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An der wiege der Menschheit


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 184/2019 vom 27.06.2019

Ein universum der Kunst und des lebens erschafft die vielfach ausgezeichnete französische SchriftstellerinMaylis de Kerangal . „eine welt in den händen“ erzählt von der Kraft der Fiktion, dem wunder von lascaux und dem heranreifen einer jungen Frau.


Noch ahnen die vier Jugendlichen nichts von der Bedeutung des Geheimnisses, das sich ihnen offenbaren wird, und von der Wucht der Ereignisse, die über sie hereinstürzen werden. Am zwölften September des Jahres 1940 steigen die Freunde über ein Erdloch in ein verzweigtes Höhlensystem ins Erdinnere. Die dort entdeckten Wandmalereien sind zwanzigtausend Jahre ...

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Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 184/2019

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... alt. Doch im Schein der Dunkelheit wirken sie wie lebendig: Stiere, Pferde, Hirsche, Bisons und ein Rentier jagen und springen da über die Felsen, die heute zum Weltkulturerbe der UNESCO zählen und den staunenden Picasso zu der Äußerung veranlassten, dass „wir nichts Neues gelernt haben“. Doch das Wunder von Lascaux wird überschattet von den herrschenden politischen Entwicklungen. Die Nazis sind bereits in Paris, und einer der vier Entdecker, der jüdische Simon Coencas, wird 1942 in Drancy interniert werden. Seine Eltern werden in Auschwitz ermordet, er selbst überlebt.


„Das Leben mit Kindern ist eine Ressource und ein Privileg.“


Maylis de Kerangal, 52, ist eine der renommiertesten französischsprachigen Autorinnen unserer Zeit. Sie arbeitete für die Kinderbuchabteilung des Verlags Gallimard, ehe sie 2000 ihren ersten Roman veröffentlichte. Das Schreiben zum Beruf zu machen – die Idee dazu kam ihr während eines USA-Aufenthalts. Auf Deutsch gibt es erst drei Bücher – jedes ein kleines Universum. Da ist der (Anti-) Globalisierungsroman „Die Brücke von Coca“ (2012), der ihr den Prix Médicis brachte und von der Baustelle unserer Gegenwart handelt. Ein korrupter Politiker peitscht den monströsen Bau gegen die Proteste von Umweltschützern und Indianern als vermeintlich Brücken schlagendes Projekt durch, das doch nur eins zur Folge haben wird: die Zerstörung einer der letzten von der Zivilisation noch unberührten Kulturen.

„DIE LEBENDEN REPARIEREN“ (2015) heißt der hochaufregende, an die letzten Dinge rührende Roman über eine Organspende, die die Leben mehrerer Menschen für immer verändern wird. Der neunzehnjährige Simon stirbt bei einem Autounfall den Gehirntod. Doch sein Herz schlägt weiter – am Pulsieren erhalten durch die Maschinen. Lassen die Eltern es zu, dass man ihrem äußerlich unversehrten Sohn die Organe entnimmt, um andere zu retten? Das Buch erzählt von den entscheidenden vierundzwanzig Stunden am Krankenhausbett. Wann beginnt der Sterbeprozess? Ab wann gilt man als tot? Kerangal seziert die existentiellen Fragen so präzise wie ein Chirurg und bleibt dabei doch voller Gefühle und Emotionen. Bevor man Simon sein Herz entnimmt, spielt man ihm auf Wunsch der Eltern per Kopfhörer ein letztes Mal das Rauschen des Meeres vor (Simon war leidenschaftlicher Surfer, wie auch Kerangals Brüder) – auch, wenn er es vermutlich längst nicht mehr hören kann. Szenen wie diese lassen sich schwer vergessen. „So also ist gloriose Literatur. Kein Journalismus, kein Film käme auch nur in die Nähe jener Zone, in der die Autorin sich bewegt“, schrieb „Die Welt“ über den mehrfach ausgezeichneten Roman, der die Grenzen zwischen Leben und Tod neu zieht und mit Emmanuelle Seigner verfilmt wurde. „In diesem Roman einer Herztransplantation“, sagt Kerangal, die einer tatsächlichen beiwohnte, „betrachte ich das Herz in seiner doppelten Dimension: Es ist sowohl der Muskel, der das Blut durch unsere Arterien pumpt – ein Motor –, aber es symbolisiert auch den Ort der Affekte, das Organ, das in unserem Körper die Liebe symbolisiert. Ich habe dieses Buch in Folge eines Trauerfalls geschrieben: Das Herz eines mir Nahestehenden ist in seinem gesunden Körper kollabiert. Ich wollte das Buch wie ein Heldengedicht schreiben, den Weg dieses Herzens, das die Nacht durchquert und von einem Körper in den anderen übergeht, zeichnen.“

Die Höhle von Lascaux, seit 1979 Weltkulturerbe der UNESCO, wurde in den 60er-Jahren für Besucher geschlossen. Die Höhlenmalereien sind für die Öffentlichkeit jedoch in originalgetreuen Nachbildungen zu besichtigen.


Das Rauschen des Meeres, der Singsang der Wellen – das sind von Kind an vertraute Melodien. Kerangal wuchs in Le Havre auf, ihr Vater fuhr bei der Handelsmarine und war später im Hafen tätig. Der Strand, die Hütten, die Frachter am Hafen – das waren Bilder, die sich für immer einprägten. Aber es war auch „die Provinz, die verlassenen Straßen bei Sonnenuntergang, die Endstation der Eisenbahn, und schließlich eine Stadt, die vollständig wiederaufgebaut worden war, eine Stadt, die der Krieg dem Erdboden gleichgemacht hatte, die zugleich eine Hafenstadt ist und an einer Mündung liegt, eine Stadt aus Beton und des Windes, eine Stadt, in der das Meer in der Tat omnipräsent ist. Wenn mein Vater aufs Meer gefahren war, bezeichnete die Linie am Horizont sowohl seine Abwesenheit als auch das Versprechen seiner Rückkehr. Es war ein Bild der Erwartung. Dieses erste Erscheinungsbild prägt alle meine Bücher wie ein Stempel.“ Die vierfache Mutter lebt heute in Paris. „Das Leben mit Kindern“, sagt sie, „mit der Kindheit verbunden zu sein, dann mit der Adoleszenz, ist eine Ressource, und noch mehr ein Privileg.“

Kerangal dringt mit ihren Büchern tief in die Materie und in die handwerkliche Dimension der Dinge ein – sei es in den Ablauf einer Organverpflanzung, die technischen Details einer Brückenkonstruktion oder das Wesen der Malerei. Für ihre stofflich verdichtete, realistische Erzählweise verglich man sie mit Balzac. Woher rührt ihr Interesse an den „Gegenständen in ihrer elementaren Beschaffenheit, in ihrer Sinnesgestalt“, an der „wahrnehmbaren, merklichen Welt“? „Sie ist für mich die erste Welt, jene der Erfahrung, die, aus der die Gedanken und die Gefühle hervorgehen. Die Technik ist für mich der Ort einer intensiven Beziehung zur Wirklichkeit, zugleich direkt und elaboriert, und das, was die Technik freisetzt an Wissen, Energien, Kultur regt meine Arbeit an.“ „Kiruna“ heißt die eben in Frankreich erschienene literarische Reportage über die gleichnamige Stadt im Norden Schwedens, die als ganze verlegt wird, damit man das darunter liegende Eisenerz bergen kann.

Eine intime Reflexion der Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa ist der Text „À ce stade de la nuit“. „Die Bewegung der Gelbwesten“, kommentiert sie die aktuelle Situation in Paris, „hat niemand kommen sehen. Sie ruft umso mehr Diskurs und Analysen hervor, als man große Schwierigkeiten hat, sie zu begreifen.“ „Zusammengewürfelt“ und „bunt gemischt“, was ihre Bestrebungen und ihre Handlungsweisen betrifft, „fordern sie, gesehen zu werden, gehört zu werden und wollen gemeinschaftlicher und gerechter repräsentiert werden. Sie hinterfragen die Vertikalität der politischen und gesellschaftlichen Beziehungen.“ Wenn sie gewalttätig ist, sagt Kerangal, dann, „weil unsere Gesellschaft gewalttätig ist, und es ist diese gesellschaftliche Gewalttätigkeit, die sich während dieser Demonstrationen ausdrückt.“

Ein Bauwerk, das menschliche Herz und eine Höhle als Wiege der Kunst: Das Gerüst des Lebens ist fragil, aber voller Wunder.

Maylis de Kerangal , Tochter und Enkelin von Kapitänen, wurde 1967 in Toulon geboren und wuchs in Le Havre auf. Sie studierte Geschichte, Philosophie, Ethnologie und Sozialwissenschaften. 2000 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie mit dem Roman „Corniche Kennedy“ bekannt. „Die Brücke von Coca“ (2012) brachte den Prix Médicis. Mehrfach ausgezeichnet und verfilmt wurde „Die Lebenden reparieren“. 2016 erschien der Roman „Un chemin de tables“ über die kreative (und auszehrende) Seite des Kochens.

Eine Welt in den Händen Übers. v. Andrea Spingler Suhrkamp, 269 S.

Die Lebenden reparieren Übers. v. Andrea Spingler Suhrkamp, 254 S.


FOTO: CATHERINE HÉLIE/GALLIMARD

FOTO: THIPJANG / SHUTTERSTOCK.COM