist auch wenig von der SPD zu gewinnen, da sie dort bereits verzwergt ist«, heißt es in Kellners Papier.

Zwar kommen diverse grüne Spitzenpolitiker aus dem Osten, etwa Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, die Europapolitikerin Ska Keller und auch Kellner selbst. Doch kulturell sind die Grünen dort nie wirklich angekommen, sie sind eine zutiefst westdeutsche Partei, eine Gründung der Bundesrepublik, entstanden aus den Nachwehen von ’68, im Geist von Ökologie, Frauenbewegung und antiautoritärem Denken. Damit konnten im Osten die wenigsten etwas anfangen, und die Grünen haben es in den vergangenen Jahrzehnten nie geschafft, diese Fremdheit zu überwinden. »Als Antwort sollten wir stärker unsere gemeinsame Geschichte als Zusammenschluss von Bündnis 90 mit den Grünen erzählen«, empfiehlt ihr Bundesgeschäftsführer. Als ob das auf die Schnelle etwas ändern würde.

Im Bankert in Berlin-Friedrichshain kann man veganen Kuchen essen, den Kaffee selbstverständlich auch mit Mandelmilch nehmen und Platten kaufen. An einem der Tische sitzt Agnieszka Brugger und redet über das unwahrscheinlichste Thema, über das man an diesem Ort reden kann: die Bundeswehr.

Brugger, 33, ist seit 2009 im Bundestag und seither im Verteidigungsausschuss. Ausgerechnet. Damals, als sie dazustieß, war es zwar schon ein Jahrzehnt her, dass Rot-Grün deutsche Soldaten auf den Balkan geschickt hatte, aber Grüne und Militär, das war noch immer eine sehr distanzierte Beziehung. Und dann sah Brugger mit ihrer roten Mähne und den Piercings auch noch aus, als würde sie eher bei der Friedensdemo mitlaufen, als über die Vorund Nachteile verschiedener Luftverteidigungssysteme zu fachsimpeln. »Aber das ist ja kein Entweder-oder«, sagt Brugger. »Grüne Sicherheitspolitik heißt natürlich immer, sich für den Frieden und zivile Lösungen einzusetzen. Es heißt aber auch, die Mittel zu kennen, die im äußersten Fall militärisch eingesetzt werden können.«

Brugger, mittlerweile stellvertretende Fraktionsvorsitzende, hat sich einen Namen gemacht, viele Soldaten kennen sie, weil sie sich mit geradezu verbissenem Fleiß die Details ihres Fachgebiets angeeignet hat, von Rechtsfragen bis zur Lade - kapazität verschiedener Transportflug - zeuge. »Ich habe viel zugehört«, sagt Brugger. »Ich habe versucht, es anders zu machen als manche Ausschusskollegen, bei denen ich erlebt habe, dass sie den Soldaten im Auslandseinsatz erst mal Vorträge gehalten haben, wie es hier im Einsatz so ist.«

Die Grünen haben exzellente Fachpolitiker auch in Themenfeldern, die man nicht mit ihnen verbindet. So wie Brugger in der Sicherheitspolitik hat sich die Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic, eine Polizistin aus Gelsenkirchen, in der Innenpolitik ihren Ruf erarbeitet. Aber die Grünen haben noch nie in einem Bundesland den Innenminister gestellt, geschweige denn im Bund, wo sie seit 13 Jahren in der Opposition sind. Es ist ihr wunder Punkt: Vieles, was sie behaupten, mussten sie nie dem Praxistest unterziehen. Auch in Bayern werden sie ja trotz ihres Wahlsiegs wohl in der Opposition bleiben.

Auch das erklärt ihren Höhenflug: Die Grünen sind eine große Projektionsfläche. Womöglich trägt auch das Scheitern von Jamaika zu ihrem Erfolg bei. Sie mussten nicht in die Pflicht, konnten niemanden durch ihr Handeln in der Regierung enttäuschen. Zumindest im Bund nicht. In den Ländern sieht es anders aus.

Derzeit regieren die Grünen in neun Bundesländern mit: In Baden-Württemberg führen sie ein grün-schwarzes Bündnis an, in Hessen sind sie Juniorpartner der CDU, in Rheinland-Pfalz Teil einer Ampel mit SPD und FDP. Es gibt Jamaika in Schleswig-Holstein, Kenia in Sachsen-Anhalt, Rot-Rot-Grün in Berlin und Thüringen, Rot-Grün in Hamburg und Bremen. Einfach ist es kaum irgendwo.

In Nordrhein-Westfalen etwa, wo sie bis zur Landtagswahl 2017 mit der SPD regierten, brachte die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann Lehrer und Eltern im ganzen Land derartig gegen sich auf, dass die Grünen am Ende sogar um den Einzug in den Landtag zittern mussten.

In Berlin stellen die Grünen mit der parteilosen Regine Günther die Verkehrs - senatorin, doch die viel beschworene Verkehrswende kommt nicht voran. Für Radfahrer sind die Straßen der Hauptstadt weiterhin eine verkehrstechnische Wildwestzone: Der Stärkere setzt sich durch.

Selbst Ministerpräsident Winfried Kretschmann, konservative Überfigur der Grünen, machte in seiner zweiten Amtszeit vor allem durch Streitigkeiten mit dem Koalitionspartner CDU von sich reden. Im Bundesrat stimmte er in der Migrationspolitik mehrfach gegen die Linie der eigenen Partei. Den Unmut der Parteifreunde tat er als realitätsfernes Gejammer ab.

Kann der Plan von Habeck und Baerbock aufgehen? Die vierte Phase, die Bündnispartei, die Bewegung? Können sie dieses Mal die harte Landung verhindern, die bislang noch am Ende aller grünen Höhen flüge stand? Das wird von einer politi schen Schlüsselqualifikation abhängen: ihrem Umgang mit Konflikten.

Derzeit gibt es so gut wie keinen Streit bei den Grünen. Überall aus der Partei hört man Lob für das neue Spitzenduo, sogar vom linken Flügel, obwohl doch beide Chefs zum Realolager gehören. Trotzdem ist abzusehen, dass es auch wieder Ärger geben wird bei den Grünen. Vielleicht sogar schon bald.

Sollte die Große Koalition platzen, wären die Grünen wie alle anderen Parteien gezwungen, sich zu positionieren – entwe- der in neuen Jamaikaverhandlungen oder in ihrem Programm für Neuwahlen. Dann würde es nicht mehr reichen, Fragen zu stellen, es müssten Antworten her. Die Flügel würden sich wieder zu Wort melden, von denen Habeck und Baerbock derzeit so gern behaupten, sie spielten keine große Rolle mehr. Realos hier, Linke dort, es ginge wieder los.

Und es dürfte noch eine zweite Kon - fliktlinie geben: zwischen einer halsstar - rigen, idealistischen, diskutierfreudigen Basis – und einer Führung, die unbedingt regieren will.

Während der Gespräche über ein Jamaikabündnis gaben sich die Grünen-Chefsondierer Göring-Eckardt und Cem Özdemir so konziliant, dass sich ihre Gesprächspartner aus Union und FDP insgeheim fragten, wie sie dafür die Zustimmung ihres Parteitags bekommen wollten. Die Forderung nach einem Aus für den Verbrennungs - motor gaben sie ebenso auf wie das Jahr 2030 als Enddatum für die Kohle. Und sie opferten zentrale Punkte ihrer Flüchtlingspolitik: Sie waren bereit, sich mit einer Härte fallregelung beim Familiennachzug zu arrangieren. Sie hatten nichts mehr gegen Transitzonen. Und sie akzeptierten, die Maghrebstaaten als sichere Herkunfts - länder für Asylbewerber anzuerkennen.

Zur Abstimmung auf dem Parteitag kam es dann nie. Aber viele Mitglieder haben nicht vergessen, wie geschmeidig ihre Spitzenleute agierten.

Ein Septemberabend in Berlin-Kreuzberg, Baerbock und Habeck haben 50 Bürger zum Gespräch eingeladen. Niemand von ihnen ist Grünenmitglied, sie wurden zufällig ausgewählt, jetzt wollen die beiden Vorsitzenden sich anhören, was den Bürgern so auf der Seele liegt.

Es geht gemütlich los, ein Mann vom »Gemeinschaftsgarten Himmelbeet« will wissen, wie man »gesellschaftliche Teil - habe« besser organisieren könne. Es geht um die energetische Sanierung von Mietwohnungen, um die Rechtsdrift in der Gesellschaft. Das Frage-Antwort-Spiel läuft nicht viel anders ab, als es auch bei einer Grünen versammlung gelaufen wäre. Doch dann kippt die Stimmung.

»Ich bin tief enttäuscht von den Grünen «, sagt eine Frau. Sie stellt sich als Psychotherapeutin vor, die immer grün gewählt habe, »aber beim letzten Mal nicht mehr, weil ich diese intellektuelle Arroganz nicht mehr ertrage«. Es geht ihr um den Aufstieg der AfD.

Statt deren Wählern zuzuhören, ihre Motive zu verstehen, komme »von euch nichts als Dünkel«, sagt die Frau. Sie arbeite viel mit »Wendeverlierern« und deren Kindern, da gehe es um Demütigungen, um Brüche in der Biografie. »Aber ich höre von euch praktisch keine adäquate Antwort.« Die Frau redet sich in Rage.

»Gut, vielen Dank auch für die offenen Worte und die volle Breitseite«, sagt Baer - bock, sie lächelt ein bisschen gequält und holt aus zu einer Antwort. Da meldet sich der Mann neben der Psychotherapeutin zu Wort: Warum die Grünen eigentlich nicht jene Dinge benennen würden, die doch offensichtlich seien: dass derzeit viele »Männer mit patriarchalem Hintergrund« nach Deutschland kämen?

Die Frau neben ihm ergänzt: »Viele meiner Nachbarn haben tatsächlich Angst.«

So geht das weiter, statt um Gemeinschaftsgärten dreht sich die Diskussion um Integration, um Versäumnisse und grüne Naivität. Es ist eigentlich genau das, was sich Baerbock und Habeck gewünscht hatten, raus aus der Nische, rein ins echte Leben, ran an die unbequemen Fragen.

Doch sie wirken an diesem Abend nicht, als hätten sie schon Antworten darauf.

Die Grünen

Januar 1980

In Karlsruhe findet derGründungsparteitag der Bundespartei »Die Grünen« statt. Die Unterstützer aus verschiedenen sozialen Bewegungen und politischen Strömungen sehen die Partei als »Anti-Parteien-Partei«.

März 1983

PICTURE-ALLIANCE / DPA

Den Grünen gelingt mit 5,6 Prozent derErsteinzug in den Bundestag. Im Plenum fallen die Abgeordneten der Partei durch unkonventionelles Auftreten und Aktionen wie etwa das Mitbringen von Blumen und eines abgestorbenen Tannenbaums auf.

Dezember 1985

Joschka Fischer wird im Wiesbadener Landtag alserster grüner Minister auf Landesebene vereidigt. In weißen Turnschuhen übernimmt er das hessische Umweltministerium – eine Provokation.

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März 1990

In derDDR schließen sich verschiedene Bürgerrechtsund Freiheitsbewegungen zu oppositionellen Gruppen zusammen. Zur ersten freien Volkskammerwahl in der DDR treten sie alsBündnis 90 und alsGrüne Partei an.

Dezember 1990

Bei den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlenscheitern die West-Grünen an der Fünfprozenthürde. Der ostdeutschen Liste Bündnis 90/Grüne gelingt der Einzug.

Mai 1993

Die gesamtdeutschen Grünen und das ostdeutsche Bündnis 90 fusionieren auf demParteitag in Leipzig unter dem NamenBündnis 90/Die Grünen zur heutigen Partei.

Oktober 1998

Die Partei tritt als Juniorpartner in einerot-grüne Koalition unter Bundeskanzler Gerhard Schröder ein. Bis 2005 wird die Koalition ein neues Staatsbürgerschaftsrecht sowie das Erneuerbare-Energien-Gesetz beschließen.

Mai 2011

Winfried Kretschmann wird in Baden-Württemberg zumersten grünen Ministerpräsidenten gewählt.

März 1999

DerKosovokrieg beginnt. Unter dem grünen Außenminister Joschka Fischer sind erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten an Kampfeinsätzen beteiligt.

Oktober 2018

Bei den Landtagswahlen schneiden die Grünen im traditionellkonservativen Bayern mit 17,5 Prozent so stark ab wie nie zuvor in diesem Bundesland. Die Partei zieht damit als zweitstärkste Kraft in den Landtag ein.