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Als die Bundesliga im Schnee versank


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 50/2022 vom 14.12.2022

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 50/2022

Auch der HSV-Superstar packt mit an: Kevin Keegan hilft, auf den Zuschauerrängen im Hamburger Volksparkstadion Schnee zu räumen

Das Stadion war gut gefüllt, die Elf der Gastgeber und der Schiedsrichter warteten schon. Nur die Gäste ließen sich etwas Zeit. Ein Hauch von Meuterei lag in der Luft an jenem 27. Januar 1979 in Bielefeld: Eintracht Frankfurt wollte nicht antreten. Kapitän und Weltmeister Jürgen Grabowski († 77) zeterte: „Bei diesen Bedingungen muss man einfach absagen. Die Spieler sind die Gelackmeierten und die Zuschauer die Betrogenen.“ Da sprach Trainer Friedel Rausch († 77) ein Machtwort: „Jetzt sind wir hier, jetzt spielen wir auch. Stellt euch vor, ihr hättet einen grünen Rasen vor euch.“ Der Trainer setzte sich durch, doch ebenso die Annahme von Grabowski. Das Spiel endete 0:0, und hinterher sagte auch Arminen-Trainer Otto Rehhagel: „Bei diesen Bodenverhältnissen konnten wir unser gewohntes Spiel nicht aufziehen. Ich kann mich an wenige Winter in meiner Laufbahn als Spieler und Trainer erinnern, die ...

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... so hart waren wie dieser.“

???

Der Winter 1978/79 ging als Katastrophenwinter in die Geschichtsbücher ein. Eisige Kälte, meterhoher Schnee, Windstärke 10. HSV-Legende Uwe Seeler († 85) erwischte es besonders hart. Er stand auf der Autobahn nach Hamburg 26 Stunden (!) im Stau.

Eine Winterpause in der Bundesliga gab es damals noch nicht. Die wurde erst in der Saison 1986/87 eingeführt. Es gab lediglich eine kurze Weihnachtspause nach der Vorrunde. Je nachdem, ob am Saisonende ein WM- oder EM-Turnier folgte oder nicht, wurde in der ersten oder zweiten Januar-Woche wieder gespielt. Daran wollte der DFB festhalten: Die Tabelle war nach nur sechs Ausfällen im Dezember 1978 bis Silvester begradigt worden und sollte es bitte schön bleiben. DFB-Spielleiter Hermann Schmaul: „Früher, als es noch echte Kerle gab, wurde im Winter immer gespielt, ohne zu klagen.“

Doch in diesem Winter war alles anders. Insgesamt gab es 46 Absagen – Rekord! Auch 15 Nachholspiele fielen aus, Nürnberg – Bochum gleich viermal! Das letzte Nachholspiel wurde am 29. Mai ausgetragen. Eintracht Braunschweig beklagte die meisten Ausfälle (sieben), der MSV Duisburg die längste Spielpause (81 Tage!).

Immer wieder passierte es, dass Mannschaften und Fans vergeblich anreisten, weil die dreiköpfige Platzkommission (je ein Vertreter vom DFB und vom jeweiligen Landesverband und der Schiedsrichter) noch am Samstag um elf Uhr den Daumen senkte.

In den Zeitzeugengesprächen mit SPORT BILD fiel ein Satz immer wieder: „Das waren eben ganz andere Zeiten!“

Es fing damit an, dass es außer in München und Frankfurt keine Rasenheizungen gab, die erst seit 2007/08 verpflichtend sind. Zuschauereinnahmen waren damals überlebenswichtig, TV- und Sponsorengelder spielten nur Nebenrollen, es gab weder Privatsender noch VIP-Logen, geschweige denn milliardenschwere Investoren oder Aktiengesellschaften. Es war noch ein Wettlauf von 18 eingetragenen Vereinen, die 1979 zusammen mit rund 15 Millionen DM verschuldet waren. Und nicht immer wurden die Bayern, bei denen Rekordtorschütze Gerd Müller († 75) im Februar im Zorn auf Trainer Pal Csernai († 80) ausschied und seine Bundesliga-Karriere beendete, Meister.

Wenn damals bei einem Mittelklasseklub wie Werder Bremen ein Heimspiel ausfiel, „fehlten 170 000 bis 200 000 DM (heute ca. 100 000 Euro) in der Kasse“, berichtet der damalige Torwart Dieter Burdenski. Das entsprach etwa dem, was der ganze Kader im Monat verdiente. Spielausfälle bedeuteten mancherorts also Gehaltsausfälle wie beim VfL Bochum, wo die Profis im Januar und Februar 1979 kein Geld sahen, Hertha BSC zahlte in diesen Monaten keine Leistungsprämien-Pauschale.

„Es war schwierig, diese Wochen zu überleben“, erinnert sich Bernard Dietz, damals Kapitän des notorisch klammen MSV Duisburg, der wie fünf weitere Klubs Kredite aufnehmen musste, um über diesen Winter zu kommen. Beim MSV waren es 250 000 DM, Aufsteiger Darmstadt 98 benötigte gar 300 000 DM.

KALTZ UND NOGLY HATTEN BLASEN AN DEN HÄNDEN VOM SCHNEESCHIPPEN

Heute kaum vorstellbar: Viele Profis packten selbst mit an, halfen Plätze und Zuschauerränge schneefrei zu bekommen. Ob beim HSV, in Bremen, Braunschweig oder Köln – überall wurden Spieler zu Platzwarten und Räumdienstkommandos. In Köln, erinnert sich Torjäger Dieter Müller, packte sogar Manager Karl-Heinz Thielen mit an, „das muss man sich mal vorstellen“.

HSV-Trainer Branko Zebec († 59), der klagte, er wisse nicht, „wie ich die Spieler noch motivieren soll“, setzte zur Abwechslung Mitte Januar eine spezielle Einheit ein: alle Mann Schneeschippen – 75 Minuten. Auf dem Rasen lagen 5000 Kubikmeter Schnee, auf den Rängen 15 000. „Wir hatten Spaß“, erinnert sich sein damaliger Kapitän Peter Nogly, „Kevin Keegan, unser Kleinster, war im Schnee kaum noch auszumachen.“

Nogly und Manfred Kaltz gingen mit Blasen an den Händen nach Hause, Ersatzkeeper Jürgen Stars bekam sogar Nasenbluten bei eisiger Kälte. Fast überall kamen auch Fans oder Arbeitslose zum Einsatz, angelockt von Linsensuppe und Freikarten. In Braunschweig richteten sie mehr Schaden als Nutzen an, da sie mit ihren Spaten außer den Eisschichten auch den Rasen abtrugen.

Gespielt wurde selten, trainiert immer. Nogly: „Branko Zebec gab keinen Tag frei, und wir brauchten bei dem erlassenen Fahrverbot sogar Sondergeneh- migungen, um nach Ochsenzoll (dem ehemaligen Trainingsgelände des HSV; d. Red.) zu kommen.“ In Duisburg spielten sie draußen Handball und organisierten in der Halle interne Turniere. Dietz: „Der Verlierer musste einen ausgeben.“ Eintracht Braunschweig übte auf dem Stadionparkplatz, „denn wir waren halt noch aus anderem Holz geschnitzt“, betont Wolfgang Grobe. Damals ein Verteidiger, der seine Qualitäten im Namen trug.

Borussia Mönchengladbach wich auf Hockeyplätze und städtische Turnhallen aus und musste mit Schuldirektoren um Termine feilschen, die Bayern trainierten in einer Uni-Halle, und die westfälische Kleinstadt Altena wurde für einige Wochen zum Mekka der westdeutschen ne. Der örtliche VfB einen damals noch rtigen Kunstrasen, weshalb sämtliche Ruhrpottklubs sowie Fortuna Düsseldorf einige Einheiten d rt absolvierten. W rder-Trainer Wolfgang Web r beklagte, auf seinem ingsplatz könnten „höchsie Bremer Schlittschuh- Rudi Assauer († 74) per Zeitungsinserat nach Testspielgegnern – keiner meldete sich.

Am 2. Februar 1979 setzte der DFB nach einer Sitzung der Vereinspräsidenten mit einer Mehrheit von 15:3 Stimmen die Saison aus: Eine zweiwöchige Pause sollte genutzt werden, um Nach olspiele auszutragen. Alle exklusiv für den DFB-Pokal freiie wenigen Klubs o eNachholtermine im ebruar improvisierte und flogen spontan in en Süden. Meister 1. FC Köln gönnte sich se s Tage Mallorca, und Tr er Hennes Weisweiler † 63) strahlte: „Die St ks sind zwar nicht so gu ie zu Hause, aber son haben wir es hier in jed Beziehung optimal get ffen.“ Bei 18 Grad und einem Freundschaftsspiel auf Rasen, „blühten die Jungs richtig auf “.

Ein Problem hatten aber alle: Sie kamen aus dem Rhythmus. Titelaspirant HSV etwa musste seine Heimspiele im Februar stets absagen und spielte dreimal in Folge auswärts – zw imal verlor der spätere Champion, in Gladbach (3:4) und in Bochum (1:2), wo VfL-Trainer Heinz Höher die örtliche Feuerwehr rief, um den Platz mit 50 Grad heißem Wasser schneefrei zu bekommen.

???

Nur eine von vielen Kapriolen jenes Bundesliga-Winters. Da waren gen den VfB Stuttgart (1:3) und Eintracht Frankfurt (1:0), um den Stars vor dem Kick auf Malta (0:0) Spielpraxis und den Vereinen Einnahmen zu ermögliche . Zumindest in Frankfurt

inter ssierte das kaum (11 000 Zusc auer). Und da war der zwölfminütige Darmstadt-Aufenth lt des Braunschweiger Trainers Werner Olk, der den näch ten Gegner beobachten wollt . Er saß im Taxi zum Böllenfa ltor und sah, wie ihm enttäuschte Fans entgegenkamen. Olk l eß sich sofort zum Bahnhof zurückchauffieren, um noch einen Zug gen Norden zu erwischen. Eine WhatsApp-Nachricht über die Absage konnte ihn 1 79 noch nicht erreichen. Es w ja ganz andere Zeiten …

TRAINER HÖHER RIEF DIE RTLICHE FEUERWEHR, UM EN PLATZ SCHNEEFREI ZU BEKOMMEN

Nächste Woche Wie Beckenbauer zum Kaiser wurde

Minus 27 Grad! Panzer mussten Straßen freiräumen

In der Nacht auf den 29. Dezember ank im Norden Deutschlands alb weniger Stunden die eratur von fünf auf minus 27 Orkanböen fegten über das Die Folge war die größte ekatastrophe in der Gete Deutschlands. Züge entn, Menschen erfroren n liegen gebliebenen Autos, ädte und Dörfer wurden meterhohe Schneeverwen von der Außenwelt chnitten. Es kam zu Stromeizungsausfällen. Telefonlein fielen aus. An der nd Nordseeküste türmten sturm Süddeutschland. Mit Panzern drang die Bundeswehr zu isolierte Menschen vor und versuchte, St aßen wieder befahrbar zu machen. Die extreme Kälteperio e dauerte fünf Tage. Im Februar 1 79 wiederholte sich das Katastrop enszenario noch inmal für sechs Tage. In der Bund srepublik wurd n 17 Tote gezählt, in der DDR gab e keine offiziel-