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Alltag mit Kind: Sei stark, sonst ist schlecht


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2013 vom 28.12.2012

Blut, Stress und Tränen – Erwachsene könnten auf die Aggressionen von Kindern gut verzichten. Die Kinder aber nicht, denn Großwerden ist ein Kampf.


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Foto: Markus Bormann/fotolia.com

Auf dem Spielplatz tragen Kinder Konflikte aus. Sie brauchen Aggressionen, um Ziele zu erreichen und Stress abzubauen.


Foto: sport-moments/fotolia.com

Es kann nur einen geben auf dem besten Platz, ganz oben auf dem Klettergerüst. Pech für Ben, der zuerst da war. Als Gereon mit seiner Bande anrückte, gab es Ärger. Ben wollte nicht weichen, Gereon nicht kämpfen – die beiden Viertklässler waren etwa gleich stark. So schickte Gereon ...

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... seinen Kumpel Justin vor. Ben kam an diesem Tag mit einem blauen Auge nach Hause und musste wegen Sehstörungen zum Arzt. Kinder, so sagen Experten, brauchen Aggression aus vielen Gründen. Etwa, um Ziele zu erreichen, Grenzen auszutesten und Stress abzubauen. Zugleich fragen sich Eltern, die es mit blauen Augen oder ausgeschlagenen Zähnen zu tun bekommen, ob sie unbemerkt in die Steinzeit zurückkatapultiert wurden. Wo es doch Schlichter, Vertrauenslehrer und Konflikttrainings gibt. Alles für die Katz?

Erst gefragt oder sofort gehauen?

Das Verständnis für krachende Auseinandersetzungen ist umso geringer, je kultivierter Meinungsverschiedenheiten in der Erwachsenenwelt ausgetragen werden: in lähmenden Meetings, meterlangen Mails, moderierten Sechsaugengesprächen oder durch unsichtbaren Druck. Wer hingegen seinen Widersacher mit Aktenordnern bewirft oder vom Gabelstapler zieht und gegen ein Hochregal schleudert, ist seinen Job los. Also beherrscht man sich. Impulskontrolle zählt zunächst einmal nicht zu den kindlichen Stärken. Von Geburt an reagieren Kinder auf Reize unterschiedlich: heftig oder gelassen, ängstlich oder wütend. Dies, aber nicht dies allein, wirkt sich auf das Aggressionsverhalten aus. Ob im Sandkasten erst gefragt oder sofort gehauen wird, hängt indes auch davon ab, wie groß das Verhaltensrepertoire eines Kindes ist.

Es zu erweitern, ist Aufgabe der Erwachsenen. „Aggression gehört zu unserem stammesgeschichtlichen Erbe, zu unserem Leben dazu“, schreibt die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel in ihrem Buch Aggression bei Kindern. „Welche Teile unserer Aggression wir ausleben und deren Erfolge wir genießen dürfen und welche wir schnellstens lernen müssen zu zügeln, das bringt uns unsere Sozialisation bei.“ Der Lernvorgang findet permanent statt – keineswegs nur im Kopf. Der Familienberater Jan-Uwe Rogge vertritt die These, dass Sport, Musik und Kunst helfen, destruktiver Aggression vorzubeugen.

Sie seien sowohl in jungen Jahren als auch an weiterführenden Schulen die eigentlich wichtigen Disziplinen. Denn sie ermöglichen Heranwachsenden sich auszudrücken, mit Materialien umzugehen und sich zu spüren. „Wenn man die Bewegung aus der Erziehung herausfiltert, steht auch die Entwicklung still“, sagt er. „Kinder werden immer mehr Gefahren entzogen. Stattdessen ist jedoch der eigene Weg das Entscheidende – auch Hänschen klein ging allein und wurde nicht gefahren.“

In kreativem Freizeitverhalten sind heutzutage Mädchen besser als Jungen. Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Berliner Hertie School of Governance, sieht, dass Jungen in ihrer Freizeit hauptsächlich elektronische Unterhaltung nutzen und sich damit selbst lahmlegen. Werden nur wenige Sinnesbereiche angeregt, kommt es, so die Ergebnisse der modernen Hirnforschung, „nicht zur notwendigen Verschaltung von Sinneszentren im Gehirn, wodurch die gesamte persönliche, soziale, emotionale und intellektuelle Entwicklung von Kindern leidet.“

Jungen legen sich selber lahm

Dabei bräuchten gerade Jungen viel Freiheit und körperliche Aktivität, um zu tun, was ihnen entspricht: den Raum beherrschen, Positionen erobern. Denn das ist, aus biologischer Sicht, typisch. „Die Forschung hat allerdings noch nicht identifiziert, wo die biologische Disposition aufhört und die Prägung durch die Umwelt beginnt“, sagt Hurrelmann. Damit sei der Weg offen, die Männerrolle frei zu gestalten.

Das tun in der Praxis Frauen. Die es nicht verstehen, warum Jungen aus jedem Stock eine Waffe machen, kraftstrotzend irgendwelche Sachen zertrümmern und im Freien ein Kriegsgeheul anstimmen, dass es peinlich wird. Der Pankower Kita-Erzieher Jörn Hennig berichtet, dass einer seiner Schützlinge ein Holzmesser mit ins Theater nehmen wollte. Der Grund: Der Kleine hatte Angst und wollte daher den dunklen Zuschauerraum nicht unvorbereitet betreten.

„Aggression wird manchmal fehlinterpretiert“, stellt Hennig fest. Für ihn ist Aggression ein „vitaler Ausdruck, die eigenen Dinge gegenüber anderen in die Hand zu nehmen. Sie bringt Kindern Lebenserfahrung, denn Aggression heißt auch, unterliegen lernen.“ Zur Aggressionserziehung in seiner Kita gehört denn auch, den Kindern Freiraum zu geben: Sie rennen, klettern, fahren Fahrrad. Zudem werden sie regelmäßig in der Kinderrunde nach ihrer Meinung und ihren Gefühlen gefragt: Schlechte Laune ist erlaubt und man muss nicht jedermanns Freund sein. Wer unfair, rücksichtslos und gewalttätig vorgeht, bekommt Konsequenzen zu spüren. Beispielsweise eine Auszeit oder Spielzeugentzug. „Wir sind Tröstepartner der Betroffenen, aber auch der Aggressive soll sich nicht gedemütigt vorkommen“, sagt Jörn Hennig. „Wir alle machen mal was falsch und streben eine Entschuldigung oder Verständigung an.“ Der Erzieher ist übrigens Teil des Kita-Konzepts: Männer in Kitas tragen dazu bei, die Vielfalt der Gesellschaft widerzuspiegeln.

Vor allem haben Jungen in männlichen Pädagogen ein Rollenvorbild. Klaus Hurrelmann hält ein breites Screening aller Einrichtungen für nötig. Das Ziel: jungenfeindliche Strukturen aufdecken und beseitigen, der erfolgreichen Mädchenförderung entsprechend. „Es ist alles zu prüfen: Raum- und Zeitgestaltung, Unterrichtsstoffe und -stil, ob Regeln klar genug und die Sanktionen eindeutig sind“, erläutert der Kinder- und Jugendexperte. Den richtigen Weg sollen die Beteiligten gemeinsam ermitteln. „Die meisten Auseinandersetzungen passieren, wenn eine Kita ganz strenge Antiaggressionsregeln hat – oder umgekehrt wenn Jungen keine Chance bekommen zu zeigen, wie sozialverträglich sie sein können.“

Kompakt

Stopp!

Wo im Konfliktfall die Grenzen des Erlaubten liegen, müssen Kinder erst lernen. Für Erwachsene heißt es daher oft: eingreifen. Laissez faire würde hier bedeuten, die Täter gewähren und die Geschlagenen im Stich zu lassen.

Hilfe anbieten: Wird ein Kind, oder beide, offensichtlich von seiner Wut überwältigt, verhindern Erwachsene die Schlägerei, indem sie die Sprachlosigkeit überwinden helfen (was möchtest du sagen? Beruhige dich, ich bleibe hier).

Gegner trennen: Sind Kinder im heißen Kampf mit Verletzungsgefahr ineinander verkeilt, gilt es, die Gegner zu trennen, namentlich anzusprechen und durch ruhiges Auftreten zu deeskalieren. Parteinahme und zorniges Zurechtweisen vor dem Publikum helfen nicht.

Die Waffen nieder: Gefährliche Gegenstände oder Waffen sind in ernsten Auseinandersetzungen nicht erlaubt.

Gruppendynamik stoppen: Mit oder ohne Anlass können Einzelne zum Angriffsziel einer Gruppe werden – über Stunden, Tage oder Monate hinweg. Dieser Vorgang verselbstständigt sich und schadet allen. Er muss sofort gestoppt, die Angreiferfront aufgelöst und das angegriffene Kind reintegriert werden.

Fummeln verboten: Zwingt oder nötigt ein Kind ein anderes zu sexuellen Handlungen – das kann schon eine Berührung oder teilweises Entkleiden sein –, ist eine rote Linie überschritten.

Wenn Worte treffen: Dienen Drohungen, Schimpfwörter, Hänseleien und Obszönitäten der Einschüchterung, Demütigung und Verletzung, handelt es sich um aggressive Akte. Sie bedürfen, ebenso wie diese, klarer Regeln und Sanktionen. Kindern hilft ein Coolnesstraining beim Umgang mit Verbalschockern.

Meiden tut weh: Ausgrenzung ist für den Betroffenen genauso schmerzhaft wie ein Faustschlag. Ziel dieser unauffälligen Aggression: das Beziehungsnetz des Opfers zu zerstören. Ähnlich schwer zu bemerken sind stille Angriffe wie das Verschwindenlassen von Eigentum des betroffenen Kindes und hinterhältige Streiche. Diese Regelverletzungen sind zu klären und gegebenenfalls zu sanktionieren. Das ausgegrenzte Kind wird gestärkt und wieder einbezogen.

Foto: amw-photography.de

Eine Gratwanderung

Bei allem Bewusstsein für den Sinn von Aggressionen und den richtigen Umgang damit: Es gibt Situationen, in denen auch Erzieher Unterstützung brauchen. So hatten sich in einer Berliner Kita ältere Jungen wiederholt mit einem jüngeren, noch nicht optimal integrierten Mädchen zurückgezogen, es sich entkleiden lassen und untersucht. Die Größeren nutzten dabei ein Machtgefälle aus. Die Erzieher griffen ein, informierten die Eltern und zogen eine Fachstelle für Prävention von sexuellem Missbrauch hinzu – seitdem ist das Team sehr sensibilisiert.

Ein gefährlicher Aggressionsstrudel kann durch folgende Faktoren entstehen: Das Kräfteverhältnis ist ungleich; die Übergriffe passieren (zunächst) still und unbemerkt; und eine unheil- volle Gruppendynamik vervielfacht den Druck auf den Betroffenen. Passiert das wiederholt über längere Zeit, spricht man von Mobbing. „Typisch ist, dass das Kind selbst dieses Geschehen nicht unterbrechen kann und irgendwann nicht mehr an eine Veränderung glaubt“, erläutert der Kriminologe und Sozialpä dagoge Jürgen Fais.

Starke Kinder brauchen Bewegung. Sie beugt Aggressionen vor und ermöglicht es den Heranwachsenden, sich selbst zu spüren.


Foto: Christian Schwier/fotolia.com

Sein Institut für angewandte Gewaltprävention, Paravida aus Köln, führt auf Anfrage Trainings an verschiedenen Einrichtungen durch, vom Kindergarten bis zum Arbeitsplatz. Die Trainer helfen den Heranwachsenden, sich selbst und die Mitschüler besser kennenzulernen. Sie loten Störungen in der Klasse aus, schaffen Empathie für Ausgegrenzte – diskret und immer wertschätzend. „Dabei müssen wir höllisch aufpassen mit Etikettierungen.“ Von Täter- und Opfertypen mag Jürgen Fais nicht sprechen. „Mobbing ist ein soziales Gruppenphänomen. Einer ist federführend, andere wirken als Verstärker oder stille Unterstützer, einer leidet massiv. Täter können auch mal Opfer werden.“ Alle, die auf die Gruppe einwirken wie Lehrer und Eltern, werden einbezogen. Das Ideal ist ein Schulklima, in dem destruktive Aggression bemerkt und beendet wird. Denn sie verengt die Entwicklungschancen der Betroffenen und ramponiert das Schul image. Darüber hinaus schadet sie den Aggressoren, die in eine kriminelle Gewaltkarriere schlittern können.

Wollen sie das nicht, müssen sie Regeln akzeptieren. Das können nicht alle Kinder gleich gut. Die Erwachsenen haben zu klären, woran das liegt, meint Jan-Uwe Rogge. Liegt eine neurologische Störung zugrunde? Dafür bedarf es einer sorgfältigen Diagnose. Kämpft der Aggressor um Aufmerksamkeit? Dann wären die Gründe herauszufinden und zu behandeln. Steht er selbst unter schlimmem Stress? Dann mag die Wurzel des Problems in der Schule oder Familie liegen. Wahre „Schwerstarbeit“ sieht Klaus Hurrelmann noch vor sich, wenn es darum geht, sich faustbetonter Machokultur auf den Schulhöfen entgegenzustemmen.

Buchtipps

Haug-Schnabel, Gabriele: Aggression bei Kindern. Praxiskompetenz für Erzieherinnen. Herder Verlag 2011, 16,95 Euro. Warum sind kleine Kinder aggressiv? Wann muss ich eingreifen? Dieses Buch enthält wissenschaftlich fundiertes Praxiswissen und erhellende Antworten – sehr empfehlenswert auch für Eltern.
Olweus, Dan: Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können. Verlag Hans Huber 2011, 16,95 Euro. Der norwegische Psychologe Dan Olweus räumt durch seine Studien mit gängigen Annahmen über Täter und Opfer auf. Sein Interventionsprogramm ist erprobt und anerkannt.
Rogge, Jan-Uwe: Kinder dürfen aggressiv sein. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2011, 9,99 Euro. Differenzierter Elternratgeber, der viel Verständnis für kindliche Aggression in allen Altersstufen schafft und die Gründe für Regelverletzungen erläutert.

Regeln sind das „A“ und „O“

„Bildungsschwache Jungen flüchten sich in das traditionelle Männerbild, um sich selbst zu schützen und andere unter Druck zu setzen“, stellt er fest. Die Mike Tysons führen dann das Wort; die Max Plancks und Garri Kasparows gelten als Streber. „Es ist ein großes Problem, wenn Lehrer solche Unterströmungen nicht rechtzeitig registrieren“, warnt Hurrelmann. Denn sie hemmen die Leistung der ganzen Klasse.

Die Sache mit Ben und Gereon hatte übrigens kein nennenswertes Nachspiel. Sie gehen inzwischen auf unterschiedliche Schulen mit einem gemeinsamen Schulhof. Da müssen beide wieder ganz unten anfangen, als Jüngste unter mehr als tausend Schülern. Gereons Eltern sind neuerdings getrennt. „Der Arme“, sagt Ben. Auf dem Gymnasium, weiß Ben inzwischen, gibt es ebenfalls Maulhelden, Schläger und Rädelsführer. Er macht jetzt Taekwondo. Man muss auch austeilen können, und zwar richtig.