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America First!


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Golfpunk - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 09.09.2022
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Bildquelle: Golfpunk, Ausgabe 5/2022

A m 06. April 1986 schrieb Bernhard Langer Golfgeschichte. In der ersten offiziellen Weltrangliste, die damals von einem japanischen Elektronikunternehmen gesponsert wurde, belegte der Anhausener den Platz an der Sonne. Es sollte sechs Jahre dauern, bis mit Fred Couples zum ersten Mal ein Amerikaner die Spitze übernahm. Dass die US-Boys seither die prägende Kraft der Weltrangliste wurden, haben sie einem Mann zu verdanken: Tiger Woods. 683 Wochen lang dominierte er das Official World Golf Ranking in einer Art und Weise, die selbst die letzten zehn Jahre der Fußball-Bundesliga wie einen Hitchcock-Thriller erscheinen lassen. Das sind 36 Prozent aller Wochen seit Bestehen der Rangliste – obwohl Woods bei deren Einführung noch Milchzähne hatte.

Tatsächlich ist die Weltrangliste aber bisher ihrem Namen gerecht geworden. Unter den 25 Golfern, die in den letzten 36 Jahren an der Spitze standen, waren ...

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... Sportler aus zehn Nationen und vier Kontinenten. Doch so unterschiedlich die Personalausweise sind, so identisch ist eine andere Karte in ihrem Portemonnaie – und wir reden hier nicht von der American Express Centurion Card für Superreiche. Seit Lee Westwood am 28. Mai 2011 die Führung abgab, hatte jeder Weltranglisten-Erste die Mitgliedskarte der PGA Tour in der Tasche.

Doch während die Spitze der Weltrangliste eher ein Statussymbol ist wie der reservierte Parkplatz für den Clubmeister, haben die weiteren Platzierungen einen solchen Einfluss bekommen, dass sie für manch einen Profi über Wohl und Wehe der Karriere entscheiden. Schließlich wurde die anfangs private Zahlenspielerei von Sportagent Mark McCormack 1986 nur zur offiziellen Weltrangliste, weil der Royal and Ancient Golf Club of St Andrews ein komfortableres System suchte, um Einladungen für die Open Championship auszusprechen. Laienhaft gesprochen einigte man sich darauf, aus den Turnier-Ergebnissen der letzten drei Jahre (ab 1996 aus Ergebnissen der letzten zwei Jahre) eine Rangliste zu erstellen, die jüngere Resultate höher bewertet als ältere. Die genauen mathematischen Formeln sind nebensächlich: Wichtig ist nur, dass die größten Turniere der Welt – World Golf Championships, Olympische Spiele und vor allen Dingen die vier Majors – das Ergebnis als Eintrittskarte benutzen.

MARC MC CORMACK

1968 entwickelte der Agent von Jack Nicklaus, Arnold Palmer und Gary Player eine inoffizielle Weltrangliste als PR-Werkzeug. Seine Spieler belegten die Plätze eins, zwei und vier

Am einfachsten stellt man sich das Official World Golf Ranking wie einen Türsteher vor, der mit Argusaugen darauf achtet, wer in den Club gelassen wird. Bei den handelsüblichen Touren wie der PGA Tour oder der DP World Tour checkt der Türsteher nur, ob auf der Mitgliedskarte nicht womöglich McLovin steht. Aber spätestens bei den Majors ist die Einlasskontrolle so streng, als müsse man an Sven Marquardt vorbei, der im wahren Leben im Berliner „Berghain“ die Gesichtskontrolle macht. Das „Berghain“ ist das Äquivalent zur Open Championship: Es begann als reiner Männerclub, anfangs wollten nur die Einheimischen dabei sein, aber mittlerweile reißen sich selbst Amerikaner um eine Einladung. Und ihre Eintrittskarte ist nun mal ein Platz unter den 50 besten Golfern der Welt.

Ähnlich schwierig wie ins „Berghain“ kommt man ins Münchner „P1“, das Gegenstück zum US Masters im Augusta National Golf Club. Es begann als Treff für die feinen Herren, ließ lange Zeit nur Reiche und Prominente rein, verlangte ein Jackett für den Einlass, ist aber in den letzten Jahren etwas offener geworden. Auch hier braucht es einen Platz unter den 50 besten Golfern der Welt, um ins Turnierfeld zu kommen.

Der Türsteher der US Open lässt sogar die Top 60 ins Feld. Sein Arbeitsplatz ist wie das „Dollhouse“ auf der Hamburger Reeperbahn. Das Publikum ist rustikal und oft sogar obszön, die Fairways sind so knapp wie die Outfits der Tänzer und Tänzerinnen und das Turnier steckt dem Sieger von allen Majors die meisten Dollars ins Höschen.

Und dann ist da noch die PGA Championship, die oft ein wenig unter dem Radar fliegt – ganz so wie das „Bootshaus“ in Köln. Dabei taucht die Diskothek im Stadtteil Deutz immer auf der Liste der besten Clubs der Welt auf und auch die PGA bietet eigentlich jedes Jahr das beste Feld im Golfsport. Das liegt daran, dass der Türsteher zwar offiziell keine Ausnahmen macht, in Wirklichkeit aber die Top 100 der Welt fröhlich durchwinkt.

Doch wie der Türsteher die Top 100 der Welt erkennt, hat sich seit dem 08. August dieses Jahres erheblich verändert. Denn das Official World Golf Ranking hat die vielleicht größte Revolution seit seiner Gründung erlebt. So wie bei Diskotheken manchmal die Augen zugedrückt werden, weil die Frauenoder Männerquote gerade zu gering ist, hatte sich auch die Weltrangliste bisher eine Hintertür offen gelassen. Komplett unabhängig davon, wie gut das Feld besetzt ist, durften die Touren bisher eine garantierte Mindestpunktzahl für den Sieger vergeben. Wer auf der European Tour und auf der PGA Tour gewann, erhielt wenigstens 24 Punkte, die Japan Tour schüttete 16 aus, auf der Sunshine, Asian und Korn Ferry Tour gab es 14 und sogar die Professional Golf Tour of India durfte vier Punkte vergeben. Die Maßnahme, um das „Welt“ in „Weltrangliste“ zu garantieren, führte bis dato zu einer Schieflage zugunsten der kleineren Touren: Hätte jemand nur auf der Challenge Tour gespielt und jedes Turnier gewonnen, wäre er unter Garantie Weltranglisten-Erster geworden – ohne jemals gegen die besten der Welt angetreten zu sein.

Dass dies nicht nur ein theoretisches Gedankenspiel ist, bewiesen in der Vergangenheit einige japanische Golfer. Masashi „Jumbo“ Ozaki war zwischen 1989 und 1998 insgesamt 194 Wochen in den Top Ten der Weltrangliste, weil er in Japan dominierte, bei Majors in der Zeit aber lediglich fünfmal in den Top 25 platziert war. Und aktuell ist mit Yuki Inamori ein Spieler in den Top 100, dessen Major-Auftritte in den letzten zwei Jahren immer schon am Freitag zu Ende waren. Selbst in Deutschland ist diese Verzerrung in Ansätzen zu beobachten. Marc Hammer gewann im Juli die Weihenstephan Open auf der drittklassigen Pro Golf Tour. Ein bemerkenswerter Sieg für den Karlsruher, keine Frage. Aber ist dieser wirklich 33 Prozent höher zu bewerten als Max Kieffers 30. Platz bei der phänomenal besetzten Scottish Open, wie es die Weltrangliste tat? Und sollte jemand, der sich bisher noch nie auf der European Tour messen konnte, plötzlich zwischen Maximilian Kieffer und Martin Kaymer geführt werden?

ERNIE ELS

Zwischen 1994 und 2011 war der Südafrikaner 788 Wochen in den Top Ten. Nur Tiger Woods hatte noch 118 Wochen mehr

TOM LEHMAN

Am 20.04.1997 wurde der Amerikaner Weltranglisten-Erster, eine Woche später verlor er die Spitze. Auch Thomas Björn war One-Week-Wonder: 2001 war er sieben Tage in den Top Ten

NATIONEN WERTUNG*

* Weltranglisten-Erste nach Nationen

Fragen wie diese haben sich auch die Verantwortlichen der Weltrangliste gestellt – und dabei einen Trend in allen Sportarten berücksichtigt: die Analytik. Der Trend, sportliche Leistungen in Zahlen darzustellen, wird von manch einem gerne als Rache der Nerds abgekanzelt, die immer als Letzte in Mannschaften gewählt wurden. Aber spätestens seit dem Brad-Pitt-Film „Moneyball“ über die Oakland Athletics weiß jeder, dass die Eierköpfe recht haben. In den Golfsport hat das Phänomen durch Mark Broadie Einzug gehalten. Der Professor an der Columbia Business School entwickelte das Strokes-Gained-System, das jede Runde von Profis sowie verschiedene Aspekte ihres Spiels in Relation zur Konkurrenz setzt. Auf der PGA Tour ist das System längst zum Nonplusultra für Spieler, Experten, Journalisten und Diskutanten in Golfforen geworden – und jetzt hat es auch das Official World Golf Ranking für sich entdeckt.

Seit Anfang August gibt es das sogenannte Strokes Gained World Rating, das sich aus den Zählspielergebnissen der letzten zwei Jahre berechnet und externe Faktoren wie die Stärke der Gegner sowie die Wetterverhältnisse einbezieht. Mit anderen Worten: Es ist der World-Handicap-Index für Profigolfer – nur noch komplizierter. Schaut man sich diese objektive Liste an, ist Marc Hammer unter den deutschen Golfern plötzlich lediglich auf Rang 21 geführt – weit hinter Martin Kaymer (Platz 3) und Maximilian Kieffer (Platz 7). Sogar an der Spitze der Weltrangliste gibt es bemerkenswerte Veränderungen. Während Scottie Scheffler vor Cameron Smith und Rory McIlroy die offizielle Weltrangliste anführt, ist der Nordire nach Strokes Gained der beste Golfer der Welt und Scheffler nur auf Platz fünf. Wie das Strokes Gained World Rating bzw. die wiederum daraus generierten Performance Points berechnet werden, ließe selbst Russell Crowe in „A Beautiful Mind“ den Kopf rauchen. Wichtig ist nur, dass sie nun der neue Türsteher der Majors sind.

Jeder Spieler, der in Zukunft an einem Turnier teilnimmt, bringt seine individuelle Leistungspunkte zur Berechnung der Feldstärke ein: Die Schwächsten tragen 0,01 Punkte bei, Rory McIlroy aktuell knapp 13 Punkte. Die addierten Werte aller Teilnehmer ergeben die zu vergebenden Punkte – grob 17 Prozent davon gehen an den Sieger, der Rest abgestuft an die Spieler im Cut. Einzige Ausnahme bilden die Majors, bei denen der Gewinner auch weiterhin 100 Punkte erhält, und die mit 80 Punkten dotierte Players Championship. Die Vorteile des neuen Systems sind vielfältig. Es gibt keine geschenkten Punkte mehr, jeder kann seinen eigenen Wert aus eigener Kraft steigern und Turniere mit begrenztem Teilnehmerfeld erhalten weniger Wert. „Einige der klügsten Köpfe im Golfsport waren darin involviert und sie haben einen tollen Job gemacht“, lobte der ehemalige Ryder-Cup-Spieler Edoardo Molinari.

JUMBO OZAKI

Am 26. April 1998 war der Japaner mit 51 Jahren und 92 Tagen der älteste Spieler aller Zeiten in den Top Ten

Doch für einige bringt das neue System ein böses Erwachen. Weil es ausgerechnet in der Woche eingeführt wurde, in der die PGA Tour ihr erstes Play-off-Turnier für den FedEx Cup hatte und die DP World Tour mit dem ISPS Handa World Invitational eines der unattraktivsten Events des Jahres dagegensetzte, klaffte eine unfassbare Lücke zwischen den beiden größten Touren der Welt. Will Zalatoris bekam für seinen Sieg bei der St. Jude Championship 67 Punkte, der Erfolg bei der ISPS Handa brachte Ewen Ferguson acht Punkte – mit dem alten System hätte er noch 24 erhalten. Selbst die zweitklassige Korn Ferry Tour schüttete zeitgleich fast das Doppelte an Punkten aus. „Es ist eine Farce!“, lederte der Australier Scott Hend auf Twitter los. „Wenn man nicht einige Rolex-Turniere gewinnt, hat man keine Chance mehr auf die Top 50 der Welt“, pflichtete ihm der Südafrikaner Oliver Bekker bei. Ausgerechnet der üblicherweise wenig diplomatische Eddie Pepperell betrachtete das Ganze etwas ausgewogener: „Die Felder sind über die Jahre schwächer geworden, diese Veränderung spiegelt das System wahrscheinlich fair wider.“ Ob fair oder unfair, die Konsequenzen daraus sind für Lee Westwood logisch: „Dieses System macht alle Touren der Welt zu Zulieferern für die PGA Tour.“

Für den Engländer, der 22 Wochen an der Spitze der Weltrangliste war, dürfte dies kein Problem darstellen. Er ließ sich für gutes Geld als Harlem Globetrotter von der LIV Tour abwerben. Die saudi-arabischen Disruptoren werden der nächste spannende Test für das OWGR. Aktuell gibt es dort noch keine Weltranglistenpunkte, aber Greg Norman hat bereits um Einlass gebeten. Das Pikante daran: Ob er reindarf, entscheidet ein Komitee mit Vertretern des Establishments, darunter Keith Pelley (European Tour), Jay Monahan (PGA Tour), Will Jones (Augusta National) oder Martin Slumbers (Royal & Ancient). Greg Normans Tour abzuweisen wäre das schärfste Schwert im Kampf gegen die LIV, würde dies doch bedeuten, dass die abgewanderten Spieler sich nur noch für die Majors qualifizieren könnten, wenn sie nebenbei erfolgreich auf einer der anerkannten Touren antreten.

TIGER WOODS

Zwölfmal beendete er ein Jahr als Nummer eins. Greg Norman schaffte es sechsmal, kein anderer schaffte mehr als zwei Jahre

Tatsächlich gibt es einige Argumente, die gegen eine Aufnahme der LIV Tour sprechen, darunter ihre kleinen Felder und die Tatsache, dass nur 54 Löcher gespielt werden. Eine Ablehnung wäre allerdings zusätzliches Futter für den anstehenden Rechtsstreit einiger Abweichler gegen die PGA Tour. Aber womöglich braucht es gar keinen Türsteher, der sie rauswirft. Vielleicht wäre es sogar effektiver, die Bittsteller hineinzulassen, damit sie mit eigenen Augen sehen, dass sich der Spaß in einer geschlossenen Gesellschaft in Grenzen hält. Weil das neue Weltranglistensystem größere Felder belohnt und die LIV Tour aufgrund des Kanonenstarts ihre Teilnehmerzahl auf 48 begrenzt, sabotieren sie sich selber. Für seinen Sieg auf Donald Trumps Friedhof in Bedminster, das bisher das deutlich am stärksten besetzte LIV-Turnier war, hätte Henrik Stenson gerade einmal 16 Weltranglistenpunkte gewonnen. Das ist weniger, als der Sieger der Porsche European Open nach dem neuen System bekommen hätte. Manchmal ist die Feder dann doch mächtiger als das Schwert – und ein Nerd mit Mathematikstudium eine effektivere Abschreckung als Sven Marquardt.