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Als ein Math ematik-Professor lief …


die aktuelle Krimi - epaper ⋅ Ausgabe 17/2021 vom 10.10.2021

Krimi Attentate

Es ist der 11. Dezember 1985 in Sacramento. Hugh Scrutton, Besitzer eines Computerladens, verlässt sein Geschäft, um die Mittagspause draußen zu verbringen. Da entdeckt er auf dem Parkplatz in der Nähe eines Müllcontainers ein seltsames Holz-Teil, etwa fünf Zentimeter hoch und einen Meter lang. Daraus ragt etwas Scharfes. Scrutton bückt sich, will den seltsamen Gegenstand aufheben und wegwerfen. Schließlich könnte sich ja jemand daran verletzen! Als der 38-Jährige das Ding anhebt, geht alles blitzschnell: Es gibt einen ohrenbetäubender Knall! Der Holzblock, präpariert mit Nägeln und Rasierklingen, explodiert und tötet den Computerfachmann auf furchtbare Art und Weise!

Scrutton war das erste von drei Opfern, die durch das schreckliches Mordwerkzeug des berühmt-berüchtigten „Unabombers“ sterben mussten. Der Unbekannte verschickte auch heimtückisch Briefbomben – und 23 weitere Menschen ...

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Bildquelle: die aktuelle Krimi, Ausgabe 17/2021

Jung, attraktiv, erfolgreich: Als Junior- Professor standen dem Twen noch alle Türen offen
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... wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. 17 Jahre lang zitterte eine ganze Nation, sobald der Postbote klingelte …

Diogenes Angelakos, Professor für Ingenieurwissenschaft an der Universität Berkeley, erlitt 1982 beispielsweise schwere Brand- und Splitterwunden am ganzen Körper. Noch schlimmer traf es 1985 den Berkeley-Studenten John Hauser. Die Explosion sprengte Hausers Finger ab, schnitt eine tiefe Furche in seinen Arm und machte ihn auf einem Auge blind. Die Taten des mörderischen Sprengmeisters wurden immer blutiger – und jedes Mal gelang es ihm, keine brauchbaren Spuren zu hinterlassen. Immerhin gab es mittlerweile ein Phantombild, das nach einem Anschlag auf einen weiteren Computerladen-Besitzer im Februar 1987 angefertigt werden konnte. Darauf zu sehen war ein vermummter Mann in dunkelgrauem Kapuzenpullover, mit Pilotenbrille und einem dünnen Oberlippenbart. Obwohl die Zeichnung bald in den ganzen USA bekannt war, kam man dem Täter nicht auf die Schliche. Sieben Jahre, nachdem das Fahndungsbild veröffentlicht worden war, blieb der Attentäter inaktiv. Die Nation atmete schon auf: Sollte der Bomben-Terror vorbei sein? Doch 1993 ging es leider weiter …

Mit seinen BLUTIGEN Anschlägen wollte er die Welt verän dern

Was Charles J. Epstein, ein Genetik-Professor der Universität in Kalifornien dann erleiden musste, ist kaum vorstellbar. Am 22. Juni 1993 erhielt er ein Paket an seine Privat adresse, das seine Tochter entgegennahm. Als ihr Vater die ominöse Sendung im Nebenzimmer öffnen wollte, wurde der nichts ahnende Wissenschaftler fast getötet. Er verlor weitgehend das Gehör und Teile mehrerer Finger an seiner rechten Hand. Die Nerven im rechten Arm wurden stark geschädigt und mussten durch

Transplantationen wiederhergestellt werden. Splitter der Bombe blieben in seinem Körper. Nur zwei Tage später traf es den Computerwissenschaftler David Gelernter, der ebenfalls schwer verletzt wurde. Im Folgejahr tötete eine Bombe den Consulting-Profi Thomas Mosser und am 24. April 1995 starb Lobbyist Gilbert Brent Murray bei einer Explosion.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Der „Unabomber“ äußerte sich plötzlich öffentlich! Unter dem Pseudonym „FC“ (für „Freedom Club“) forderte er die „New York Times“ und die „Washington Post“ auf, sein 35 000-Wörter- Manuskript „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ zu veröffentlichen. Im Gegenzug würde er mit dem Bomben aufhören. Politik und FBI haderten zunächst: Wollte man diesem irren Bombenbauer wirklich eine Bühne bieten? Doch die Behörden sahen schließlich eine Chance darin: Erstmals in der Kriminalgeschichte könnten Ermittler die Sprache eines Kriminellen analysieren, um daraus Rückschlüsse auf sein Profil zu ziehen. Auch wenn Zeitungsleser den Schreibstil des Attentäters erkennen würden, wäre man einen großen Schritt weiter. Nach der Veröffentlichung des

Pamphlets gingen zunächst etliche falsche Hinweise und Verdächtigungen per Post und auf der kostenlosen FBI-Hotline ein. Bis sich das Ehepaar Linda und David Kaczynski bei der Spezialeinheit meldete. Das wirre Manifest – dessen Inhalt, Schreibstil und Gedankengänge also – erinnerte die beiden an Davids Bruder Ted. Und tatsächlich war sich die Spezialeinheit bald sicher: Das ist der Gesuchte! Am 3. April 1996 legte sich das FBI dann in einem Wald auf die Lauer, lockte Ted Kaczynski aus seinem Hütten-Versteck und konnte den verwahrlosten Einsiedler endlich festnehmen. Doch wer war nun dieser wahnsinnige Bombenbauer? Was bewegte ihn dazu, unschuldige Menschen umzubringen?

Dem damals 54-jährigen Theodore John Kaczynski hatten in seiner Jugend eigentlich alle Türen offen gestanden. Mit einem Intelligenzquotienten von 167 war er auf Einstein-Niveau! Schon mit 16 Jahren begann das Genie, Mathematik zu studieren, erhielt Stipendien, Auszeichnungen, Anerkennung. Im Herbst 1967 trat er eine Junior-Professur an der Universität von Kalifornien an, die er 1969 ohne Erklärung abbrach – um kurze Zeit später von der Bildfläche zu verschwinden. In seiner selbst gebauten, 12 Quadratmeter kleinen Holzhütte lebte er fortan ohne fließendes Wasser und ohne Elek trizität. Er versorgte sich selbst. Kaczynski war die Entwicklung der modernen Gesell -schaft zutiefst zuwider – die Technisierung, Industrialisierung und die Zerstörung der Natur. Der Mensch müsse, so wie er, zurück zu seinen natürlichen Wurzeln, glaubte er. Und so suchte der Attentäter sich repräsentative Opfer aus, die in seinen Augen die Zerstörung der Welt vorantrieben: Wissenschaftler, Computerfachleute, Fluglinien. Die einzelnen Privatpersonen, die seine Post erhielten, waren ihm im Endeffekt gleichgültig – Hauptsache, seine Botschaft kam an! Und das konnte sie in seinen Augen nur durch Gewalt und Zerstörung …

Der „Unabomber“ hatte einen IQ wie Albert Einstein …

Als man weitere Nachforschungen über Kaczynski anstellte, kamen einige bemerkenswerte Details seiner Vergangenheit ans Licht. Der Attentäter hatte von klein auf wenig Empathie, isolierte sich sozial, mochte Menschen nicht, hatte sogar Angst vor ihnen. Während seines Mathematik-Studiums an der Harvard-Universität hatte er außerdem an einer psychologischen Studie teilgenommen, bei der er regelmäßig unter enormen psychischen Stress gestellt und erniedrigt wurde. Solche Experimente wurden vom CIA zur Optimierung der Gehirnwäsche bei Verhören durchgeführt. Ob Kaczynski – wie bei anderen Projekten aus jener Zeit üblich – dabei auch LSD verabreicht wurde, ist ungewiss. Seit diesem verstörenden Erlebnis aber wurde der Einzelgänger immer seltsamer. Seine Ideen über Gesellschaft, Menschen und Technik radikalisierten sich …

Die Hütte im undurchdringlichen Wald von Lincoln (in Montana) war am Ende sein Zufluchtsort vor den „verblendeten“ Menschen. Er verließ das Versteck nur, um Material für seine Bomben zu besorgen, seine tödliche Post zu verschicken oder sie selbst abzuliefern. Als Beamte des FBI die düstere Behausung des „Unabombers“ durchsuchten, fanden sie unzählige Beweise, dass Polit-Eremit Kaczynski tatsächlich der gesuchte „Unabomber“ sein musste: Darunter fünf Waffen, zahlreiche beschriftete Dosen und Flaschen mit Chemikalien sowie mehr als 200 Bücher. Außerdem eine Schreib maschine, das Original seines Manifests und Dutzende Tage- und Notizbücher, in denen der Solo-Terrorist seine extremistische Theorie und Praxis festgehalten hatte. Besonders pikant: Unter Kaczynskis Bett lag eine fertige Bombe! Der nächste Anschlag hätte also bald bevorgestanden …

Über 150 FBI-Agenten suchten 17 Jahre lang nach ihm …

Kacz ynski hatte sich in einer schäbigen Hütte IM WALD versteckt

Endlich hatte das FBI den Durchbruch geschafft! Der Weg dahin war lang, zermürbend und teuer gewesen: Die Ermittlungen hatten insgesamt rund 50 Millionen US-Dollar gekostet und eine Million Arbeitsstunden der 150 beteiligten Ermittler nach sich gezogen. Als Ted Kaczynski in Kalifornien vor Gericht kam, folgte ein markerschütternder Prozess: Überlebende und Angehörige berichteten von den schlimmen Traumata, die der Täter ihnen mit seinen Anschlägen zugefügt hatte. Lois Epstein rührte alle zu Tränen mit ihren Worten an Kaczynski: „Mögen Sie erblinden, indem man Ihnen die Möglichkeit raubt, das Licht des Mondes, der Sterne, der Sonne und die Schönheit der Natur zu sehen – für den Rest Ihres Lebens!“

Dem unmenschlichen „Unabomber“ drohte die Todesstrafe. Doch: David Kaczynski hatte seinen großen Bruder Ted zwar ausgeliefert, sterben lassen wollte er ihn aber nicht auch noch. Der Plan seiner Familie und des Anwaltsteams war es, den Angeklagten für unzurechnungsfähig erklären zu lassen.

Er hätte schon lange unter einer paranoiden Schizophrenie gelitten. Seine Taten und das Manifest wären Auswüchse eines psychisch Kranken. Doch mit dem fanatischen Ted Kaczynski war das nicht zu machen!

Um zu verdeutlichen, dass er all das, was er getan und gesagt hatte, wirklich ernst meinte, akzeptierte er einen Deal mit der Staatsanwaltschaft: Betonte seine Zurechnungsfähigkeit, bekannte sich schuldig – und entging so trotzdem der Todesstrafe! Bei der Urteilsverkündung am 4. Mai 1998 erklärte Richter Burrell, dass Kaczynski reuelos sei und eine Gefahr für die Gesellschaft.

Der „Unabomber“ erhielt achtmal lebenslänglich, ohne Bewährung – und sitzt seither im Hochsicherheitsgefängnis in Colorado ein. Habseligkeiten des Täters – wie Werkzeug, Kleidung, Notizbücher und das handgeschriebene Manuskript seines Manifests – wurden 2011 in Atlanta versteigert. Der Erlös von 232 000 Dollar ging an die Opfer des Polit-Mörders, der 17 Jahre lang die Welt in Atem hielt.

Iris Bitter