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Alltag im Tiny House


Kleiner wohnen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 01.09.2020

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Bildquelle: Kleiner wohnen, Ausgabe 1/2021

In das Projekt Tiny House fließen oftmals viel Zeit und Geld. Eine Menge Fragen sind vor dem Kauf zu klären, wobei auch baurechtliche Anforderungen berücksichtigt werden müssen: Welche Wohnform ist die passende? Gelingt die notwendige Reduktion der bisher angehäuften Besitztümer? Welche Ausstattung soll das Tiny House haben? Wie werden Wasser-, Strom- und Gasversorgung sichergestellt, wie wird das Abwasser entsorgt und für welche Toilettenlösung entscheidet man sich? Und wo ist überhaupt ein geeigneter Stellplatz zu finden?

Das Wohnen der Lebenssituation anpassen

Was vielleicht manche überrascht: Der typische Tiny- House-Kunde ist nicht unbedingt der alternative Aussteiger oder der originelle Tüftler à la Löwenszahns Peter Lustig. Die Mehrheit der Interessenten ist weiblich, etabliert und jenseits der 50. Dabei scheint das Leben im Tiny House besonders für bestimmte Lebenssituationen attraktiv zu ...

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... sein: etwa zur Verkleinerung nach dem Auszug der Kinder aus dem Einfamilienhaus, zur Neuorientierung nach der Scheidung oder auch für den Übergang vom studentischen ins Berufsleben. Gerade ältere Tiny-Häusler liebäugeln auch mit einem unabhängigen Leben innerhalb einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, das soziale Kontakte, Austausch und gegenseitige Unterstützung ermöglicht – wie etwa in einem Tiny Village. Aktuell sind dazu bundesweit eine Reihe spannender Projekte und Initiativen in der Entwicklung (siehe auch Seite 80ff.).

Nessa Elessar berichtet auf YouTube regelmäßig über den Bau ihres Tiny Houses und das Leben darin. Sie ist überzeugt: „Den Wohnraum wählt man sich ja passend zur aktuellen Lebensphase aus; momentan ist das Tiny House für mich die perfekte Lösung.“ Für die damalige Studentin kam eine Mietwohnung in Karlsruhe finanziell einfach nicht infrage, zugleich wollte sie sich durch einen Immobilienkauf finanziell nicht binden – also baute sie 2017 selbst. Gemeinsam mit einigen helfenden Händen und einer Investition von 35 000 € ist ihr Tiny House mit 23 m² Grundfläche entstanden.

Herausforderungen des täglichen Lebens

Und wie geht der Alltag? Große Unterschiede im Vergleich zum Wohnen in einer kleinen Mietwohnung gibt es Nessas Ansicht nach nicht. Kochen und Waschen beispielsweise funktionieren durch die gelegten Leitungsanschlüsse genauso wie in jedem anderen Zuhause. Zum Heizen allerdings greift Nessa statt auf einen Gasanschluss auf Propangas aus Flaschen zurück. Dass mit der alten Anlage die Flaschen jedoch manuell gewechselt werden mussten, sobald sie verbraucht waren, erwies sich in der Praxis als Herausforderung. Wurde nicht rechtzeitig bemerkt, dass eine Flasche leer war, und der notwenige Wechsel nicht zügig durchgeführt, kühlte das Tiny House im Herbst und Winter schnell aus. „Das Haus speichert wenig Wärme – alle Wände sind Außenwände“, erklärt Nessa auf YouTube. Vor größere Probleme stellte die junge Frau in der Praxis die selbstgebaute Trockentrenntoilette. Bei dieser Sanitärlösung werden flüssige und feste Ausscheidungen mithilfe eines speziellen Trenneinsatzes voneinander getrennt. Während der Urin in einen Kanister geleitet wird, fallen die festen Stoffe in einen Behälter. Dadurch wird weniger Wasser verbraucht – Flüssiges muss nicht nachgespült werden –, folglich entsteht auch weniger Abwasser. Neben verschiedenen kleineren Mängeln der Eigenkonstruktion zeigte sich im Laufe der Zeit vor allem ein großes Manko: eine störende Geruchsentwicklung bei gleichzeitig zu lautem Lüfter. Nessa entschied sich daher für ein anderes Toilettenmodell, mit dem sich die Geruchsbildung – in Ergänzung mit der Nutzung von Einstreu – erfolgreich in den Griff bekommen ließ.

Weitere Infos: www.nessaelessar.com

Über die Erfahrungen mit ihrem Tiny House berichtet Nessa Elessar auf www.youtube.com/nessaelessar.

Freiheit im Alter

Auch Monica wohnt auf 28 m². Das Tiny House der 59-Jährigen steht nahe Würzung auf einer voll erschlossenen Streuobstwiese – die Leitungen hat sie selbst legen lassen. Nachdem ihre Kinder ausgezogen waren, erschienen ihr die 142 m² des Einfamilienhauses für eine Person „schierer Irrsinn“. „Ich war nur noch damit beschäftigt, materielle Dinge zu pflegen, zu erhalten, die mir nichts bringen, die nur Ballast sind und mich einschränken.“ Nun lebt sie seit fünf Jahren in einem Tiny House on Wheels aus Lärchenholz und genießt ihr Leben im Einklang mit der Natur inmitten von Obstbäumen. Im Sommer steht die Haustür offen und Monica liest auf der Veranda eines der Bücher, die den Großteil der 26 Kartons, mit denen sie ins Tiny House einzog, gefüllt haben. Für ihre drei Kinder, die alle in Großstädten leben, fühlt sich der Besuch bei der Mutter wie Urlaub an. Nur übernachten können sie nicht im Tiny House – dafür ist einfach kein Platz.

Uschi wollte mit ihrem Mann eigentlich gleich zwei Tiny Houses bauen. Geblieben ist es dann bei einem, in das sie alleine mit Hündin Luna eingezogen ist. Auf diese 15 m² zieht sie sich zurück, wenn sie nicht gerade im Campingbus durch Europa reist. Uschis Minimalismus hat sich als ansteckend erwiesen: Ihre Mutter folgte ihr in ein separates Tiny House in Norddeutschland – ein mutiger Schritt für die 78-Jährige mit Gehbehinderung! Daher musste das Häuschen möglichst barrierearm geplant werden. Konstruiert wurde es eingeschossig; eine Rampe führt zur breiten Eingangstür, durch die auch ein Rollator passt. Das Bad verfügt über eine geräumige Duschkabine und eine erhöhte Toilette, und im Schlafbereich erleichtert ein erhöhtes Bett das Aufstehen. Im Wohnalltag zeigte sich dann nach und nach, wo das Tiny House noch auf die Bedürfnisse seiner Bewohnerin angepasst werden und Finetuning stattfinden musste. So mussten beispielsweise an der Glasrückwand der Dusche noch Haltegriffe für mehr Sicherheit befestigt werden. Und in der Küche erwiesen sich die Porzellanteller als zu groß und dick für Wandhalterung – sie haben nicht lange im Tiny House überlebt. Aber wie heißt es immer? Scherben bringen Glück!

Vom Einzug und Leben ihrer Mutter im Tiny House erzählt Uschi auf ihrem Blog uschiunterwegs.de.

Zu wenig Platz als Familie?

Katharina und Kolja wiederum haben sich gleich nach dem Studium für ein gemeinsames Leben auf 25 m² entschieden – zusammen mit Töchterchen Klara. In das System von arbeiten und sich mit Konsum belohnen wollten beide bewusst gar nicht erst einsteigen. Ein halbes Jahr hat Kolja an dem 25 000 € teuren Tiny House on Wheels gearbeitet, das ihnen für die nächsten 20, 30 Jahre ein Dach über dem Kopf geben soll. Nach einigen Monaten auf dem Campingplatz hatte sich die junge Familie einer Tiny-House-Gemeinschaft auf einem Hof angeschlossen – in der Hoffnung, dass weitere junge Familien dazustoßen würden. Inmitten von Senioren blieben sie jedoch die einzigen. Eine erneute Schwangerschaft Katharinas stellte dann das Leben im Tiny House auf die Probe; der Traum vom reduzierten Wohnen drohte an der Realität zu scheitern. Bis ein Bauplatz als neuer Stellplatz gefunden war, überwinterte die Familie in einer Mietwohnung. Gerade die Herausforderung, einen geeigneten Stellplatz fürs Tiny House on Wheels zu finden, hatten Katharina und Kolja unterschätzt. „Wir waren da ganz naiv“, erklärt Katharina, „und haben gedacht: Es gibt so viele grüne Flächen, da stellen wir uns einfach hin.“ Zudem gibt es mittlerweile ein Platzproblem: Nach der Geburt von Sohn Adam reichen die 25 m² des Tiny Houses nicht mehr aus. Ein Baucontainer soll die Wohnfläche ergänzen, sodass der vierköpfigen Familie 40-45 m² zur Verfügung stünden. Und auch ein neuer Stellplatz wurde gefunden: Auf einem Bauplatz zur Pacht inmitten eines Wohngebiets darf das Tiny House die nächsten Jahre stehen – Kindergarten, Schule und Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe. Für Katharina und Kolja ein Kompromiss, den sie aber einzugehen bereit sind. Töchterchen Klara kann geschützt im umzäunten Garten spielen; drei Hühner lassen bereits etwas Bauernhof-Feeling aufkommen, das durch Gemüsebeete unterstützt werden soll.

Ressourcenschonend zu dritt leben

Auch der Berliner Max lebt seit Herbst 2018 mit seiner kleinen Familie auf 28 m² in einem Tiny House on Wheels, das auf einem gepachteten Grundstück in Brandenburg steht. Zwei Monate lang waren er und seine Freundin Noreen dort zu zweit, dann kam Töchterchen Noma zur Welt und zog mit ein – auch wenn Planung und Konstruktion des Minihauses „nur“ auf ein Pärchen ausgerichtet waren. „Einen Rückzieher zu machen von unserem Plan, in ein Tiny House zu ziehen, weil ein Kind unterwegs ist, kam für uns nicht infrage“, erläutert Max. Und das scheint die richtige Entscheidung gewesen zu sein, denn die Erfahrungen mit dem Leben im Tiny House als Familie sind durchweg positiv. Mit zwei Loftbereichen – einen zum Schlafen und einen zum Arbeiten –, einer Badewanne, einem Kamin und einem großen Wohnbereich haben sich Max und Noreen einen gemütlichen Wohlfühlort geschaffen, der ihnen auch bei begrenzter Quadratmeterzahl genügend Rückzugsmöglichkeiten bietet. „Wenn unsere Tochter abends im Schlafloft liegt, haben wir immer noch genügend Zeit für uns als Paar. Ansonsten genießen wir es, als Familie nah beisammen zu sein. Wir schlafen alle gemeinsam in einem Bett – früher hätte ich mir das nie vorstellen können, aber es ist eine unheimlich schöne und intensive Erfahrung.“

Seiner Leitidee, weniger von allem haben zu wollen, bleibt das Pärchen auch nach einem Jahr im Tiny House treu: Noch immer wird konsequent ausgemistet. Wie ressourcenschonend das kleine Wohnen sein kann, verdeutlicht Max anhand einiger Verbrauchswerte: Lag der Wasserverbrauch in der alten Wohnung einst bei 80-100 Liter pro Person pro Tag, ist er im Tiny House für inzwischen drei Personen auf insgesamt 30-40 Liter pro Tag geschrumpft ist – inklusive Duschen, Abwaschen und Wäsche waschen. Der Stromverbrauch (eine leistungsstarke Solaranlage macht sie stromseitig weitgehend autark und unabhängig) ist von 100 kWh/ Monat in der alten 81-m²-Wohnung auf 20-30 kWh/Monat im Tiny House gesunken.

Eins ist im kleinen Zuhause allerdings unverzichtbar: Auf so kleiner Fläche ist Ordnung das höchste Gebot! Alles muss seinen festen Platz haben und an diesen auch wieder zurückgestellt werden. „In einem Tiny House entsteht Unordnung viel zu schnell. Aber nur wenn Ordnung herrscht, kann man in einem Tiny House glücklich und zufrieden sein, ohne wahnsinnig zu werden“, erzählt Max schmunzelnd. Das Leben auf kleinem Raum inspiriert zudem, noch ressourcenschonender und nachhaltiger zu leben. Ein Selbstversorgergarten und eine Regenwasseraufbereitungsanlage – dann auf einem eigenen Grundstück – sind als mittelfristige Projekte angedacht. Ein zweites Tiny House, dessen Planung aktuell anläuft, soll in späteren Jahren Tochter Noma in der Pubertät als Rückzugsort zur Verfügung stehen und Gästen eine Übernachtungsmöglichkeit bieten. Eine Rückkehr in einer normale Wohnung kann sich die Familie nicht vorstellen. „Für das Tiny House zu kämpfen, hat sich gelohnt. Das Freiheitsgefühl, das uns dieses Tiny House gibt, ist unvergleichlich.“

Weitere Infos: maxgreen.info

Seine Erfahrungen mit dem Tiny House schildert Max auf seinem YouTube-Kanal Max GREEN. Für Tiny-Häusler und am minimalistischen Lebensstil Interessierte bietet er zudem Coachings und Workshops an. Unter maxgreen.info findet sich auch ein Shop mit einer Auswahl nachhaltiger Produkte.