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ALTBABYLONISCH


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 23.07.2021

SPRACHEN & SCHRIFTEN

«Wie eine Schlacht fuhr über die Menschen hinweg die Katastrophe. Nicht sehen konnte ein Bruder den anderen, nicht waren sie zu erkennen in der Katastrophe. Die Sintflut war laut wie (brüllende) Stiere, wie ein kreischender Adler heult der Sturm. Dicht war die Finsternis, es gab keine Sonne.»

(Tf. 3, Kol. iii, Z. 12−17)

Drastisch beschreibt die in akkadischer Keilschrift verfasste Erzählung um den Sintflut­Helden Atramḫasīs die hereinbrechende Katastrophe. Das 1245 Zeilen umfassende Epos ist nur eines von zahlreichen altbabylonischen Literaturwerken, die uns aus dem Alten Orient überliefert sind. Dort, in Mesopotamien, dem «Land zwischen den Flüssen» Euphrat und Tigris (etwa das Gebiet des heutigen Irak), wurde vor über 5000 Jahren die Keilschrift entwickelt.

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Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 4/2021

Abb. 1 DeraltbabylonischeCodexHammurapizeigtimRelief,wieHammurapi,KönigvonBabylon, vomSonnengott ?ama?dieHerrschaftsinsignienRingundStabentgegennimmt.Darunterbefinden sichGesetzesparagrapheninKeilschrift.

Die keilförmigen Schriftzeichen entstehen, indem ein Griffel aus Schilfrohr in den feuchten Ton gedrückt wird. Jedes Zeichen steht dabei für ein Wort (Logogramm), eine Erklärung des nach ­ folgenden Worts (Determinativ) oder eine Silbe. In der bewegten Geschichte des Zweistromlandes bedienten sich verschiedene Völker und Kulturen der Keilschrift. Aufgrund der Vielfalt, des Umfangs sowie der zeitlichen und räumlichen Verteilung seiner Quellen ist das Akkadische heute im Vergleich zu anderen altorientalischen Sprachen gut erforscht und bietet damit einen bedeutenden Schlüssel zum Verständnis der antiken mesopotamischen Welt.

Das Akkadische zählt, wie auch das Hebräische oder Arabische, zu den semitischen Sprachen und ist ab etwa Mitte des 3. Jts. v. Chr. belegt. In Mesopotamien entwickeln sich daraus zu Beginn des 2. Jts. v. Chr. der assyrische (im Norden) sowie der bereits Ende des 3. Jts. v. Chr. greifbare babylonische Dialekt (im Süden), benannt jeweils nach den Hauptstädten der späteren Großreiche: Assur und Babylon. Die Sprachstufe des Babylonischen in der Zeit zwischen dem 21. und dem 16. Jh. v. Chr. wird als altbabylonisches Akkadisch oder einfach Altbabylonisch bezeichnet, wobei hier noch einmal zwischen dem Frühaltbabylonischen (2100−1800 v. Chr.) und dem klassischen Altbabylonisch (1800−1500 v. Chr.) zu unterscheiden ist. In der ers­ten Hälfte des 2. Jts. v. Chr. ist das Altbabylonische nicht nur im Gebiet um Babylon, d. h. in Südmesopotamien greifbar, sondern bis nach Elam (West­ Iran), Assyrien, Mari und (in das heutige) Nordsyrien verbreitet.

Unter dem Herrscher Hammurapi (1792−1750 v. Chr.) erlangte Babylon erstmals eine Vormachtstellung in Mesopotamien. Nachdem Hammurapi seine Machtansprüche gegenüber anderen Königreichen durchgesetzt hatte, erstreckte sich sein Reich vom Persischen Golf bis nach Mari im heutigen Syrien. Der wohl berühmteste Text dieses Königs ist heute im Musée du Louvre in Paris zu bewundern: Die als «Codex Hammurapi» bezeichnete eindrucksvolle Stele aus Diorit enthält 282 Gesetzesparagraphen, die verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie etwa Familien­, Erb­ und Mietrecht, thematisieren (Abb. 1).

Viele weitere Texte sind uns aus dieser Epoche überliefert: Omina, Gebete, Königskorrespondenz, mathematische Texte, Alltagsbriefe, Verwaltungstexte sowie zahlreiche Texte mythischen Inhalts. Dazu gehört auch das eingangs zitierte sog. Atramḫasīs­Epos, welches in altorientalischen literarischen Katalogen mit seinen Anfangsworten inūma ilū awīlum – «Als die Götter Mensch (waren)» zitiert wird (Abb. 2). Die Erzählung handelt von der Erschaffung der Menschen durch den Weisheitsgott Ea und die Muttergöttin Mami und dem durch rasches Bevölkerungswachstum bedingten Konflikt mit den Göttern:

«Das Land war laut wie (brüllende) Stiere, durch ihr Lärmen geriet der Gott in Unruhe. [Der Gott] Enlil musste ihr Geschrei mit anhören, (und) er sprach zu den großen Göttern: ‹Beschwerlich wurde mir das Geschrei der Menschheit, aufgrund ihres Lärmens entbehre ich den Schlaf. Ordnet (es) an und ein Kältefieber möge aufkommen!›»»

(Tf. 1, Z. 352−360)

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Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 4/2021

Abb. 2 DieseinKeilschriftverfasste TontafelbeinhalteteinenAbschnittdesaltbabylonischen Atram?as?s- Epos.Darinenthaltenistauch dieeingangszitiertePassage überdievon denGötterngesandteSintflut.

Drei Plagen schicken die Götter: Eine Fieberkrankheit, eine Dürre sowie eine Hungersnot sollen das Wachstum der Menschheit eindämmen. Als diese Maßnahmen nicht fruchten, beschließen die Götter eine große Flut, die die Menschheit endgültig vernichten soll. Nur Atramḫasīs, Diener des Gottes Ea, wird von seinem Gott vor der nahenden Katastrophe gewarnt und erhält den Auftrag ein überdachtes Schiff zu bauen, in dem er und seine Familie sowie verschiedene Tierarten die Flut überleben.

Die frühesten altorientalischen Texte über eine derartige Sintflut datieren auf den Beginn des 2. Jts. v. Chr. Auch über die altbabylonische Zeit hinaus entfaltet der mythische Erzählstoff von einem Sintflut­Helden Wirkung: So wurde er beispielsweise in der berühmten Gilgameš­Erzählung, deren textliche Konkretion in das 12. Jh. v. Chr. datiert, aufgegriffen und fand darüber hinaus in verschiedenen Variationen Wiederhall in Kulturen inner­ und außerhalb Mesopotamiens.

Nach der Flut beschließen die Götter übrigens eine neue Ordnung: Verschiedene Maßnahmen wie Unfruchtbarkeit und die Etablierung von unverheirateten und kinderlosen Priesterinnengruppen sollen das Wachstum der Menschheit zukünftig begrenzen.

Über die Autorin

Annika Cöster­Gilbert ist Doktorandin am Seminar für Altorientalistik der Georg­August­Universität Göttingen und erforscht in ihrer Dissertation altorientalische Mythen über den Gott Dumuzi.

Bildnachweis

Abb. 1: akg­images / De Agostini Picture Lib. / G. Dagli Orti; 2: © The Trustees of the British Museum.

Literatur

R. PIENTKA­HINZ, Als die Götter Mensch waren. Die altorientalische Sintfluterzählung, in: S. Franke (Hrsg.), Als die Götter Mensch waren. Eine Anthologie altorientalischer Literatur (2013) 10−38.

D. SHEHATA, Art. Atra­Chasis, in: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (2018), siehe: www.wibilex.de.

M. STRECK, Altbabylonisches Lehrbuch ( 3 2018).

M. STRECK, Babylonian and Assyrian, in: S. Weninger / G. Khan / M. P. Streck / J. Watson (Hrsg.), The Semitic Languages. An International Handbook (2011) 359−396.

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