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ALLES, WAS ICH MALE, HAT AUGEN


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 02.01.2022

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 1/2022

Bölls ?Irisches Tagebuch? war 1961 Piattis dtv-Cover Nr. 1, später folgten, auch für seine Kinderbücher und Plakate, viele Augenpaare, Eulengesichter hatten es ihm besonders angetan

Die freie Fläche auf seinem Arbeitstisch war manchmal nur gerade so groß, dass mit knapper Not ein A4-Blatt untergebracht werden konnte. „Für einen dtv-Umschlag reicht das allemal“, höre ich ihn noch sagen. Und: „Ich bin halt ein Handwerker, ich arbeite nicht anders als ein Goldschmied oder ein Schuster, denen genügt ein kleines Plätzchen auch.“ Rundum war alles voll gestellt mit Farbtöpfen, Deckfarben in Tuben, Terpentin- und Tuscheflaschen, Schachteln mit Öl- und Wachskreiden, Japanmessern, Klebestoff, Krügen mit Pinseln in allen Größen. Ein Föhn, um damit die Farbe zu trocknen und rasch die nächste Schicht auftragen zu können, und ein „Kopierer“, ein Schwarz-Weiß-Kopiergerät, waren die einzigen technischen Hilfsmittel, die er benutzte. Stapelweise hortete er „Spiegel“- und „Time Magazine“-Ausgaben, in der analogen Ära waren das Bildarchive und Inspirationsquellen von unschätzbarem Wert. Es war ...

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... ihm unmöglich, Ordnung zu halten in seinem kreativen Chaos, er produzierte einfach, was das Zeug hielt. War ein Auftrag oder ein Projekt abgeschlossen, landete alles – Skizzen, Korrespondenz, Schnipsel, Vorlagen – unsortiert in Kartonschachteln und Mappen.

Oft werde ich gefragt: Der Mann hat ja so unfassbar viel gearbeitet – habt ihr ihn denn überhaupt je zu Gesicht bekommen? Oh ja, das haben wir. Mehr noch: Meine Schwester Celestina und ich hatten das Glück, einen sehr präsenten Vater zu haben. Zwischen Beruf und Familienleben wurde nicht getrennt, auch räumlich nicht, alles fand in einem Haus, auf mehreren Etagen, statt. Oben wohnten wir, unten arbeitete Celestino, die Tür zu seinem Atelier stand immer offen, weggeschickt wurden wir nie. Er nahm sich die Freiheit, mit uns mitten am Nachmittag ein Feuer am Waldrand zu entfachen und Würstchen zu braten, Ball zu spielen auf der Garageneinfahrt oder unsere Velos zu flicken und zu putzen. An seinen Aufträgen weitergearbeitet hat er dann eben nachts.

Als ich mit meiner Halbschwester Sabine Larghi-Piatti über ihre und meine Kindheitserinnerungen plaudere, müssen wir beide lachen: „Bei uns war es ganz genauso, er war immer da“, sagt sie. „Meine ersten Jahre waren für mich wie ein einziger, nie endender Sommer.“ Wir blättern Fotoalben durch. Er hat immer viel fotografiert, dokumentiert, das haben wir auch miterlebt, aber das hier sind Impressionen aus einer anderen Zeit, Szenen einer längst vergangenen Nachkriegswelt der späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre. Reisen in den Süden – Tessin, Italien, Spanien – oder nach Paris. Celestino und Marianne, seine erste Frau, in kargen südlichen Landschaften, in Olivenhainen, vor griechischen Tempeln auf Sizilien, in Cafés direkt an der Hafenmole, vor Plakatwänden. Celestino als Fotograf: Häufig scheint, darauf weist Sabine mich hin, gerade in den Fotografien das künftige Kunstwerk schon durch, etwa in der scheinbar absichtslosen Komposition von Fischerbooten am Strand, ein Motiv, das später zum Ausgangspunkt gleich mehrerer Lithografien wird. Dazwischen häusliche Momente: Celestino beim Boccia-Spiel im Garten. Oder ein stolzer Blick in das schicke, auf Maß gebaute erste eigene Atelier mit Linoleumboden. „Damals haben wir auch schon mal das Atelier leer geräumt, damit genug Platz zum Tanzen war für alle Gäste“, erinnert sich Sabine an die großen Feste.

Buchgestalter, Grafiker und Maler

Über 6000 Buchumschläge hat Celestino Piatti über rund drei Jahrzehnte im Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) ab 1961 gestaltet. Am 5. Januar 1922 als Sohn eines Maurers aus dem Tessin und einer Bauerntochter aus dem Kanton Zürich geboren, wusste der Schweizer früh, dass er nicht im Baugeschäft der Eltern, sondern künstlerisch tätig sein wollte. Nach einer Lehre als Druckgrafiker machte er sich 1948 selbstständig, gestaltete Werbeplakate (Ovomaltine, Kieler Woche), Briefmarken und Buchumschläge. Sein erstes Cover für dtv war Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“. Die Bücher mit seinen Umschlagmotiven sind geschätzte 200 Millionen Mal im Umlauf. Piatti starb 2017.

Keine Frage, Celestino war ein Familienmensch, durch und durch, in seiner ersten Lebensphase mit Marianne, Sabine und meinen beiden Halbbrüdern Titus und Michael ebenso wie später mit uns – seiner zweiten Frau Ursula Piatti-Huber, meiner Schwester Celestina und mir. Auch seinen Enkel Ephraim, Celestinas Sohn, hat er die ersten acht Jahre noch aufwachsen sehen; die beiden waren sich sehr nahe. „Celestino hat das Leben geliebt, die Kreatur in ihrer ganzen Vielfalt, die Menschen – insbesondere seine Familie. Man kann sicher sagen, dass seine Familie als prägende und tragende Kraft in Celestinos Schaffen zuinnerst hineinverwoben ist“, so Thomas Broch, ein Auftraggeber, später auch Freund und Weggefährte. Diese Schilderung hat mich damals sehr bewegt – kein Wunder, es war die Abschieds- und Abdankungsrede im Dezember 2007 –, und sie bewegt mich heute noch, denn treffender könnte es niemand von uns ausdrücken.

Wenn wir schlaftrunken am Frühstückstisch saßen, servierte er uns unsere Tellerchen, die tägliche Obstration zu lachenden Gesichtchen geformt: Mandarinenschnitz als Mund, Trauben als Augen, Apfelstreifen als Nase. Die Beseelung der Objekte – „Alles, was ich male, hat Augen“ –, so prägend für seine Kunst, setzte sich im Alltag nahtlos fort. Jedes blank geputzte Joghurtdeckelchen (damals noch Aluminium) wurde sofort zur Fläche für Janusköpfe, Eulenwesen oder Sonnengesichter, eingeritzt mit dem Löffelstiel. Keine großen Designs, einfach eine Extraportion Witz für uns, Fingerübungen für ihn.

Wenn wir an einem Strand waren, etwa im von ihm so geliebten Südwesten Irlands, dauerte es nie lange, bis sich Treibholz, Steine, Muscheln, was auch immer zu finden war, unter seinen Händen in Tiere und Fabelwesen zu verwandeln begannen – bearbeitet mit einem Schweizer Taschenmesser, selbstverständlich. Oder er formte mit der Schaufel spektakulär große Sandelefanten und Sandlöwen. Langeweile im Restaurant? Niemals. Die Rückseite von Papiersets, notfalls die Serviette oder die Speisekarte wurden zur Leinwand für Geschichten, kleine, mit Bleistift oder Filzstift hingeworfene Comicstrips über Drachen und Zwerge. Er war, nebst vielem anderen, ein wunderbarer Geschichtenerzähler.

„Piatti hat einen so sicheren Strich!“, höre ich manchmal von Leuten, die seine Werke betrachten. Das stimmt. Dass aber hinter jedem Motiv zahlreiche, manchmal mehrere Dutzend Skizzen stehen, ist vielen nicht bewusst. Geübt hat er unablässig: „Jedes Blatt, das ich gemacht habe, war für mich auch eine Trainingseinheit. Und trainieren heißt, etwas so oft tun, bis man es immer besser kann – und man kann es natürlich nie perfekt.“ Selbst vor dem Fernseher hatte er immer einen Skizzenblock zur Hand, Sportsendungen interessierten ihn ganz besonders, und die Blätter füllten sich mit Momentaufnahmen olympischer Wettkämpfe, mit Szenen von Fußballspielen, Tennismatches, Boxkämpfen und Radrennen.

Wir haben auf dem Land gelebt, in Duggingen, in den Siebzigerjahren noch ein 400-Seelen- Dorf, rund zehn Kilometer südlich von Basel. Die Adresse: Eulenweg 7. Anfangs lautet die Anschrift ganz nüchtern Rainreben, später Reservoirweg, doch auf Antrag meiner Eltern wurde der Weg durch die Gemeindeverwaltung offiziell umbenannt. Dass die Eulen da wohnen, wo Celestino wohnt, und umgekehrt, dieses Spielchen hat eine lange Geschichte und wird auch auf der Hochzeitsanzeige von Celestino und Ursula ins Bild gesetzt, die das großäugige, weise Eulenpaar aus dem Bilderbuch „Eulenglück“ schmückt. Als Anschrift ist dort vermerkt: „Unsere Eulenburg befindet sich an der St. Johanns-Vorstadt 42 in Basel, wo wir wohnen und arbeiten.“ Zwei Eulen. Und sowohl meine Geburtsanzeige wie jene meiner Schwester zeigen eine Eulenfamilie mit einem jeweils neu dazugestoßenen, flauschig-verschlafenen Eulenküken, das unter die Fittiche der Eltern schlüpft. Erst drei, dann vier Eulen.

Rund um unser Haus am Eulenweg gab es Wald, dahinter Wiesen mit Akelei und Schlüsselblumen, einen Bach und sumpfige Stellen im Tal. Eine Bilderbuchlandschaft. Die Bilder in „Barbara und der Siebenschläfer“ (1976), die unser Haus eingebettet in die rurale Landschaft am Jurasüdfuß zeigen, lügen nicht. Dass das Haus so viel Umschwung hatte, ermöglichte das Herumtoben mit unseren fünf Bergamasker- Hunden. Celestino hatte eine ganz innige Beziehung zu diesen vierbeinigen Mitbewohnern. „Wer gut ist zu den Tieren, ist auch gut zu den Menschen“, sagte er in einem Fernsehinterview zu seinem 65. Geburtstag und tollte dabei mit dem Hunderudel über eine unserer Wiesen.

Alle Arbeiten draußen hat er geliebt. Es gab Stauden, Sträucher, Kletterblumen und Laubbäume zuhauf, wie ein wuchernder Urwald rund ums Haus, der jedes Frühjahr über uns zusammenschlug. Unten im Tal die Zwetschgenbäume, nur zu erreichen über einen sehr steilen Hang (ein ehemaliger Rebberg), den Celestino jeweils mit der Sense mähte. Die bäuerliche Herkunft war ihm da deutlich anzumerken, ich war immer beeindruckt, wie er mit geübten Handgriffen die Sense dengelte und, scheinbar ohne zu ermüden, das Gras schnitt, in sengender Sommerhitze, auch noch mit weit über sechzig Jahren.

Bei dtv-Verleger Heinz Friedrich, der mit Celestino über drei Jahrzehnte so eng wie nur denkbar zusammengearbeitet hat und ihm aufs Freundschaftlichste verbunden war, lese ich: „Er war ein Mann in meinem Alter, der bäuerisch anmutete in Gestalt und Verhalten. Den Eindruck eines Künstlers machte er nicht, und er gab sich auch keine Mühe, diesen Eindruck zu erwecken. Das Gespräch allerdings machte bald klar, welche zwei künstlerischen Tugenden Piatti besaß: Er verfügte über eine schier unbegrenzte Bildfantasie einerseits und über einen Sinn für das praktisch Machbare andererseits, wie ich das bisher in solcher Übereinstimmung bei einem Grafiker noch nie erlebt hatte: der Künstler als Handwerker, und der Handwerker als Künstler.“

Auf das Handwerk kam Celestino immer wieder zu sprechen: „Unser Beruf hat etwas Gefährliches. Er bewegt sich im Gebiet der Kunst, ist aber in erster Linie Handwerk.“ Dieser Hang zum Handwerklichen, der Stolz auf das handwerkliche Können, kam nicht von ungefähr. Celestinos Vater, ebenfalls ein Celestino, war ein Tessiner Maurer aus Capolago am südlichen Ufer des Luganersees, seine Mutter Anna eine Zürcher Bauerntochter. Die Familie lebte in Dietlikon, Kanton Zürich, wo sie ein Baugeschäft gründete und Celestino mit vier Brüdern aufwuchs. Alle hatten sie unternehmerisches Flair. Bruder Bruno hat Piatti Küchen gegründet, eine bekannte Schweizer Marke. Celestino hingegen entdeckte früh seine ausgeprägte künstlerische Ader. Das elterliche Geld reichte allerdings nur für den Vorkurs und einzelne Abendkurse an der Zürcher Kunstgewerbeschule, nicht für eine volle Ausbildung. So absolvierte Celestino teils während der Kriegsjahre, 1938 bis 1942, eine Lehre bei der Offizin Gebrüder Fretz in Zürich – einem Betrieb, der ihm vor allem umfassendes Wissen rund um die damaligen Satz- und Drucktechniken vermittelte („Buch Stein Offset Kupferdruck“ ist auf dem Briefkopf des Arbeitszeugnisses von 1944 zu lesen). Zudem bot ihm sein Arbeitgeber mit einer gut bestückten Handbibliothek Zugang zu sonst unerschwinglichen internationalen Fachzeitschriften und teuren Bildbänden. Dazwischen fielen die Rekrutenschule und anschließend der Aktivdienst an der Grenze, als Gebirgsgrenadier, eine Phase, die er wie alles in seinem Leben zeichnerisch dokumentiert hat. 1944 folgte die erste – und einzige – Anstellung, im Atelier Fritz Bühler, Basel. 1948 machte Celestino sich selbstständig. Selbstständig blieb er auch in den folgenden sechs Jahrzehnten, mit allen Chancen und Risiken, die dieser Status mit sich bringt.

Zweifellos war mein, war unser Vater ein Vielarbeiter. Über den Beruf des Grafikers sagte er: „Für einen begabten jungen Menschen steht fest, dass er kaum Zeit für etwas anderes hat. Er sollte von seinem Beruf besessen sein.“ Er hat immer allein gearbeitet, ohne Lehrlinge, ohne Angestellte, ohne Assistenten. Aber tatkräftig unterstützt durch seine beiden Ehefrauen: die ersten zwanzig Jahre durch die Grafikerin Marianne Piatti-Stricker, mit der er in Riehen sein erstes eigenes Atelier führte, ab Mitte der Sechzigerjahre durch die Journalistin Ursula Piatti-Huber, meine Mutter, mit der er bis zum Schluss in einer innigen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft verbunden war. Ausdruck davon sind die gemeinsamen Bilderbücher, aber auch die zahllosen Ausstellungen im In- und Ausland, die die beiden gemeinsam organisiert haben: „Manchmal transportierten wir das ‚Ausstellungsgut‘ selber in zwei Autos zu den Galerien und Museen, weil wir die Anordnung der Bilder vornehmen wollten. Das war für uns wie ein Ausflug und immer eine schöne Arbeit“, erinnert sich meine Mutter, Ursula Piatti.

Dass er sich geschont hat, kann man nicht sagen, im Gegenteil. Bei den dtv-Marathons – es galt, in wenigen Wochen Dutzende von Umschlägen zu gestalten – haben wir die enorme Belastung direkt miterlebt. Da war er während des Endspurts kaum mehr oben im Wohnbereich, sondern fast pausenlos unten im Atelier, Tag und Nacht. Hoch kam er nur zum Essen, und ja, da haben wir ihm die Müdigkeit deutlich angesehen. Mehr als einmal haben wir miterlebt, wie er gleich danach, in den Ferien, als die Anspannung von ihm abfiel, buchstäblich zusammenklappte.

Obwohl wir auf dem Land lebten, war Basel nach wie vor ein wichtiger Arbeitsmittelpunkt, in seinem Atelier in der St. Johanns-Vorstadt mit Blick auf den Rhein empfing er Geschäftsbesuche, unter anderem die dtv-Delegationen aus München. Ab und zu begleiteten wir ihn „in die Stadt“, ins Kunstmuseum und in den Zoologischen Garten. Einmal wurde er im Kunstmuseum Basel von einer Aufsicht habenden Dame angeherrscht, als er uns ein Bild, ich glaube, einen Picasso, zugänglich machen wollte und mit dem Zeigefinger wohl zu nah an die Leinwand kam. Da war er aufbrausend, was selten vorkam: „Das müssen Sie mir zuallerletzt sagen, ich bin selber Künstler!“, schnauzte er beleidigt zurück. Picasso, so erzählte er uns, war zeitlebens eine große Inspiration für ihn, er liebte aber auch Braque und fast alle modernen Klassiker, Cézanne, Gauguin, Rouault und Matisse.

Im Basler Zoo waren es Steinkauz und Schleiereule, die Bisons, die Raubkatzen, die für ihn von besonderem Interesse waren. Vor diesen Gehegen blieben wir immer lange stehen – Bewegungen und Ruhepositionen interessierten ihn, das Studium der Tiere, die eine so wichtige Rolle in seinem Werk einnehmen, war nie zu Ende.

Der voranstehende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Bildband: Celestino Piatti: Alles, was ich male, hat Augen (hrsg. von Claudio Miozzari und Barbara Piatti). Christoph Merian Verlag und dtv, 408 Seiten, 59 Euro.