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An den Ufern des Eridanus


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Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 12.11.2021

MONATSTHEMA

Manche der uns geläufigen Sternbilder wurden schon vor Jahrtausenden erdacht und sind Urbestandteile der griechischen Mythologie. Vor allem sehr augenfällige, helle Konstellationen wie der Orion haben eine lange Geschichte. Aber was ist mit den weniger spektakulären Sternfiguren dazwischen? Als der griechische Astronom Claudius Ptolemäus in Alexandria gegen 150 n. Chr. – als Teil des 13-bändigen Almagest – seinen Sternkatalog des gesamten damals bekannten Himmels veröffentlichte, teilte er das Firmament in 48 Sternbilder ein. Darunter befanden sich eine ganze Reihe erst in der jüngeren Antike erdachter, weniger markanter Konstellationen. Im Lateinischen lautet der Name des Sternbilds »Eridanus«, im Altgriechischen »Eridanos«.

In das strömende Gewässer soll Phaeton, der Sohn des Sonnengottes Helios, gestürzt sein, als er mit dem Sonnenwagen seines Vaters fuhr. Für uns Sternfreunde stellt ...

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Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 12/2021

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... der Eridanus jedoch keine Bedrohung dar – allenfalls besteht die Gefahr, den Himmelsfluss samt der interessanten Objekte, die seine Ufer zieren, gänzlich zu übersehen. In Ländern wie Nambia oder Australien ist diese Gefahr weitaus geringer, denn am südlichen Ende des Eridanus glänzt einer der auffälligsten Fixsterne des irdischen Himmels: der 0,4 mag helle, orange leuchtende Achernar, der wegen seiner Deklination von –57 Grad in Mitteleuropa leider niemals über den Horizont gelangt. Bei uns lässt sich der Sternenfluss zumindest in seinem nördlichen Abschnitt verfolgen, der einige schöne, oft übersehene Objekte bereithält.

Sternenstrom mit Überraschungen

Der Fluss Eridanus ist eines der größten Sternbilder am Himmel und dennoch wenig bekannt. Beginnend am westlichen Fuß des Himmelsjägers Orion, gebildet durch den hellen Stern Rigel, geleitet uns der Strom zum südlichen Himmel. Auf dem Weg dorthin finden sich sehenswerte Objekte: Planetarische Nebel, Galaxien und ein Mehrfachsternsystem mit Weißem Zwerg.

Ein Straußenei, ein Weißer Zwerg und ein verirrter Inuit

Im Flusslauf finden wir den 4 mag hellen Omikron-1 Eridani, der auch den Namen Beid trägt, was »Ei des Straußes« bedeutet. Nicht weit davon, rund zwei Grad südwestlich, leuchtet der 4,4 mag helle Keid, die »Eierschale«. Dieser auch als Omikron-2 Eridani (o 2 Eri) und 40 Eridani bezeichnete Stern entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Mehrfachsternsystem. Hier sollten Sie ein erstes Mal Ihr Teleskop einsetzen, denn der gelbliche, nicht zu helle Hauptstern wird vom 9,5 mag hellen Weißen Zwerg 40 Eridani b begleitet, der in einer Winkeldistanz von 83 Bogensekunden steht (siehe »Stellare Zwergenfamilie«). Dank dieser günstigen Umstände gilt er als der am einfachsten sichtbare Weiße Zwerg an unserem Himmel. Gemeinsam mit einem nur 11,1 mag hellen, roten Zwergstern bildet er ein enges, ungleiches Paar.

Normalerweise fristen Rote Zwerge ein recht unauffälliges Dasein, doch gelegentlich zeigen sie plötzliche Helligkeits-anstiege (englisch: flares), welche ihre Normalhelligkeit um ein Vielfaches übertreffen. Und dies ist nicht die einzige derartige Überraschung im Eridanus: Auch bei dem schon erwähnten Beta Eridani, der kein Zwerg ist, sollen sich abrupte stärkere Ausbrüche, so genannte Superflares, ereignet haben – mit einem für das bloße Auge gut sichtbaren Anstieg um 3 mag (siehe SuW 4/2020, S. 70).

Stellare Zwergenfamilie

Der rund 16 Lichtjahre entfernte Stern Omikron-2 Eridani (o 2 Eri), auch Keid genannt, ist ein Mehrfachsystem, dem ein gut sichtbarer Weißer Zwerg angehört. Die Aufnahme von Michael Block zeigt östlich des hellen Hauptsterns den Weißen Zwerg sowie seinen Begleiter, einen Roten Zwerg. Die beiden Zwerge umlaufen ihren gemeinsamen Schwerpunkt in rund 230 Jahren; ihr Umlauf um den Hauptstern dauert mehr als 8000 Jahre.

Alle Sterne des Mehrfachsystems o 2 Eri sind weniger, teils sogar viel weniger leuchtkräftig als unsere Sonne: Im Fall von Keid sind es immerhin noch 37 Prozent, bei dem Weißen Zwerg nur 0,3 Prozent und beim roten Zwergstern sogar nur 0,07 Prozent der Sonnenleuchtkraft. Die entsprechenden Massen betragen 75, 50 beziehungsweise 13 Prozent der Sonnenmasse. Angesichts dieser Zahlen wird verständlich, warum das mit 16 Lichtjahren relativ nahe Mehrfachsystem o Eri unseren Blicken meist entgeht.

Genau fünf Grad südlich von Keid veranschaulicht der 9,6 mag helle, kompakte Planetarische Nebel NGC 1535 wie Weiße Zwerge entstehen. Während der Nebel aus der langsam abströmenden Gashülle eines erloschenen roten Riesensterns besteht, verrät der darin befindliche Zentralstern den heute noch sehr heißen, kompakten Kern des einstigen Giganten. Der freigelegte Sternrumpf regt die neblige Umgebung mit seiner energiereichen Strahlung zum Leuchten an. Schon bald aber wird sich die Gashülle in den umgebenden Raum verflüchtigt haben; der Zentralstern kühlt sich währenddessen etwas ab und wird schließlich zu einem Weißen Zwerg. Von solchen Sternleichen gibt es schon mehr als hundert Milliarden in unserem Milchstraßensystem – doch die meisten sind bereits so weit abgekühlt und derart leuchtschwach, dass wir sie an unserem Himmel nicht bemerken.

Der rundliche NGC 1535 zeigt eine fotografisch gut erkennbare, blasse äußere Hülle von rund 40 Bogensekunden Durchmesser. Hierin eingebettet ist eine visuell am Teleskop sichtbare, 20 Bogensekunden große innere Hülle mit Schattierungen. Auf Grund dieses Aussehens trägt der Nebel auch den Beinamen »Auge der Kleopatra«. Er ähnelt zudem einem weitaus bekannteren Objekt, dem Eskimonebel NGC 2392 im Sternbild Zwillinge (siehe SuW 1/2013, S. 64). Jedoch ist NGC 1535 ein ebenso schönes Ziel, das offenbar nur wegen seiner Position im Sternbild Eridanus weniger populär ist. In unserer Online- Leserbildgalerie unter www.sterne-undweltraum.de/leserbilder ist jedenfalls noch keine Aufnahme dieses Objekts vorhanden – aber wer erwartet auch schon, dass sich ein Inuit (früher mit »Eskimo« bezeichnet) so tief in den Süden verirrt?

Ungleiche Galaxien mit Schwarzem Loch

Bereits auf dem Weg entlang des eingangs beschriebenen Sternbogens begegnen wir mit dem Teleskop zwei sehr unterschiedlichen Galaxien, was wahre Größe, Entfernung und Typ angeht: NGC 1600 und NGC 1637 (siehe »Kosmische Kraftwerke«, S. 76). Sie haben allerdings gemeinsam, etwa 11 mag hell zu sein und im Zentrum ein extrem massereiches Schwarzes Loch zu besitzen. Neben Gas und Staub verschlingt ein solches Gravitationsmonster auch ganze Sterne; Vergleichbares lässt sich sogar im Zentrum unserer Galaxis, des Milchstraßensystems, beobachten (siehe SuW 10/2020, S. 16).

In einem Amateurteleskop von 15 bis 20 Zentimeter Öffnung erscheinen beide Galaxien unter günstigen Bedingun-gen als kleine, drei beziehungsweise zwei Bogenminuten große Flecken. NGC 1637 ist eine mittelgroße, rund 30 Millionen Lichtjahre entfernte Spiralgalaxie. Sie bildet mit den Sternen My und Ny Eridani ein flaches Dreieck, an dessen nördlicher Spitze sich die Galaxie befindet. Und am gegenüberliegenden südlichen Flussufer, auf dem Weg zu Omikron-1 Eridani (o 1 Eri), liegt NGC 1600: eine sehr große, ellip tische Galaxie in einer Entfernung von etwa 200 Millionen Lichtjahren. Sofern es die Sichtbedingungen zulassen, hilft bei diesen Objekten eine mittlere bis höhere Vergrößerung, etwa von der halben Millimeterzahl der Teleskopöffnung oder etwas mehr. Wer beispielsweise mit einem Teleskop von 200 Millimeter Öffnung beobachtet, sollte mindestens 100- fach vergrößern, um diese kleinen Lichtflecken deutlicher wahrzunehmen und ihre ovale Form besser zu erkennen.

Das Auge der Kleopatra

Die dunklen Gebiete im inneren Bereich um den Zentralstern des Planetarischen Nebels NGC 1535 erinnern an den Anblick einer menschlichen Iris. Das 9,6 mag helle kompakte Objekt befindet sich genau fünf Grad südlich von Omikron-2 Eridani (o 2 Eri). Seine innere Hülle ist rund 20 Bogensekunden groß.

Kosmische Kraftwerke

Die rund 30 Millionen Lichtjahre entfernte Spiralgalaxie NGC 1637 (links) beherbergt in ihrer kompakten Zentralregion ein Schwarzes Loch. Das von Eelko Brake aufgenommene Bild veranschaulicht den großen Helligkeitsunterschied zwischen dem aktiven Kern und den ihn umgebenden Spiralarmen. Im Teleskop erscheint diese ungewöhnliche Welteninsel unter dunklem Himmel als rund drei Bogenminuten großer Fleck. Auch in der scheinbar etwas kleineren elliptischen Galaxie NGC 1600 (rechts) verbirgt sich ein Schwarzes Loch. Die Galaxie ist zwar riesig, jedoch rund sechsmal so weit von uns entfernt wie NGC 1637.

Noch ein paar Eier zum Schluss

Der auf Gamma Eridani (g Eri) folgende Dreiviertelkreis von Sternen umschließt eine kleine Galaxiengruppe, deren auffälligstes Mitglied die immerhin 9,7 mag helle, etwa 70 Millionen Lichtjahre entfernte Welteninsel NGC 1407 ist. Sie bildet mit dem zweithellsten, nur zwölf Bogenminuten südwestlich stehenden Mitglied NGC 1400 ein schönes Paar elliptischer Galaxien mit Winkelausdehnungen von 4,5 beziehungsweise 2 Bogenminuten. Bei höheren Vergrößerungen an größeren Teleskopen von mehr als 20 Zentimeter Öffnung und ruhiger Luft lassen sich eventuell die auf Fotografien deutlich hervortretenden Galaxienkerne erkennen (siehe »Seltenes Zusammentreffen«). Präsentieren sich diese Galaxien noch nahezu kreisrund, so wenden wir uns nun einem besonders merkwürdigen Fund am Flussufer zu – und kehren damit zur Eiform zurück.

Seltenes Zusammentreffen

Dieses hübsche Paar, bestehend aus NGC 1407 und NGC 1400, bildet den Kern einer rund 70 Millio nen Lichtjahre entfernten Galaxiengruppe. »Es gibt nicht viele Orte am Himmel, an denen zwei helle elliptische Galaxien eng beisammen stehen«, bemerkt Walter Primik zu diesem Bild, das er trotz der weit südlichen Position der Objekte an einem Newton-Teleskop mit 20 Zentimeter Öffnung aufnehmen konnte.

NGC 1360 ist ein weiterer sehenswerter Planetarischer Nebel im Sternbild Eridanus, vier Grad südlich des 4,3 mag hellen Tau-5 Eridani (t 5 Eri). Mit seiner Deklination von –26 Grad steht dieses 9,4 mag helle Objekt allerdings sehr tief an unserem Himmel. Seine Höchststellung über dem Südhorizont, die Anfang Dezember gegen 23 Uhr MEZ erreicht wird, sollten Sie deshalb recht gut abpassen; eine dunstige Nacht empfiehlt sich für die Beobachtung dieses recht ausgedehnten Objekts eher nicht.

Rätselhafter Nebel

Bei visueller Betrachtung am Teleskop bleibt die Natur von NGC 1360 zunächst unklar, aber hier handelt es sich wieder um einen Planetarischen Nebel. Das »Ei des Rotkehlchens« (englisch: robin’s egg) befindet sich im Sternbild Chemischer Ofen, knapp jenseits der Grenzen des Eridanus. Paul Trinkler fotografierte das Objekt an einem Refraktor mit 13 Zentimeter Objektivdurchmesser.

Seine wahre Natur lässt sich beim ersten Blick durch ein Teleskop kaum erahnen (siehe »Rätselhafter Nebel«). Dem Erscheinungsbild nach könnte der 9,5 mag helle, eiförmige und 8,5 6 Bogenminuten große Nebel ebenso gut eine weitere elliptische Galaxie sein. Bei einer mittleren Vergrößerung und guter Durchsicht lässt sich seine ovale Form am besten erkennen. Der Spitzname »Ei des Rotkehlchens« (englisch: robin’s egg) nimmt ganz offensichtlich auf das ovale Aussehen dieses Planetarischen Nebels Bezug – und auf seine blaugrüne Farbe, welche auch das Gelege des Vogels kennzeichnet.

Hochauflösende Aufnahmen sowie spektroskopische Studien der leuchtenden Gashülle belegen eindeutig, dass es sich bei NGC 1360 um einen Planetarischen Nebel handelt. Der 11,3 mag helle Zentralstern ist Teil eines Doppelsternsystems. Die Eiform der Hülle könnte ein Projektionseffekt sein: Möglicherweise sehen wir hier einen stärker lang gezogenen Nebel, der vielleicht sogar aus zwei Blasen besteht, unter einem Winkel von 30 Grad oder weniger zu seiner Polachse. Hinsichtlich der Entfernung gehen die Schätzungen auseinander; sie variieren zwischen rund 1100 und 1800 Lichtjahren. In jedem Fall bildet dieses Objekt einen interessanten und krönenden Abschluss unserer Wanderung entlang der Ufer des Eridanus. Der auch in klaren Winternächten vorhandene Horizontdunst setzt unserer Reise nun ein Ende.

KLAUS-PETER SCHRÖDER ist Professor für Astrophysik an der Universität Guanajuato in Zentralmexiko.

Als Student beobachtete er über viele Jahre hinweg regelmäßig mit dem eigenen Teleskop; heute sind die stellare und solare Aktivität seine Forschungsschwerpunkte.

Literaturhinweise

Hattenbach, J.: Das flackernde Herz der Milchstraße. Sterne und Weltraum 10/2020, S. 16 – 17

Schröder, K.-P.: Weiße Zwerge zu Füßen des Himmelsjägers. Sterne und Weltraum 2/2016, S. 46 – 48

Schröder, K.-P., Neumann, M. J.: Superflares: Stellare Apokalypsen. Sterne und Weltraum 4/2020, S. 70 – 76