Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

„Als mein Vater die Granate aufheben wollte,klingelte das Telefon“


Logo von Sport Bild
Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 3/2023 vom 18.01.2023

SERIE

Artikelbild für den Artikel "„Als mein Vater die Granate aufheben wollte,klingelte das Telefon“" aus der Ausgabe 3/2023 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 3/2023

Salihamidzic im jugoslawischen Nationaltrikot. Er spielte für die U15- und U16-Auswahl

Bei der Frage, was die schönste Erinnerung an seine Kindheit im ehemaligen Jugoslawien ist, muss Hasan Salihamidzic (46) nicht lange überlegen: „Als ich zwölf Jahre alt war, kam mein Vater von einer Geschäftsreise aus Spanien nach Hause. Bis dahin hatte ich keine eigenen Fußballschuhe, er hat mir dann welche mitgebracht. ,Carlos‘ hießen die. Es war für mich das Größte, dass ich endlich eigene Fußballschuhe und auch ein Paar Badelatschen hatte.“

In seinem Klub Turbine Jablanica im heutigen Bosnien und Herzegowina, 36 Kilometer nördlich von Mostar, musste sich Salihamidzic bis dahin mit den anderen Kindern die Schuhe teilen: „Damals gab es im ganzen Verein vielleicht 30, 40 Paar für die Spieler aller Altersklassen. Vor jedem Training hat man sich welche ausgesucht. Manchmal hatte man Glück und bekam die guten – und manchmal die schlechten. Mit den eigenen Schuhen war ich einfach der glücklichste ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Sport Bild. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2023 von Schalke runter, HSV hoch – so wird 2023!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schalke runter, HSV hoch – so wird 2023!
Titelbild der Ausgabe 3/2023 von Liverpool braucht neue Impulse. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liverpool braucht neue Impulse
Titelbild der Ausgabe 3/2023 von ”Meister-Wette mit Hoeneß? Gehe ich gern ein!“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
”Meister-Wette mit Hoeneß? Gehe ich gern ein!“
Titelbild der Ausgabe 3/2023 von Neuer-Ausfall kann entscheidend sein. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neuer-Ausfall kann entscheidend sein
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Der Kaputtmacher
Vorheriger Artikel
Der Kaputtmacher
DIE BAUSTELLEN DER KLUBS
Nächster Artikel
DIE BAUSTELLEN DER KLUBS
Mehr Lesetipps

... Junge der Welt.“

Bei der Frage, was die schlimmste Erinnerung seiner Kindheit ist, hat der Sportvorstand des FC Bay-ern sofort die Bilder aus dem Krieg in seiner Heimat vor Augen: „Die Granaten, die in meiner Stadt gefallen sind. Die zerstörten Häuser, die vielen Toten und die Leute, die in den Kellern gesessen haben, um sich zu schützen – es ist immer noch unfassbar. Wir dachten, wir sind in der Mitte von Europa, und dann passiert so etwas.“

Vom Flüchtling zum Fan-Liebling beim HSV und dem FC Bayern bis hin zum Boss des Rekordmeisters. Die Geschichte von Salihamidzic ist einzigartig in der Bundesliga-Historie. Im Fußball-Podcast „Phrasenmäher“ von SPORT BILD und BILD erzählte er sie ausführlich ...

Hasan Salihamidzic schlief während des Bosnienkriegs mit einer Waffe unter dem Bett. Als 15-Jähriger flüchtete er nach Deutschland – und legte eine einmalige Karriere hin

Bei der Junioren-EM 1992 auf Zypern, bei der „Brazzo“ (Bürschchen) als jüngster Spieler der jugoslawischen Mannschaft dabei war, wurde ihm bewusst, wie der Krieg sein Leben verändert: „Die Kroaten waren schon nicht mehr Teil des Teams. Das war ein schlechtes Zeichen. Als wir kurz nach der EM von einem weiteren Turnier aus Frankreich zurückreisten, kam ich fast nicht mehr nach Hause, da überall gekämpft wurde.“

Die Frontlinie nach Süden war nur zehn Kilometer von Jablanica entfernt, nach Norden 20 Kilometer. Fußball wurde nicht mehr gespielt. „Ich bin jeden Morgen um 6 Uhr aufgestanden und habe in den Bergen meine Läufe gemacht, um körperlich fit zu bleiben“, erinnert sich Salihamidzic. „Es waren turbulente Zeiten. Ich war 15 Jahre alt. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Polizist. Im Krieg gab es dann kein Geld mehr. Um die Familie zu unterstützen, habe ich gekellnert. Erst von 8 bis 17 Uhr in einem Café, danach von 18 Uhr bis zum späten Abend in einem anderen Café.“

Als sich die Lage zuspitzte, bereitete ihn sein Vater Ahmed auf den Extremfall vor: „Papa hat irgendwann gesagt: ,Wir müssen darauf vorbereitet sein, was passiert, wenn die Linie bricht. Dann musst du deine Mutter und deine Schwester an einen sicheren Ort bringen.‘ Er hat mir in den Bergen beigebracht, Auto zu fahren und eine Flucht-Route gezeigt.“

Und er hat seinem Sohn gezeigt, wie man die Kalaschnikow und die Pistole benutzt, die unter seinem Bett lagen: „Wir haben auch mal geschossen. Nicht oft, aber mein Vater hat mir gezeigt, wie es geht. Immer, wenn ich heute Bilder sehe, wie geschossen wird, denke ich daran, dass ich mich dabei nie wohlgefühlt habe. Aber wenn man in so einer Lage ist, bereitet man sich darauf vor, wie man seine Familie schützen kann.“

Wie kann man mit einer Waffe unter dem Bett schlafen?

„Schwer“, sagt Salihamidzic. „Diese Zeit – das muss ich ehrlich sagen – verdränge ich gern.“

Eines Tages schlug in der Wohnung der Familie, die in Jablanica in einem Komplex mit zehn Apartments lag, ein Blindgänger ein. Salihamidzic: „Wir waren alle im Keller und sind dann hoch. Im Flur lag die Granate. Sie war vielleicht 40 Zentimeter groß. Wir sind sofort wieder runter und haben meinen Papa geholt. Er kannte sich als Polizist mit Granaten aus. Dann sind wir wieder hoch, alle hinter ihm her. Was dann passiert ist, vergesse ich nie ...“

Als sich Salihamidzic in einem Konferenzraum in der zweiten Etage der Bayern-Geschäftsstelle an der Säbener Straße an die Szene erinnert, hat man das Gefühl, dass er in Gedanken wieder in dem Flur steht. Er schaut zu Boden, schüttelt den Kopf und erzählt weiter:

„Papa ist dann rein, und genau in dem Moment, als er sich zur Granate gebückt hat, um die Granate aufzuheben – hat das Telefon geklingelt! Meine Schwester und ihre Freunde sind in Ohnmacht gefallen.“

Und er selbst? „Ich stand da und dachte nur: Oh, mein Gott, was passiert hier? Die Granate ist unterhalb des Fensters eingeschlagen, erst durch das Bett meiner Eltern hindurch und dann durch die Tür in den Flur geflogen. Sie ist aber nicht explodiert, sonst wäre alles kaputt gewesen. Wir hatten riesiges Glück. Wenn ich heute mit meiner Schwester darüber rede, können wir zum Glück darüber lachen, weil uns nichts passiert ist.“

Die Flucht, die sein Leben für immer verändern sollte, begann morgens. Salihamidzic: „Ich habe noch geschlafen, als meine Schwester ins Zimmer platzte und sagte: ,Du gehst nach Deutschland!‘ Ich dachte nur: Wie bitte? Was ist mit dir los? Und sie sagte: ,Ja, Papa hat alles geklärt!‘“

„WÄHREND DER ERSTEN DREI MONATE HABE ICH FAST JEDEN TAG GEHEULT“

Salihamidzic über seine Anfangszeit in Hamburg

Sein Vater hatte Freunde in Hamburg, wo Salihamidzic ein Probetraining beim HSV absolvieren sollte. Nach einer Nacht in Sibenik an der Adria ging es von Zadar mit dem Bus bis zur Grenze nach Slowenien: „Ich hatte nur ein Garantiepapier dabei, dass jemand in Hamburg auf mich wartet und für mich sorgt“, sagt Salihamidzic. „Und im Gegensatz zu allen anderen im Bus hatte ich nicht den neuen blauen kroatischen Pass, sondern den alten jugoslawischen. Bei der Grenzkontrolle haben mich dann drei Soldaten aus dem Bus geholt.“

Die Soldaten standen mit Kalaschnikows in der Hand um ihn herum. Salihamidzic: „Sie wollten wissen, wo ich hinwill. Als ich sagte, dass ich Fußball-Profi werden will, lachten sie sich tot. Ich antwortete: ,Doch, ich bin Nationalspieler gewesen!‘ Die Soldaten fragten mich daraufhin, ob ich Geld dabei hätte. Ich hatte 800 Mark vom Kellnern. 100 Mark hatte ich in der kleinen Tasche meiner Jeans unter dem Gürtel versteckt, 700 habe ich ihnen gezeigt. Dann schauten sich die Soldaten an, einer ballte meine Hand mit dem Geld darin zusammen und sagte: ,Sieh zu, dass du Profi wirst!‘“

Hätten sie ihn nicht passieren lassen, wäre sein Leben wohl komplett anders verlaufen. Salihamidzic: „Als ich zurück in den Bus stieg, beschimpfte mich der Fahrer, dass er mich nie mitgenommen hätte, wenn er das mit meinem Pass gewusst hätte – doch danach war der Weg frei.“

Salihamidzic fuhr zunächst nach Dortmund, von dort weiter nach Hamburg. Ein 15-jähriger Junge, der kaum Deutsch verstand. „Ich hatte vor meiner Abreise die wichtigsten Sätze und Ausdrücke in ein kleines Buch geschrieben. Er erzählt: „Am Bahnhof in Dortmund bin ich in ein Restaurant und habe abgelesen: ,Eine Limonade bitte.‘ Der Kellner lachte mich an und antwortete in meiner Sprache, ob ich eine Cola möchte.“

Die erste Zeit in Hamburg war am härtesten: „Während der ersten drei Monate habe ich fast jeden Tag geheult. Papa, Mama und meine Schwester waren das Wichtigste für mich. Ich habe versucht, viel zu trainieren und hatte immer das Ziel vor Augen, Profi zu werden. Als ich nach einem Probetraining die Möglichkeit bekam, beim HSV zu bleiben, sagte ich mir: ,Okay, du musst alles versuchen, den Menschen zu zeigen, dass du es von ganzem Herzen willst.‘“

Genau das hat er getan. Salihamidzic: „Ich habe erlebt, dass Deutschland sehr fair zu dir ist, wenn du fleißig bist und alles versuchst, deine Chance zu nutzen. Die Menschen hier merken, ob man sich beteiligen will, und sind dann sehr cool und geben dir eine echte Chance.“

So wie Rudi Kargus. Der ehemalige HSV-Torwart war sein erster Trainer in der Jugend der Rothosen. Das erste Training vergisst er nie. Kargus: „Es war ein typisches Abendtraining. Das Flutlicht nicht besonders hell, der Platz nicht besonders gut. Hasan stand am Rand und wollte mittrainieren. Da er wenig Deutsch sprach, habe ich ihn erst mal nur gefragt: ,Rechtsfuß oder Linksfuß?‘ Als er auf seinen rechten Fuß zeigte, habe ich ihn auf die rechte Seite gestellt – und nach dem Training gesagt, dass er ab sofort jeden Tag kommen soll!“

Schon vor den Trainingseinheiten joggte Salihamidzic damals jeden Morgen mindestens zehn Kilometer. Mit seinem Biss und seinem Talent hatte er auch schnell Felix Magath beeindruckt. Der damalige Amateur-Trainer des HSV sagte Salihamidzic nach dem verlorenen Viertelfinale der A-Jugend um die deutsche Meisterschaft, dass er ihn und fünf weitere Talente mit ins Trainingslager nach Norwegen nehmen will.

Salihamidzic: „In Norwegen haben wir dann viele 1000er-Läufe absolviert – die mochte Felix gern. Achtmal 1000 Meter. Ich habe mich nicht unterkriegen lassen und bin nach der Einheit zu ihm und habe gefragt: ,Trainer, ist das alles?‘ Er lachte mich nur an und dachte bestimmt: Du kleine Wurst, dir werde ich es noch zeigen ...“

Hat Magath es ihm zurückgezahlt? Salihamidzic lacht: „Nein. Ich glaube, es hat ihm gefallen. Ich konnte immer laufen, und den Spielern, die eine gute Mentalität haben, hat er immer eine Chance gegeben.“

Bis heute hat Salihamidzic, der nach zwei Jahren bei den Amateuren des HSV 1995 einen Profivertrag bekam, die Handynummer von Magath unter dessen Spitznamen „Magier“ eingespeichert: „Felix hat mir mal gesagt, dass man immer an sich glauben, sich auch positionieren und seine Meinung vertreten muss“, sagt Salihamidzic. „Durch schwierige Situationen wächst man – oder man bricht zusammen. Natürlich war es für mich nicht immer einfach, aber meine ganze Geschichte hat mich gestärkt.“

Das sieht Magath genauso. Auch wenn Salihamidzic am Anfang vielleicht oft unterschätzt wurde – zum Beispiel auch, als er 1998 ablösefrei zum FC Bayern wechselte oder im Sommer 2017 Sportdirektor des Rekordmeisters wurde –, hat er sich am Ende immer durchgesetzt.

Magath: „Brazzos Stärke ist, dass er immer an sich glaubt und keine Angst hat, wo andere zögern und zaudern. Die meisten Menschen bleiben unter ihren Möglichkeiten, weil sie sich nichts zutrauen – er nicht. Durch seine Geschichte hat er immer das Zutrauen in sich selbst. Er ist ein einwandfreier, starker Charakter!“

Nächste Woche Toni Schumacher: Sein Skandal-Buch kostete ihn den WM-Titel

100 000 Tote im Bosnien-Krieg

Von 1992 bis 1995 kämpften die meist muslimischen Bosniaken, die größte ethnische Volksgruppe Bosniens, um Unabhängigkeit von Jugoslawien und die Gründung eines eigenen Staates. Zuvor hatten sich bereits die Kroaten von der jugoslawischen Föderation losgesagt und einen Krieg gegen die Serben begonnen. Nach der internationalen Anerkennung der unabhängigen Republik Bosnien und Herzegowina durch die Europäische Union und die USA im April 1992 begann die militärische Eskalation zwischen den Konfliktparteien der Serben, Kroaten und Bosnier. Dabei kam es zu den sogenannten „ethnischen Säuberungen“ durch nationalistische Gruppierungen.

Insgesamt starben im Bosnienkrieg etwa 100 000 Menschen. Etwa 700 000 Menschen flüchteten aus dem früheren Jugoslawien nach Deutschland. Mit dem Kriegsende 1995 wurde Bosnien und Herzegowina als unabhängiger Staat anerkannt.