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AM BERG


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 26.04.2021

ZUGSPITZE.

DER MANN AUS DEM EIS

Artikelbild für den Artikel "AM BERG" aus der Ausgabe 5/2021 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
FOTO: © PICTURE ALLIANCE/JOHANN GRODER/EXPA/PICTUREDESK.COM

SONNTAG, WETTERSTEINGEBIRGE. Auf dem Höllentalferner ist das Wetter herrlich. Klare Sicht bis ins Tal. Es hat die letzten Tage geschneit. Das Geröll, das im Sommer sonst offen auf dem Gletscher zwischen den Spalten liegt, ist leicht überzuckert vom Neuschnee.

Hermann H. (Name von der Redaktion geändert) schnallt die Steigeisen an, als er den Gletscher auf 2570 Meter erreicht. Der leidenschaftliche Bergsteiger ist allein hier draußen. Kein Laut dringt durch die Stille. Zaghaft macht er seine ersten Schritte auf dem Eis. Hermann ist überrascht, wie gut die Steigeisen durch den ...

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... pudrigen Schnee hindurch Halt finden. Er wandert den Gletscher nach oben, ist achtsam dort, wo die Felswände vorspringen und die Gletscherzunge verengen. Dort sind meist die Spalten.

Mutig geworden, verlässt er den Weg. Es ist weit am Nachmittag. Ein paar Meter steigt er auf, schaut vielleicht kurz nach oben. Als Hermann den nächsten Schritt macht, trifft sein Eisen unter dem Schnee auf – nichts mehr … Eine Ewigkeit dauert sein Fall, so kommt es ihm wohl vor, dann schlägt er überraschend weich auf einem Schneehaufen auf.

Hermann schaut sich um. Er befindet sich auf einem etwa zwei Meter breiten Balkon. Links und rechts

daneben fällt die Spalte jäh nach unten ab. Vor sich und hinter sich hat er Wände aus blankem Eis. Über sich, in knapp zehn Metern Höhe, sieht er durch das kleine Loch, das er beim Sturz in die Schneedecke gerissen hat, ein Stück blauen Himmels leuchten.

MONTAG, MÜNCHEN. Am späten Vormittag wundern sich die Kollegen, warum Hermann nicht zur Arbeit erschienen ist. Auf dem Handy antwortet er nicht. Aber einer von ihnen erinnert sich, dass Hermann nach Grainau wollte, hinauf auf den Höllentalferner, mit den neuen Steigeisen. Als ihr Kollege acht Stunden später immer noch nicht erreichbar ist, verständigen sie die Polizei.

MONTAG, GRAINAU. Es war kein ruhiger Sonntag in der Bergwachtstation Grainau. Für Anton Vogg senior nichts Neues. Er ist 48 Jahre und hat eine Firma für Elektroinstallation. Es ist sein freies Wochenende, das wieder einmal für die ehrenamtliche Arbeit in der Bergwacht draufging.

Aber Vogg weiß, warum er bei der Bergwacht ist. Er war 16, als ihm beim Klettern ein Griff ausbrach und er 40 Meter in die Tiefe stürzte. Handys waren noch nicht erfunden und die Luftrettung per Helikopter gerade erst im Aufbau. Sein Freund musste ihn liegen lassen und Hilfe holen. Es dauerte Stunden, bis die Retter aufgestiegen waren, und ihn Meter für Meter hinunter ins Tal trugen.

AUS: AM BERG. BERGRETTER ÜBER IHRE DRAMATISCHSTEN STUNDEN (MILLEMARI, 2019); © 2019 THOMAS KÄSBOHRER

Als Anton Vogg nach vier Monaten das Krankenhaus verlassen konnte, beschloss er, sich der Bergwacht anzuschließen. Aus Dankbarkeit, dass Menschen ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, um seines zu retten. Auch seine beiden Söhne sind bei der Bergwacht.

Es ist 17.30 Uhr, als an diesem Montag der Alarm reinkommt: „Vermisste Person am Höllentalferner“. Eine Viertelstunde später machen sich sechs Bergwachtmänner auf den Weg zur Seilbahn und fahren hinauf zum Gipfel der Zugspitze.

Während der Fahrt überlegen die Männer, wo sie mit der Suche beginnen sollen. Keiner weiß, wo der Vermisste sich befinden könnte. Wäre er abgestürzt, da sind sie sich sicher, dann hätte jemand irgendwas gesehen. Weil derartige Hinweise fehlen, gehen die Bergwachtmänner davon aus, dass der Vermisste am Höllentalferner in eine Spalte gestürzt ist.

Eile ist geboten. Das Unglück liegt 24 Stunden zurück. In zwei Stunden wird es dunkel. Wetter und Sicht sind miserabel. So miserabel, dass der Rettungshubschrauber nach einer halben Stunde die Suche abbricht.

Kurz nach 19 Uhr erreichen die Männer den oberen Rand des Gletschers. Regen, Sicht um die drei Meter. Dichter Nebel dämpft ihre Rufe, während sie sich langsam abwärts bewegen. Alle paar Augenblicke bleiben sie stehen, lauschen angestrengt in die Stille. Aber nichts regt sich.

Als Blitze den Gipfel über ihnen grell erleuchten und der Regen in Schnee übergeht, beschließen die sechs, ihre Suche zu unterbrechen. Um Mitternacht sind sie wieder im Tal. Sie ahnen nicht, dass sie keine 30 Meter an Hermann vorbeigewandert sind.

MONTAGABEND, HÖLLENTALFERNER. Hermann ruft um Hilfe, so laut er kann. Doch der Schnee über ihm dämpft jeden seiner Schreie, so als hätte er in ein Kissen gerufen. Er greift zum Handy. Aber das Display zeigt „Kein Netz“. Ein Foto von dem Loch über sich macht er noch, das wird ihm eh niemand glauben. Die Enge. Vielleicht denkt er auch daran, dass irgendwann jemand dieses Handy finden könnte. Mit der Aufnahme. Dann wüssten sie, was mit ihm passiert ist.

Er steckt das Handy wieder ein und macht sich an die Arbeit. Wozu hat er Steigeisen? Vielleicht kann er sich zwischen den Wänden so abstemmen, dass er irgendwie nach oben kommt. Hermann versucht es. Einmal. Dreimal. Siebenmal. Jedes Mal schafft er es ein kleines Stück nach oben. Aber da, wo sich die Eiswand leicht ausbeult, verliert er den Halt und kippt langsam nach hinten. Nach einer halben Stunde gibt er auf. Wenn er sich jetzt verausgabt, wird er schneller ermüden. Hermann ist klar: Wenn er in der Nacht einschliefe, dann wäre das sein sicheres Ende. Im Schlaf würde sein Körper, ohne dass er es bemerkte, kälter und kälter werden. Er verbietet sich das Einschlafen.

EILE IST GEBOTEN. DAS UNGLÜCK LIEGT 24 STUNDEN ZURÜCK. IN ZWEI STUNDEN WIRD ES DUNKEL

Immer wieder steht er auf. Schlägt mit den Armen. Stampft in seinem zwei Meter langen Verließ auf der Stelle, um sich zu wärmen. Quälend langsam kommt der Morgen. Der blaue Himmel weicht über den Tag einem Grau, das am Nachmittag in Finsternis übergeht. Das Loch ist nur noch ein grauer Schemen. Ob irgendjemand nach ihm sucht? Klar, er hat einem Kollegen von seinem bevorstehenden Ausflug erzählt. Aber reicht das?

Hermann bereitet sich darauf vor, eine zweite Nacht seinen Kampf aufzunehmen gegen das Einschlafen und die Kälte. Noch hat er Kraft. Er hört die Retter nicht, die am Abend nur etwa 30 Meter entfernt an seinem Loch vorbeiziehen, alle paar Meter stehenbleiben und rufen. Der Nebel und die Schneedecke über ihm schlucken jedes Geräusch.

DIENSTAG, GRAINAU. Am Morgen hat sich das Wetter weiter verschlechtert. In der Einsatzzentrale der Bergwacht treffen sich die Grainauer Bergwacht­Leute, um ihr Vorgehen zu besprechen. Die Chancen, einen Verunglückten zu entdecken, sind bei diesen Bedingungen gering. Warten. Und auf Wetterbesserung hoffen.

Am späten Vormittag lässt der Regen nach, Wind jagt die Wolkendecke auseinander. Die Polizei startet mit ihrem Helikopter und fliegt trotz heftiger Böen hinauf. Als sich nach vier Stunden das Wetter erneut verschlechtert, bricht die Hubschrauberbesatzung ihre Suche für diesen Tag ab. Vielleicht morgen noch einmal. Alle Beteiligten wissen: Ihnen läuft die Zeit davon.

DIENSTAG, IM EIS. In der Spalte ist die zweite Nacht für Hermann noch schrecklicher als die erste. Die Kälte. Die Feuchtigkeit. Der Wunsch seines Körpers, der ungeheuren Müdigkeit nachzugeben. Das Einnicken und das gleich darauf folgende panikartige Aufwachen. Wieder und wieder macht er Gymnastik in der Dunkelheit, um sich wach zu halten, um nur ja die Wärme in seinem Körper zu halten.

Der Hunger nagt. Am Morgen tropft es von oben wie aus einer undichten Regenrinne. Er hält die Hand auf, es dauert, bis sich eine Handvoll Eiswasser darin gesammelt hat, er schlürft es hastig. Und träumt von einem heißen Tee. Gegen Mittag wird es heller über dem Loch, für einen Moment zeigt sich sogar ein winziges Stück blauer Himmel.

Plötzlich hört Hermann den Hubschrauber, der über dem Gletscher kreist. Sich entfernt. Dann wieder näher kommt. Er schreit aus Leibeskräften, springt in die Höhe auf seinem schmalen Schneebrett, als könnte er durch seine Sprünge in der engen Spalte auf sich aufmerksam machen.

Als der Hubschrauber sich am Nachmittag entfernt und nicht wiederkehrt, ergreift ihn Verzweiflung. Hermann weiß, eine dritte Nacht wird er nicht überleben. Diesmal würde er nicht mehr kämpfen. Er würde nachgeben. Und wenn es so weit war, einfach tief und fest schlafen.

DIENSTAG, am späten Nachmittag. Zwei Tage ist der Mann nun vermisst. Einem lässt das keine Ruhe, Anton Vogg. Er ist sich sicher: „Der Mann muss da oben irgendwo sein. Irgendwo auf dem Gletscher. Das gibt’s nicht, dass er weg ist. Bei der intensiven Suche hätte man ihn längst woanders entdeckt.“

Vogg bleibt hartnäckig. Trommelt, kaum dass Feierabend ist, die anderen zusammen. Fordert erneut den Hubschrauber aus Landsberg an, der um 17.17 Uhr in Grainau eintrifft. Acht Männer steigen ein.

Diesmal wollen sie sich den Höllentalferner systematisch vornehmen. Je zwei Zweierteams unten am Gletscher. Zwei Teams sollen ab der Mitte aufwärts suchen. Die acht konzentrieren ihre Suche zunächst auf die bekannten Spalten. Aber sie wissen, dass der Gletscher beständig sein Antlitz verändert, sie längst nicht jede einzelne Spalte kennen können. Sie rufen, sie schreien. Eineinhalb Stunden steigen sie langsam aufwärts. Nichts.

Kurz vor 19 Uhr vernimmt einer, der mit seinem Kollegen die obere rechte Kante des Gletschers absucht, ein schwaches Rufen. Es dringt aus einem schmalen Loch in der geschlossenen Schneedecke. Als sie vorsichtig nähertreten, entdecken sie die Spalte. Und den Mann dort unten. Er ist schwach, kann sich aber selber ins Seil einhängen, das die beiden Retter hinunterlassen. Bis die Kollegen zum Unglücksort aufgestiegen sind, ist der Mann schon aus der Spalte befreit.

Hermann spricht nicht viel, als sie ihn in eine wärmende Rettungsdecke wickeln und in einen Luftrettungsbergesack legen. Er ist mit seinen Kräften am Ende. Langsam wird der Gerettete nach oben gewinscht, in den Helikopter geholt.

Als sich die Tür des Hubschraubers schließt und er abdreht, Richtung Tal, stehen die Männer einen Moment lang zusammen. Eben noch angespannt, sind sie jetzt gelöst, glücklich, dass es gut ausgegangen ist, sie den Vermissten gegen alle Wahrscheinlichkeit lebend bergen konnten.

Ihren Gesichtern sieht man an, wie stolz sie sind in diesem Moment, bevor sie gleich ihr Material sortieren, ihre Rucksäcke packen. Und auf den Hubschrauber warten, der auch sie in der Dämmerung vom Höllentalferner nach unten bringen wird.

JUBILÄUMSGRAT.

IN UNTERWÄSCHE IM SCHNEESTURM

ES IST EIN SONNTAG Anfang Juni, an dem eine Gruppe von Bergsteigern auf der Zugspitze in den Jubiläumsgrat einsteigt. Vier Männer und eine Frau aus Tschechien, alle erfahren, umsichtig ausgerüstet und bei bester Kondition. Der Wetterbericht sagt sehr gute Bedingungen voraus. Erst Montagabend soll sich das Wetter verschlechtern. Aber da wollen die Bergsteiger längst wieder im Tal sein.

Der Jubiläumsgrat ist ohne Weiteres in einem Tag zu schaffen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wollen sich die fünf zwei Tage Zeit lassen für die Tour. Sie planen eine Übernachtung in der „Roten Biwakschachtel“, der Notunterkunft auf halbem Weg zwischen Zugspitze und Alpspitze. Sie kommen gut voran, erreichen am Sonntagnachmittag zufrieden die Notunterkunft.

Am nächsten Morgen ist die Luft frisch auf 2700 Meter Höhe. Die fünf machen sich etwas später auf den Weg.

ZUR GLEICHEN ZEIT IST ES UNTEN bei der Bergwacht gegenüber dem Klinikum Garmisch ein üblicher Montagvormittag. Benno Hansbauer geht kurz von seinem Büro in den Einsatzraum mit den großen Bergkarten an der Wand. Hansbauer ist zu diesem Zeitpunkt 49 Jahre alt, 33 davon ist er bei der Bergwacht. Im Einsatzkalender ist für den Tag noch nichts vermerkt, die Nacht war ruhig.

Gegen 11.20 Uhr geht ein erster Notruf ein. Routinemäßig wird ein Rettungshubschrauber alarmiert. Landsberg 58 vom Flugplatz Penzing bei Landsberg trifft gegen 12 Uhr ein. Und nimmt Notarzt Dr. Armin Berner auf. Berner ist 39 und in Stuttgart aufgewachsen. Doch mit 14 auf einer Bergtour packte ihn die Lust auf die Berge so sehr, dass er sich nach dem Medizinstudium am Klinikum in Garmisch bewarb.

AUF DEM JUBILÄUMSGRAT kommen die fünf tschechischen Bergsteiger nicht so voran, wie sie das geplant hatten. Vor allem ein Mitglied der Gruppe hat Mühe, Schritt zu halten. Obwohl er ein erfahrener Bergsteiger ist, muss er alle paar Meter verschnaufen. Um ihn nicht allein zu lassen, stellen sich die anderen auf sein Tempo ein.

Im Lauf des Nachmittags wird den fünf klar, dass sie zu langsam vorankommen. Der Erschöpfungszustand des einen hat sich verschlimmert und der Grat ist sehr anspruchsvoll. Haben sie ein Hindernis überwunden, stehen sie schon vor dem nächsten Felsen, den sie nur über dem Abgrund hängend erklettern können.

Und der Weg ist kein Weg und erst recht kein Klettersteig. Er ist nur an Teilstellen gesichert. Was von unten aus betrachtet waagrecht aussieht, sind fast 1000 Höhenmeter Differenz – ein ständiges Auf und Ab, das auf der sieben Kilometer langen Felskante ungeheuere Kondition erfordert. Hinzu kommt, dass es keine Möglichkeit eines vorzeitigen Abbruchs gibt, kein Weg zweigt links oder rechts ab.

An den schwierigen Stellen müssen die vier ihren Kameraden nun aufwendig sichern. Das kostet Zeit. Am frühen Abend haben sie in sieben Stunden gerade mal ein Stück bewältigt, das ein durchschnittlicher Geher in einer Dreiviertelstunde schafft. Aber noch ist es hell.

Der Himmel ist klar. Sie machen weiter. Irgendwann kurz nach 20 Uhr verletzt sich einer von ihnen am Fuß. Nichts Gravierendes, aber eine Behinderung zusätzlich. Sie schauen nach Westen, auf die dichte graue Wolkenwand, die eben dabei ist, die Sonne zu verschlucken.

GEGEN 20.40 UHR KLINGELT es in der Einsatzzentrale der Bergwacht. Die Rettungsleitstelle ist dran. Ein Alarm vom Jubiläumsgrat. Fünf Personen. Eine Fußverletzung. Eine Telefonnummer mit tschechischer Vorwahl.

AN DEN SCHWIERIGEN STELLEN MÜSSEN SIE IHREN KAMERADEN AUFWENDIG SICHERN. DAS KOSTET ZEIT

Wie üblich, nehmen sie zuerst direkt Kontakt zum Melder auf. Die Verständigung ist schlecht, der Mann spricht nur gebrochen deutsch. Benno Hansbauer und seine Kollegen in der Einsatzzentrale haben kein klares Bild. Aber der drohende Wettersturz lässt keine Zweifel. Sie erbitten Landsberg 58. Ein Bergwachtmann wird alarmiert. Und Notarzt Dr. Berner.

Als der Hubschrauber 20 Minuten später einfliegt, steht Dr. Berner schon bereit. Dann kommen die ersten Böen, treffen Landsberg 58, der mit laufenden Rotoren am Boden steht, schütteln ihn. Es mache keinen Sinn, da hochzufliegen, sagt der Pilot, an eine Bergung über dem Grat sei bei solchen Verhältnissen nicht zu denken.

Die fünf Bergsteiger sind auf sich allein gestellt.

DIENSTAG, 5. JULI, 8 UHR. Benno Hansbauer ruft an der Zugspitz-Wetterstation an. Es ist saukalt geworden in der Nacht, um die Null Grad, 20 Zentimeter Neuschnee ist auf den Gipfeln gefallen. Immer noch weht ein böiger Westwind. Wann eine Wetterbesserung in Sicht wäre, fragt Hansbauer. Damit sei frühestens am Nachmittag zu rechnen.

Benno Hansbauer und seine Kollegen beschließen, vier Männer in das Schneegestöber auf dem Jubiläumsgrat zu schicken. An den Hubschrauber ist nicht zu denken, also fahren die vier um 8.15 Uhr mit der Seilbahn hinauf. Von der Bergstation aus steigen sie über die Alpspitze und die Grieskarscharte auf. Sie überqueren exponierte Steilstellen, stapfen auf dem tief unter Neuschnee liegenden schmalen Grat aufwärts. Und schaffen es tatsächlich, sich in knapp drei Stunden an die fünf tschechischen Bergsteiger heranzuarbeiten.

Um 11.10 Uhr meldet sich der Einsatzleiter von oben über Funk. Er bittet um einen Hubschrauber, die Flugverhältnisse auf dem Grat seien im Augenblick „nicht so schlecht“. Zehn Minuten später erreichen die Bergwachtmänner die Bergsteiger. Sie haben sich in eine schmale Felsspalte gekauert und die Nacht dort überstanden, so gut es eben ging. Nur einer ist sehr erschöpft. Was noch merkwürdiger ist: Trotz der Kälte ist er bis auf T-Shirt und Unterhosen unbekleidet. In seinem Rucksack befindet sich warme Kleidung. Aber er hat alles abgelegt. Er hat zudem eine Schramme am Fuß.

20 Minuten später steht Dr. Berner bereit, als der Hubschrauber über dem Klinikum einschwebt. Um 12 Uhr meldet das Rettungsteam vom Grat, dass eine Helikopterbergung keinesfalls mehr möglich sein wird. Dichter Schneefall und ein neuerlicher Kaltlufteinbruch mit starkem Wind lassen den Grat jetzt teilweise vereisen.

Benno Hansbauer macht sich nun nicht nur Sorgen um die fünf Bergsteiger, er denkt auch an die Bergwachtmänner. In dieser Situation hängen der Einsatz und das Leben der neun Leute oben auf dem Grat allein vom Wetter ab. Und von dem, was die Wetterberichte vorhersagen. Benno Hansbauer tut, was er in solchen Fällen immer tut. Er wählt eine Nummer in Innsbruck. Am Apparat ist Karl „Charly“ Gabl. Er ist Meteorologe am ZAMG, der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Und eine Legende. Karl Gabl verspricht, sich die Wetterdaten im Zugspitzgebiet sofort anzusehen. Er meldet sich Minuten später: Im Augenblick seien die Bedingungen miserabel. Aber gegen 16.30 Uhr würde der Himmel kurz aufreißen. Eine halbe Stunde. Nicht mehr. Die hätten sie für den Hubschrauber.

Um nicht alles auf diese eine Karte zu setzen, schickt die Einsatzzentrale zusätzliche 13 Männer hinauf auf den Grat. Dr. Berner ist bei ihnen. Derweil beschwört die Besatzung von Landsberg 58 ihre Vorgesetzten, sie nicht nach Penzing zurückzubeordern, sondern das Wetterfenster um 16.30 Uhr nutzen zu lassen.

DER GRAT IST JETZT TEILWEISE verglast, blankes Eis bedeckt stellenweise den schmalen Pfad entlang der Abgründe links und rechts. Doch der Marsch gelingt. Gegen 16 Uhr treffen die 13 Bergwachtler auf ihre Kameraden und die Bergsteiger. Trotz des schlechten Wetters haben sich Retter und Verunglückte im Schneckentempo weiter auf dem Grat vorgearbeitet.

Vier von fünf seien in gutem Zustand, gibt Dr. Berner nach unten durch. Der fünfte sei allerdings in extrem schlechten Zustand. „Wenn wir ihn jetzt nicht sofort ins Krankenhaus schaffen, werden wir ihn verlieren.“

Es ist gegen 16.15 Uhr, als der Niederschlag im Tal nachlässt. Wenige Minuten später reißt die Wolkendecke über Garmisch-Partenkirchen wie von Karl Gabl vorhergesagt auf. Landsberg 58 steigt sofort auf. Minuten später macht die Hubschrauberbesatzung die Gruppe auf dem Grat aus.

Ein erster Versuch, die Winde aus dem schwebenden Hubschrauber zu dem nicht mehr gehfähigen Bergsteiger hinunterzulassen, scheitert. Zu stark ist der Wind, der Pilot muss abbrechen. Wenig später funkt er die Bergwachtler auf dem Grat an: Er habe eine windgeschützte Stelle entdeckt. Ob sie den Bergsteiger zu der Stelle etwa 150 Meter unterhalb des Grates schaffen könnten? Er wolle dort einen zweiten Versuch wagen.

Dr. Berner ist bei denen, die den Verletzten nach unten transportieren. „Es musste schnell gehen. Wir haben ihn im Biwaksack nach unten gezogen durch den Schnee.“ Diesmal gelingt die Bergung. Kaum ist der Mann an Bord gehievt, dreht Landsberg 58 ab, hinunter ins Tal, Richtung Klinik.

Um 16.55 Uhr erreicht der Hubschrauber den Grat ein zweites Mal. Er kann die übrigen vier Bergsteiger an Bord nehmen. Um 17.30 Uhr startet der Hubschrauber ein drittes Mal, um Material und Bergwachtmänner abzuholen. Die übrigen Bergwachtler sind bereits zu Fuß auf dem Weg nach Garmisch.

Das Rätsel des entkleideten Bergsteigers löst sich bei der Untersuchung in der Klinik. Dr. Berner erhält die Nachricht, dass der Bewusstlose an der Höhenkrankheit und einem Lungenödem erkrankt sei.

„Zu den Symptomen der Höhenkrankheit gehört auch, dass ein Patient warm und kalt nicht mehr unterscheiden kann“, erklärt er. „Dies führt zum sogenannten paradoxal undressing. Der Erkrankte begegnete uns oben nur mit T-Shirt und in Unterhosen. Wenn man Höhenkrankheit schnell behandelt, ist sie auch schnell kurierbar. Der Patient konnte nach einem Tag Intensivstation auf die Normalstation verlegt werden. Die übrigen vier konnten das Krankenhaus sofort wieder verlassen.“

DIE WANDERIN

VOM RAUSCHBERG

ES GIBT BERGE, die haben einen Nimbus, sagt Sebastian Nachbar, weil etwas Besonderes um sie ist. Und es gibt Berge ohne Nimbus, so wie der Rauschberg, östlich von Ruhpolding. Er ist mit 1670 Metern nicht sonderlich hoch. Er ist nicht besonders steil. Aber weil eine Seilbahn hoch führt, ist er ein Magnet, der viele Menschen anzieht.

ES IST EIN SPÄTSOMMERTAG. Ein Ehepaar um die 60, Urlaubsgäste in Ruhpolding, fährt mit der Gondel zur Rauschberg-Bergstation, um von dort die zweieinhalb Stunden lange Wanderung hinunter zur Talstation am Taubensee zu unternehmen.

Die beiden sind schon eine gute Stunde unterwegs, als der Weg etwas steiler durch Absturzgelände führt. Genau an dieser Steilstelle knickt die Wanderin so unglücklich um, dass sie sich schwer am Sprunggelenk verletzt. Sie ist nicht mehr in der Lage, auch nur einen Schritt zu gehen.

Ihr Partner beschließt, Hilfe zu holen. Sie haben kein Handy dabei. Weil außer ihnen niemand mehr unterwegs ist, beschließt der Mann, zurück zur Bergstation zu gehen. Er kennt ja jetzt den Weg nach oben, vielleicht erscheint ihm das vor ihm liegende Steilstück nach unten zu riskant. Er versorgt seine Partnerin so gut es geht mit Kleidung aus seinem Rucksack und etwas zu trinken.

Es ist weit nach halb vier, als der Mann aufbricht. Die Sonne verliert allmählich ihre Kraft. Der Mann beeilt sich. Er erreicht die Bergstation außer Atem, jedoch wohlbehalten gegen Viertel nach vier. Doch seit wenigen Tagen ist der Winterfahrplan in Kraft, die letzte Gondel hat die Station pünktlich um 16 Uhr verlassen. Auch im daneben liegenden Gasthaus, dem Rauschberghaus, ist niemand mehr. Als der Wanderer an Fenster klopft und an Türen schlägt, antwortet niemand.

Der Mann begreift, dass er hier keine Hilfe finden wird. Die Schatten sind länger geworden. Er irrt ein Stück des Weges zurück Richtung Unglücksort. Doch statt vom Gipfel im Uhrzeigersinn abzusteigen, wendet er sich in seiner Not nach Osten, wo eine alte Fahrstraße hinunterführt, im Gegenuhrzeigersinn östlich und nördlich um den Rauschberg herum nach Ruhpolding. Der Wanderer ist nicht ortskundig, er sieht die gut gangbare Straße. Er ist jetzt im Schatten des Rauschberges unterwegs, wo es noch kälter ist. Und er weiß nicht, dass er zwar den leichteren, aber auch längeren Weg eingeschlagen hat.

ZUM WEITERLESEN

Auf den ersten Blick sind Bergretter Menschen wie du und ich: Ärztin, Schreiner, Lehrer. Fragt man sie nach ihren Einsätzen, sagen die meisten „Ich hab nix Besonderes erlebt“. Haben sie doch.

Am Berg (millemari Verlag, 24,95 €) stellt Bergretterinnen und Bergretter vor. 25 Prozent des Verkaufserlöses spendet der Verlag an die Stiftung Bergwacht.

Wahrscheinlich denkt der Mann fortwährend an seine Partnerin, die er vor bald drei Stunden zurücklassen musste. Wie es ihr wohl geht? Allein dort oben, wo es ebenfalls gerade dunkel wird? Und kälter.

Eigentlich ist der Mann am Ende seiner Kräfte, doch so müde er auch sein mag: Die Sorge treibt ihn weiter. Wo er genau ist, kann er nicht sagen. Kuhnacht ist es im Schatten des Rauschbergs, kein Licht nirgendwo.

Zwei Stunden später sieht er den Schein zweier Autoscheinwerfer. Die Lichter kommen näher, er kann den Fahrer zum Anhalten bewegen.

UM 20.38 UHR LÖST DIE BERGWACHT Ruhpolding Alarm aus. Die verunglückte Wanderin liegt nun seit mehr als fünfeinhalb Stunden im Gelände. Mit Unterkühlung ist zu rechnen. Die Bergretter wissen in diesem Moment nur vage von einer Beinverletzung. Sollte es ein ausgerenktes Sprunggelenk sein, tut Eile not. Der Fuß der Verletzten könnte absterben. Wie bekommt man die Verletzte aus dem Steilstück? Auf die Retter kommt eine schwierige Bergung zu.

Die Ersten machen sich im Einsatzfahrzeug auf den Weg. Von Süden so weit wie möglich die Straße hinauf. Und dann 20 Minuten zu Fuß hinüber ins Absturzgelände. Als Sebastian Nachbar zusammen mit einem Bergwachtsanitäter bei der Frau eintrifft, ist es 21.20 Uhr. Das Gelände ist tatsächlich die schwierigste Stelle, die man sich für eine Bergung aussuchen kann. Hätte man einen Rucksack dort abgestellt, wäre er den Berghang hinuntergekugelt.

Als die Bergwachtmänner die Verletzte erreichen, ist sie sehr erschöpft. Ein Schmerzenslaut entfährt ihr, als sich die Helfer daran machen, sie zu sichern und sie zu wärmen. Dann das verletzte Sprunggelenk untersuchen. Es muss tatsächlich schleunigst versorgt werden, doch den Helfern ist klar, dass sie der Frau nun wehtun müssen. Ein Rettungsassistent darf zu diesem Zeitpunkt kein Schmerzmittel verabreichen – noch ist dies nur dem Notarzt gestattet.

Der Rettungsassistent sieht, dass das Gelenk wahrscheinlich gebrochen ist und mit einer Vakuumschiene fixiert werden muss – ein schmerzhafter Vorgang. Sie besprechen ihr Vorgehen mit der Frau, die ihr Okay gibt. Hätte sie das verweigert, hätte sich die Rettung durch das Warten auf den Notarzt weiter verzögert.

Der Griff gelingt: Abhilfe schaffen durch Zug auf den Fuß und Entlastung des Gelenks. Die Schmerzen werden schwächer.

In der Zwischenzeit treffen weitere Retter ein, die den Unfallort mit Seilen sichern. Sie heben die Frau in eine einrädrige Gebirgstrage. Und dann beginnt der komplizierteste Teil der Bergung: Das Wegstück aus dem Absturzgelände.

„Wenn du als Retter Angst haben musst, selber abzustürzen, dann wird es manchmal schmerzhaft. Doch die Frau war tapfer. Für den Weg, den ein geübter Wanderer in 20 Minuten geht, brauchten wir mit der Trage eine Stunde. Das sagt genug darüber aus, wie schwierig es war. Doch die Wanderin biss die Zähne zusammen. Erst als wir sie ins Auto gehoben hatten, fiel die Anspannung von ihr ab. Und sie jammerte ein wenig. Das war alles“, berichtet Sebastian Nachbar.

„Ein Jahr später stand sie plötzlich wieder vor uns. Beim Bereitschaftsabend auf der Wache. Ich komme gerade zur Tür rein. Ziehe meine Jacke aus. Da sagt eine Frau leise in einem Akzent, den ich schon mal hörte, zu mir: ‚Dieses Gesicht kenne ich.‘ Sie sagte wenig. Aber ihr Gesicht drückte Dankbarkeit aus“, berichtet Nachbar. „Sie hat ein Jahr gebraucht, bis sie wieder gehen konnte. Und während sie mir das erzählte, begann sie zu weinen. Dass das Warten das Schlimmste für sie war. Das Warten, ob überhaupt jemand zu ihr käme. Dass wir dann kamen. Da waren. Und sie geholt haben.“

Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.

MARIE VON EBNER-ESCHENBACH, ÖSTERR. SCHRIFTSTELLERIN (1830–1916)