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„AM ABEND VOR PUTINS ANGRIFF SCHAUTE ICH EINEN KRIEGSFILM MIT BRAD PITT“


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Grazia - epaper ⋅ Ausgabe 31/2022 vom 28.07.2022

INTERVIEW

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Bildquelle: Grazia, Ausgabe 31/2022

Julia Solska, geboren und aufgewachsen in der Ukraine, lebt nach ihrer Flucht in Düsseldorf

SIE HATTE DAVON GETRÄUMT, IRGENDWANN EINMAL EIN BUCH ZU SCHREIBEN, vielleicht einen Reiseführer über die Naturschönheiten der Ukraine. Oder einen Liebesroman. Aber konkrete Pläne hatte sie nicht. Dass es ein Kriegstagebuch sein würde, das Julia Solska schneller als gedacht veröffentlichte, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. „Ich kann es selbst kaum glauben“, schreibt sie im Vorwort von „Als ich im Krieg erwachte“ (Edel Books), „dass ich, eine Europäerin, Anfang des 21. Jahrhunderts vom Krieg und seinem Schrecken erzähle – und erzählen muss.“ Solska (31), die in Kiew und Bochum Germanistik studierte, arbeitete in Kiew zuletzt bei einem IT-Unternehmen und als Porträtfotografin. Nach ihrer Flucht wohnt sie seit März 2022 in einer WG in Düsseldorf, wo sie viele Freunde und Bekannte hat, und hilft als Deutschlehrerin ukrainischen Flüchtlingen, mit den neuen Lebensumständen klarzukommen. ...

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Wie geht es Ihnen angesichts der furchtbaren Situation in Ihrer Heimat?

Vor dem 24. Februar sagte man so leicht: Alles gut! Aber das kann man heute nicht mehr. Ich hatte sehr lange ein schlechtes Gewissen, weil ich nach Deutschland reisen konnte und jetzt in Sicherheit bin. Doch bei uns geht der Krieg weiter, in der Ukraine passieren täglich furchtbare Dinge, es wird bombardiert und geschossen. Wenn ich heute sage: Alles gut, dann meine ich damit: Ich lebe, habe ein Dach über dem Kopf, meine Familie ist in Sicherheit, und ich habe Gott sei Dank Arbeit. Aber ich mache mir Sorgen um mein Land, um unsere Zukunft. Ich kann und will nicht glauben, dass Russland die Ukraine erobert. Ich bin sicher, dass wir gewinnen werden – aber um welchen Preis, das weiß ich nicht.

Haben Sie in den Tagen und Wochen vor dem Angriff geglaubt, dass es zum Äußersten kommen wird?

Nein, und ich denke, die meisten Ukrainer haben nicht damit gerechnet. Putin droht uns schon so lange, dass es immer schwerer fiel, ihn ernst zu nehmen. Weil er so tat, als wäre die Ukraine eine Bedrohung für die ganze Welt, ein Land, in dem Nazis leben – und vor dem man die Menschheit schützen muss. Für mich klang das alles verrückt, fast schon lächerlich. Der 23. Februar war ein ganz normaler, ruhiger Tag. Ich war im Park spazieren, habe mit Freunden telefoniert. Wir waren alle der Meinung: Kiew ist sicher, hier kann nichts passieren.

Was ging in Ihnen vor, als Sie morgens von Explosionen geweckt wurden und begriffen: Der Ernstfall ist da?

Es war ein Schock, absolut surreal. Am Vorabend hatte ich einen Kriegsfilm mit Brad Pitt angeschaut – und meinen Freund noch gefragt: Kannst du dir vorstellen, dass wir eines Tages im Krieg aufwachen? Es war so schwer zu akzeptieren! Man kann sich einfach nicht darauf vorbereiten.

Planlos zu fliehen erschien mir sinnlos

Was passierte dann?

Viele wollten sofort weg. Morgens um sechs sah ich schon, wie Leute ihre Sachen in ihre Autos packten, und ich dachte nur: Wohin wollen die jetzt? Mir erschien es sinnlos, so schnell und planlos zu fliehen, weil es ja alle taten. Verstopfte Straßen, Staus auf der Autobahn Richtung Westen, kein Benzin. Mein erster Gedanke war deshalb, mir ein Flugticket zu kaufen, vielleicht erst mal nach Polen. Aber zwei Stunden später erfuhren wir, dass der Flughafen geschlossen ist. Deshalb bin ich fürs Erste zu Hause geblieben.

Woher nahmen Sie die Kraft, in dem ganzen Chaos, der ständigen Bedrohung ein Kriegstagebuch zu führen?

Ich habe früher schon unregelmäßig Tagebuch geführt. Aber da ging es um Beziehungen, meine Gefühle, persönliche Dinge. Jetzt schrieb ich auf, was um mich herum passierte. Ich wollte es für immer speichern, für mich und für andere Leute.

Meistens notierte ich nur die wichtigsten Gedanken. An manchen Tagen aber auch gar nichts, weil es mir zu schwer fiel und mir die Energie und die Lust fehlten.

Ich glaube, vor meiner Flucht wartete ich unbewusst darauf, dass mir jemand sagt, der Krieg ist in ein paar Tagen zu Ende, oder: Julia, du kannst wieder nach Hause gehen, alles wird gut. Es war ein permanenter Gefühlsmix aus Angst, Stress und Wut.

Hassen Sie den Mann im Kreml dafür, dass er nicht nur Ihr Leben, sondern das aller Ukrainer für immer – jedenfalls für lange Zeit – verändert hat?

Ja, natürlich. Eigentlich bin ich ein ganz offener, freundlicher Mensch. Aber so viele negative Gefühle gleichzeitig habe ich noch nie in mir verspürt.

Haben Sie Freunde oder Verwandte in Russland?

Nur ein paar Bekannte.

Es heißt, die russische Bevölkerung stünde mehrheitlich – zu 80 Prozent – hinter Putin und seinem Krieg.

Für mich zeigt sich jetzt, dass Russen und Ukrainer wirklich grundverschieden sind. Früher habe ich immer gesagt, es gibt überall gute und schlechte Menschen, das hängt nicht von dem Land ab. Aber der Krieg hat uns genau gezeigt, wer wer ist. Ich könnte so viele Beispiele erzählen, zum Beispiel von Freunden, die Verwandte in Russland und in den seit 2014 besetzten Gebieten haben.

Fake News, Propaganda und Desinformation tragen dort ihre Früchte…

Ja, weil die Menschen es gar nicht anders kennen. In den Schulen, an den Universitäten, im Fernsehen – überall werden sie in Putins Sinne beeinflusst. Vielleicht haben manche Angst, offen ihre Meinung zu sagen. Aber die meisten bleiben im Land und scheinen zufrieden zu sein.

Wie halten Sie Kontakt nach Hause?

Wir telefonieren meistens per Whatsapp. Am Anfang des Kriegs gab es keine gute Internetverbindung, das war schwierig. Aber ich konnte wenigstens SMS verschicken oder nahm Sprachnachrichten auf.

Hat sich in der Ukraine nach fast fünf Monaten Krieg eine Art Normalität etabliert?

Schon, aber es ist eine Normalität, die nichts mit unserem normalen Leben davor zu tun hat. In Kiew ist es derzeit relativ ruhig, der letzte Raketenangriff ins Zentrum war vor rund einem Monat. Klar, die Leute gehen in den Park oder zum Schwimmen, treffen sich im Café – sie versuchen eben, halbwegs normal weiterzuleben, wobei das nicht heißt, dass sie ein super Leben führen. Sie sind dauerhaft gestresst. Andererseits darf man nicht zulassen, dass die negativen Emotionen einen rund um die Uhr beherrschen. Aber ich vermute, es ist genau das, was Putin will: uns komplett zu demoralisieren.

Die Leute versuchen, halbwegs normal zu leben

Sie haben lange vor Kriegsbeginn über längere Zeit in Deutschland studiert und gearbeitet. Bleibt Ihnen dadurch das Trauma der Entwurzelung, das die meisten Ukraine-Flüchtlinge jetzt erleben, erspart?

Ja, ich habe Glück, dass ich Deutschland schon kannte und die Sprache beherrsche. Für Menschen, die zum ersten Mal in einem fremden Land sind, die Sprache nicht verstehen, keine Arbeit haben, ist es sehr, sehr schwierig.

Wie fühlen Sie sich bei uns aufgehoben?

Ach, ich hänge mein Schicksal ja nicht an die große Glocke, und so viele neue Leute habe ich zuletzt auch nicht kennengelernt. Meine alten Freunde und Kollegen wissen Bescheid, und sie sind mir eine große Hilfe, wofür ich sehr dankbar bin.

Gibt es Tage, an denen Sie überhaupt nicht an den Krieg denken?

Nein, der ist ständig präsent. Ich verfolge ja laufend die Nachrichten, und somit gibt es kein Entkommen. Außerdem halte ich täglich Kontakt zu meinem Freund, zu meiner Familie und all den Freundinnen, die im Land geblieben sind.

Wie geht es Ihrem Kater Fran, dem Sie in Ihrem Kriegstagebuch viel Platz einräumen? Es geht ihm gut. Er ist jetzt bei meinem Freund. Aber ich vermisse den Kater sehr.

Fran musste seit Kriegsbeginn ein paar Mal umziehen, trotzdem macht er auf mich den Eindruck, als würde er alles ganz gut wegstecken. Meistens wirkt er sehr gechillt. (lacht)

Ihr Fazit nach fast fünf Monaten Krieg?

Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Dann wird uns auch der Weg in die Freiheit gelingen. Irgendwann – und zwar so schnell wie möglich – liegt dann all dies hoffentlich hinter uns.

Interview: Kalle Schäfer