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Allgemeine Probleme: Multisensorischer Zugang zum Spracherwerb im Technikunterricht


tu - Technik im Unterricht - epaper ⋅ Ausgabe 172/2019 vom 14.06.2019

In den Jahren 2015 bis 2017 haben ca. 510 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland einen Asylantrag gestellt.1 Um sich in der für sie neuen Gesellschaft zurechtzufinden, ist der Erwerb der Landessprache zweifellos die wichtigste Qualifikation und unabdingbare Voraussetzung für die Alltagskommunikation sowie für alle formellen und informellen Bildungsprozesse, welche für eine erfolgreiche Integration notwendig sind. Die Chance auf eine Beschäftigung steigt, wenn sprachliche Defizite der beruflichen Integration nicht im Wege stehen. Schon vorhandene Kenntnisse und Fertigkeiten sowie ...

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... berufliche Vorerfahrungen bringen kaum Vorteile auf dem Arbeitsmarkt, wenn Defizite in der Landessprache die Kommunikation verhindern oder erschweren .

Abb 2: Ausschnitt aus einer Baustufentafel zum Papierschöpfen. Der Handlungsablauf wird z. T. mit Hilfe eines Videotutorials veranschaulicht. Dieses Vorgehen ist hilfreich, wenn sich der Prozess sprachlich nicht oder nur unzureichend erklären lässt. Die Arbeitsanweisungen können zudem sowohl visuell als auch auditiv abgerufen werden.


3. Neben der Baustufentafel trägt eine kleinschrittige Bauanleitung dazu bei, die Schritte zur Fertigung des technischen Artefakts sprachlich zu begleiten. Die Bauanleitungen bestehen aus einer Bildabfolge sowie der dazugehörigen Arbeitsanweisung, die auf einem der Gruppe entsprechenden sprachlichen Niveau formuliert ist. Bilder und Texte können sich ergänzen oder redundant Verwendung finden. Im Falle des Spracherwerbs erscheint es sinnvoll, zunächst die redundante Form zu wählen, weil der implizite Verweis des Textes auf das Bild das Textverständnis unterstützt.18 In jedem Falle ist der Lernerfolg größer, wenn sowohl Texte als auch Bilder eingesetzt werden. Dabei sollte der Text in räumlicher Nähe zum Bild stehen und zugleich mit dem Bild präsentiert werden. Insbesondere Lernende mit geringem Vorwissen oder gutem räumlichen Denken weisen mithilfe von Text-Bild-Kombinationen gute Effekte auf.

Die Bauanleitungen können bei der Vorbereitung des jeweils anstehenden Arbeitsschrittes, beim Aufbau des Wortschatzes sowie bei der Schulung der Lesekompetenz wertvolle Hilfe leisten. Darüber hinaus stellt die Bauanleitung ein unverzichtbares Medium zur selbstständigen Erarbeitung bzw. Orientierung dar, auf das verwiesen werden kann, wenn die Lernenden Hilfestellungen benötigen.

18 Vgl. Weidenmann (2006), S. 447
19 Vgl. ebd., S. 448

4. Zusätzlich werden Anleitungen für den Gebrauch verschiedener Werkzeuge und Mess-und Lehrinstrumente bereitgestellt. Weil teils grundlegende Kompetenzen, etwa der Umgang mit Lineal oder Winkel, nicht oder nur unzureichend beherrscht werden, müssen häufig auch Metakompetenzen, zum Beispiel das Umrechnen von Einheiten, geübt werden. Arbeitsblätter für den Erwerb dieser metafachlichen Kompetenzen, die basal für eine technische Grundbildung sind, werden als Begleitmaterial zur Verfügung gestellt. Auch hier besteht die Rolle der Lehrkraft darin, die Lernenden darin zu unterstützen, sich aktiv und selbstständig die notwendigen Informationen zu erarbeiten.

5. Schülerinnen und Schülern, die in ihrer Erstsprache nicht oder nur unzureichend alphabetisiert wurden, fällt es besonders schwer, den Ansprüchen des Zweitspracherwerbs in der Schriftsprache Genüge zu tun. Das assoziative Erfassen der Bedeutung eines Wortes, das sukzessive in die Kognition übergeht, ist Bestandteil der sprachlichen Entwicklung vor dem Schriftspracherwerb.20 Deshalb ist es sinnvoll, im Zweitspracherwerb einen auditiven Zugang zur Sprache zu ermöglichen. Aber auch für Lernende, die Probleme mit der Aussprache haben oder diese verbessern möchten, bietet sich dieser Zugang an. Zur Umsetzung der auditiven Wahrnehmung kamen in der Testphase „Anybookreader“ 21 zum Einsatz. Diese „Vorlesestifte“ wurden mit den entsprechenden Wörtern, Wortkombinationen oder Arbeitsanweisungen besprochen. Die Sprachdatei wurde anschließend mit einem Code verknüpft, der sich auf einem selbstklebenden Sticker befindet. Die Wiedergabe erfolgt, indem der Stift mit dem Code der Sprachaufnahme verknüpft wird. Die auf den Baustufentafeln verschriftlichten Arbeitsanleitungen wurden ebenfalls auditiv fixiert und die entsprechenden Code-Sticker an der Baustufentafel angebracht. Die Lernenden konnten sich auf diese Weise die Arbeitsschritte auditiv wiedergeben lassen. Aber nicht nur auf der Baustufentafel finden die Sprachaufnahmen Anwendung. Mittels der Sprachausgabe werden auch Werkzeuge benannt und die Bauanleitung auditiv begleitet.

Weil im Unterricht die Möglichkeit einer individuellen lautsprachlichen Anwendung in der Regel gering ist, bietet sich unabhängig vom Vorwissen der Schülerinnen und Schüler eine Sprachausgabe an, um die für den Spracherwerb notwendige Repetition zu ermöglichen. Die Lernenden können sich die Aussprache fachlicher Termini unabhängig von der Lehrkraft jederzeit abrufen.

6. Zur Sicherung der sprachlichen Schritte dienen Arbeitsblätter in Form von Lückentexten. Die Lückentexte orientieren sich direkt an den Arbeitsschritten auf den Baustufentafeln und werden in drei Niveaustufen mit Abbildungen der Arbeitsschritte zur Verfügung gestellt. Niveaustufe I formuliert den Text auf der Baustufentafel mit geringen Auslassungen. Auf Niveaustufe II müssen Lückentexte ergänzt werden, in denen deutlich mehr Auslassungen ergänzt werden müssen. In Niveaustufe III beschreiben die Schülerinnen und Schüler die Arbeitsschritte frei. Die Entscheidung, auf welcher Niveaustufe die Lernenden ihre Arbeitsblätter wählen, fällen sie selber.

Die folgenden beispielhaft aufgeführten Ausschnitte aus Arbeitsblättern zeigen die leichteste Niveaustufe 1 sowie die Stufe 2 aus dem Unterrichtsmaterial zum Papierschöpfen (Abb. 3 und 4).

7. Videotutorials ergänzen das Setting. Diese Tutorials visualisieren den Vorgang, fügen aber auch auditive Komponenten hinzu. Der multisensorische Zugang soll im handlungsorientierten Feld Vorgänge und Handhabungen visualisieren, die sich sprachlich nicht oder schlecht repräsentieren lassen, weil bspw. bei der Handhabung von Werkzeugen eher implizite Formen des Kompetenzerwerbs im Vordergrund stehen, sprachliche Anweisungen diese aber im Sinne des Spracherwerbs unterstützen können. Bewegte Bilder dürfen jedoch nicht mit schriftsprachlichen Ergänzungen kombiniert werden. Darüber hinaus muss auf alle ablenkenden und unterhaltenden Details verzichtet werden.22

Im Zentrum des Unterrichtskonzeptes steht die Herstellung eines Produktes, weil darin der Kern der Handlung besteht, die mit der Sprache verknüpft werden soll. Der Arbeitsablauf bildet den „roten Faden“, der durch den Aufbau und das begriffliche Regelwissen, den (Fach-)sprachlichen Wortschatz sowie durch eine sukzessive Erweiterung grammatikalischer Strukturen angereichert wird.

Um die auditve Ausgabe von der Nutzung eines Anybookreaders unabhängig zu machen, wurde ein mobiles WiFi-System konzipiert, das es ermöglicht, auditive oder audio-visuelle Medien per WLAN an die Smartphones der Schülerinnen und Schüler zu übertragen. Dazu wird mithilfe eines Raspberry Pi ein Webserver aufgesetzt und an einen Router angeschlossen. Die Nutzer können sich nun in das lokale WLAN einloggen. Mit den Kameras der Handys scannen sie im Unterricht QR-Codes, die bspw. auf Werkzeugen oder Arbeitsanweisungen angebracht werden. Die QR-Codes verweisen auf bestimmte Dateien auf dem Webserver, die beim Aufrufen abgespielt werden (z. B. eine Audio-Datei mit dem Namen des Werkzeugs oder ein kurzes Video, in dem der folgende Arbeitsschritt dargestellt wird). In einem nächsten Schritt wurde eine App entwickelt, in der die Lernenden zusätzlich zur deutschen Sprachausgabe im Anschluss Dateien auch in ihrer Erstsprache auswählen können. Dieses Angebot dient der Sicherstellung inhaltlicher und sprachlicher Genauigkeit. Das System kann bequem in einem Koffer transportiert und überall aufgebaut werden. Theoretisch wäre der Betrieb des Webservers und des Routers sowie das Aufladen der Handys mit Solarzellen möglich, sodass nicht einmal eine Stromquelle vorhanden sein muss – damit kann das System auch bei Exkursionen eingesetzt werden.

20 Vgl. Gibson (1973), S. 129
21 Vgl. Betzold (2018)
22 Vgl. Weidenmann (2006), S. 448

Das Konzept sieht vor, dass die Lehrkraft jeden Arbeitsschritt zunächst der gesamten Gruppe demonstriert. Die Beobachtung dieses Vorgangs löst bei den Lernenden visuelle Kodierungen aus, d. h. sie speichern den Vorgang (mehr oder weniger vollständig) in ihrem ikonischen Gedächtnis. Darüber hinaus werden z. T. motorische Kodierungen vorgenommen, indem spontane und weitgehend unbewusste Bewegungen nachvollzogen werden. Wenn die Lehrkraft während dieser Phase die Arbeit verbal kommentiert, werden auch diese in Abhängigkeit vom Sprachstand kodiert.23 Der Reproduktionsprozess, der sich anschließt, wenn die Lernenden den Ablauf innerlich nachvollziehen und im Anschluss tatsächlich ausführen, mündet in die Fehlerrückmeldung, die auf zwei Arten erfolgen kann. Die Lehrkraft korrigiert, indem sie entweder typische Fehler macht und kontrastierend den korrekten Ablauf erneut zeigt.24 Der Ausführende erkennt seinen Fehler im Bewegungs-oder Handlungsergebnis selber. Untersuchungen aus dem Bereich des Sports zu Rückmeldungen des Trainers haben gezeigt, dass dessen Rückmeldungen zu Bewegungsabläufen mit denen des Lernenden interferieren und den Lernerfolg bis zur Wirkungslosigkeit reduzieren können. 25 Auf den Technikunterricht übertragen heißt dies, dass es u. U. sinnvoll ist, gerade im Werkzeuggebrauch Fehler im Sinne von „trial and error“ (in Grenzen) zuzulassen. Die begleitenden Medien sollen einerseits bei der selbstständigen Erarbeitung und Durchdringung des Arbeitsprozesses multisensorische Zugänge bieten, andererseits auf der Metaebene die Lernenden darauf vorbereiten, sich selbstständig Problemlösekompetenzen anzueignen. Im Vordergrund steht der Spracherwerb, der in allen Phasen das Unterrichtsgeschehen lenken soll. Hier kommt der Lehrkraft eine besondere Rolle zu. Gerade weil die Lernenden sich mit Begeisterung der Herstellung des Produktes widmen, muss der Spracherwerb in allen Phasen zunächst als „Hürde“, später als selbstverständlicher Teil des Prozesses gezielt und systematisch in den Unterricht implementiert werden. Dies muss auch bei der zeitlichen Planung berücksichtigt werden, da die Wiederholung der Vokabeln und die Versprachlichung der ausgeführten Prozesse Zeit kostet. Geschieht dies nicht und wird der sprachliche Anteil im Unterricht vernachlässigt, verfehlt das Konzept vollständig seine Wirkung.

23 Vgl. Steiner (2006), S. 158
24 Vgl. ebd.
25 Vgl. ebd., S. 154

Die Bilder und Texte werden in diesem Konzept redundant verwendet, um über das Bild das Textverständnis zu erleichtern und Assoziationen zwischen Gegenstand oder Prozess und Begriff zu erleichtern. Die Vorliebe für Bilder gegenüber dem Text ist unabhängig vom (Zweit-)Spracherwerb empirisch klar belegt.26 Damit wird den Lernenden einerseits eine unterstützende Methode an die Hand gegeben, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit eröffnet, die notwendigen (und vermeintlich ausreichenden) Informationen für den nächsten Arbeitsschritt lediglich aus dem Bild abzuleiten und so die Anstrengung der Auseinandersetzung mit dem Text zu umgehen. Um den Umgang mit der Sprache systematisch in den Prozess einzubinden, ist es daher sinnvoll, die Erarbeitung (Wortverständnis, Aussprache, Inhalt, relevante Informationen)vor den Schritt der Arbeitsausführung zu setzen und außerdem Zeiträume für die Wiederholung des Gelernten einzubauen.

Erfahrungen mit Sprachlernklassen haben gezeigt, dass ein produktorientierter Zugang für die Lernenden hoch motivierend ist. Im prozeduralen, weitgehend sprachungebundenen Feld können die Lernenden ihre Fähigkeitsselbstkonzepte positiv beeinflussen. Das gilt insbesondere für männliche, jugendliche Flüchtlinge. Sprachlernklassen, die im Technikunterricht mit diesem Konzept unterrichtet wurden, arbeiten ausgesprochen diszipliniert und konzentriert. Ihr Stolz über die erbrachte Leistung insbesondere im handwerklich-technischen Bereich führt zu einer Arbeitsatmosphäre, die nicht nur für die Schüler/-innen, sondern auch für die Lehrkraft eine große Bereicherung ist.

Ergebnisse der Forschungsstudie

Die Effekte des Konzeptes wurde 2017 innerhalb einer dreimonatigen qualitativen Studie mithilfe verschiedener multifaktorieller Untersuchungsinstrumente überprüft.

Um die Effekte des Unterrichts mit dem vorliegenden Konzept empirisch mit einem nicht produktorientierten Unterricht vergleichen zu können, war es notwendig, ähnliche Inhalte zu vermitteln, die sich jedoch strikt in der Form der Vermittlung unterschieden. Während im Technikunterricht konkret Papier geschöpft wurde, bestand der nicht handwerklich ausgerichtete Unterricht darin, über die Produktionsformen der Papierherstellung, ihre Geschichte und Umweltbelastungen zu informieren (Abb. 5 und 6).

Die Ergebnisse desC-Tests zeigen eine große Leistungsdifferenz zwischen den Teilnehmenden, was darauf hinweist, dass die Lernenden sich zum Untersuchungszeitraum auf völlig unterschiedlichen Niveaus des Spracherwerbs befanden. Die Anwendung unterschiedlicher Sprachniveaus im Unterricht ist daher nicht nur sinnvoll, sondern essentiell. Das Erinnerungsvermögen des fachspezifischen Vokabulars wurde mithilfe eines handlungsorientierten Vokabeltests abgefragt. Die Resultate zeigen, dass die Lernenden von der Unterrichtsmethode profitieren. Die Probanden zeigten eine deutlich höhere Anzahl an erinnerten Vokabeln nach einem Zeitraum von sechs Wochen. In der Gegenüberstellung von theoretischem vs. praktischem Unterricht zeigen die Ergebnisse eine Differenz von 9 bis 11 %. In der Akkumulation von fachsprachlichen Kenntnissen im Unterricht in einer Sprachlernklasse kann daraus geschlossen werden, dass sich der Einsatz der Methoden förderlich auf die Gedächtnisleistung der Teilnehmer auswirkt.

Junge Flüchtlinge haben eine deutlich erhöhte Rate an risikohaften Verhaltensweisen und Verhaltensabweichungen im Vergleich zu Lernenden ohne Fluchthintergrund. Insbesondere bei den männlichen Lernenden der Untersuchungsgruppe konnte dies bestätigt werden. Innerhalb der Normalpopulation in Deutschland sind circa 20 % der Jungen von deutlichen Verhaltensauffälligkeiten betroffen.27 Mithilfe eines standardisierten Verfahrens, desLSL (Lehrereinschätzliste für Lern-und Sozialverhalten), wurde das Verhalten der Lernenden in beiden Unterrichtssettings überprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verhaltensabweichungen der Jungen in der untersuchten Sprachlernklasse im theoretischen Unterricht deutlich häufiger auftraten als im multisensorischen, produktorientierten Unterricht. Sie zeigten sowohl eine größere Anzahl abweichender und sich im Risikobereich bewegender Werte als auch eine Differenz im Vergleich zur Anzahl der auffälligen Items der Mädchen. Probanden, die sowohl innerhalb des theoretischen als auch des praktischen Untersuchungszeitraumes Abweichungen von der Norm zeigten, wiesen in der Praxis weniger Auffälligkeiten auf. Teilweise zeigte sich risikobehaftetes oder abweichendes Verhalten sogar nur im Unterricht mit theoretischen Inhalten (Abb. 7).

26 Vgl. Weidenmann (2006), S. 446
27 Vgl. Stein (2017), S. 56

Aus den Resultaten desLSL kann geschlossen werden, dass das Lernund Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen innerhalb des multisensorischen FachunterrichtsTechnik besser ist als im theoretischen Unterricht. Der praktische Unterricht hat durch die Förderung der Selbstständigkeit das Potenzial, Freiräume für die individuelle Förderung zu schaffen. Dies kommt sowohl der Lehrkraft als auch den Lernenden zugute. Die Autoren gehen davon aus, dass die Vermittlung von positiven Selbstwirksamkeitsgefühlen in Kombination mit einem verbesserten generellen Lernverhalten bei den Lernenden zu einem positiveren Selbstkonzept führen kann. Die Auswertung der Beobachtungen, die den Unterricht begleiteten, legen dies nahe.

Ab Juni 2019 werden erste Materialien für den Unterricht als Open Educational Ressource auf der Webseite www. techno-lingua.de zur Verfügung gestellt.

Literatur

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