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An den Flüssen von Babylon


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 18.11.2022

3. KAPITEL BIBLISCHES BABYLON

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 12/2022

»By the rivers of babylon, there we sat down, yea we wept, when we remembered Zion« (An den Flüssen von Babylon, setzten wir uns nieder, ja, wir weinten, wenn wir an Zion dachten). Die Zeilen des Welthits »Rivers of Babylon« von Boney M. (siehe Seite 50) stammen aus Psalm 137 des Alten Testaments, den dieses Gemälde veranschaulicht

D asLetzte, was Jerusalems König Zedekia sieht, sind seine sterbenden Söhne. Babylonische Soldaten bringen diese im Beisein des Vaters um. Dann stechen sie Zedekia selbst die Augen aus. In Ketten wird der Herrscher von Juda nach Babylon geführt und mit ihm ein Großteil der Bevölkerung, vor allem die Oberschicht. Die Stadt legen sie in Schutt und Asche. Sie »verbrannten das Haus des Königs und die Häuser der Bürger und rissen die Mauern Jerusalems nieder«, berichtet der alttestamentliche Prophet Jeremia.

Für Jeremia ist das babylonische Exil, das nun beginnt, ein Strafgericht Gottes an seinem untreuen Volk. Historisch gesehen wird es zu einer der folgenreichsten Umwälzungen überhaupt führen.

Im Jahr 586 oder 587 v. Chr. hat das babylonische Imperium seinen Feldzug gegen das südlich gelegene Reich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem begonnen – das nördliche Königreich Israel ...

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... war schon 134 Jahre zuvor nach einer assyrischen Invasion untergegangen. Für die judäische Bevölkerung ist die babylonische Invasion ein Déjà-vu. Denn bereits rund zehn Jahre vorher hat Babylons König Nebukadnezar II. Juda unterworfen. Da der damalige Herrscher Jojakim bedingungslos kapitulierte, kam das kleine Reich glimpflich davon. Juda wurde Vasallenstaat und Jojakims Onkel Zedekia als Regent eingesetzt.

Judas Verhängnis war, dass es beim Spiel der Großmächte mitmachen wollte – und selbst zum Spielball wurde. Der ersten Eroberung durch Babylon war eine desaströse Niederlage der von Juda unterstützten Ägypter vorausgegangen. Zedekia indes hatte die Lektion nicht gelernt und sich mit benachbarten Staaten, vor allem Ägypten, zusammengetan, um die babylonische Vorherrschaft erneut anzugreifen. »Wie der Charakter einer griechischen Tragödie verdammte er sich und seine Stadt«, kommentieren die prominenten israelischen Archäologen Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman.

Brandspuren, Schutt und Pfeilspitzen zeugen vom Untergang

Bis zum Sommer 586 trotzt Jerusalem der Belagerung. Aber Hunger und Wassermangel machen den Verteidigern zu schaffen. Schließlich schlagen die Angreifer eine Bresche in die Mauer. Zedekia flieht, wird aber bald gefangen. Diesmal kennt Nebukadnezar keine Gnade. Das Ausmaß der Zerstörung ist archäologisch belegt. Überall in der Altstadt finden sich Brandspuren aus der Zeit, auch Schutt und Pfeilspitzen. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den Resten umliegender Festungsstädte. Am traumatischsten ist die Schleifung des Salomonischen Tempels. So endet nach rund 400 Jahren die Geschich-te Judas. Doch ist dieses Ende zugleich der Beginn einer einzigartigen neuen Entwicklung.

Die Quellenlage über das Schicksal der Exilierten ist spärlich. Ein Zeitzeuge ist Ezechiel, der Sohn eines Priesters, der bereits 597 v. Chr. nach Babylon verschleppt wurde und dort zu einem der großen Propheten avanciert. Seinen Schilderungen in der Bibel zufolge werden die Verbannten in Babylon und entlang von Bewässerungskanälen wie dem »Fluss Kebar« angesiedelt. Das inspiriert dann Texte wie Psalm 137,1: »An den Flüssen zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.«

Doch weinten sie wirklich? Ein Teil der Judäer assimiliert sich, was sich daran zeigt, dass sich Exilanten babylonische Namen zulegen, darunter Mitglieder der Königsfamilie. Bezeichnend auch: Die babylonischen Monatsnamen verdrängen das ursprüngliche israelitische System der Monatszählung. Unter dem Einfluss des Aramäischen, der Verkehrssprache Babyloniens, wird die althebräische Schrift durch die aramäische ersetzt. Gleichzeitig können die Verbannten ihre sozialen Strukturen beibehalten. Wie die Geschlechtsregister der biblischen Bücher Esra 2 und Nehemia 7 belegen, bleiben die Sippen im Exil bestehen. Es kann auch kein Zufall sein, dass laut Bibel der spätere Prophet Daniel als hoher Beamter eine Top-Karriere am babylonischen Hof hinlegt. Erhaltene Tontafeln vermitteln zudem Einblicke in die Banker-Aktivitäten der Exilantenfamilie Murashu.

Allerdings: Es gibt eine nicht unerhebliche Gruppe der Babylon-Hasser. Ihnen ist es wohl mitzuverdanken, dass sich aus den Trümmern des einstigen Königreichs Juda eine Tradition entwickelt, ohne die die Geschichte der Menschheit anders verlaufen wäre.

Die Verbannten der ersten Welle haben noch auf eine baldige Rückkehr in die Heimat gehofft, aber diese Perspektive hat sich 586 zerschlagen. Nun beginnt sich die Exilgemeinde inmitten des Vielvölker- und Vielgötterstaates Babylon abzugrenzen. Die früheren Generationen Judas haben immer wieder die Tendenz gezeigt, mehrere Gottheiten anzubeten. Das ist jetzt nicht mehr angesagt. Der Verlust der Heimat gilt als die gerechte Strafe des einen Gottes Jahwe – so wie es Jeremia gepredigt hat.

Ezechiel prophezeit den Neubeginn wie eine Wiederbelebung

Der wohl wortgewaltigste Vertreter dieser Denkart im Exil ist Ezechiel. Er betont einen Gedanken, der für die künftige Ausprägung des Judentums entscheidend ist: Die leidgeprüften Judäer wurden keineswegs für die Vergehen ihrer Vorväter und Herrscher bestraft, sondern sie sind individuell für ihr Schicksal verantwortlich. Nur durch persönliche Reue können sie die Strafe beenden. Zugleich zeigt Ezechiel die Notwendigkeit eines radikalen Neubeginns an. So entwirft er die Vision einer Talebene voller Totengebeine, verbunden mit dem Versprechen Gottes: »Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin.« (Ezechiel 37,6).

»Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben«

Jeremia 31,33

So kristallisiert sich eine neue Identifikation mit dem Glauben und den Sitten Judas heraus. Der Sabbat wird zum Zentrum der jüdischen Woche. Zum ersten Mal wird das Jahr durch eine Reihe von Feiertagen wie Pessach, das Laubhüttenfest oder das Neujahrsfest untergliedert. Laut der historisch-kritischen Bibelwissenschaft entsteht in Babylon die endgültige Fassung der Tora, also der fünf Bücher Mose, die die ersten fünf Bücher der Bibel sind. Dabei ergänzt man auch Vorschriften zur Beschneidung, die nunmehr als fixes Ritual etabliert wird.

Nur wer die Gesetze Gottes einhält, kann wirklich Jude sein

Für die Judäer ist die Einhaltung dieser Regeln gleichbedeutend mit der Beachtung der Gesetze Gottes. Dank dieser Regeln und Glaubensvorstellungen kann das Judentum unabhängig von einem Staatsgebilde seine Identität bewahren und überleben. Die Tragweite dieser Entwicklung wird in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden zu erkennen sein.

Parallel dazu halten es die Judäer für nötig, der beherrschenden Nation ein schlechtes Image zu verpassen. So bekommt Babylon die negative Presse in der Bibel, beginnend mit dem gescheiterten Turmbau zu Babel. Im alttestamentlichen »Buch Daniel« muss der tyrannische Herrscher Nebukadnezar die Macht des einen Gottes anerkennen. Der despotische Belsazar bezahlt ebenfalls für seinen Unglauben. Dieses Babylon-Bild wird später auch vom Christentum propagiert, etwa mit der Formulierung von der »Hure Babylon« in der Offenbarung des Johannes.

Tatsächlich scheint die jüdische Frömmigkeit göttliches Gehör zu finden. 539 v. Chr. erobert Perserkönig Kyros II. das babylonische Reich und erlaubt den Exilierten die Rückkehr in die Heimat. Nicht alle gehen. In Babylon bleibt eine prosperierende jüdische Gemeinde bestehen.

Und auch wenn der neue Jerusalemer Tempel um 515 v. Chr. fertiggestellt wird, gerät das Territorium des ehemaligen Königreichs Juda fortan immer wieder unter fremden Einfluss. Der traurige Höhepunkt kommt 135 n. Chr., als Kaiser Hadrian die jüdische Bar-Kochba-Rebellion niederschlägt und die Provinz Judäa verwüstet. Doch Kultur und Glaube des Judentums, das sich weltweit in der Diaspora zerstreut, vermag er nicht auszulöschen. Und während die Bauten Babylons längst Staub sind, wird 1948 der Staat Israel offiziell gegründet.

LESETIPP

Bernd Ulrich Schipper: »Geschichte Israels in der Antike«. C. H. Beck 2018, € 9,95

Boney M. und das Exil in Babylon

Im Jahr 1978 belegen Bibelverse den ersten Platz der internationalen Pop-Hitparaden: In Psalm 137(s.Seite47)singen die Verbannten ein Klagelied über ihr Schicksal an den »Rivers of Babylon«. Der Weg zu dem Erfolg führte über Jamaika, wo die Reggae-Band »Melodians« 1969 den gleichnamigen Song aufnahm. Inspiriert ist er von der Glaubensrichtung der Rastafari, für die »Babylon« ein Symbol jedes Unterdrückungssystems darstellt. Anfang der 1970er-Jahre erlangte der Song eine gewisse Bekanntheit. So wurde der deutsche Musikproduzent Frank Farian auf ihn aufmerksam, der mit seiner Disco-Gruppe Boney M. ab 1976 Erfolge feierte. Nach leichten kompositorischen Veränderungen wurde aus der alttestamentarischen Wehklage ein Tanz-Hit, bei dem Farian selbst den männlichen Part sang, während das Bandmitglied Bobby Farrell nur die Lippen bewegen durfte. Das Ende des Psalms mit rachsüchtigem Gewaltaufruf wider Babylon indes verschweigt der Song dem Party-Publikum: »Selig, wer ergreift und zerschlägt am Felsen deine Nachkommen!«