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Alte Obsthochstämme fachgerecht pflegen


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TASPO BAUMZEITUNG - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 11.02.2022

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Bildquelle: TASPO BAUMZEITUNG, Ausgabe 1/2022

// Abb. 1 und 2: Astbruch aufgrund von Fruchtlasten an einem alten Apfelbaum der Sorte ?Schöner aus Wiltshire? //

Alte Obstbäume sind landschafts- und ortsprägend, wirken positiv auf unsere Umwelt und sind durch eine lange Tradition mit unserer Kultur verbunden. Blütenflor und Fruchtbehang machen ihren hohen ästhetischen Wert aus, die Verwertung der Früchte bietet einen besonderen Reiz, auch ökologisch sind sie bedeutend. Sie sind ebenso schützenswert wie andere Bäume. Das erfordert eine fachgerechte Pflege, zu der auch der Baumschnitt gehört.

Als „großkronig“ werden Obstbäume bezeichnet, deren Sorten auf eine starkwüchsige Unterlage veredelt sind (meist Sämlingsunterlagen). Das erst schafft die Voraussetzung für eine Erziehung als Hochstamm (Stammhöhe etwa 180 cm), der traditionell meist im bäuerlichen und länd - lichen Obstbau Verwendung fand und dessen Bestände heute als Streuobst bekannt sind. Großkronige Obstbäume wurden auch als Niederstämme (vor allem in Gärten) oder in einzelnen Regionen als sogenannte ...

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... Halbstämme (Stammhöhe etwa 1 m) in Beständen kultiviert. Baumpfleger begegnen in der Praxis überwiegend großkronigen hochstämmigen Obstbäumen – entweder als Einzelbaum, in Form von Alleen oder im Bestand. Hauptsächlich werden Sorten von Kernobst (Malus, Pyrus), Steinobst (Prunus) und Walnuss (Juglans) kultiviert.

Obstbaumpflege und Baumpflege

Anders als in der allgemeinen Baumpflege hat man es bei der Pflege von Obsthochstämmen mit Nutzpflanzen zu tun. Sie wurden aus Wildarten gezüchtet. Im Zuge ihrer Kultivierung sind sie unter Gesichtspunkten wie Frosthärte, Wuchsstärke, Widerstandsfähigkeit gegenüber Schaderregern, besonders aber unter Ertrags- und Fruchteigenschaften (Ertragsstabilität, Ausbeute, Fruchtgröße) ausgelesen worden.

Es entstand eine Vielzahl von Sorten, die die Nutzung an unterschiedlichen Stand - orten bei einer Vielzahl von Verwertungsmöglichkeiten erlaubt. Die Wildformen boten aufgrund ihrer ausgeprägten Fruchtbarkeit und Fruchtgrößen beste Voraussetzungen zur Entwicklung von Kultursorten. Der aus mittelasiatischen Gebirgsregionen stammende Malus siversii wird dabei von der Züchtungsforschung als sehr einflussreiche Wildform betrachtet. Seine Fruchtgrößen erreichen bis zu 6 Zentimeter, die Früchte weisen ein breites Geschmacksspektrum von süß über bitter bis sauer auf.

Alle Wildformen sind als Lichtbaum - arten anzusprechen und konkurrenzschwach. Artbedingt und verstärkt durch Sortenselektion erfordert die Pflege der Obstbaumarten eine darauf abgestimmte Vorgehensweise. Die art- und sortentypisch hohe Fruchtbarkeit hat Auswirkungen auf Stabilität (saisonale Fruchtlasten) und Vitalität (physiologische Alterung) der Kronen. Dabei gibt es innerhalb der Obstarten zwar Unterschiede, die bei der Pflege zu berücksichtigen sind, es zeigen sich aber auch grundsätzliche Aspekte der Pflege großkroniger Obstbäume.

Als Lichtbaumarten reagieren Obstbäume stark auf Schattenkonkurrenz, auch in der Krone. Wie bei den Naturkronen der Wildarten verkahlen auch bei sich selbst überlassenen, also sich weitgehend natürlich entwickelnden Kulturkronen die Astpartien zur Kronenbasis hin, wenn sich die Krone ausdehnt und sich der Kronenmantel allmählich schließt. Damit verlagert sich auch die Fruchtbildung nach außen und die Fruchtlast wirkt überwiegend in der Peripherie der verkahlten und ausladenden Äste. Es ist denkbar, dass die Wildformen diese statisch ungünstige Entwicklung durch angepasste Wuchsstrategien größtenteils selbst regulieren. Bei den Kultursorten aber führen diese Wachstumsgesetze in Verbindung mit anderen Faktoren wie Astansatzwinkel, Trieblängen, Einsetzen der Fruchtbarkeit und nicht zuletzt der Fruchtgröße und des spezifischen Fruchtgewichts zu potenziell bruchgefährdeten Kronen und Schäden auch an gesunden Altbäumen.

Ein ausgewachsener Obsthochstamm trägt durchschnittlich etwa 200 bis 300 Kilogramm Äpfel pro Jahr, in besonderen Ertragsjahren auch das Doppelte und mehr. Erträge im Bereich von einer Tonne bei ausgewachsenen Massenträgern der Arten Apfel und Birne sind keine Seltenheit. Zudem verlagern sich an Naturkronen, nicht ausreichend oder fachlich unzweckmäßig geschnittenen Kronen die frucht - tragenden Astpartien in die Peripherie (s. o.). Die Fruchtlasten setzen somit vorwiegend im Bereich des Kronenmantels an, sind statisch wirksamer und haben eine geringere Bruchsicherheit zur Folge (Abb. 1 und 2). Physiologisch sind die Kulturformen ebenfalls artbedingt – und durch Sortenauslese verstärkt – von Einseitigkeiten im Verhältnis von generativem zu vegetativem Wachstum gekennzeichnet. Die Obstbauwissenschaft unterscheidet die Kronenentwicklung von Sorten in drei Kategorien:

DER AUTOR

Dipl.-Ing. Agrar. Hans-Thomas Bosch ist Mitarbeiter der Sortenerhaltungszentrale am Kompetenzzentrum für Obstbau Bodensee (KOB) bei Ravensburg. Daneben ist er als Baumpfleger mit Schwerpunkt Obstgehölzpflege und als Pomologe tätig.

● Sorten mit verstärkt vegetativem Wachstum,

● mit eher generativem Wachstum oder

● mit ausgeglichen vegetativ-generativem Wachstum.

Gesunde Obstbaumkronen, die genetisch vegetativ veranlagt sind, reagieren auch im Alter noch auf Einflüsse von außen (egal ob natürlicher Art oder durch Kulturmaßnahmen) mit ausgeprägter Bildung von Langtrieben und in Folge sich verdichtenden Kronen. Generativ geprägte Kronen

neigen zur vorzeitigen physiologischen Alterung. Die starke Fruchtbildung hemmt den Austrieb umgebender Knospen und den Triebzuwachs. Stark fruchtende Sorten können bereits im Jugendstadium physiologisch alt sein („vergreisen“). Sie bilden nur noch Kurztriebe und stellen ihr Wachstum ein, wenn die Kronenausdehnung nicht durch Bildung vegetativ gestimmter längerer Triebe aufgrund von Umwelteinflüssen (z. B. Blütenfröste) oder eine entsprechende Pflege wieder angeregt wird. Die durch die Fruchtbarkeit ausgelöste betonte Kurztrieb- und Quirlholzbildung kann also am jungen wie auch am ausgewachsenen Baum zu erheblichen Minderungen der Triebleistung und damit zu deutlichen Vitalitätsverlusten führen. Diese Aspekte sind bei der Pflege zu berücksichtigen unabhängig davon, ob die Früchte auch genutzt werden.

Auch wenn der Aspekt der Nutzung in den letzten Jahrzehnten vielfach an Bedeutung verloren hat, wird der Fruchtertrag der Obsthochstämme noch häufig verwertet, überwiegend zur Selbstversorgung, aber auch erwerbsmäßig. Dadurch ergibt sich eine zusätzliche Anforderung an die Verhältnisse in Obstbaumkronen und insofern auch ein weiteres Pflegeziel, das der „Nutzbarkeit“. Die Früchte sollen dann gute Verwertungseigenschaften haben (je nach Sorte als Tafel- oder Verwertungsobst) und die Bäume neben einem ausgewogenen Ertrag auch eine entsprechende Qualität liefern. Die Nutzbarkeit ist somit eine zusätzliche und spezielle Funktion von Obstbaumkronen. Sie zeigt sich in Ertragsmenge, Ertragskonstanz und Fruchtqualität sowie in einer guten Zugänglichkeit der Krone für Pflege und Ernte.

Pflegeziele mit Wechselwirkungen

Als Pflegeziele für alte Obsthochstämme ergeben sich somit die Erhaltung oder Erneuerung der Vitalität, der Stabilität und der Nutzbarkeit. Bei ausreichender Kenntnis der Wuchsgesetze und der spezifischen Physiologie der Obstbäume und deren angemessener Berücksichtigung bei allen Schnittarbeiten besteht zwischen diesen Zielen kein grundsätzlicher Widerspruch.

Eine baumerhaltende Obstbaumpflege unter Berücksichtigung statischer und physiologischer Erfordernisse schließt eine gleichzeitige Erhaltung oder Verbesserung der Nutzbarkeit großkroniger Obstbäume nicht aus. Im Widerspruch stehen Baum - gesundheit und Ertragsnutzung vor allem dann, wenn nicht fachgerecht geschnitten wird. Fachgerecht beinhaltet unter anderem, dass die Baumgesundheit ein der Nutzbarkeit der Krone gegenüber gleichgewichtetes Pflegeziel ist. Die Kronenfunktionen fördern sich gegenseitig. Auch an alten Bäumen lassen sich Schnitteingriffe so durchführen, dass gleichzeitig mit der Lebenserwartung des Baumes auch Fruchtertrag oder Kronenzugänglichkeit günstig beeinflusst werden.

Beispielsweise verbessert sich durch eine schonende Einkürzung nicht nur die Stabilität der Krone. Die damit häufig verbundene Öffnung des Kronenmantels verändert auch die Lichtverhältnisse. Das nun tiefer in die Krone einfallende Licht wirkt günstig auf die Aktivität bisher beschatteter, weiter innen liegender Knospen und Blätter. Deren Photosyntheseleistung erhöht sich, Knospen werden zum Wachstum angeregt und bilden vitalere Triebe. Junges Fruchtholz kann ansetzende Früchte besser ernähren, was sich positiv auf deren Verwertungseigenschaften auswirkt (Saftigkeit, Zucker-Säure-Verhältnis, sortentypische Fruchtgrößen). Die geringere Kronenausdehnung ermöglicht zudem eine sicherere Handernte (zum Beispiel am Kirschbaum).

Mittelfristig kann durch wiederholte Pflege - intervalle die Fruchtbildung und damit auch die Fruchtlast insgesamt weiter zur Kronenbasis hin gelenkt werden mit nun wiederum positiven Effekten auf die Stabilität. Hat der Obstbaumpfleger diese Wechselwirkungen im Blick, wird er immer auch um eine günstigere Verteilung der fruchttragenden Organe innerhalb der Krone bemüht sein. Die Funktionen „Stabilität“, „Vitalität“ und „Nutzbarkeit“ können sich bei fachgerechter Pflege gegenseitig also günstig beeinflussen. Voraussetzung dafür sind Obstbäume, deren Regenerationsfähigkeit noch nicht zum Erliegen gekommen ist.

Besondere Schnittmaßnahmen

Die geringere Bruchsicherheit, die Tendenz zu physiologisch einseitigem Wachstum und die eventuelle Nutzung der Krone erfordern in der Regel eine höhere Eingriffsstärke als allgemein in der Baumpflege üblich. Die Obstbaumarten unterscheiden sich in der Fähigkeit, eindringende Fäuleerreger abzuwehren. In der Literatur werden sie überwiegend als schwache Kompartimentierer eingestuft. Dagegen unterscheiden die Autoren Wessoly und Erb in ihrem Handbuch zur Baumstatik (2014, S. 224) innerhalb der Obstarten. Apfel und Birne sind demnach als mittlere Abschotter einzustufen, Prunusarten und Juglans als schwache. Gestützt wird diese Differenzierung durch Beobachtungen aus der Praxis. Entsprechend sind die Eingriffsstärken bezogen auf die Wundgröße daran anzupassen. Für die mittelstark abschottenden Arten sind damit generell auch Wundgrößen bis mittlere Grobaststärke (ca. 7–8 cm) vertr etbar bzw. anzuraten. Sie erweitern den Spielraum des Obstbaumpflegers bei seinem Vor - haben, stabile und langlebige großkronige Obstbäume zu erhalten.

In Bezug auf den Blattmasseverlust haben sich in der Pflegepraxis Eingriffsstärken zwischen etwa 15 und 30 % allgemein bewährt. Auch höhere Verluste sind vertretbar, insbesondere beim Erziehungsschnitt oder an stark vegetativ wachsenden älteren und alten Bäumen mit durch ausgeprägte Langtrieb- oder Reiteratbildung stark verdichteten Kronen. Dies allerdings jeweils unter Einhaltung angepasster Wundgrößen und physiologischer Erfordernisse wie die Beibehaltung bestehender Hierarchien bei der Kronenauslichtung oder bei der Kroneneinkürzung durch Schnitt auf Zugast.

Die Schnittintervalle

Allgemein haben sich an ausgewachsenen oder alten Obsthochstämmen Pflege - intervalle von etwa drei bis fünf Jahren bewährt, an langlebigen und vitalen Sorten von Pyrus auch Zyklen von zehn Jahren und mehr. Unter dem Einfluss der Fruchtbildung können sich die statischen und physiologischen Verhältnisse innerhalb der Krone schnell verändern. Die genannten zeitlichen Abstände ermöglichen es, darauf rechtzeitig zu reagieren. Anhaltende Fruchtbildung wird zumindest mittelfristig zum Erlahmen des Triebwachstums bei generativ veranlagten Sorten führen (physiologische Alterung). Ein Jahr mit Massen -erträgen genügt, um die Stabilität von Kronenteilen oder der Krone insgesamt deutlich oder erheblich zu beeinträchtigen (Astbruch). Werden die Früchte genutzt, erfordern gleichmäßig qualitative Erträge engere zeitliche Abstände.

Beispiel aus der Praxis

Der Pflegezyklus an einem etwa 70-jährigen Baum der Apfelsorte ‘Schöner aus Boskoop‘ veranschaulicht das Ineinandergreifen obstbaulicher und baumerhaltender Pflegeziele mit den entsprechenden Eingriffsstärken. Abb. 3 und 4 zeigen die verdichtete und vergreiste Krone des alten Obsthoch-stammmes vor und nach dem ersten Schnitt. Der vorwiegend außen ansetzende Fruchtbehang der über Jahre ungepflegten Krone mindert die Stabilität der ausladenden Hauptachsen. Innen wachsendes Holz verkümmert wegen mangelnden Lichteinfalls. Ziel ist eine erhöhte Stabilität und Vitalität, die Nutzbarkeit spielt eine untergeordnete Rolle. Der Kronenmantel insgesamt wird in diesem Fall zunächst mittelstark ausgelichtet, einzelne ausladende Leitäste gering eingekürzt. Stärkere Eingriffe würden den Baum schwächen und schädigen (zu hoher Blattverlust, zu große Wunden).

Zeigt der erste Eingriff, dass die Krone noch in der Lage ist zu regenerieren und wieder Blattmasse zu bilden, lässt das eine erneute Kronenauslichtung und Kroneneinkürzung zu. Vitalität und Stabilität können weiter verbessert werden. Sofern Schäden nicht kurzfristig zu erwarten sind, empfiehlt es sich, die Kronenentwicklung mindestens zwei oder drei Jahre sich selbst zu überlassen, in der sie sich entsprechend ihrer art- und sortenbedingten Wuchs - gesetze an den Eingriff anpassen kann.

In unserem Beispiel sind zwei Jahre seit dem ersten Eingriff vergangen. Deutlich sind die längeren Jahrestriebe zu sehen, die Krone ist also vitaler. Das wirkt auch positiv auf eine eventuell geplante Nutzung (besser versorgte und besser besonnte Früchte). Durch die Einkürzung laden die Leitäste weniger stark aus und haben ihr Dickenwachstum verstärkt, sie sind stabiler. Die Krone kann nun erneut in mäßiger Stärke ausgelichtet und eingekürzt werden (Abb. 5 und 8) mit den entsprechend weiteren günstigen Auswirkungen auf die Kronenfunktionen. Der Abstand der Intervalle richtet sich danach, wie anhaltend die in Gang gesetzten positiven Effekte sind. Ein weiteres Pflegeintervall sollte spätestens einsetzen, bevor die zuvor stimulierten Wachstumsprozesse wieder zum Erliegen kommen.

Krone auslichten und einkürzen

Die wirksamsten Maßnahmen einer baumschonenden Kronenpflege sind Kronen - auslichtung und Kroneneinkürzung bei schwacher bis mittlerer Eingriffsstärke.

Die Auslichtung sorgt unter anderem für das wichtige Öffnen verdichteter Kronenbereiche, die Einkürzung reduziert deren Ausladung und macht sie bruchsicherer. Das Einkürzen als stabilisierende Maßnahme konzentriert sich per se auf die Peripherie der Krone, das Auslichten kann sich auf alle Bereiche der Krone erstrecken, entfaltet in der Peripherie allerdings eine besondere Wirkung. Wie die Einkürzung sorgt dann auch das Auslichten für eine Verringerung der Anzahl peripherer Knospen. Diese wirken auf tiefer und innen liegende Knospen hemmend und bestimmen das Wachstum (Dominanz, Hierarchie). Ein Verlust peripherer Knospen hat umgekehrt einen verstärkten Austrieb nachgeordneter Knospen zur Folge. Bei der Kroneneinkürzung ist dieser Effekt stärker, da nach dem Eingriff die Dominanz auf eine bisher untergeordnete Achse übertragen wird.

Die Stimulierung nachgeordneter Knospen ist vorteilhaft für alle Kronenfunktionen. Das nun vitalere und näher zur Kronen - basis ansetzende Holz trägt schöner ausgebildete Früchte, die leichter zu ernten sind (auch zu schütteln) und deren Gewicht statisch günstiger ansetzt. Auch wenn diese Prozesse an alten Kronen teilweise nur noch eingeschränkt in Gang gesetzt werden können, wirken sie gesundend auf das ganze Baumleben. Daher ist es für den Obstbaumpfleger wichtig, das Auslichten und Einkürzen gut zu verstehen und anwenden zu können.

Bei der Kronenauslichtung werden gleichrangige Vergabelungen aufgelöst, die Krone behält ihre Ausdehnung bei. Die Hierarchie bleibt weitgehend erhalten, das heißt die verbleibenden Äste waren vorher übergeordnet und bleiben es auch nach dem Eingriff (Abb. 9, 10). Die Anzahl dominanter Achsen aber verringert sich und nachgeordnete Knospen erfahren einen mäßigen Anreiz zum Austrieb. Bei der Einkürzung wird auf einen bisher nachrangigen Ast (Zugast) zurückgeschnitten, die Ausdehnung der Krone wird verringert. Die Kronenhierarchie erfährt durch den Eingriff eine grundlegende Neuordnung. In der Regel werden alle Äste entfernt, die bisher dominiert und das Wachstum untergeordneter Achsen gehemmt haben. Damit nach einer Einkürzung kein „enthemmtes“, also einseitig vegetatives Wachstum in Form zahlreicher Langtriebe oder Reiterate induziert wird, muss der verbleibende Zugast physiologisch in der Lage sein, den ihn umgebenden Kronenbereich zu kontrollieren. Er sollte etwa ein Drittel des Durchmessers der entfernten Achse haben und vital sein (Abb. 11, 12).

Schlussbemerkung

Die Pflege alter Obsthochstämme und die allgemeine Baumpflege haben vieles gemeinsam, insbesondere hat die Obstbaumpflege in den letzten Jahrzehnten von Erkenntnissen und Erfahrungen der modernen Baumpflege profitiert. Das gilt vor allem im Hinblick auf die Themen - felder Wundheilung, Abschottung oder Statik.

Gleichzeitig ergeben sich für Obsthochstämme aus ihrer Eigenschaft als „Kulturbäume“ spezifische, von der allgemeinen Baumpflege abweichende Anforderungen an die Erziehung und Pflege. Diese werden bisher — insbesondere auch bei der Ver - gabe von Pflegearbeiten von Bäumen — noch zu wenig berücksichtigt. Gründe dafür sind mangelnde fachliche Kenntnis bei ausschreibenden Stellen und ausführenden Firmen sowie das Fehlen entsprechender Qualitätsstandards. Deswegen wird zurzeit ein Regelwerk zur Pflege von Obsthochstämmen erarbeitet (siehe Kasten unten). //