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Am En de: Legende


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RoadBike - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 12.10.2022

AM START BEI L’ÉTAPE DU TOUR

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Bildquelle: RoadBike, Ausgabe 12/2022

Andreas, mein bester Kumpel in der Grundschule, wollte Schauspieler werden. Weil er Thomas Gottschalk in „Die Supernasen“ so toll fand. Pierre, der jeden Nachmittag „Captain Future“ glotzte, wollte ins All fliegen. Und auch ich saß 1983 den ganzen Tag vor dem Fernseher. Mich interessierten aber weder schlechte Schauspieler noch Zeichentrickfiguren. Ich vergötterte irdische Helden, die Gladiatoren bei der Tour de France. Fieberte mit, als ein blonder Junge mit Stirnband die Berge hochflog: Laurent Fignon. So einer will ich auch werden, dachte ich. Und nervte meine Eltern so lange, bis sie mir ein Rennrad kauften.

Heute, fast 40 Jahre später, stehe ich am Start in Briançon. Möchte machen, was „Le Professeur“ – so nannten sie Fignon wegen seiner Intellektuellenbrille – 1983 im Gelben Trikot geschafft hat. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, wenn man die Königsetappe der ...

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... Tour de France fährt. „Unmenschlich“, nennt selbst der Veranstalter die 72 Kilometer, die es dabei bergauf zu bezwingen gilt. Über 167 Kilometer und 4700 Höhenmeter führt die Strecke. Über legendäre Pässe. Zu Schauplätzen, an denen sich Dramen abspielen. Orte, an denen Helden gemacht werden. Deswegen haben wir uns angemeldet: mein Kumpel Sebastian „Stipi“ und ich. Wir fahren L’E?tape du Tour, von Briançon nach Alpe d’Huez. „Jeder, der es schafft, auf den gleichen mythischen Anstiegen und unter gleichen Bedingungen wie die Profis dort oben anzukommen, ist eine Legende“, sagt Christian Prudhomme, der Tour-Direktor. Er muss es wissen.

Sebastian und ich fühlen uns nicht wie Legenden, wir haben die Hosen voll. Erst müssen wir über den höchsten Pass der Tour, den 2642 Meter hohen Col du Galibier. Dann über den Croix de Fer (2067 m) und weiter hinauf nach Alpe d’Huez (1850 m).

7.15 Uhr. Wir stehen mit 17 000 anderen Rad-Enthusiasten am Start und saugen die Atmosphäre auf. Rollen schon bald mit unseren Carbon-Geschossen an Legenden wie Fausto Coppi und Eddy Merckx vorbei, deren Konterfeis auf riesigen Bannern im Startbereich prangen. Welchen Stellenwert die alten Helden haben, erklärt Andreas de Block, Professor an der Katholischen Universität in Leuven. „Merckx’ Popularität lässt sich durch die Tatsache näher illustrieren, dass der 21. Juli 1969 für Belgier nicht der Tag ist, an dem Neil Armstrong zum ersten Menschen auf dem Mond wurde. Für uns ist es der Tag nach dem Tag, an dem Merckx zum ersten Mal die Tour de France gewann.“

Bereits nach 20 Minuten schiebe ich mir den ersten Riegel rein. Essen wie Gott in Frankreich? Passt hier wohl nicht ganz, denke ich. Aber: „Wenn man in der ersten Stunde dem Körper nichts zufügt, fehlt einem das und man wird durchgereicht“, hat John Degenkolb mir mal erklärt. Er muss es wissen, schließlich hat der Frankfurter Paris–Roubaix gewonnen.

Stipi und ich – beide voll mit Carbs – haben uns vorgenommen, diesen Tag, an dem die Strecke nur uns Radfahrern gehört und für Autos gesperrt ist, in vollen Zügen zu genießen. Die aufgehende Sonne, die uns immer mehr wärmt, trägt ihren Teil dazu bei. Vor allem sind wir aber von der Landschaft geflasht. Die Region „Hautes-Alpes“ liegt im Südosten Frankreichs, direkt an der italienischen Grenze. Auf Wikipedia erfahre ich, dass die Region so heißt, weil hier die höchsten Berge Frankreichs stehen. Und was mache ich? Fahre schnurstracks auf den Galibier zu. Super Idee! Aksel Lund Svindal, Ski-Champ und Rennrad-Fan, hat einmal gesagt, dass es schwierig sei, sich für eine Sache zu motivieren, vor der man Angst hat. Nun, ich habe Angst ... Auch weil der Schriftsteller Javier García Sánchez schrieb, dass der Galibier einem seine „Moral frisst“. Wenigstens davon merke ich nix. Nein, meine Beine fühlen sich gut an.

Die Einzigen, die mich überholen, sind Hungerhaken. Bergflöhe wie Nairo Quintana mit seinen 59 Kilo. Ich mit meinen 80 Kilo habe da wenig Chancen. Viel schlimmer: Im Vergleich zu den Jungs sehe ich aus wie ein russischer Bär, der für eine Zirkusnummer mit dem Rad durch die Manege fahren darf. Um ähnlich schnell zu fahren wie Quintana, der 450 Watt tritt, müsste ich über 600 treten. Klar, das geht. Für zehn Sekunden ...

Es ist schwierig, sich für eine Sache zu motivieren, vor der man Angst hat. Ich habe Angst.

Bereits nach 588 Höhenmetern, am Col du Lautaret, geht den Ersten die Puste aus. Sie werden den 23 Kilometer langen Galibier nicht schaffen. Sie fahren rechts ran, legen ihr Rad zur Seite und starren teilnahmslos auf ihr Pinarello Dogma oder ihre Timemachine von BMC. Alle, denen es zu peinlich ist, dass sie schon jetzt aufgeben müssen, tippen wie bayerische „Gschaftlhuber“ eifrig auf ihren Handys herum. Ganz nach dem Motto: Fahren Sie ruhig weiter, hier gibt’s nichts zu sehen. Dabei müsste es keinem von ihnen peinlich sein. Vielen Profis geht es kaum anders. Weil er sich dem Galibier nicht gewachsen sah, soll etwa Gustave Garrigou die Veranstalter als „Banditen“ beschimpft haben. Dass man ihn so einen Berg hochfahren ließe, sei „kein Sport mehr“, echauffierte sich Eugène Christophe, der erste Träger des Gelben Trikots, sondern „Zwangsarbeit“.

Oben am Galibier warte ich auf Sebastian. Schließlich ist er der Fotograf. Als er da ist, donnern wir gemeinsam die 20 Kilometer bis zur ersten Verpflegungsstation runter. An uns schießen Mitsechziger wie Pfeile vorbei. Je mehr sie auf den Rippen haben, desto rasanter trägt sie die Schwerkraft nach unten. Mein Ziel ist erst mal, nicht von einem dieser Torpedos abgeschossen zu werden. Es klappt. Wir erreichen die Labestation.

Weiter geht es nach Saint-Jean-de-Maurienne, danach erwartet uns mit dem Col de la Croix de Fer der nächste lange Anstieg. 29 Kilometer sind es diesmal. Als wir den vom Veranstalter rot markierten Abschnitt erreichen, wissen wir: Im „roten Bereich“ ist der Name Programm – sofort schießt uns das Laktat in die Haxen. Das allein wäre nicht so schlimm. Doch ich fühle mich wie ein Hendl im Backofen. Die Sonne brennt. Stipi schimpft wie ein Rohrspatz: „Alter, was machen wir hier?“ Meine Antwort habe ich vom Philosophen Peter Sloterdijk. Er sagt: „Gebirge kritisiert man nicht, man besteigt sie oder lässt es bleiben.“ Also fährt Stipi weiter.

Ein Blick auf den Tacho zeigt: sieben Kilometer pro Stunde. Dabei bin ich voll am Anschlag. Die Profis? Fahren hier fast dreimal so schnell. „Man begreift, dass das, was diese Männer leisten, alles übersteigt, was Normalsterbliche begreifen können. Das erinnert fast an ein theologisches Studium: Man braucht den ersten Grad der Einweihung, um zu verstehen, dass man nichts versteht“, sagt Sloterdijk, der in seiner Freizeit gerne mal auf den Mount Ventoux fährt.

Für einen Normalsterblichen fühlen sich meine Beine eigentlich ganz gut an. Vielleicht liegt’s daran, dass ich mir alle 20 Minuten einen Riegel reinschiebe. Von Müdigkeit keine Spur. Wie eine Nähmaschine trete ich hoch zum Croix de Fer. Für viele andere Teilnehmer endet auf diesem Abschnitt ihre Reise. DNF heißt das dann, DID NOT FINISH. Ziel nicht erreicht.

Oben am Pass pfeife ich mir einen Espresso rein, Stipi trinkt Wasser mit ganz viel Salz. „Gut für den Haushalt“, sagt er.

Dann die Abfahrt, weiter Richtung Alpe d’Huez. Bevor es zum Finale furioso geht, stärken wir uns noch mal an der letzten Station, um unsere leeren Tanks zu füllen. Bananen, Marmorkuchen – alles muss rein, schließlich soll mein Blutzuckerspiegel, der wahrscheinlich jeden Diabetiker längst gekillt hätte, nicht absacken. Stipi dagegen mag nix mehr essen. Ich rede so lange auf ihn ein, bis auch er doch etwas zu sich nimmt. Dann gehen wir es an: Auf nach Alpe d’Huez!

Kaum biege ich um die nächste Ecke, sehe ich eine kerzengerade Strecke, die mich nicht an eine Straße, sondern an eine Skisprungschanze erinnert. Das Thermometer zeigt inzwischen 34 Grad. Wie sollen wir bei diesen Temperaturen einen Pass hochkurbeln, von dem der Schriftsteller Sánchez meinte, dass er einen „in Stücke“ reiße?

Doch ich bin frohen Mutes, wenn auch sehr langsam unterwegs. Neben mir geben immer mehr auf. Einige sieht man, die sich mit letzter Kraft noch für fünf, zehn Meter im Wiegetritt versuchen, dann saft- und kraftlos erst in sich zusammensacken – und schließlich vom Rad steigen. Ein Bild, das sich auf den 13,8 Kilometern und 21 Kehren bis nach oben viele Male wiederholen wird. Überall stehen Männer und Frauen, die, in sich zusammengesunken, am Lenker Halt suchen. Und doch sind es die, die noch ein Fünkchen Hoffnung hegen, weiterfahren zu können. Ich teile sie in die „Kategorie I“ ein. In „Kategorie II“ liegen die Pedaleure nur noch erschöpft neben oder unter ihren Rädern. Sie haben jede Hoffnung verloren. Genau wie die Mitstreiter der „Kategorie III“. Sie hängen über Geländern oder ihre Räder gebeugt und kotzen die isotonischen Getränke wieder aus, die sie den ganzen Tag in sich hineingeschüttet haben. „Rien ne va plus“, da geht gar nichts mehr. Ob Sebastian es schaffen wird? Ich versuche ihn zu erreichen, er geht nicht ans Telefon. Also trete ich weiter und bin zuversichtlich, dass er wenigstens zur „Kategorie IV“ gehört. Das sind die Fahrer, die nicht mehr fahren, aber immerhin noch gehen können. Ich frage mich zwar, was einen mit völlig blauen Beinen antreiben mag, in unbequemen Radschuhen acht bis zehn Kilometer den Berg hochzustiefeln. Aber das soll nicht meine Sorge sein.

Erst später werde ich erfahren, dass Sebastian diese Kurve gar nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Er lag zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Krankenwagen, komplett erschöpft und mit einem Hitzschlag. Am Abend beim Bier (Sebastian trinkt wieder Wasser mit Salz) erkläre ich ihm, dass so etwas selbst den Besten passiert. Charly Gaul, der Bergfahrer, musste vom Mont Ventoux mal mit dem Krankenwagen runtergebracht werden, Eddy Merckx wurde sogar ohnmächtig und benötigte ein Sauerstoffzelt. „So ein Hitzschlag ist wirklich nicht schlimm“, versuche ich die Sache schönzureden.

Radfahren ist kein Spiel. Man spielt Fußball oder Tennis oder Hockey. Man spielt nicht Radfahren.

Doch noch bin ich unterwegs und habe keine Wahl: weiter geht’s. Nach oben. Überall kauern Gescheiterte. DNFs. Zwei Tage nach dem Rennen erfahre ich, dass von den 17 000 Startern 9000 ins Ziel kamen. 8000 sind auf der Strecke geblieben.

Ich trete noch ein Mal kräftig in die Pedale, hole alles aus mir heraus und denke an Jean de Gribaldy, einen Radrennfahrer, der sagte: „Radfahren ist kein Spiel, Radfahren ist ein Sport. Hart, unnachgiebig und unerbittlich und man muss auf vieles verzichten. Man spielt Fußball oder Tennis oder Hockey. Aber man spielt nicht Radfahren.“ Noch 500 Meter. Weil Rennen von denen gewonnen werden, die am meisten leiden können, gehe ich aus dem Sattel. Vor mir tauchen Hunderte Zuschauer auf, feuern mich und alle anderen an.

Und endlich bin ich im Ziel, habe das Biest Alpe d’Huez besiegt! Ich fühle mich wie eine echte Legende. Zumindest wie eine kleine.

Meine Schulkameraden Andreas und Pierre kommen mir in den Sinn. Die muss ich unbedingt anrufen. Um zu erfahren, ob sie tatsächlich Schauspieler und Astronaut geworden sind. Und natürlich, um ihnen von meiner Heldengeschichte zu erzählen. Davon, dass ich mich – für einen Tag – wie ein echter Profi fühlen durfte. Legende am Ende.