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Alltags-Schrecken: Der (wahre) Fall Natascha Kampusch: Die Täter sind noch unter uns!


die aktuelle Krimi - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 18.05.2019
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Bildquelle: die aktuelle Krimi, Ausgabe 3/2019

Eine schmale Treppe führte zum Kellerverlies. „Ich lebte in diesem Loch. Ich schlief in diesem Loch. Tagsüber hat mich Herr Priklopil nach oben gelassen.“


In diesem Haus in der Heinestraße 60 in Strasshof bei Wien war Natascha eingesperrt


Der Fall Natascha Kampusch ist wohl einer der obskursten und undurchsichtigsten in der österreichischen Kriminalgeschichte. Niemals wurde so sehr gelogen, betrogen, vertuscht. Spuren verwischt. Hanebüchene Urteile gefällt. Ermittlungen schlampig geführt. Menschen starben unter mysteriösen Umständen. Und jedes Mal sollen es Selbstmorde gewesen sein. Wie der Tod des ...

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... Entführers Wolfgang Priklopil, der sich angeblich vor einen Zug geworfen hat. Wie der Tod von Oberst Franz Kröll, Chef der „Soko Kampusch“, der sich angeblich erschossen hat. In beiden Fällen sagen Indizien etwas erschreckend anderes.

Fragen über Fragen. Fragen, die irritieren, die verstören, die aber auch Angst machen.

Warum wurde der Fall Kampusch beinahe überstürzt nach drei Monaten abgeschlossen, obwohl die Ermittlungen gerademal am Anfang waren? Nichts war geklärt – außer, dass der Entführer ums Leben kam.Warum wurde nicht mit Hochdruck ermittelt? Oder durfte es etwa nicht? Welche dunkle Rolle spielte Priklopils Freund Ernst H. bei der Entführung? Obwohl er sich immer wieder in Widersprüche verstrickte und obwohl er dreist log, wollte offenbar keinem einfallen, dass er der Komplize sein könnte …

Warum wollte man der einzigen Augenzeugin der Tat partout nicht glauben, dass sie einen zweiten Entführer gesehen hat. Die Schülerin stand nur wenige Meter vom Fluchtauto entfernt. Warum hat man ihr kein Foto des Verdächtigen Ernst H. gezeigt?

Warum hat man die Mutter des Entführers schnell hinter einer neuen Identität versteckt? Was wusste sie, was keiner erfahren durfte?

Warum wurde die Angestellte von Nataschas Mutter, als überspannt und geltungssüchtig behandelt, weil sie zu Protokoll gege- ben hatte, dass sie Priklopil mit einem Freund in deren Wohnung gesehen hatte?

Wer diesen TV-Moment am 7. September 2006 miterlebt hat, wird ihn wohl nie mehr vergessen. Nach 3096 Tagen tritt Natascha Kampusch in Wien vor die Kameras. Ihre Verunsicherung ist beinahe körperlich zu spüren. Sie spricht über ihr Martyrium. Über ihren Peiniger sagt sie: „Manchmal hätte ich ihm den Kopf mit einer Axt abhacken können …“

von Hans Huslisti

Die zwielichtige Rolle von Nataschas Mutter hat die Ermittler nicht einmal dann aufgerüttelt, als plötzlich der ehemalige Richter Martin Wabel öffentlich behauptete: Nataschas Mutter sei in die Entführung ihrer Tochter involviert gewesen.

Ludwig Adamovic, ehemaliger Präsident des Verfassungsgerichtshofs und Vorsitzender der Kampusch-Kommission, der die Ermittlungspannen und Ungereimtheiten im Entführungsfall prüfen sollte, hat genau das Thema Mutter und Elternhaus sehr kritisch angesprochen. Dafür hat man ihn vor Gericht gestellt wie einen Verbrecher.

Der weiße Kastenwagen, in dem die Zehnjährige auf ihrem Schulweg entführt wurde


Wer hatte ein Interesse daran, dass dieser Fall nie gelöst werden darf? Wer sind die Drahtzieher? Wer geht dafür über Leichen?

Ich, der Reporter vondie aktuelle , wollte hinter dieses unheimliche Geheimnis kommen. Ich machte mich auf eine lange und gefährliche Reise.

Nach vielen Monaten fand ich die Mutter des Entführers Wolfgang Priklopil.

Sie wusste Erschreckendes. Warum interessierte sich die Polizei nicht dafür?

Ich fand Ernst H., den Freund und Geschäftspartner von Wolfgang Priklopil. Er log, bis ich ihn mit Fakten konfrontierte, die er nicht mehr leugnen konnte.

Es gelang mir auch nach mehr als eineinhalb Jahren die Zeugin der Entführung von Natascha Kampusch zu finden. Eine jetzt psychisch zerstörte junge Frau, die allein kaum mehr lebensfähig war.

Meine Spurensuche führte mich schließlich in den stinkenden Sumpf der Abartigkeit – in die Kindersex-Szene Wiens. Mir wurden Namen von Personen zugespielt, zum Teil hoch angesehene Persönlichkeiten, die zu der perversen Klientel gehörten.

Von da an wurde es für mich gefährlich …

Die Entführung

Es ist der Morgen des 2. März 1998, kurz nach sieben Uhr. Zwei Mädchen auf dem Weg zur Schule. Beide scheinen noch etwas träge zu sein, wahrscheinlich vom frühen Aufstehen, vielleicht auch von der Kälte dieses März-Morgens. Die Ältere nimmt die Jüngere, die einen Steinwurf vor ihr geht, kaum wahr. Wahrscheinlich, weil eine Zehnjährige in den Augen einer Zwölfjährigen noch ein Kind ist.

Dieses Kind nähert sich langsam einemweißen Transporter, der an der Straße parkt.

Bis zur Schule sind es nur noch einhundertfünfzig Meter.

Aus unerklärlichen Gründen hebt das große Mädchen hinter ihr erschrocken den Kopf – beinahe so, als hätte jemand ihren Namen gerufen.

Das Kind vor ihr ist jetzt nur noch wenige Schritte von dem weißen Transporter entfernt, dessen Scheiben stark verdunkelt sind. Nur Sekunden ihrer kindlichen Unschuld sollten den beiden Mädchen noch bleiben, bevor sich ihre Schicksalswege verhängnisvoll kreuzen. Für wenige Augenblicke nur, aber lange genug, um das Leben beider Mädchen zu zerstören.

Später schilderte der Vater der Älteren die Situation folgendermaßen: Als die Zehnjährige das Auto erreicht, bleibt seine Tochter wie erstarrt stehen, weil zwei Männer aus dem Transporter springen und sich sofort auf das kleine Mädchen stürzen. Mit schreckgeweiteten Augen erlebt die Ältere mit, wie die Kerle die Jüngere von der Straße wegreißen. Bevor sie mit dem Kind im Auto verschwinden, dreht sich der Kidnapper mit der Mütze zu der Zwölfjährigen um. Ihre Blicke treffen sich. Nur für einen kurzen Moment, aber lange genug, dass sich der böse Blick des Mannes unauslöschlich in ihre Seele brennen konnte. Wie ein Brandzeichen in das Fell eines Tieres.

Als der weiße Wagen längst außer Sicht ist, spürt die Zwölfjährige, wie sich allmählich ihre Angststarre löst. Dann rennt sie los.

An diesem Morgen wird die Natascha Kampusch von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil in ein Verlies im Keller seines Hauses in Strasshof bei Wien gesperrt. Von da an ist sie die Sklavin eines Kinderschänders. Das andere Mädchen, die Zeugin Kerstin Werner (Name geändert), fällt in eine ewige Hölle der Angst …

Die Flucht

Strasshof bei Wien, Heinestrasse 60. Acht Jahre später.

Die mittlerweile fast achtzehnjährige Natascha Kampusch kann in einem unbeobachteten Augenblick aus ihrem Gefängnis fliehen und sich zu Nachbarn retten, die sofort die Polizei verständigten. Die Beamten verstecken das verstörte

Mädchen unter einer blauen Wolldecke und fahren es zum Polizeirevier.

Ein Glückstag für Natascha Kampusch. Aber ein schwarzer Tag für die Justiz, die Polizei und die Politik. Weil mit diesem 23. August 2006 eines der dunkelsten Kapitel in der österreichischen Verbrechens-Historie beginnen sollte.

Wien im März 1998: Mit solchen Plakaten suchte man nach der vermissten Schülerin


Der Fall Kampusch Wurde der Chef- Ermittler ermordet, weil er hochrangigen Kinderschändern auf der Spur war?

Der Entführer

Stunden nach der Flucht seines Opfers legt sich Wolfgang Priklopil auf ein Bahngleis und lässt sich von einem Zug überfahren. Der rechtsmedizinische Gutachter geht von einer „wahrscheinlichen Selbsttötung“ aus. Die Staatsanwaltschaft spricht von von Selbstmord.

Die Tat eines Ausweglosen!

„Es war Mord!“ widersprach später kein Geringerer als der damals höchste Richter Österreichs und Mitglied der Untersuchungs- Kommission Kampusch: „Der Entführer wurde bestialisch ermordet und anschließend auf das Gleis gelegt.“

Chef-Ermittler Kröll (re. im Bild) neben Ludwig Adamovic (li.), Leiter der Untersuchungs- Kommission


Täter Wolfgang Priklopil (u.) warf sich am Abend nach Nataschas Entkommen vor einen Zug


Nataschas Schicksal weckte internationales Interesse: Dieses Foto entstand für die „Times


Die Indizien von Richter Johann Rzeszut waren überzeugend: „Prikopils Kopf und Rumpf lagen beide zwischen den Schienen, was beim Überrollen des Halses durch die Räder ausgeschlossen ist“, erklärte er. „Bei einer Köpfung fließt zudem sehr viel Blut, aber es war kaum Blut auf den Gleisen.“

Der Richter attackierte Polizei, Justiz und Politik scharf. In seiner Zeit als Staatsanwalt und Richter habe er so eine Art der Ermittlung noch nie erlebt. Dass ein Kriminalfall mit einem Mordverdacht abgeschlossen wurde, noch bevor alle notwendigen Ermittlungen abgeschlossen waren, sei ein Skandal!

Der bislang hochgeachtete Richter wurde daraufhin als Verschwörungs-Theoretiker diffamiert …

Die Anwälte

Gleich nach ihrer Flucht kümmerte sich eine junge Polizeibeamtin um Natascha Kampusch. Ihr hat sie sich den ganzen Nachmittag geöffnet, von ihrem Leben mit dem Entführer erzählt und von ihrem jahrelangen Martyrium im Keller-Verlies.

Danach geschah etwas, wofür es beim besten Willen nur eine Erklärung geben kann – nämlich Beeinflussung und Verschleierung.

Plötzlich tauchten Anwälte und Medien- Betreuer auf, die sich sofort um das Entführungsopfer kümmerten. Die Polizei-Beamtin wurden augenblicklich weggeschickt. Wer sie herbestellt hatte – und vor allem so schnell, blieb im Dunkeln. Kein Kriminalbeamter durfte von da an mehr zu dem Opfer. Drei Tage lang. Danach war Natascha Kampusch wie ausgewechselt. Sie beantwortete Fragen nur noch in Abstimmung eines Anwalts.

Es müssen schlimme Geschichten gewesen sein, die die betreuende Polizistin von Natascha Kampusch gehört hatte. Wahrheiten vielleicht sogar, die angesehene Persönlichkeiten ins Gefängnis gebracht hätten.

Musste die Polizistin deshalb eiligst aus der Schusslinie genommen werden?

Sie wusste zuviel und ist daher zu eine Gefahr georden, sagte mir später ein Ermittler.

Priklopils Mutter

Nach mehr als einem Jahr Suche war ich endlich am Ziel. Ich stand vor der Wohnungstür der Mutter des Entführers. Die Polizei hatte ihr eine andere Identität gegeben. Und eine andere Wohnung. An der Tür klebte ihr neuer Name: „Gerda Berger“ (Name geändert). Im Treppenhaus im dritten Stock war es schummrig. Es brannte nur eine einzige Lampe. Draußen war es bereits dunkel. Ich läutete …

Wer ist da? fragte eine verunsicherte Stimme. – Ich stellte mich vor.

Ich mache niemandem auf! entschied sie. Frau Priklopil, ich würde gerne mit Ihnen sprechen. – Keine Antwort. Frau Priklopil, sagte ich etwas lauter. – Ich verstummte, als ich hörte, wie sie den Schlüssel umdrehte und langsam die Tür öffnete. Aus der Dunkelheit ihres Flurs erschien eine kleine ältere Frau mit kurzen grauen Haaren.

Kommen sie rein, sagte sie verängstigt. Aber bitte nicht mehr diesen Namen! Bitte! Sie haben mich also doch gefunden, meinte

Waltraud Priklopil kraftlos, als sie die Tür sofort wieder hinter sich geschlossen hatte. Das Wohnzimmer war düster. Von der Straße fiel ein schwacher Lichtschein durchs Fenster, so dass ich die Umrisse ihres Gesichts erkennen konnte.

Licht erschreckt mich, erklärte sie. – Wir setzten uns auf das Sofa.

Wenn das alles wieder von vorne losgeht, die Angst, das Verstecken … Wie soll ich das noch einmal überleben? – Ich hörte sie leise schluchzen. Ich hielt ihre Hand. Sie zitterte.

Ich habe die Polizisten immer wieder gefragt, ob mein Sohn ihr was angetan hat, der Natascha. Nein, haben sie gesagt. Ich habe aufgeatmet. Die haben sich doch geliebt, sagt sie dann noch.

Geliebt? Wer sagt das?

Der Ernstl hat mir das gesagt. Der hat mir viel von den beiden erzählt (Info: Ernst H. war der Freund ihres Sohnes und Minderheits-Partner seiner Baufirma).

Nach ihrer Flucht wird Natascha mit einer blauen Wolldecke vor den Blicken Neugieriger abgeschirmt


Der Fall Kampusch Ist Priklopils Komplize heute auf freiem Fuß?

Ernst H., der Freund von Wolfgang Priklopil. Er wurde verdächtigt, Komplize des Entführers zu sein


Das Keller-Gefängnis, in dem Natascha beinahe ihre ganze Jugend verbringen musste


Woher will er das wissen?

Er kennt doch die Natascha sehr gut. Er war öfter daheim bei meinem Sohn in Strasshof. Er hat noch heute Kontakt zu ihr.

Sind Sie da sicher?

Natürlich. Er kümmert sich um sie, seit sie in Freiheit ist. Er kümmert sich auch um mich.

Das hat er Ihnen gesagt, dass er sich um Natascha kümmert?

Ja, das hat er mir öfter erzählt.

Wie lange kennen Sie den Ernstl schon?

Sehr lange. Viele Jahre. Mein Sohn und er waren doch Freunde. Wenn etwas am Haus gerichtet werden musste, hat er ihm geholfen.

Hat er auch geholfen, als Ihr Sohn den Keller ausbaute? Erinnern Sie sich noch daran?

Es ist schon lange her, aber daran erinnere ich mich noch genau, weil mein Sohn mir damals sagte, dass ich die nächste Zeit nicht mehr zu ihm kommen soll, weil er den Keller umbauen will und es sehr laut wird im Haus. Der Ernstl hilft ihm dabei, hat er gesagt. – Frau Priklopil schwieg einen Moment, als würde sie über etwas nachdenken. Dann sagte sie: Der Ernstl wusste bestimmt nicht, dass mein Sohn ein Verlies bauen will. Er ist so ein guter Mensch, der Ernstl. Und so hilfsbereit. Wenn er kommt, fragt er mich immer, was er für mich tun kann. Er erzählt mir auch jedesmal von Natascha. Ich habe ihm gesagt, dass ich sie treffen möchte. Wenn ich wieder Kraft habe.

Haben Sie Natascha kennengelernt?

Nein. Ich habe das Haus meines Sohnes geputzt. Und ihm oft für die ganze Woche vorgekocht. Aber ich habe nie eine Frau gesehen.

Waren Sie auch im Keller?

Selten.

Ist Ihnen da eine geheime Tür aufgefallen?

Sie meinen das Verlies. Da stand ein Schrank davor. Ich weiß von der Polizei, dass dahinter der Eingang zum Verlies war.

Wie war ihr Verhältnis zu Ihrem Sohn?

Ich habe immer geglaubt, ich kenne ihn gut. – Wieder schweigt Waltraud Priklopil. Dann höre ich sie schluchzen …

Aus dem Fernsehen habe ich erfahren, dass sich mein Sohn vor einen Zug geworfen hat. Stunden vorher habe ich von der Polizei das mit Natascha gehört, dass sie seine Gefangene war. Und dass der Wolfgang auf der Flucht ist. Ich bin sehr lange verhört worden. Ich habe alles erzählt.

Haben Sie auch über seinen Freund, den Ernstl, gesprochen?

Alles, was ich wusste, habe ich erzählt. Ich hatte danach monatelange Albträume. Ich habe schwerste Psychopharmaka nehmen müssen.

Priklopils Freund

Bevor ich mit Priklopils Freund sprach, hatte ich mich länger in seinem Umfeld umgehört. Einer seiner Geschäftspartner ließ keinen Zweifel daran, dass Ernst H. sehr wohl Natascha Kampusch gekannt habe. Er, der Geschäftspartner, könne sich noch gut daran erinnern, dass er Priklopil und Natascha in einer Halle, die Ernst H. gehörte, angetroffen habe. Das Mädchen habe er da zum ersten Mal gesehen. Ob das Priklopils Freundin gewesen sei, habe er den Ernst später gefragt?

Nein, hatte der geantwortet, eher ein Mädchen, mit der man Spaß habe.

Dafür sei sie aber noch sehr jung. Wie alt sie denn sei, hatte er gefragt.

Die Natascha? Sechzehn vielleicht, meinte Ernst H. Der Priklopil stehe doch auf junge Mädchen. Je jünger, umso besser. Später konfrontierte ich Ernst H. dann mit den Aussagen von Priklopils Mutter und mit denen seines Partners.

Herr H., Sie sagten der Polizei, dass Sie Natascha Kampusch nicht kennen würden und sie nie gesehen haben. Ist das richtig?

Genauo so ist es. Ich kenne sie nicht.

Dann lügt Ihr Geschäftspartner.

Warum?

Weil er mir sagte, dass Sie Natascha sehr wohl kennen. Sie war mit Priklopil in Ihrer Halle.

Stimmt. Er hatte ein Mädchen dabei, das ich aber nicht kannte. Erst nach ihrer Flucht wusste ich, dass es Natascha Kampusch war.

Ihr Partner sagte, Sie wussten damals alles von ihr: Name, Alter – und dass es ein Mädchen fürs Vergnügen sei, für den Spaß, sagte er … Sagte er das?

Die Mutter Ihres Freundes …

Der Priklopil war nicht mein Freund!

Seine Mutter sagte mir aber, Sie und Ihr Sohn wären bis zuletzt Freunde gewesen. Sie sagte auch, dass Sie Natascha schon lange kennen.

Seine Mutter soll das gesagt haben? Mit der haben sich mit Sicherheit nicht gesprochen.

Das mag sein. Ich habe auch gar nicht mit Frau Priklopil gesprochen.

Mit wem denn dann?

Mit Frau Berger.

– Für einen Augenblick schien es Ernst H. die Sprache verschlagen zu haben.

Lügt Frau Berger, wenn sie behauptet, dass Sie Natascha schon lange kennen?

Ich kenne sie gar nicht.

Dann lügt sie?

Sie bringt da wohl etwas durcheinander. Sie ist eine ältere Frau mit einem schweren Schicksal.

Sie seien öfter bei ihrem Sohn zu Hause gewesen. Deshalb kennen Sie Natascha. Das hat sie auch gesagt.

Das hat sie nicht gesagt.

Wissen Sie, was sie noch sagte? Noch heute hätten Sie Kontakt zu ihr. Stimmt das auch nicht?

– Er überlegt länger …

Zugegeben, sie hat mich nach ihrer Flucht angerufen.

Wollen Sie mir ernsthaft erzählen, dass ein Mädchen, das gerade ihrem Peiniger entkommen ist, als erstes den Freund ihres Peinigers anruft?

Der Priklopil hat ihr wahrscheinlich erzählt, wenn ihm etwas passieren sollte, solle sie mich anrufen. Kann ich mir vorstellen.

Zeitungen in der ganzen Welt berichteten über das unfassbare Verbrechen


2010 erschien eine Biografie, die alle erschütterte: Natascha Kampusch schrieb sich die Hölle von der Seele


Der Fall Kampusch Was hat die Polizei der einzigen A ugenzeugin angetan?

Ich mir nicht.

Niemand zwingt Sie.

Ich glaube Frau Priklopil. Ich glaube, dass Sie mitgeholfen haben, das Verlies zu bauen.

Hat sie das auch gesagt?

Sie hat mir noch viel mehr gesagt …

Ich habe ihm Gerätschaften geliehen – das gebe ich zu. Er wollte den Keller ausbauen.

Haben Sie ihm dabei geholfen?

Hin und wieder. Aber ich wusste nicht, dass es ein Verlies werden sollte.

Worüber sprechen Sie eigentlich mit Natascha, wenn sie sie treffen?

Was glauben Sie?

Ich glaube, dass Sie Natascha unter Druck setzen. Dass Sie ihr Angst machen. Deshalb schweigt sie bis heute.

Und ich glaube, dass Sie Ärger bekommen, wenn sie das alles schreiben sollten …!

Natascha Kampusch ist heute eine selbstbewusste Frau. Psychologen halfen ihr wieder zurück ins Leben


Nataschas Vater, Ludwig Koch, ging auf Ernst H. los. Der spielte bei dem Verbrechen eine zwielichtige Rolle


Die Augenzeugin

Ich fand Kerstin Werner (Name geändert) nach fast zwei Jahren. Eine junge Frau mit schwarzen Haaren und dunklem Teint, die nicht mehr lebensfähig wäre ohne ihre Eltern. „Meine Tochter“, sagte ihr Vater, „ist an der Angst vor dem zweiten Entführer zerbrochen. Und sie zerbrach an der Polizei, die ihr nicht glauben wollte, dass sie einen zweiten Entführer gesehen hat. An einer Polizei, die eineinhalb Jahre lang auf ihrer Seele herumgetrampelt ist. Alle paar Tage haben sie Kerstin zu irgendeinem weißen Lieferwagen gefahren, den sie als das Entführungsauto identifizieren sollte. Priklopis Lieferwagen haben sie ihr nicht gezeigt. Sie musste unzählige Fotos anschauen, ob einer der Männer der Entführer sein könnte. Hundertmal musste sie dieselbe Geschichte erzählen. Es waren zwei, wiederholte Kerstin, bis sie keine Kraft mehr hatte. Papa, sagte sie immer zu mir, Papa, du glaubst mir doch! Wir alle glauben dir, beruhigte ich sie jedesmal.

Kerstin hatte Angst, nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße zu gehen. Überall glaubte sie den Entführer zu sehen, der ihr auflauerte. Nach Nataschas Flucht und Priklopils Tod, hofften wir, dass jetzt alles vorbei ist. Als die Zeitungen von schlampigen Ermittlungen schrieben und von einem möglichen zweiten Entführer, brach sie wieder zusammen.“

In der ARD-Talkshow „Beckmann“ stellte sich das prominente Opfer auch unangenehmen Fragen


Als es um Wolfgang Priklopil ging, sagte Natascha: „Über einen Toten zu schimpfen ist nicht schön“


Der Fall Kampusch Was verschwieg Natascha und was wusste ihre Mutter?

Der Polizei-Oberst

Das Telefon läutete als ich die Tür meines Hotelzimmers aufschloss. Es war 23: 15 Uhr. Ich nahm den Hörer ab …Hallo! Sie sind auf der falschen Fährte, wollte ich Ihnen sagen.

Wer spricht da?

Spielt im Moment keine Rolle.

Woher wissen Sie, dass ich …

Sie wohnen doch immer im „Marriott“ wenn sie in Wien sind. Wir kennen uns. Wir sind uns im Laufe ihrer Kampusch-Recherchen über den Weg gelaufen. Sie haben einiges aufgedeckt, aber Sie kreisen nur um den Sumpf, den sie austrocknen sollen. Ich helfe Ihnen, da reinzukommen. Wenn sie keine Angst haben.

Von welchem Sumpf, sprechen Sie?

Den Sie selbst mal mit Namen angesprochen haben. Ich war da ganz in Ihrer Nähe.

Keine Ahnung, wovon Sie sprechen …

Von Kindersex. Von einer Szene, zu der Richter, Staatsanwälte, Politiker und Polizisten gehören. Der Fall Kampusch spielt in dieser Szene. Deshalb darf dieser Fall auch nicht gelöst werden. Koste es, was es wolle. Haben Sie etwas zu schreiben? Ich gebe Ihnen jetzt erstmal zwei Namen von Personen, die in der Kindersex-Szene mitmischen. Bernd Hain (Name geändert). Er ist Polizeibeamter im 15. Bezirk. Und Lena Lösch (Name geändert). Sie ist eine hohe Beamtin im Innenministerium und eine der führenden Gestalten der Szene. Frau Lösch versorgt die perverse Klientel mit Kindern. Die Orgien finden an Wochenenden in gemieteten Häuser rund um Wien statt.

Sind das entführte Kinder wie Natascha Kampusch?

Auch. Aber Sie werden es mir nicht glauben: Nicht wenige Kinder werden von ihren Eltern für diese Orgien vermietet.

Gehörte Priklopil auch zu dieser Szene?

Er war ein kleines Licht. In der Drogenszene würde man ihn als Dealer bezeichnen. Ich denke, diese Informationen dürften zunächst einmal reichen. Seien Sie vorsichtig. In dieser Szene wird nicht lange gefackelt …

Detektiv Walter Pöchhacker und Ex-Richter Martin Wabel betrachteten die Rolle von Nataschas Mutter kritisch


In ihrem Buch ließ Mama Brigitta ihren Mann schlecht dastehen. Wollte sie von eigener Schuld ablenken?


Der Tod des Ermittlers wurde als Selbstmord dargestellt. Es war Mord, schriebdie aktuelle


Zwei Tage später rief ich Oberst Franz Kröll an, den Leiter der „Soko Kampusch“ im Bundeskriminalamt. Am Nachmittag war ich bei ihm im Büro, in dem noch zwei Kollegen saßen. In dem Augenblick, als ich den Namen der Beamtin vom Innenministerium aussprach, stand der Oberst auf und sagte, reden wir im Kaffeehaus weiter. Sie trinken doch Kaffee? Wir bestellten zwei große Braune. „Ich bin in meinem Büro nicht mehr sicher“, gestand Kröll. „Es gibt Kollegen, die mich anfeinden, weil ich mich weiter so in den Fall Kampusch hineinknie. Man will mich loshaben. Es sind schon Akten von meinem Tisch verschwunden. Vor kurzem fand ich morgens einen Strick auf meinem Bürostuhl …!“

Ein paar Wochen später lag ein Brief ohne Absender auf meinem Schreibtisch. Von meinem Informanten. Auf einem Zettel standen drei Namen von prominenten Kunden der Kindersex-Szene: der eines Politikers aus Niederösterreich, eines Staatsanwalts und eines Bauunternehmers aus Wien. Ich traf mich wieder mit Oberst Kröll. „Wenn ich in diese Blase aus Abartigkeit, Sex und Erpressung steche, meinte er, „wird es ein Beben in Österreich geben. Ich muss gegen einflussreiche Personen ermitteln. Das kann tödlich enden. Und ich habe so gut wie keine Unterstützung mehr. Ja, ich habe Angst, aber ich werde da reinstechen!“

Drei Wochen danach rief mich mein Informant wieder im Hotel an … Ich: „Woher wissen Sie, dass ich in Wien bin?“ Er: „Ich bin ein neugieriger Mensch. Meine Neugierde könnte mir mal zum Verhängnis werden.“Nachdem ich ihm von Oberst Kröll berichtet hatte. erzählte er: „Nächste Woche Samstag wird ein großes Hotel eingeweiht. Es kommen viele Ehrengäste. Darunter auch abartige. Am Abend wird ein schwarzer Van mit verdunkelten Scheiben in die Tiefgarage des Hotels fahren. In dem Wagen sind Kinder …“ Dann legte er auf. Bald danach wurden die Ermittlungen im Fall Kampusch eingestellt und Oberst Kröll auf einen Polizeiposten bei Graz abgeschoben. Er sollte nur noch als einfacher Polizist arbeiten. Kröll meldete sich krank und ermittelte heimlich weiter. Kollegen kamen dahinter. Kurz darauf fand seine geschiedene Frau den Oberst auf der Terrasse seines Hauses – erschossen.

Noch nie stand die Todesursache so schnell fest – trotz erheblicher Zweifel: Selbstmord!