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Alternative Alternative Antriebe im Einsatz E-, Gas- und Wasserstofffahrzeuge und ihre Tücken


Feuerwehr Fachjournal - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 26.03.2020

Autos und andere Kraftfahrzeuge mit alternativen Antrieben, wie Strom, Gas oder Wasserstoff, stellen die Feuerwehren vor neue Herausforderungen. Vor allem aufgrund der aktuellen Umweltdiskussion ist die Elektrifizierung von Fahrzeugen im Kommen und erobert den Markt immer mehr.


„Das ist alles kein Hexenwerk. Man muss sich nur darauf vorbereiten. Genauso wie Brände von Solaranlagen oder vor vielen Jahren die Einführung von Airbags die Feuerwehren anfangs vor Herausforderungen gestellt haben, muss man sich jetzt mit alternativen Antrieben auseinandersetzen.“



Dipl.-Ing. Ulrich Hetzenecker

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... Felix Bonn und Ulrich Hetzenecker


Bilder: © Feuerwehr Pentling/Felix Bonn

Die Zahl der in Deutschland zugelassenen Elektro- und Hybridfahrzeuge beträgt laut statista rund 425.000. Des Weiteren sind derzeit rund 577.000 PKW mit Erdgas oder Autogas unterwegs. Im Vergleich zu Benzinern oder Diesel-PKW – insgesamt zirka 45 Millionen Fahrzeuge in Deutschland – ist die Anzahl der alternativen Antriebe zwar noch relativ gering, mit zunehmender Anzahl werden aber auch Verkehrsunfälle oder Fahrzeugbrände an denen genau solche Fahrzeuge beteiligt sind zunehmen.
Die Feuerwehr Pentling hatte in jüngster Vergangenheit bereits zwei Verkehrsunfälle mit Elektro-Autos bei denen man auf Neuland stieß und man gemerkt hat, dass selbst eine Kennzeichenabfrage bei der Leitstelle nicht immer zufriedenstellende Ergebnisse bringt, um Abschaltmöglichkeiten am Fahrzeuge zu finden, so dass das Fahrzeug vom Hochvoltnetz sicher getrennt werden kann. Dipl.-Ing. (FH) Ulrich Hetzenecker hielt deshalb Ende 2019 im Gerätehaus der Feuerwehr Pentling einen Schulungsabend zum Thema „Alternative Antriebe“ ab. Er ist selbst bereits lange Zeit Mitglied bei der FF Pentling und Profi auf dem Gebiet der E-Mobilität. Gleich zu Beginn betonte er: „Das ist alles kein Hexenwerk. Man muss sich nur darauf vorbereiten. Genauso wie Brände von Solaranlagen oder vor vielen Jahren die Einführung von Airbags die Feuerwehren anfangs vor Herausforderungen gestellt haben, muss man sich jetzt mit alternativen Antrieben auseinandersetzen.“ Vorab kann schon einmal gesagt werden, bei einem Standard-Crash wird das E-Fahrzeug automatisch von der Hochvolt-Batterie abgeklemmt. Das Hochvoltsystem stellt dann keine Gefahr mehr für Patient oder Einsatzkräfte dar und der Unfall kann von den Rettungskräften ganz normal abgearbeitet werden, wie bei jedem anderen Einsatz auch. Die automatische Abschaltung ist mit dem Auslösen der Airbags gekoppelt, d.h. bei einem ausgelöstem Airbag kann man sich sehr sicher sein, dass das Hochvoltsystem deaktiviert ist. Aber auch hier muss klar sein, dass technische Systeme ab einer gewissen Unfallschwere an ihre Grenzen kommen können, z.B. wenn das Fahrzeug bei einem Aufprall an einen Baum in mehrere Teile zerrissen wird.

Erkennungsmerkmale für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben

Wenn man als Einsatzkraft zu einem Verkehrsunfall kommt, kann man auf den schnellen ersten Blick nur schwer erkennen, ob es sich um einen PKW mit einem alternativen Antrieb handelt oder ob es ein „normaler“ Benziner oder Diesel ist. Das E am Kennzeichen ist keine Verpflichtung und auch ansonsten gibt es keine genormten Erkennungssymbole, die sofort aufzeigen würden „Achtung Elektro-Fahrzeug“, „Achtung Gas-Fahrzeug“ oder Ähnliches. Man muss das Fahrzeug also genau erkunden und kann hier beispielsweise die sogenannte AUTO-Regel oder auch allgemein eine 6-Seiten-Erkundung anwenden. AUTO steht für: Austretende Betriebsstoffe, Unterboden erkunden, Tankdeckel öffnen (alle!, öfter mehrere vorhanden z.B. bei Hybrid) und Oberfläche absuchen. Zusätzlich kann man das Unfallfahrzeug nach typischen Beschriftungen absuchen, wie etwa nach einem e oder i im Modellname; man kann die Tankanzeige oder zusätzliche Bedienelemente im Fahrzeuginnenraum überprüfen oder nach einem vorhandenen beziehungsweise nicht vorhandenen Auspuff Ausschau halten. Elektroautos haben keinen Auspuff, mit Wasserstoff betriebene hingegen schon. Nach Möglichkeit kann man den Fahrer befragen, eine Kennzeichenabfrage bei der Leitstelle starten oder im besten Fall: eine vorhandene Rettungskarte benutzen. Im Motor- und Kofferraum finden sich oft auch Leitungen in der Farbe Orange. Hier handelt es sich um die Hochvolt (HV)-Leitungen.

ALTERNATIVE ANTRIEBE IM EINSATZ

Dipl.-Ing. (FH) Ulrich Hetzenecker am Schulungsabend.


Elektrofahrzeuge – Abschaltung der Hochvolt-Batterie

Zur Abschaltung der Hochvolt-Batterie in Elektrofahrzeugen gib es verschiedene Möglichkeiten. Im Motorraum und/oder auch Kofferraum befinden sich Leitungen oder Stecker, die durchtrennt oder herausgezogen werden müssen, um das Fahrzeug vom HV-Netz zu trennen. In den Rettungskarten sind diese Stellen genau eingezeichnet und viele Hersteller beschriften die Kabel und Stecker zusätzlich mit einem roten Feuerwehr-Helm-Symbol. Leider ist das nicht bei allen Marken der Fall, was gerade in der Nacht und schwarzen Steckern nicht gerade hilfreich ist. Eine genormte Kennzeichnung verpflichtend für alle Hersteller gibt es nicht. Alle HV-Leitungen sind orange oder gelb. Die meisten HV-Stecker sind mit einem HV-Interlock versehen. Das heißt, die sofortige Abschaltung der Batterie beim Öffnen eines HV-Steckers oder alternativ haben die Stecker einen sehr hohen Berührschutz. Beim Abklemmen der 12 V-Batterie wird auch automatisch immer Hochvolt-Netz durch ein Relais getrennt. Hier, wenn möglich, erst den Minuspol und dann den Pluspol abklemmen. Nach dem Abklemmen der 12V-Batterie( en) können die Komponenten eine gewisse Entladezeit benötigen, bis sie komplett spannungsfrei sind. Wenn keine Rettungskarte vorhanden ist, kann man alternativ eine Kennzeichenabfrage bei der Leitstelle starten oder die Notrufzentralen der jeweiligen Hersteller kontaktieren. Viele Autobauer haben solche Service-Rufnummern, die 24 Stunden rund um die Uhr besetzt sind und im Notfall unterstützen können. Nach dem Abschalten des Hochvoltnetzes, ist das Auto wie jeder andere PKW zu sehen und es kann ganz normal daran gearbeitet werden. Im Display am Armaturenbrett wird bei manchen Fahrzeugen sogar die Meldung „Hochvolt-System abgeschaltet“ angezeigt. Doch auch dies ist kein Standard und eine genormte Anzeige für die erfolgreiche Abschaltung – zum Beispiel ein kleines Lämpchen an einer genormten Stelle – gibt es ebenfalls nicht. Die Kennzeichnungen in den Rettungskarten gelten laut Hersteller jedoch für eine sichere Abschaltung. Aber Achtung: Die Entladezeiten nach Abschaltung des HV-Systems können bis zu 10 Minuten betragen.
Das Hochvolt-Netz ist galvanisch vom Fahrzeug getrennt. Das heißt, beim Berühren von nur einer Leitung besteht keine Gefahr. Erst wenn Plus und Minus gleichzeitig berührt werden, besteht Gefahr. Beim Arbeiten am HV-Netz sollte deshalb, wenn zwingend notwendig, idealerweise einhändig gearbeitet werden.

Hochvolt-Batterien und ihre Gefahren

Der Verbauort der Hochvolt-Batterie, welche Spannungen bis 700 V haben kann, ist von Fahrzeug zu Fahrzeug unterschiedlich, wird aber so gut wie immer möglichst tief und im Bereich zwischen den Achsen liegen. Bei Hybriden ist sie meist im hinteren Fahrzeugteil verbaut. Die Hochvolt-Batterie ist sehr robust gebaut und in Submodule gegliedert, die wiederum aus einzelnen Zellen bestehen. Die Zellen gibt es in unterschiedlichsten Größen und Formen, aktuell meist etwa in Taschenbuchform. Eine Gefahr kann für Menschen und die Umwelt bestehen bei offener Batterie bzw. bei offenen Zellen durch austretende Säuren oder brennbare Lösungsmittel, die sowohl gasförmig als auch flüssig vorkommen können. Der Säuretyp ist abhängig vom Batterietyp; bei Lithium-Ionen-Batterien ist beispiels- weise Flusssäure vorhanden. Eine Säure, bei der im Kontakt selbst mit nur kleinen Mengen, Lebensgefahr bestehen kann, sofern es nicht unmittelbar behan delt wird. Es empfiehlt sich hier im Notfallrucksack z.B. ein bis zwei Tuben HF-Antidot als Salbe (Kalzium-Gluconat-Salbe) mitzuführen. Deshalb gilt: Bei austretenden Gasen Atemschutz anlegen, bei Hochspannung oder der Gefahr von Verätzungen, die Batterie nicht anfassen und selbst nach einem erfolgreichen Ablöschen (z. B. PKW-Brand) der Batterie weiterhin Brandschutzkleidung tragen. Eine nachträgliche Explosion der Batterie kann nicht ausgeschlossen werden. Bei austretenden Zellbestandteilen oder Säure Atemschutz anlegen, Chemiebinder auftragen, Dämpfe mit Wasser niederschlagen, den Brandschutz sicherstellen und Lüften. Unterstützend kann eine Ex-Messung durchgeführt werden, insbesondere in geschlossenen Räumen.

Kritisch ist eine Erwärmung der Zellen auf Temperaturen größer 130°C, welche auch durch mechanische Beschädigung und einer daraus resultierenden Eigenerwärmung ergeben kann. Ab dieser Temperatur setzt eine Selbstzersetzung in den Zellen ein, welche auch die Nachbarzellen erwärmt und eine Kettenreaktion auslösen kann. Die Zellen können dann aufplatzen und die brennbaren Lösungsmittel ausgasen.

Sicherheits- und Einsatzhinweise

Wie schon beschrieben, erfolgt bei einem normalen Aufprall eine automatische Abschaltung des HV-Systems in Verbindung mit dem Auslösen eines Airbags, vorausgesetzt natürlich, diese haben auch ausgelöst. Bei extremen Unfällen, z.B. wenn das Fahrzeug in mehrere Teile getrennt wurde kann nicht zwangsläufig von der korrekten Funktionsweise der Abschalteinrichtungen ausgegangen werden, insbesondere dann, wenn sich die Batterie oder sogar Zellen geöffnet haben. Nach Möglichkeit sollte die Zündung ausgeschaltet und der Zündschlüssel abgezogen werden. Die Abschaltung der HV-Spannung erfolgt nach Zündungs-Aus nach einer gewissen Zeit automatisch, kann aber durch eingestellte Zusatzfunktionen durchaus verzögert werden, z.B. bei aktivierter Standklimatisierung. Bei Keyless-Go Fahrzeugen sollte der Schlüssel zusätzlich zirka fünf Meter vom Fahrzeug entfernt werden. Bei einer unsicheren Lage sollten keinesfalls unisolierte HV-Komponenten berührt oder HV-Leitungen durchtrennt werden. Bei Berührung der Karosserie ist aber mit keiner Gefahr zu rechnen. Beim Wegkippen des Vorderwagens, zum Beispiel nach einem Frontalunfall, sollte höchste Vorsicht geboten sein, denn dabei können Leitungen abgerissen werden. Deshalb zuvor die 12V-Batterie wie üblich abklemmen oder nach Möglichkeit das Hochvolt-System gemäß der Angaben in der Rettungskarte abschalten. Die Trennung des 12V-Netzes kann aber auch wiederum zusätzliche Probleme bringen. Zum einen funktioniert in vielen Fahrzeugen die elektronische Sitzverstellung nicht mehr und auch sämtliche Anzeigen und Displays erlöschen.

Fahrzeugbrand bei E-Fahrzeugen / Batteriebrand

Bei dem Brand eines Elektrofahrzeuges kann der Löschvorgang als Einsatzkraft zunächst wie üblich durchgeführt werden. Dennoch verbergen sich auch hier zusätzliche Gefahren. Austretende Säuredämpfe sollten mit Wassernebel niedergeschlagen werden; ein Batteriebrand unter Lichtbogen kann mit einem Pulverlöscher oder mit Löschsand gelöscht werden oder man lässt diese einfach ausbrennen. Ab 130° Celsius ist die Selbstzersetzung der Batterie mit ausgasen brennbarer Lösungsmittel möglich. Hierbei kann es zu einer Explosionsgefahr kommen, sofern die Gase nicht frei austreten und abbrennen können. Das heißt, auch nach „Feuer aus“ unbedingt Brandschutzkleidung und Atemschutz tragen, da sich die Gase unter Umständen nochmal entzünden können. Die Batterie muss auch nach dem erfolgreichen Ablöschen noch mehrere Stunden gekühlt werden und dabei frei von Feuer, Rauch (Eigen-) Erwärmung sein. Die beste Kühlwirkung erzielt man hierbei mit Wasser, möglichst direkt auf die Batterie. Die Gefahr von Elektrolyse durch das Wasser, also die Aufspaltung von Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff unter Gleichspannung, in der Batterie ist zu vernachlässigen. Die Kühlung mit Wasser kann dabei durchaus sehr lange notwendig sein. Dabei kommt es nicht zwingend auf die Menge an, wie z.B. in einem Tauchbad, sondern kontinuierlich über viele Stunden, z.B. mit einem einfachen Rasensprenger. Tesla gibt den Wasserbedarf bei einem Batteriebrand mit bis zu ca. 11.000 l an.

Anzeige "Hochvolt-Sytem abgeschaltet"


Orange Hochvolt-Leitungen


Bilder: ©Feuerwehr Pentling/Felix Bonn

Es empfiehlt sich also frühzeitig wasserführende Fahrzeuge nach zu alarmieren, sofern keine ausreichende Versorgung über Hydranten gewährleistet ist, zum Beispiel beim PKW-Brand auf der Autobahn. Auch CO2 kann zum Löschen verwendet werden, ist aber aufgrund der schlechteren Kühlwirkung gegenüber Wasser nicht optimal geeignet. Beim Löschen mit Wasser/ Schaum müssen unbedingt die üblichen Sicherheitsabstände, wie bei allen elektrischen Anlagen bis 1000V eingehalten werden (1m Sprühstrahl/5m Vollstrahler, bei Hohlstrahlrohren ggf. Herstellerangaben beachten).

Verkehrsunfälle mit E-Fahrzeugen im Einsatzgebiet der FF Pentling

Im Herbst 2019 hatte die Feuerwehr Pentling selbst bereits zwei Verkehrsunfälle abzuwickeln an denen Elektroautos beteiligt waren. Einmal mit einem Porsche Panamera 4 Hybrid. Hier konnte das HV-System durch die Kennzeichenabfrage bei der Leitstelle erfolgreich deaktiviert werden. Ganz anders dagegen bei einem weiteren Unfall mit einem PKW Nissan-LEAF. In der Datenbank auf welche die Leitstelle zugreifen kann, war keine entsprechende Rettungskarte für das Fahrzeug hinterlegt. Erst nach eigenen Recherchen im Internet konnte das Datenblatt ausfindig gemacht werden. Da es für die Feuerwehr nicht immer ganz leicht ist, die richtige Rettungskarte zum Fahrzeug zu finden empfehlen wir jedem PKW-Besitzer, insbesondere bei alternativen Antrieben, die Rettungskarte im Fahrzeug unter der Fahrer-Sonnenblende mitzuführen.

Gas- und Wasserstofffahrzeuge

Bei Gasfahrzeugen unterscheidet man zwischen Erdgas-Fahrzeugen (CNG) und Flüssiggas/Autogas-Fahrzeugen (LPG). Das Gas wird im adaptierten Otto-Verbrennungsmotor verbrannt. CNG/Erdgas ist ein Mischgas aus Methan, Ethan, Propan, Butan, sowie inerten Gase. Erdgas ist leichter als Luft, farb- und geruchlos, aber zum Vertrieb odoriert, das heißt, mit geruchsintensiven Substanzen versetzt. Es sind mono- oder bivalenter Ausführungen möglich, d.h. reine Erdgasfahrzeuge oder Fahrzeuge mit einer Umschaltbarkeit zwischen Erdgas- und Benzinantrieb. Die Speicherung erfolgt als Druckgas bis 250 bar. CNG Systeme sind im Gegensatz zu Autogas-LPG Systemen nicht nachrüstbar. Der Ex-Bereich von Erdgas liegt zwischen 4 Vol.-% bis 17 Vol.-%. Die Sicherheitseinrichtungen bei Erdgasfahrzeugen sind ein elektromagnetisches Behälterabsperrventil, sowie manuelle Absperrventile an den Druckgasbehältern. Auch beim CNG-Fahrzeug ist es schwierig die manuellen Absperrventile ohne Rettungskarte zu finden, insbesondere, da jeder Druckgasbehälter ein eigenes Absperrventil hat und von außen die Anzahl an Druckgasbehältern nicht immer klar ersichtlich ist. Eine Schmelzsicherung soll bei Erhitzung ein kontrolliertes Abblasen sicherstellen um ein explodieren zu vermeiden, ein Durchflussmengenbegrenzer verhindert bzw. begrenzt bei einem Leitungsabriss das Ausströmen des Gases.
LPG-Autos tanken ein Mischgas aus Propan und Butan, welches schwerer als Luft ist. Es ist ebenfalls farb- und geruchlos, aber zudem auch odoriert, wie das Erdgas. Auch beim Autogas sind mono- oder bivalente Antriebe möglich. Die Speicherung erfolgt im Tank bei 5 bis 10 bar Druck. Autogas kommt sehr häufig als Nachrüstlösung vor. Der Tank dazu befindet sich dann meist in der Reserveradmulde. Auch die Betankung erfolgt dann nicht über eine Tankklappe. Achtung: Bei nachgerüsteten Fahrzeugen sind keine Rettungskarten verfügbar, zudem ist die Information, dass es sich um ein LPG-Fahrzeug handelt i.d.R. nicht mit dem Kennzeichen bei der Leitstelle hinterlegt. Der LPG-Ex-Bereich liegt zwischen 1,4 Vol.-% bis 10,9 Vol.-%. Als Sicherheitseinrichtungen gibt es hier ein elektromagnetisches Behälterabsperrventil am Druckgasbehälter sowie eine federbelastete Überdrucksicherung. Die Überdrucksicherung bläst bei ca. 25 bar ab, ebenso um ein Bersten des Behälters zu vermeiden. Sobald der Druck aber wieder gesunken ist verschließt das Ventil wieder, d.h. das Gas bläst anders als beim CNG, immer in kurzen Stößen ab, wohingegen beim CNG nach Auslösen der Schmelzsicherung dies komplett ausströmt.

Rettungskarte mit Feuerwehr-Helm-Symbol


Der Absolutwert der unteren Explosionsgrenze der Gase ist wichtig zu kennen, da bei einem Messgerät, welches auf Methan kalibriert ist (100% UEG bei 4,4Vol%), bereits bei einer Anzeige von 32% UEG, die 100% UEG von LPG erreicht sind. Es würde sich hier empfehlen die Messgeräte auf Pentan (100% UEG bei 1,1-1,3 Vol%) zu kalibrieren für eine sensiblere frühere Warnschwelle.
Beim Brand eines Gasfahrzeuges, egal ob CNG oder LPG, ist Folgendes zu beachten: Wenn die Überdrucksicherungen noch nicht ausgelöst haben sollten die Tanks möglichst gekühlt werden, der Abströmbereich ist dabei unbedingt freizuhalten. Brennende Gasflammen sollten nicht abgelöscht werden, wie bei jedem anderen Gas-Brand auch. Ggf. müssen die Löschmaßnahmen am Fahrzeug kurz unterbrochen werden und der Fokus auf die Sicherung der Umgebung gelegt werden. Nach der vollständigen Entleerung des Tanks, kann das Fahrzeug ganz normal abgelöscht werden. Insbesondere beim Autogas-Tank wird der Druck immer nur stoßweise, verbunden mit einer entsprechenden Stichflamme abgeblasen. Achtung: Unbedingt ausreichend Abstand zum abbrennenden Gas einhalten; die Flamme kann mehrere Meter groß sein. Mit einem Ex-Messgerät kann ausgetretenes Gas erkannt werden, wobei die Geruchswahrnehmung durch die Odorierung in der Regel deutlich früher ist, als die untere Messbereichsgrenze der üblichen Ex-Messgeräte bei der Feuerwehr. Bei Wasserstofffahrzeugen wird der Wasserstoff sowohl als LH2 (tiefkalt verflüssigt im Vakuum-Thermobehältern), als auch als GH2 (Gasförmig bei 700 bar) angeboten. In der Breite wird sich die 700 bar-Gastechnik voraussichtlich durchsetzen. Wasserstoff ist deutlich leichter als Luft, sowie farb- und geruchslos, weder reizend noch giftig. Eine Gefahr bei einem Brand besteht insbesondere darin, dass die Wasserstoffflamme nahezu farblos ist. Eine Nachrüstung ist nicht möglich. Der Ex-Bereich liegt zwischen 4 Vol.-% bis 75,6 Vol.-%. Wasserstoff-Fahrzeuge haben meist eine Brennstoffzelle, welche aus dem Wasserstoff in Verbindung mit dem Luft-Sauerstoff Strom erzeugt. D.h. Wasserstofffahrzeuge mit Brennstoffzelle sind dahingehend auch wie E-Fahrzeuge zu behandeln bzgl. eines elektrischen HV-Systems. Fahrzeuge, welche den Wasserstoff in einem Verbrennungsmotor verbrennen kommen nur sehr vereinzelt vor und werden auch in Zukunft eine deutliche Ausnahme sein.

Verkehrsunfall mit E-Porsche


Bilder: ©Feuerwehr Pentling/Felix Bonn

Zusammenfassung: Einsatz mit alternativen Antrieben

Abschließend lässt sich sagen, dass das Vorgehen bei PKW-Bränden oder Verkehrsunfällen bei denen Fahrzeuge mit alternativen Antrieben beteiligt sind, eigentlich genauso ist, wie bei üblichen Einsätzen auch. Bei erkennbarem Gasaustritt oder Brand, ist die GAMS-Regel anzuwenden. Sie sagt: Gefahren erkennen, Absperrgrenze der Einsatzstelle festlegen (25 m), Menschrettung unter Eigenschutz einleiten und bei Bedarf Spezialkräfte nachfordern. Ein ABC-Einsatz mit Dekon-Bereich ist dafür nicht notwendig. Bei der Erkundung hilft die AUTO-Regel als Gedenkstütze, wie bereits vorher erklärt. Bei E-Fahrzeugen sollte nach Möglichkeit der „Motor“ oder die Zündung abgeschaltet und der Zündschlüssel fünf Meter vom Fahrzeug entfernt werden. Auf Gasgeruch und entsprechender Gaskonzentration sollte geachtet werden (Mehrgasmessgerät, Gase leichter und schwerer als Luft). Zündquellen von austretendem Gas fernhalten und brennende Gasflammen nicht löschen. Wenn keine ausreichende Wasserversorgung über einen Hydrant sichergestellt ist, sollte frühzeitig Wasser nachgefordert werden. Des Weiteren: Rettungskarte organisieren; entweder im Fahrzeug (normalerweise Sonnenblende-Fahrerseite) oder Kennzeichenabfrage über die Leitstelle oder Internet, ggf. Kontakt zum Hersteller aufnehmen (24h-Service-Notruf). Die Nutzung eines Führungsassistenten kann dabei hilfreich sein. Bei Elektrofahrzeugen die 12V-Batterie abklemmen und erhöhte Vorsicht: Keine Hochvolt-Teile berühren, wenn nicht unbedingt notwendig. Falls dies doch notwendig ist, muss eine Abschaltung zuvor sichergestellt sein. Zudem beim Löschen von E-Fahrzeugen oder Batterien den entsprechenden Sicherheitsabstand einhalten; wie bei allen elektrischen Anlagen (1m/5m).
Dipl.-Ing. (FH) Ulrich Hetzenecker macht zum Ende der Veranstaltung hin klar: „Eine genormte und für alle Marken gleiche Abschaltmöglichkeit des HV-Netzes wäre zwar sinnvoll, wird es in absehbarer Zukunft aber ziemlich sicher nicht geben. Notwendiger sind hier allerdings geeignete Schulungsangebote für die Feuerwehren. Diverse Medienbeiträge zeigen, dass es noch sehr viel Unsicherheit und damit teilweise auch Fehleinschätzungen und Überreaktionen gibt. Die konkreten und spezifischen Informationen der Feuerwehrschulen sind hier auch noch eher dürftig, was aber bei der Technologie- und Variantenvielfalt teilweise auch verständlich ist, wenn es darum geht rechtssichere möglichst allgemeingültige Unterlagen zu erstellen. Panik vor Unfällen oder Bränden von E-Fahrzeugen ist unbegründet und ersetzt auch nicht die notwendige Selbstdisziplin sich mit diesen neuen Themen auseinanderzusetzen."

Ausgelöster Airbag trennt Fahrzeug von Hochvolt-Netz

Auch Ersthelfer brauchen sich keine Sorgen über Stromschläge oder andere Horrorszenarien machen. Sobald ein Airbag nach einem Standard-Unfall ausgelöst hat, ist das Fahrzeug vom Hochvolt-Netz getrennt. Die Gefahr, die von einer offenen, funkenden oder brennenden Batterie ausgeht, ist auch für jeden Laien offensichtlich.
Nach dem theoretischen Vortrag standen den Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr Pentling noch zwei Fahrzeuge, ein Elektroauto und ein Plug-In-Hybrid, zur Verfügung. Hier konnten die Schulungsteilnehmer selbst die Abschaltvorrichtungen im Motor- und Kofferraum anhand der Rettungskarten suchen und auch ausprobieren.