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Am Broadway in Köln


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blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 15.11.2022
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Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 6/2022

?Willkommen im Moulin Rouge!? Harold Zidler (Gavin Turnbull, Mitte mit Ensemble) präsentiert die perfekte Show vor dem Duke of Monroth (Gian Marco Schiaretti, Loge l. ) und den Bohemians (Loge r., v. l.): Santiago (Vini Gomes), Christian (Riccardo Greco), Toulouse-Lautrec (Avin Le-Bass)

Am Broadway in Köln! Wenn Sie jetzt glauben, es handle sich hierbei um einen überzogenen Werbeslogan für »Moulin Rouge! – Das Musical«, so irren Sie. Was die Firma Mehr-BB Entertainment innerhalb von 6 Monaten in Köln realisiert hat, beeindruckt.

Innerhalb dieser Zeitspanne wurde die zuletzt als Gastspieltheater verwendete Spielstätte für 4,5 Millionen Euro in eine Musical Hall verwandelt. Dazu gehören die technischen Abläufe, um das Vorderhaus mit Lounge-Bars und Champagner-Theke zu versehen oder sanitäre Einrichtungen zu renovieren, vor allem aber die Anpassung der Statik an die Neugestaltung des Vorstellungsraums und des aufwendigen Bühnenbilds – allein der Elefant, die Garderobe des Stars des Moulin Rouge, wiegt 220 kg, wofür die Züge verstärkt werden mussten. In die Produktion selbst, die am Broadway mit 10 Tony Awards ausgezeichnet wurde, darunter als »Bestes Musical«, wurden rund 17 ...

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... Millionen Euro investiert – so auch in eine neue Tonanlage, mit der sich das preisgekrönte Sounddesign von Peter Hylenski noch einmal so schön hören lässt. Seit langem wieder einmal in einem Musicalhaus scheint der Ton im Raum zu schweben, hüllt einen der Sound wirklich ein.

Anfangs konnten sich die lizenzgebenden Broadway-Produzenten von Global Creatures nicht vorstellen, die deutschsprachige Erstaufführung von »Moulin Rouge!« nach Köln zu geben. Berlin erschien Originalproduzentin Christiane Pavlovic und sogar dem deutschen Team wesentlich naheliegender. Doch der Standort Köln steht für Weltoffenheit auch für LGBTQ-Menschen und Paradiesvögel jeder Couleur. Die Stadt verkörpert dadurch bestens die Werte der Show: Wahrheit, Freiheit, Schönheit und Liebe. Und nachdem der Bühnenbildner ein Vorher-Nachher-Modell der Verwandlung des Musical Domes in einen eleganten Nachtclub angefertigt hatte, stimmte auch Global Creatures zu. Das Ambiente des Zuschauerraums eröffnet eine neue Welt: Rot bespannte Wände mit Hunderten von

Lämpchen und rot ausgeleuchteten, verrucht wirkenden Nischen, das große Symbol der namensgebenden Roten Mühle, goldene Käfige, der große blaue Elefant – überwölbt an der Decke von 39 Kronenleuchtern, lädt das Ganze zum Zücken der Handys ein. Bis kurz vor Beginn der Vorstellung ist dies auch erlaubt, anschließend gilt Handy- und Kameraverbot. Leider führt das Bestreben, alles im Bild festzuhalten, dazu, dass die 15-minütige Pre-Show etwas untergeht. Dabei stimmen die weiblichen und männlichen Ensemblemitglieder mit elegantem Schreiten, bei dem sie ihre Corsagen und Netzstrümpfe mit Strapsen präsentieren und das Set erobern, wunderbar auf die Welt des Moulin Rouge ein. Doch erst wenn der Kommentator der Geschichte, der Bohemian Christian (Riccardo Greco), die Bühne betritt und mit einer Handbewegung den Schriftzug »Moulin Rouge« über das Portal emporschweben lässt, wird das gesamte Publikum auf den Beginn der Vorstellung aufmerksam – auch weil dieser Vorgang von einem vibrierenden Dröhnen eingeleitet wird, welches den gesamten Musical Dome erzittern lässt.

Zentrales Bühnenelement von Derek McLane ist das riesige terrassierte Herz, dessen Mehrdimensionalität durch das farbenfrohe Lichtdesign von Justin Townsend noch verstärkt wird. Bespielt wird nicht nur die Bühne und der Umgang des Orchestergrabens, auf dem ein Teil des Publikums an kleinen Tischchen die Möglichkeit hat, auf Tuchfühlung zu gehen, sondern die Cast kommt auch durch die Seitengänge, bespielt Nischen, Logen und den blauen Elefanten, die schwebende Garderobe von Satine (Sophie Berner). Auf der Bühne entsteht nicht nur der Nachtklub, sondern auch die Welt der Künstler am Montmartre, die elegante Flanierstraße der Avenue des Champs Élysées und die von innen beleuchteten Pariser Häuserfassaden.

2011 überraschte Baz Luhrmanns künstlerisches Filmmusical »Moulin Rouge« auf der Leinwand. Dessen Drehbuch ist an »Die Kameliendame« von Alexandre Dumas d. Jüngere (1848) angelehnt. Die Adaption für die Musicalbühne war eine Herausforderung, da für die 75 Songs der 165 Komponisten aus 160 Jahren Pop-Geschichte, die darin verarbeitet sind, die Rechte eingeholt werden mussten. Sogar der deutsch-französische Komponist Jacques Offenbach – wieder ein Bezug zu Köln – gehört zu dem Klangteppich der Show und Édith Piafs französische Chansons vervollständigen dieses musikalische Kaleidoskop. 2012 erhielt Pavlovic mit Global Creatures endlich die Rechte. Dennoch dauerte es bis 2018 mit der Uraufführung in Boston und bis 2019 bis zur Broadway-Premiere.

Am 6. November 2022 feierte das Musical deutschsprachige Erstaufführung. Es ist die erste nicht-englischsprachige Produktion, was nicht heißt, dass es nicht trotzdem Texte in englischer Sprache gibt. Wegen der musikalischen Versatzstücke wirkt interessanterweise auch der deutsch-englische Sprachmix nicht störend. Von Anfang an, so Produzent Maik Klokow, sei klar gewesen, dass für einige Songparts und -zeilen keine Übersetzung notwendig ist. Die deutschen Dialoge und Liedtexte stammen von Johannes und Ruth Deny, die in ihren poetischen Texten – allen voran ›Come What May‹, in dem sich Christian und Satine das Versprechen lebenslanger Liebe geben – die emotionale Seite dieser Show vermitteln. Für Deutschland wurden auch einige Lieder ins Stück genommen, die es in keinem anderen Land gibt, was zum einen an den Rechten liegt, zum anderen wurden bewusst Äquivalente für

Titel gesucht, die im Original die Geschichte transportieren. Dabei entstehen humorvolle Momente: So wurde ein Teil aus ›The Hills Are Alive‹ (»The Sound of Music«) durch ›Über den Wolken‹ ersetzt, mit dem sich Christian in Paris als Singer-Songwriter vorstellt. Auch hört man Klaus Lage und bekannte TV-Teaser. Dieses musikalische Kaleidoskop harmoniert in einzigartiger Weise mit den Lichtstimmungen, sodass beide wie eine einzige Komposition aus Licht und Ton wirken. Dabei spielt eine 9-köpfige Band unter Leitung des erfahrenen Heribert Feckler im Keller unter der Bühne die Musik live.

Der Tanz übernimmt im Musical auf ähnliche Weise wie in »West Side Story« eine die Energie der Szenen bestimmende Funktion. So leitet Sonya Tayeh mit einer Mischung aus Tanzstilen durch die Geschichte: von Tango, über Cancan bis zu Contemporary Dance und Burlesque. Hierbei brillieren im insgesamt tänzerisch sehr starken Ensemble eine ungeheuer präsente Olivia Irmengard Grassner im langen Opening und auch sonst als La Chocolat ebenso wie Annakathrin Naderer als Nini, die auch einen erotischen Tango-Pas de-deux mit Vini Gomes als Choreograph Santiago tanzt. Lediglich in den eher intimen Momenten wirkt das Tanzensemble ablenkend.

Sophie Berner spielt die Rolle der Satine und beeindruckt mit der Fähigkeit, die Stimme variabel zu färben. Ob soulig wie Shirley Bassey (›Diamonds Are Forever‹) oder à la Marilyn Monroe (›Diamonds Are a Girl’s Best Friend‹) oder modern mit ›Single Ladies‹ – Berner füllt den Raum nicht nur dank des guten Tons mit ihrer Stimme. Ihre Satine musste früh ihren Körper verkaufen und hat sich ihre Position als Star des Nachtclubs hart erarbeitet. Das Moulin Rouge ist ihr Zuhause, für dessen Erhalt sie alles tun würde. Hätte sie nicht Christian in der Loge gesehen und ihn fälschlich für den Duke gehalten, hätte sie ihre Mission gewiss durchgezogen, aber Christians bedingungslose Liebe entfacht auch ihre Gefühle. Sie kann dem Duke nicht mehr vorspielen, dass sie ihn liebt. Als Satine erkennt, dass sie todkrank ist, unternimmt sie alles, um Christians Show am Moulin Rouge zu retten. Es ist ihr Liebesbeweis, aber auch der Versuch, ihre Welt am Leben zu erhalten.

Riccardo Greco spielt Christian, den naiven, liebenswerten Singer-Songwriter aus Ohio, der in Paris sein Glück sucht, wunderbar. Er verzaubert mit der kindlichen, weltoffenen Neugier und der rührenden Verliebtheit in Satine. Später zeigt er aber auch überzeugend Christians Verzweiflung und die düstere Seite des Freigeists, insbesondere mit Baz Luhrmanns ›El Tango de Roxanne‹.

Seinen Gegenspieler, den arroganten englischen Aristokraten, den Duke of Monroth, verkörpert Gian Marco Schiaretti mit genau der richtigen Mischung von Anziehung und Brutalität. Der Duke meint, die Welt gehört ihm, und verlangt für den Erhalt des Nachtklubs von Zidler nicht mehr und nicht weniger, als dass alles ihm gehört, vor allem aber der funkelnde Diamant des Moulin Rouge, Satine. Hier wurde exzellent gecastet. Das gilt auch für Alvin Le-Bass als hinreißender Toulouse-Lautrec, der schnell vergessen lässt, dass die historische Figur kein People of Color war. Le-Bass verkörpert den weisen, lebenserfahrenen Bohemian, Künstler und Freigeist durch und durch sowie den liebenswürdigen Revolutionär mit Herz, Bühnenpräsenz und prägnanter Stimme. Die blindedcolor-Besetzung funktioniert hier bestens. Gavin Turnbull als Impresario Harold Zidler, in Anspielung auf den Moulin Rouge-Besitzer Charles Zidler, gibt den Entertainer mit Lust an der Darstellung. Er durchbricht auch die vierte Wand und wendet sich in der Eröffnung an einzelne Zuschauer. Seine Figur ist weniger böse als in manchen anderen Fassungen des Themas, aber er gibt den finanziellen Druck, unter dem er steht, an Satine weiter. Außerdem glaubt er wirklich, dass der Duke Satines Zukunft sein könnte, weil er sich um sie sorgt.

»Moulin Rouge!« mit seinen hinreißenden Tanzszenen, großem Tempo, humorvollen Momenten ebenso wie tragischen Emotionen strahlt eine Spannung und Energie von der ersten bis zur letzten Minute aus.

Dadurch dass Christian die Liebesgeschichte mit Satine im Rückblick erzählt, erhält das Musical gegenüber dem Film einen hoffnungsvollen Ausblick. Christian bleibt, dass er Satine lieben durfte und sie ihn liebte, und das zählt. Sein Stück rettet am Ende auch die Welt des Moulin Rouge, wie der abschließende, mitreißende Remix andeutet. Die Show und das Leben gehen weiter. Eben dies ist der Produktion im Musical Dome Köln auch zu wünschen – dass alle Investitionen sich gelohnt haben und diese Show der Extraklasse eine Institution in Köln und darüber hinaus wird.

Barbara Kern