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Am Fluss des Lebens


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plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 03.08.2022
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Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 9/2022

Schöne Mitbringsel aus Keramik findet man bei vielen Kunsthandwerkern

E in Pfiff und schon geht der Lärm los: Zwanzig braune und weiße Schafe setzen sich laut blökend in Bewegung und stürmen auf ihren Besitzer zu, der ein olivfarbenes Hemd lässig über der Jeans trägt. Sofort ist er umringt von seiner kleinen Herde ostfriesischer Milchschafe. Denn die wissen genau: Wenn der Chef ruft, gibt es etwas zu fressen. Dann unterbrechen sie ihr Grasen auf der Weide und rennen Giselher Alexander Kühn fast um, wenn er sich zu ihnen auf Augenhöhe in die Hocke begibt. Der 61-Jährige macht in Diahren im Naturpark Elbhöhen-Wendland köstlichen Käse aus der Milch seiner wuscheligen Mitarbeiter.

Seine ersten Schafe bekam Giselher Alexander Kühn schon 1985. Er ist im Wendland geboren, ein Naturmensch. Er kennt aber auch viele ehemalige Städter, die sich in den 70ern auf der Suche nach einem authentischen Leben in den bäuerlichen, stillen Landstrich an der Elbe verliebten und nach ...

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... Möglichkeiten suchten, um sich dort ein Leben aufzubauen. Dieser Zustrom an Aussteigern ließ im ehemaligen Zonenrandgebiet eine lebendige Kreativ-Szene aus Künstlern und Kunsthandwerkern entstehen. Wer als Urlauber zum Beispiel auf einer Tour mit dem Fahrrad an einem Atelier oder einer Werkstatt vorbeikommt, sollte einfach mal klingeln oder klopfen! Meist freuen sich die Betreiber darüber, wenn sie ihre Arbeiten neugierigen Besuchern zeigen dürfen. Wer selbst kreativ werden möchte, dem bietet der Werkhof Kukate viele Gelegenheiten dazu. In den alten Fachwerkhäusern des ehemaligen Hofes sind eine Töpferei sowie Web-, Goldschmiede und Tischler-Werkstätten untergebracht. Interessierte können in den entsprechenden Disziplinen Kurse belegen. In den Pausen setzt man sich in den Schatten der alten Kastanien und lässt das historische Ambiente auf sich wirken.

Rundlinge und Fachwerk

Viele Besucher machen auch im hübschen Hofladen von Giselher Alexander Kühn halt, einige führt er sogar über die Weide zu den Schafen. Und wer es noch nicht weiß, dem erklärt er, warum das Örtchen Diahren, in dem er lebt, ein Rundlingsdorf ist und dass es um einen Platz in ihrer Mitte angeordnet im Wendland an die 100 dieser historischen und sehr sehenswerten Weiler gibt. Die kleinen Ortschaften mit Namen wie Meuchefitz, Schreyahn, Satemin oder Mammoißel bestehen aus jeweils rund einem Dutzend Bauernhöfen. Die Giebelseiten der Häuser richten sich zur Ortsmitte hin aus – meist ein größerer Platz, um den sich die Gebäude fast wie Sonnenstrahlen auffächern. Diese Siedlungsform, aus der Luft betrachtet ein Kreis, entwickelte sich schon im Mittelalter. Besonders viele Rundlinge gibt es westlich von Lüchow. Viele der heute noch erhaltenen Fachwerkbauten, in denen Mensch und Tier zusammen unter einem Dach wohnten, stammen aus dem 18. Jahrhundert. Junge Städter, die in den 70er-Jahren ins Wendland strömten, übernahmen die leer stehenden Gebäude und renovierten sie oft eigenhändig. Heute kämpft man hier dafür, dass sie in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen werden. Im Rundlingsmuseum Wendland in Lübeln erfahren die Besucher viel vom traditionellen Leben in diesen Dörfern.

Bei all dieser Idylle vergisst man schnell die Auseinandersetzungen, die es vor rund 40 Jahren um das Atommüll-Endlager im nahen Gorleben gab. Die Anti-Atomkraft-Bewegung organisierte damals Sitzblockaden und Proteste gegen die Castor-Transporte mit radioaktiven Abfällen. Der letzte Transport in das sogenannte „Transportbehälterlager“ in Gorleben fand schließlich 2011 statt. Das Aus für das „Erkundungsbergwerk“ im Salzstock Gorleben, in dem geprüft werden sollte, ob es sich als Endlager eignet, kam im September 2021. Ein Sieg der Atomkraft-Gegner. Die seit den 70er-Jahren aus der Alternativszene und aus Künstlerkreisen hierher Gezogenen brachten mit den Anti-Atom-Protesten auch die Ökobewegung und viel Kreativkraft ins Wendland. Seit der Corona-Pandemie entdecken wieder viele Menschen, wie schön das Wendland eigentlich ist, und verlegen ihren Wohnsitz an die Elbe – begünstigt von den neuen Möglichkeiten, im Home-Office zu arbeiten. Auch der Tourismus hat in den letzten zwei Jahren einen Aufschwung erlebt. Weil der Flug an die spanischen oder griechischen Strände lange Zeit nicht möglich war, verbrachten viele ihren Urlaub in Deutschland. Wunderbar abschalten und die Zivilisation hinter sich lassen: Dafür ist das Wendland perfekt. Beim gemächlichen Radeln von Rundlingsdorf zu Rundlingsdorf kommt so mancher ins Schwärmen – ob der flachen Landschaft, die sich aus Feldern und Wäldern zusammensetzt. Mittendrin das knapp 5 000-Seelen-Städtchen Hitzacker mit Fachwerkhäusern, kleinen Läden und Cafés.

„Drei schöne Dinge sind, die Gott und den Menschen wohl gefallen: Wenn Brüder eins sind und die Nachbarn sich liebhaben und Mann und Weib miteinander wohl umgehen

Bibelvers an einem Fachwerkhaus im Wendland

Die Stadt ist eine Insel, gelegen an der ehemaligen Grenze zur DDR und umflossen von der Jeetzel, die hier in die Elbe mündet. Seit Jahrzehnten zieht der Ort mit seinen „Sommerlichen Musiktagen“ Fans der klassischen Musik an. Hitzacker, vor dem Zweiten Weltkrieg ein kleiner Ort mit kaum 2 000 Einwohnern, hatte damals dank des Zustroms von Flüchtlingen seine Einwohnerzahl verdoppelt. Unter ihnen waren viele Musiker, die damit begannen, Konzerte in Privathäusern und Kirchen zu organisieren.

Neue Heimat der Musik

Daraus entwickelten sich 1946 die ersten „Sommerlichen Musiktage“, mit denen „an der Grenze des freien Deutschlands eine Hochburg edelster deutscher Kultur“ entstand, so die damalige Tourismus-Werbung der BRD. Seit 1987 gibt es nun ein zweites Musikfestival im Winter: die „Musikwoche Hitzacker“ mit einem Schwerpunkt auf den Werken des Barocks, der Klassik und der Romantik.

Schon früh entdeckten Touristen den Reiz von Hitzacker. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kamen vor allem Erholungssuchende aus dem Hamburger und Hannoveraner Raum zum Kurhotel auf dem Weinberg, der sich rund 40 Meter über das Elbtal erhebt und auf dem seit dem 16. Jahrhundert Reben wachsen. Es gab hier eine eigene Quelle mit Trinkbrunnen und Bade-Anwendungen. Sogar eine Schifffahrtslinie „Hamburg – Lauenburg – Dömitz“ wurde gegründet. Auch Andreas Sauck und Mathias Jühlke vom Museum Hitzacker lieben die Elbe, an der sie schon als Kinder spielten. Jetzt fahren sie Touristen mit dem „Sofafloß Herzogin Dorothea“ durch die geschichtsträchtige Elblandschaft. „Dort drüben saßen ja schon die Grenzsoldaten der DDR“, sagt Mathias Jühlke und zeigt auf die andere Uferseite hinüber nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Grenze verlief damals in der Mitte des Flusses.

Romantik im Tiny House

„Aufgrund der Teilung Deutschlands war ein breiter Uferstreifen Sperrbezirk und die dortige Natur sich selbst überlassen“, erklärt Andreas Sauck. Hier erstreckt sich heute das Biosphären-Reservat Niedersächsische Elbtalaue – ein wahres Paradies für Storch, Wachtelkönig, Seeadler und Kiebitz. Mehr als 1 300 Pflanzenarten gedeihen in dieser Gegend. Kein Wunder, dass der Elbe-Radweg, der sich durch diese Landschaft zieht, der beliebteste Fernradweg Deutschlands ist. Sauck und Jühlke engagieren sich heute ehrenamtlich im Museum Hitzacker, das im Alten Zollhaus untergebracht ist. Ein einzigartiges Gebäude aus dem Jahre 1589. Es ist das älteste, nicht kirchliche Bauwerk in Hitzacker und zugleich auch eines der größten noch erhaltenen Fachwerkhäuser im Wendland. Ganz klein sind im Gegensatz dazu die Holzhütten im „destinature Dorf “ am Rande der Stadt: ein Ensemble aus 20 kleinen, aber komfortablen Ferienhäusern (Tiny Houses), die im Grünen liegen. Das Herzstück dieses „destinature Dorfs“ ist das Bio-Bistro. Hier bekommt man vom Frühstück bis zum Abendessen eine kleine Auswahl an Gerichten mit Produkten aus der Region. Die Atmosphäre ist locker, man duzt sich und zum Kaffee wird auch gleich noch der eine oder andere Ausflugs-Tipp serviert. Ein Urlaub auf die alternative Art, der immer beliebter wird. „Was wir hier gerade spüren, ist das steigende Interesse an Nachhaltigkeit und Natur“, sagt Sabine Schöning,

Tourismus-Koordinatorin für den Kreis Lüchow-Dannenberg. Sie freut sich riesig über die wachsenden Besucherzahlen: „Die Leute spüren einen tollen Effekt: Sie kommen gestresst hier bei uns an und nach ein paar Tagen fahren sie sehr relaxt zurück nach Hause.“

„Wir merken hier, dass es ein steigendes Interesse an Nachhaltigkeit und Natur gibt

Sabine Schöning von der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse und Tourismus im Landkreis Lüchow-Dannenberg

Reise-Infos

ESSEN & TRINKEN

Das alte Haus Jameln Kunst und Köstlichkeiten in einem reetgedeckten Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert. Bitte unbedingt vorher reservieren! www.jameln.de/restaurant

Café Albis, Hitzacker Hausgemachter Kuchen, appetitliche Quiches, eine tolle Frühstücksauswahl und freundlicher Service. www.cafe-albis.de

ÜBERNACHTEN

„destinature Dorf“ 1 Hübsche Ferienhäuser aus Holz mit viel Komfort und angeschlossenem Bio-Bistro – mitten in der Natur nahe Hitzacker. Hütte für 2 Personen ab 69 Euro. www.destinature.de

Markthof Satemin Gemütliches Landhotel in einem typischen Fachwerk-Bauernhof. Mit hübschem Café unter einer alten Kastanie. DZ ab 95 Euro. www.markthof-satemin.de

AUSFLUGSTIPPS

Flussfahrt 2 Anderthalbstündige Schiffstour durch die Elbtal-Auen ab Hitzacker. Mit vielen Infos über die Vergangenheit der Elbe als Grenzfluss zur ehemaligen DDR. www.museum-hitzacker.de

Rundlingsmuseum, Lübeln 3 Besucher können hier im Freien historische Bauernhäuser bestaunen und erfahren viel über die Geschichte der kreisförmig angelegten Rundlingsdörfer. www.rundlingsmuseum.de

Kaufhaus des Wendlands In der historischen Kleinstadt Dannenberg präsentieren 18 Kunsthandwerker und Händler Produkte aus der Region. Von Mode bis Honigschnaps. 4 www. kaufhausdeswendlands.de

Gartenräume Zweimal im Jahr öffnen Privatleute im Wendland ihre Gärten für Besucher. Der nächste Termin ist am ersten Septemberwochenende. www.gartenraeume.eu

BUCH-TIPP

„Noch solch ein Tag im Wendland“

In zwölf Kurzgeschichten erzählt Heide Kowalzik von den Menschen aus der Region. Mal sind es erdachte, mal wahre Ereignisse. Die 1943 geborene Autorin stammt aus Ostpreußen und lebt seit vielen Jahren in Süthen im Wendland. (Jeetzel Buch, 16,80 Euro)

ALLGEMEINE INFOS

www.wendland-elbe.de

www.region-wendland.de