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Allgäuer Alpen: Bergwandern: Das gallische Dorf


Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 17.08.2019

»Ein stück Tirol im allgäu« ist die gemeinde Jungholz, die nur über den schmalen gipfel des sorgschrofen mit dem rest von Österreich verbunden ist. Was für Wanderer ein Fun Fact ist, hat für die einwohner der funktionalen enklave weitreichende Folgen.


Artikelbild für den Artikel "Allgäuer Alpen: Bergwandern: Das gallische Dorf" aus der Ausgabe 9/2019 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bergsteiger - Das Tourenmagazin, Ausgabe 9/2019

Wer die Jungholzer »hoigarten« hört, denkt, er sei im allgäu, doch der ort gehört zu Triol.


Das hier haben wir zur Abschreckung extra so gelassen «, sagt Karina Konrad mit einem Augenzwinkern und nimmt ihre Wanderstöcke in eine Hand, bevor sie über die Baumwurzeln kraxelt, die den erodierten Weg im steilen Hang versperren. So hat sie die andere Hand frei für ...

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... alle Fälle. »Es sind hier schon Leute abgestürzt.« Wer leichter Kraxelei nicht gewachsen sei, solle lieber gleich umdrehen, meint Konrad, Bürgermeisterin der Gemeinde Jungholz, im Aufstieg zu deren Hausberg.

Der 1636 Meter hohe Sorgschrofen ist die einzige Möglichkeit, auf österreichischem Boden von der Tiroler Gemeinde ins Mutterland zu kommen. Wer mit dem Auto in die Nachbarorte im Tannheimer Tal fahren will, muss erst mal nach Deutschland, was aber wegen Jungholz’ Status als Zollanschlussgebiet der Bundesrepublik Deutschland bereits vor dem Schengener Abkommen problemlos war. Offene Grenze hin oder her, sichtbar ist sie schon. Insbesondere im Aufstieg zum Sorgschrofen. Der schönste Weg von Jungholz aus beginnt im Ortsteil Langenschwand und führt im oberen Drittel immer entlang der Grenze, sodass Wanderer in regelmäßigen Abständen Grenzsteine passieren; am Gipfel thront ein besonders großes Exemplar. Zu Kriegszeiten waren auf diesen Pfaden Schmuggler unterwegs. »Wir waren ja immer eine bitterarme Gemeinde, deswegen wollte uns auch keiner wirklich haben«, erklärt Konrad.

Nach der Steuerflucht

Als bitterarm würde man Jungholz heute nicht mehr bezeichnen, doch die Blütezeit ist erst mal vorbei. Dank einer Gesetzeslücke war die Gemeinde in den 1980er- und 1990er-Jahren Veranlagungs- Hotspot. Mit Koffern voller Barem sollen reiche Deutsche über die grüne Grenze gekommen sein, um ihr Geld steuerfrei in Österreich anzulegen. Mit drei Bankhäusern hatte der 300-Einwohner-Ort damals die größte Bankendichte der Welt. Die Kommunalsteuern sprudelten, Jungholz war komplett schuldenfrei. 2014 stopfte die EU mit einem neuen Gesetz das Steuer-Schlupfloch. Nach und nach schlossen die Banken, die letzte im April 2019. Karina Konrad, die selbst Bankerin ist und zur Arbeit nach Kaufbeuren im Allgäu pendelt, hofft, dass sich ein Käufer für das Bankhaus findet und neue Arbeitsplätze entstehen. Heute ist der Tourismus mit 70 000 Übernachtungen jährlich die Haupteinnahmequelle der Gemeinde mit dem kleinen Familienskigebiet. »Als Bürgermeisterin kann ich keine Firmen herholen, ich kann nur dafür sorgen, dass die Infrastruktur passt – mit gepflegten Wanderwegen beispielsweise. «

So registriert Konrad unterwegs alle losen Balken und vom Schmelzwasser ausgespülten Wegstellen. »Nach dem Winter gibt es hier immer einiges zu tun.« Doch generell sind die Wege gut in Schuss, die leichten Kraxelstellen im felsigen Gipfelauf bau durch Drahtseile entschärft. Oben warnt ein Schild »Nur für Geübte« vor dem Weiterweg zum Zinken.

schmaler Übergang nach Tirol: zum arbeiten und einkaufen fahren die Jungholzer ins allgäu.


Die deutsch-österreichische Grenze verläuft direkt über den Gipfel des Sorgschrofens.


Grenzen überblicken

Etwa fünfmal im Jahr wandert Karina Konrad auf ihren Hausberg, sonst ist sie, die früher »ohne viel zu tun« zu den besten Mountainbikerinnen im Allgäu gehört hat, eher mit dem Radl unterwegs. In der Familie ist ihre Schwester Christin die Bergsteigerin. Sie verrät: Die Einheimischen kommen am liebsten zum Sonnenauf- oder -untergang herauf. Tagsüber gehört der Sorgschrofen den Touristen, die mit etwas Glück die Königsschlösser am Tegelberg erspähen können. Aber auch bei weniger guter Sicht bietet sich der perfekte Rundumblick, wie Karina Konrad immer wieder erfreut feststellt: gen Süden nach Tirol, ins Tannheimer Tal, im Norden auf die Gemeinde und das sie umgebende Allgäu, wo viele zum Arbeiten und Einkaufen hinfahren – ein Supermarkt lohnt sich im Ort nicht – und die Jungholzer Kinder die weiterführenden Schulen besuchen.

Der Lehrplan, nach dem die 15 Kinder der Jungholzer Grundschule jahrgangsübergreifend unterrichtet werden, ist am deutschen Schulsystem orientiert – »besonders in Heimat- und Sachkunde gibt es da ja schon Unterschiede.« Auch sonst ist Kreativität gefragt, denn der Status als funktionale Enklave wirkt sich an verschiedenen Stellen auf das Leben im Bergdorf aus. Wo werden welche Steuern gezahlt? Wie ist es mit Rente und Versicherungen? Und wie schafft man es als Gemeinde, Firmen nach Jungholz zu locken, wo sie höhere Personalkosten als in Deutschland haben würden? Karina Konrad will sich bald mit Andi Haid, dem Bürgermeister vom Kleinwalsertal, zusammensetzen und überlegen, wie man die EU um Hilfe bitten könne, um die Situation für die Enklaven zu verbessern.

Allgäuer Dialekt, deutsche Mehrwertsteuer, österreichische Lohnkosten und mehr als 60 Prozent EU-Ausländer, die meisten davon Deutsche. Als was sehen sich die Jungholzer in ihrem »gallischen Dorf«, wie es die Bürgermeisterin bezeichnet? Die einen so, die anderen so. Karina Konrad sagt mittlerweile immer: »Als Europäerin«.

Franziska Haack war beim Studium einer Karte des Allgäus zufällig auf die seltsame Grenzziehung gestoßen. Deren Auswirkungen auf den Alltag im Ort fand sie sehr spannend.


Fotos: Fotolia, Franziska Haack