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Alte Klischees, neue Stärken


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ich bin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 25.11.2021

Artikelbild für den Artikel "Alte Klischees, neue Stärken" aus der Ausgabe 4/2021 von ich bin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ich bin, Ausgabe 4/2021

Die Botschaft begegnet uns heute überall: Gehe deinen Weg, verwirkliche dich selbst, lebe dein Leben genau so, wie es dir gefällt. Doch was, wenn das eigene Lebensmodell einem alten Klischee entspricht, dem man heute oft nur mit gerunzelter Stirn begegnet und das als verpönt, mitunter schon fast als frauenfeindlich gilt? Die Rede ist dabei von einem häuslichen Lebenszentrum, einem Leben, dass sich ganz auf die Aufgaben als Hausfrau und Mutter konzentriert. Ein Leben, in dem man einzig auf der Leiter Karriere macht, mit deren Hilfe man neue Vorhänge aufhängt, etwas für die Kinder vom Schrank holt oder der Wand einen neuen Anstrich verpasst.

Die Sache mit der Selbstverwirklichung ist dann gleich gar nicht mehr so einfach, denn statt sich unbelastet seinen Weg zu bahnen, muss man vor allem viel erklären: Willst du denn nicht mehr vom Leben? Was ist mit deinem Beruf und deinen Ambitionen? Möchtest du ...

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... dich nicht weiterentwickeln? Willst du dich wirklich – von Mann oder Kindern – zu Hause einsperren lassen? Solche Fragen begegnen einem immer wieder, oft gepaart mit ungläubigen, wenn nicht gar abschätzigen Blicken. Immerhin gilt doch das eigene Ich als höchstes zu entwickelndes und zu vervollkommnendes Gut. Wer sich da für ein Lebensmodell entscheidet, das zum Symbol für die einstige Unterdrückung der Frau geworden ist, hat es gar nicht so leicht.

Starke Männer, schwache Frauen?

Es ist das vielleicht größte Klischee überhaupt: Männer sind die Starken, sie kämpfen, geben alles, bringen Leistung, während Frauen als das schwache Geschlecht gelten, das Hilfe braucht, das behütet und beschützt werden muss. Dabei können sich gerade Mütter gar nicht erlauben, diesem Bild gerecht zu werden: Sie brauchen Nerven wie Drahtseile, müssen den Trupp zusammenhalten und auf alles eine Antwort finden. Pause oder Feierabend kennen sie nicht: Sie sind 7 Tage die Woche 24 Stunden im Dienst und selbst zum Krank sein fehlt die Zeit, denn vor allem kleinere Kinder müssen ja trotzdem betreut werden. Da kann sich so mancher Mann ein Scheibchen von abschneiden, vor allem wenn er wieder droht, an dem Männerschnupfen zu verenden.

Es war einmal…

Mit Leidenschaft einem Beruf nachgehen, sich ein Jahr Auszeit nehmen und um die Welt reisen, ein eigenes Unternehmen gründen – was heute auch jeder Frau offen steht, war bis vor wenigen Jahrzehnten noch ein Lebenswandel, der zumindest kritisch beäugt wurde. Denn auch wenn es Ausnahmen gab, war der Platz einer Frau bis weit in die 60er-Jahre hinein doch klar definiert: Spätestens mit der Hochzeit – das damals erklärte Lebensziel einer jeden Frau, die als respektabel gelten wollte – hatte Frau sich in die häusliche Welt zurückzuziehen und sich ausschließlich um das Wohl von Mann und Kindern zu kümmern.

Das suggerieren vor allem auch die Werbespots der damaligen Zeit: Ob für Waschmittel, Backwaren oder Haushaltsgeräte – die Frau hatte vor allem ein Haushaltsprofi zu sein.

Schaut man sich solche Clips heute im Internet an, muss man unweigerlich ein bisschen schmunzeln. Die gezeigte Realität kommt einem irgendwie absurd vor, erst recht dann, wenn die Hausherrin mit gestärkter Schürze und Pumps beim Saugen durch die Wohnung stöckelt und dem Ehegatten am Abend untertänigst das Essen serviert. Es ist ein Klischee, aus unserem heutigen Blickwinkel auch überhöht und verzerrt, doch was uns heute vorkommt wie aus einem Film, war für die damalige Zeit real. Dieser vorbestimmte Lebensweg war ganz normal, er wurde vermutlich auch nicht all zu sehr hinterfragt, doch wer mehr wollte, fiel aus der gesellschaftlichen Norm. Das konnte entweder – mit genügend Selbstbewusstsein – mondän wirken, oder aber das Bild einer aufmüpfigen, vom Weg abgekommenen oder gar skandalösen Seele zeichnen.

Und nichts davon galt als erstrebenswert. Doch war deswegen alles schlecht? Fühlten sich deswegen alle Frauen unterdrückt, an ihrer Selbstverwirklichung gehindert und an den Herd gekettet, wie es heute so oft propagiert wird, wenn es um die Rolle der Frau vor der Emanzipation geht?

Ein Korsett

Man sollte meinen, eine solche Frage lasse sich ohnehin nicht pauschal beantworten, doch es geht. Denn die Antwort ist klar: Nein, es war nicht alles schlecht. Sicherlich mussten sich Frauen damals in einem engeren Rahmen bewegen, als sie es heute tun. Das, was gesellschaftlich angesehen war, spielte im Bewusstsein der Menschen eine viel größere Rolle, es beeinflusste Entscheidungen und Handlungen mitunter enorm. Während ich meine Fenster heute nur putze, wenn ich den Bedarf dazu sehe, holt meine Großmutter auch mit über 80 Jahren noch strickt nach Kalender den Wischer raus, denn wie sehe das denn aus, wenn man zu Pfingsten oder nun bald Weihnachten keine blitzblanken Fenster hat? Oder frisch gewaschene Gardinen? Worüber wir heute manchmal ein wenig belustigt den Kopf schütteln, ist in dieser Generationen fest verankert.

Männer Zuhause

Dass das Familienleben wieder einen höheren Stellenwert hat, zeigt sich auch daran, dass sich immer mehr Männer dafür entscheiden, in Elternzeit zu gehen. Zuhause bleiben und sich ganz auf den Alltag mit Kind und auch die anfallenden Aufgaben im Haushalt zu konzentrieren, ist nicht mehr nur alleinige Aufgabe der Frau, sondern etwas, was auch immer mehr Männer ganz bewusst erleben wollen – auch wenn der innere Drang zum Staubsaugen sicher geringer ist als das Bedürfnis, Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen. Dennoch zeigt sich hier ein Rollentausch: Mama geht Arbeiten und bringt das Geld nach Hause, während Papa um Haushalt und Kinder kümmert.

Doch auch wenn uns dieses Korsett heute viel zu eng erscheint, heißt das nicht, dass es da- mals nur mit Widerwillen getragen wurde.

Im Gegenteil: Auch in den 50er- oder 60er-Jahren gab es viele Frauen, die sich der Rolle als Hausfrau und Mutter nicht nur gebeugt haben, weil sie keine Wahl hatten, sondern weil es ihr erklärtes Lebensziel war, eine eigene Familie zu gründen und für diese zu sorgen.

Die Qual der Wahl

Heute gibt es keinen vorgegebenen Lebensweg mehr, nicht mal ein entweder oder, man hat vielmehr die Qual der Wahl: Ein Leben ganz für den Beruf oder doch „nur“ ein Job zum Leben, um das nötige Kleingeld zu haben, damit man sich in der Auslebung seiner Hobbys voll entfalten kann? Ein Eigenheim mit Garten oder doch ein freies Leben, dass dort Rast macht, wo es gefällt? Und natürlich: All das mit oder ohne Kinder? Die meisten Frauen entscheiden sich heute für eine Kombination aus Job und Familie, quasi einer häuslichen und einer individuellen Sphäre, in der man sich betätigen kann. Der Familie kommt zwar noch immer ein hoher Stellenwert zu, doch sie allein ist im kollektiven Bewusstsein nicht mehr genug. Es braucht auch etwas nur für mich allein, etwas, was nichts mit Haus und Kindern zu tun hat, eine persönliche Entfaltungszone. Nur so kann der Weg zum Glück aussehen.

Lehnt man das allerdings ab, wird man schnell schief angesehen, bekommt vielleicht sogar mangelnden Ehrgeiz oder gar Faulheit attestiert. „Warum machst du nichts aus deinem Leben?“, lautet da vielleicht die mehr oder weniger direkt ausgesprochene Anklage. Und wenn es nun aber vielleicht genau das ist, was ich aus meinem Leben machen will? Mit all meiner Energie, Liebe und Kraft?

Die vielen Jobs einer Mutter

Dass man dafür mitunter komisch angesehen wird, liegt neben der neuen Ich-Bezogenheit unserer Zeit zu guten Stücken sicher auch daran, dass sich nur wenige Menschen wirklich bewusst machen, was es eigentlich heißt, Mutter zu sein. Das bisschen Haushalt macht sich ja eh von allein, wie Johanna von Koczian 1977 so bezaubernd sang, und die Kinder beschäftigen sich ja die meiste Zeit allein, man muss nur ab und an mal hinsehen – so stellen sich vermutlich viele den Alltag vor. Doch die Realität sieht anders aus, denn als Mutter muss man gleich eine ganze Reihe von Jobs beherrschen oder lernen: Köchin, Erzieherin, Spielgefährtin, Lehrerin, Ideengeberin, Seelentrösterin, Krankenschwester, Streitschlichterin, Ordnungsschafferin, Hausaufgabenhelferin, Kreativcoach, Chauffeurin, … und selbst das Putzen, was ja so leicht von der Hand gehen soll – mit Kindern kann auch das zum echten Denksport werden. Denn sie zaubern Flecken auf den Teppich oder auch an die Wand, die man noch nie zuvor dort wieder rauskriegen musste. All das tut eine Mutter jeden Tag. Sie hat nicht nur einen, sondern jede Menge Jobs, denen sie meist mit einem Lächeln im Gesicht nachkommt, auch wenn es noch so stressig wird. Es ist das viel beschworene Multitasking, dass sie durch den Tag kommen lässt. Sie ist ein Organisationstalent und kreativ, immerhin gilt es, sich stets für allerlei Probleme Lösungen einfallen zu lassen. Sie arbeitet zielgerichtet und ergebnisorientiert, denn ihre To-do-Liste ist meist lang. Sie besitzt Einfühlungsvermögen und starke Eine Familie kann man trotzdem sein.

Neue Lebensmodelle

Waren Kinder früher aus keiner Lebensplanung wegzudenken, sieht das heute schon anders aus. Ein Leben nur zu zweit oder gar ein Dasein als überzeugter Single, vielleicht mit ein paar Haustieren, sind mittlerweile gängige Lebenskonzepte, an denen sich kaum jemand stört. Die Fokussierung auf das Ich macht es möglich, sich aus alten Mustern zu lösen. Selbst ein Ring am Finger ist heute kein Muss mehr, wenn es nicht zu einem passt.

Nerven, denn auch wenn es hektisch wird, bewahrt sie die Ruhe. Und dennoch wird all das gern belächelt – obwohl man diese Eigenschaften und Talente im Job als wichtige Pluspunkte und Stärken ansehen würden. Warum also zollen wir dem nicht auch den nötigen Respekt?

Es braucht Kraft

Das Leben als Hausfrau und Mutter mag zu einem Klischee geworden sein, das heißt aber nicht, dass es weniger lebenswert ist als jeder Beruf oder auch die Kombination aus beidem. Es ist eine bewusste Entscheidung, seinen Fokus auf die eigene Familie zu legen, ihr sogar den Vorzug vor einer beruflichen Laufbahn zu geben, die aus dem Herzen kommt. Heute schließen sich Job und Familie nicht mehr aus, Teilzeitmodelle machen es möglich, beides zu haben ohne sich selbst aufzureiben. Sich dafür zu entscheiden, die Priorität bei der Familie zu setzen, erfordert allerdings auch jede Menge Mut und auch innere Stärke. Immerhin gilt es, sich dem Credo der Zeit zu widersetzen, sich in erster Linie für das Wir statt für das Ich zu entscheiden. Es bedarf der tiefen inneren Überzeugung, das Richtige zu tun, denn man wird es immer wieder vor Skeptikern erklären müssen. Und vielleicht auch ab und an vor sich selbst. Doch wenn es wirklich das ist, was du willst, wird dich dieser Weg auch glücklich machen.

FRANCES SCHLESIER