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AM ANFANG WAR DIE KERAMIK


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 23.07.2021

Der japanische Archipel wurde erstmals vor etwa 40 000 Jahren von modernen Menschen besiedelt. Während des Pleistozäns waren die vier Hauptinseln Honshu, Hokkaido, Kyushu und Shikoku die meiste Zeit über vom ostasiatischen Festland aus leicht zugänglich: Niedrige Temperaturen und ein Meeresspiegel, der um etwa 100 m niedriger war als heute, führten dazu, dass Landbrücken entstanden und die Menschen somit auf der Jagd nach Großwild wie Elefante und großen Huftieren ungehindert durch die boreale Landschaft streifen konnten.

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Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 4/2021

Abb. 1 BlickaufdiehistorischeStätteOdaiYamamotoI.

Die älteste Keramiktradition

Schon lange vor dem Ende des Pleistozäns, vor rund 16 000 Jahren, experimentierten Jäger und Fischer an Stätten wie Odai Yamamoto I mit der Herstellung und Verwendung von Keramikgefäßen (Abb. 1). Sie begründeten damit die weltweit älteste und am besten dokumentierte kontinuierliche Tradition der Verwendung von Keramik.

Keramik wurde in verschiedenen ...

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... Teilen Ostasiens und auch auf dem japanischen Archipel schon mehrere tausend Jahre verwendet, bevor Keramikgefäße Teil der Ausstattung neolithischer Ackerbauern wurden, die man gemeinhin mit Westasien assoziiert. Derzeit untersucht man Verbindungen über das nördliche Eurasien zu Jägern und Sammlern in Dänemark und Skandinavien, die in der Mittleren Steinzeit Keramik anfertigten. An etwa 200 Fundstellen in Japan, die auf die Zeit vor 9000 Jahren datiert werden, hat man Keramikscherben entdeckt – von der dünnen, undekorierten Spielart, die in Odai Yamamoto gefunden wurde, bis hin zu Fragmenten, die mit linearen Reliefmustern und Abdrücken gedrehter Pflanzenfasern verziert sind, von denen die Jōmon- Zeit ihren Namen hat: Jōmon ( ) bedeutet «Schnurmuster» (Abb. 2. 3). Die Analyse der Speisereste aus einigen dieser frühen Töpfe legt nahe, dass sie zum Kochen von Fisch verwendet wurden. Obwohl Knochen in den vulkanischen Böden Japans in der Regel nicht gut überdauern, hat man in den Überresten eines fragilen Gebäudes in Maeda Kochi im heutigen Tokio tausende verkohlter Lachsgräten gefunden.

Aus dieser frühen Zeit besitzen wir leider keine direkten Beweise für eine Fischereitechnologie; die vielen verschiedenen Arten von Fischereigerä­ ten, die in den tausenden Muschelhügeln an der Küste geborgen wurden, stammen aus späteren Phasen der Jōmon-Zeit. Der Fischfang war nur eine Möglichkeit der Nahrungsbeschaffung, nicht weniger wichtig war die Jagd. An Orten wie Hatsunegahara stellten Jäger ihre Beute bereits im Paläolithikum vor 30 000 Jahren mithilfe von Reihen länglicher Gruben, die sie in den Boden gruben; im frühen Holozän wurde diese Technik ausgiebig genutzt, um Hirsche und Wildschweine zu fangen. An Fundorten, die zeitgleich sind mit den frühesten Keramikfunden, z. B. in Okaya Maruyama in den Bergen von Zentral-Honshu, hat man «Schaftbegradiger» aus Stein gefunden, die von den längst verschwundenen Holz- oder Bambusschäften zeugen, an die steinerne Pfeilspitzen montiert waren.

Neue Erkenntnisse

Keramik ist zerbrechlich, nicht leicht zu transportieren und wird oft mit einem relativ sesshaften Lebensstil in Verbindung gebracht, der nicht so recht zur Mobilität der paläolithischen Jäger passt, die weite Strecken zurücklegten. Eine Verbesserung der Umweltbedingungen und die Ausbreitung gemäßigter Wälder mit einer reichen Artenvielfalt schufen die Voraussetzungen für die Errichtung längerfristiger Siedlungen. Auf Kyushu entstanden an Orten wie Kiyotake Kami­Inoharu in der Präfektur Miyazaki Weiler mit technisch ausgereiften Feuerstellen, größeren Mengen an Keramik und Werkzeugen, die man mit der Verarbeitung pflanzlicher Nahrung assoziiert, wie Drehmühlen. Andernorts nutzten die Menschen in der Beginnenden Jōmon-Zeit noch Höhlen und Felsenbehausungen. Viele dieser Höhlen wurden in den letzten Jahren neu untersucht, z. B. die Fukui-Höhle im Nordwesten von Kyushu und Kamikuroiwa im Westen von Shikoku, wo Untersuchungen in den 1960er Jahren Beweise für den Einsatz von Jagdhunden lieferten, die auf genau die gleiche Weise bestattet wurden wie ihre Herren, was weitere Details über das Leben in Japan im frühen Holozän verrät.

2010 kam es in Aidani Kumahara in der Präfektur Shiga in der Nähe des Biwa-Sees, des größten Sees Japans, zu einer recht bemerkenswerten Entdeckung. In einem großen Grubenhaus fand man ein winziges Tonobjekt, das früheste bekannte Exemplar einer Dogū-Keramikfigur. Nur 2 cm groß, ohne Kopf und ohne Gliedmaßen, war sie unverkennbar einem weiblichen Torso nachempfunden, mit Brüsten und Hüften. Die Töpferei war nicht länger auf Gefäße beschränkt, und dieses außergewöhnliche und exquisite Artefakt läutete eine Tradition von Darstellungen ein, die von der menschlichen Gestalt inspiriert waren – eine Tradition, die bis zum Aufkommen des Reisanbaus in der Yayoi-Zeit, etwa 10 000 Jahre später, andauerte (Abb. 4).

Zeitgleich zu diesen frühen Keramiken nutzten die Jäger im spätpleistozänen Japan auch die ihnen zur Ver­ fügung stehenden Steinressourcen. Zehntausende Jahre, bevor polierte Steinwerkzeuge in Europa aufkamen, die die traditionelle Grenze zwischen Paläolithikum und Neolithikum markieren, entwickelten die Steinhauer in Japan Steinwerkzeuge mit geschliffenen Kanten, die sog. Mikoshiba­ Beile, benannt nach dem Fundort in der Präfektur Nagano, wo sie erstmals entdeckt wurden (Abb. 5). Sie stellten aber auch eine breite Palette von Werkzeugen aus Steinkernen und -flocken her, darunter winzige Mikrolithen. Das beliebteste Material für solche Werkzeuge war Obsidian, das auf dem vulkanischen Archipel an zahlreichen Orten zur Verfügung stand. Fundstätten wie Shirataki auf Hokkaido zeigen, in welch gewaltigem Ausmaß während des Neopaläolithikums und der Jōmon-Zeit Obsidian abgebaut wurde. In vielen Fällen hat man Obsidian von besonders beliebten Quellen weit entfernt von seinem Ursprungsort gefunden, mitunter auf weit vorgelagerten Inseln, die man per Boot oder Floß erreichte. Eine besonders ergiebige Quelle befand sich am Wada­Pass im Hochland von Zentral­Honshu. Neuere Forschungen an den Hoshitoge-Stätten haben viele flache Schächte ergeben, aus denen Obsidian gewonnen wurde.

Der Beginn der Keramikproduktion

Diese Stätten aus der Beginnenden Jōmon-Zeit läuteten den Beginn einer der großen kreativen Innovationen der Vor­ und Frühgeschichte ein. Während in Europa die Verwendung von Keramik fast ausschließlich mit neolithischen Agrargesellschaften assoziiert ist, wird der Prozess der Erfindung, Weiterentwicklung und Verbreitung von Keramik in Japan und anderen Teilen Ostasiens eher mit der Entwicklung von Gesellschaften in Verbindung gebracht, die in bestimmten Landschaften siedelten und wiederholt bestimmte Standorte als Wohnsitz nutzten, so dass dort schließlich feste Siedlungen entstanden, die über viele Jahre, wenn nicht sogar über Generationen hinweg bewohnt wurden. Belege dafür bieten einander mehrfach überlagernde Überreste von Häusern an Fundorten wie Kiyotake Kami­Inoharu auf Kyushu, wo Spuren von 14 solcher Bauten entdeckt wurden, aber auch das große Gebäude von Aidani Kumahara, aus dem die kleine Keramikfigur stammt.

Die erste wissenschaftliche Ausgrabung einer Stätte aus der Epoche, die wir heute als Jōmon-Zeit bezeichnen, wurde 1877 von dem amerikanischen Zoologen Edward Sylvester Morse durchgeführt, in Omori zwischen dem heutigen Yokohama und Tokio (Abb. 6). Morse gehörte einer Generation ausländischer Spezialisten an, die im ausgehenden 19. Jh., als sich das Land nach 250 Jahren selbst auferlegter Isolation vom Rest der Welt während der Edo­Zeit zu einem modernen, industrialisierten Nationalstaat entwickelte, in Japan eine Schlüsselrolle einnahmen. Morse war fasziniert vom Konzept der Evolution, und sein spezielles Interesse an Mollusken veranlasste ihn, sich eingehender mit den antiken Muschelhügeln in Omori zu beschäftigen, an denen er hoffte, evolutionäre Veränderungen demonstrieren zu können. So kam es dazu, dass er sich dort als Ausgräber betätigte. Nur zwei Jahre später veröffentlichte er den ersten archäologischen Bericht aus Japan und inspirierte gleichzeitig seine japanischen Studenten, sich mit der noch ganz neuen wissenschaftlichen Disziplin der Archäologie zu beschäftigen. Morse identifizierte die Dekoration der Keramikfragmente, die er in den Muschelschichten fand, als «Schnurmuster» (Jōmon) und gab damit der Epoche, für die diese Dekorationsform charakteristisch war, ihren Namen. Morse war zudem ein begeisterter Sammler zeitgenössischer japanischer Keramik; hätte er noch mitbekommen, dass seine Pionierarbeit den Grundstein für das spätere Verständnis der Jōmon-Archäologie legte, wäre er sicherlich hocherfreut gewesen.

Sesshafte Jäger und Sammler

In den fast 150 Jahren, die seit Morses Ausgrabungen in Omori vergangen sind, haben japanische Archäologen die weltweit besten Belege für die Entwicklung von Gesellschaften von Jägern und Sammlern in der gemäßigten Zone geliefert. Wir wissen heute, dass die Nachfolger der Töpfer der Beginnenden Jōmon-Zeit eine dauerhafte Tradition schufen, die mehr als 10 000 Jahre andauerte. Sie etablierten einige der frühesten sesshaften Gemeinschaften der Welt. Die Dörfer lebten von der effektiven Beschaffung, Lagerung und Verarbeitung wilder Nahrung, zu der sie zum Teil eine enge und intensive Beziehung entwickelten, vor allem zu bestimmten Nussarten (Kastanien, Eicheln und Walnüsse). Sie erkannten das Potenzial der vielen verfügbaren Pflanzenmaterialien und nutzten sie zur Herstellung von Lack­ und Korbwaren. Sie hatten ein komplexes Weltbild, das Jenseitsvorstellungen, Transformation und Zahlen beinhaltete – immerhin waren sie vollwertige moderne Menschen mit allen kognitiven Fähigkeiten, die wir heute besitzen.

Die ansonsten voneinander unabhängigen Gemeinschaften kultivierten soziale Netzwerke, oft über große Entfernungen hinweg, mithilfe derer sie sich Gegenstände und Materialien aus weit entfernten Quellen beschafften. Und sie scheinen wirksame Mechanismen gepflegt zu haben, um vererbte soziale Hierarchien zu vermeiden – alle Hinweise deuten darauf hin, dass sie ihren sozialen Status im Laufe des Lebens erlangten und nicht schon bei der Geburt zugewiesen bekamen. Sie besaßen einen ausgefeilten Sinn für Design, der sich in den mehr als 70 Hauptstilen und 400 regionalen Stilen der Jōmon-Keramik manifestiert, die bislang von japanischen Archäologen identifiziert wurden. Der surrealistische Künstler Tarō Okamoto war vielleicht der Erste, der den hohen künstlerischen Wert des Jōmon-zeitlichen Designs erkannte, indem er darauf hinwies, auf welche Weise diese antiken Darstellungsformen das moderne Empfinden ansprechen; insofern ist er zumindest mitverantwortlich für den gegenwärtigen «Boom» des Interesses an der Jōmon- Zeit. Frühe Archäologen und Anthropologen, darunter auch Morse, sahen in den Menschen der Jōmon-Zeit kaum mehr als primitive Ureinwohner, die kaum etwas mit den modernen Japanern gemein hatten. Und doch hat es im 21. Jh. eine regelrechte Jōmon- Renaissance gegeben, die dafür gesorgt hat, dass die Menschen der Jōmon-Zeit als angestammte Bewohner des japanischen Archipels rehabilitiert wurden, die eine alternative Lebensweise pflegten – eine Lebensweise, von der wir, die wir uns Sorgen machen über die Umweltzerstörung, die Auswirkungen des Klimawandels und die soziale und kulturelle Entfremdung, die unsere hypermoderne Existenz mit sich bringt, eine Menge lernen können.

Adresse des Autors

Prof. Dr. Simon Kaner Executive Director and Head of Centre for Archaeology and Heritage Sainsbury Institute Centre of Japanese Studies 64 The Close GB-norwich nr1 4DH

Übersetzung

Dr. Cornelius Hartz, Hamburg

Bildnachweis

Abb. 1: Indiana jo (wikimedia commons CC BY-SA 4.0 Lizenz); 2: Yokohama-shi rekishi Hakubutsukan; 3: bpk | The Trustees of the British Museum; 4: Takuma-sa (wikimedia commons; CC BY-SA 3.0 Lizenz); 5: M-ken; 6: Hideo Kurihara / Alamy Stock Photo.

Literatur

K. MIZOGUCHI, The Archaeology of Japan: from the earliest rice farming villages to the rise of the state (2013).

Y. nEGITA / S. KAnEr / L. EDGInGTOn-BrOwn / A. GOMES u.a. (Hrsg.) Archaeological Heritage Management in Japan (2021).

w. STEInHAUS / S. KAnEr / S. SHODA / M. JInnO (Hrsg.), An Illustrated Companion to Japanese Archaeology (2020).

A. wIECZOrEK / w. STEInHAUS / M. SAHArA (Hrsg.), Zeit der Mörgenrote: Japans Archäologie und Geschichte bis zu den ersten Kaisern (2004).