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Als der Pott kocht


G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 27.08.2021

1945 – 2001

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Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 3/2021

Duisburger Feuertopf Geschmolzener Stahl fließt in eine Gussform, Aufnahme von 1987. Bis heute ist Duisburg Europas größter Stahlproduzent

Die Glocken der St.-Anna- Kirche läuten, als die Engländer auf dem Werksgelände des Dortmund-Hörder Hüttenvereins am 29. Januar 1951 das tonnenschwere Querhaupt der größten deutschen Schmiedepresse abholen. Die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung« (WAZ) berichtet später von dem Ereignis und dem »Trauergeläut« für den Stahl-Koloss, der »nun endgültig für Deutschland verloren ist«. Keine guten Nachrichten. Und doch: Der Abtransport nach England ist die letzte Demontage im Ruhrgebiet, die letzte industrielle Abrüstung der noch jungen Bundesrepublik als Reparation an die alliierten Sieger des Zweiten Weltkriegs. Die Hoffnung auf bessere Zeiten begleitet das Geläut. Und die kommen.

Das eiserne Herz Deutschlands schlägt stärker als je zuvor

Fünf Jahre später: Trauer war gestern. Der Pott kocht. Zwischen Dortmund und Duisburg, Ruhr, Lippe und Emscher brummt es. Der Bergbau mit bis zu 600 000 ...

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... Kumpeln in rund 170 Zechen erreicht seinen Höhepunkt. 125 Millionen Tonnen Ruhrkohle werden 1956 gefördert, viermal mehr als 1945. Das Land der Zechen und Hütten ist wieder da; nicht nur in Dortmund herrscht Vollbeschäftigung, nicht nur in Essen laufen die Förderkörbe heiß. Die Kohle, das »schwarze Gold« des Ruhrgebiets, heizt das Wirtschaftswunder kräftig an. Eine goldene Ära, nach so kurzer Zeit. Wie schnell sie vergeht, weiß noch niemand.

Der fixe Aufschwung der Ruhrkohle nach der Stunde Null ist kein Zufall. Er ist das Ziel der Alliierten, denn der wichtigste Grundstoff für den Wiederaufbau ist Mangelware: Es fehlt an Energie – für Wärme, Bauten, Wege, Waren. Unter alliierter Kontrolle, die Schritt für Schritt in deutsche Hände wechselt, soll es tief im Westen zügig wieder bergauf gehen – oder eher bergab. Zwischen Marshall-Plan und Muskelkraft wird die Ruhrkohle zum Katalysator des deutschen Neubeginns. Sie bringt auch den Stahl wieder zum Kochen, der stärker von Demontagen und Kriegsschäden betroffen ist und erst in den 1960ern richtig in Fahrt kommt. Da hauen sie Hunderte Meter unter Tage schon längst an der Zukunft.

Harte Zeiten hat das Revier hinter sich. Auf die Trümmer des Weltkriegs, Besatzung, Hungerwinter und Streiks, Flüchtlingsnot und verdrängte Schuld folgt an der Schwelle der 50er erst allmählich die Erholung. »Die große Hoffnung – Ruhrkohle«, titelt der »Spiegel« schon 1947. Deutsche und Alliierte teilen sie. Schließlich ist der Pott seit 100 Jahren nicht nur das industrielle Herz des Landes, sondern auch ein Montan-Hotspot Europas.

Mitbestimmung, Montanunion und Malocher aus dem Süden

Getrieben vom enormen Bedarf, gelingt bis Mitte der 50er der Aufschwung im Pott – auch für seine Hauptpersonen. 1951, im Jahr der letzten Demontage, beschert ihnen das Montan-Mitbestimmungsgesetz einen Meilenstein der Arbeitergeschichte. Bei Kohle, Eisen und Stahl haben fortan die Malocher mitzureden. Schließlich hängt von ihnen alles ab.

Arbeit gibt es genug, nicht aber Nahrung und Wohnraum in den zerstörten Städten, in die nun auch die Ost-Flüchtlinge drängen. Die Politik reagiert, umwirbt neue Arbeiter mit Versorgungs-, Wohnungsbau- und Währungsprogrammen, die Unternehmen tun das mit Modernisierung. Unterdessen wird das Ruhrgebiet »mit alliierter Hilfe« zum »Zentrum des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders«, wie der Historiker Stefan Berger von der Ruhr- Universität Bochum schreibt. 1952 avanciert es gar zum »Schrittmacher der europäischen Einigung«. Die Montanunion nach der Idee des französischen Außenministers Robert Schuman wird mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) zum Vorläufer der EU. Nun soll die Ruhrindustrie unter größerem Dach brummen.

Auch die Arbeiterschaft wird international. Anwerbeabkommen der Bundesrepublik bringen zur Boom-Zeit junge Männer aus Südeuropa und der Türkei an die Ruhr. Es braucht gute Konstitution für die tägliche Plackerei in Staub und Hitze, Dreck und Enge. Weil es gutes Geld gibt, kommen trotzdem viele.

Die Städte des Ruhrgebiets werden nicht nur bunter, sondern auch voller. Die Bergleute und Stahlarbeiter zählen aber auch zu den Top-Verdienern der Republik. 1956 kommt in Dortmund der 624 000. Einwohner zur Welt, in der Krupp-Stadt Essen der 700 000. Kohle bringt Geld, Wohlstand, Veränderung. Die Arbeiter und ihre Familien können bald selbst teilnehmen an den Segnungen des wirtschaftlichen Booms: Auto, Urlaub, Fernseher.

Der Nebel des Grauens

Im Januar 1985 erlebt das Ruhrgebiet seinen ersten Smog-Alarm der Stufe III mit Fahrverboten und Drosselung der Industrie. Durch die Großwetterlage war der Anteil des Schwefeldioxids in der Luft rapide angestiegen

Die Schattenseiten im Land der tausend Feuer – mit dem Stahl-Aufschwung der 60er laufen auch die Hochöfen heiß – erleben nicht nur die Kocher und Kumpel, die ihre Arbeit krank macht. Das ganze Revier kennt Lungenleiden und Flecken auf weißer Wäsche, den Dunst, den rot glühenden Himmel, den Smog-Alarm. Nicht erst der wahlkämpfende Willy Brandt erklärt 1961, dass es über der Ruhr wieder blau werden müsse – was erst später gelingt.

Kultur für die Kumpel und der lange Schatten der Kohlekrise

Erst einmal stehen die Zeichen auf Konsum – und auf Kultur. Angeschoben von den starken Gewerkschaften, Vereinen und der Politik in Nordrhein-Westfalen, erblüht das Revier auch abseits von Kohle und Stahl, zwischen Gartenschauen und Konzerten, Freizeit und Kunst. Dortmund bekommt 1952 eine neue Westfalenhalle, Essen 1958 seine Grugahalle. Bochum macht Neues mit Schauspielhaus, Sternwarte, Planetarium, Opel-Werk und Ruhr-Uni. In Recklinghausen öffnet 1965 das Haus der Ruhrfestspiele – das Festival, das einst mit einer Kohlespende begann. Aus Kohle wird Wandel. Das ist nötig. Denn der Boom endet.

1958 beginnt die Kohlekrise. Schuld ist nicht nur das günstige Erdöl, das die teure Steinkohle ablöst. An der Ruhr sind sie fassungslos. Millionen Tonnen bleiben auf Halde, die erste Zeche schließt, erste Feierschichten nützen nichts. Ein langsames Sterben setzt ein – von Überproduktion bis zu Milliarden-Hilfen. Kurz nach der Ölkrise, die das ganze Wirtschaftswunder stoppt, kommt dann die Stahlkrise an die Ruhr. Nach einem Rekordjahr 1974 wackelt auch die zweite Säule des Reviers. 2001 wird wieder in Dortmund demontiert. Die Hochöfen der Westfalenhütte hat China gekauft. Nun läuten erneut Glocken zum Abschied. Und zur Erinnerung. An Zeiten, als der Pott kochte.

LESETIPP

Reinhard Krause: »Woanders is auch scheiße! Das Ruhrgebiet in den 1980er Jahren«.

Emons 2017, € 20,–