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Anale Phase: Österreichs Künstler und die Polit-Malaise – Ein Land zwischen Ibiza-Skandal und Nationalratswahl


Theater der Zeit - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 01.09.2019

Ibiza-Gate, Schredder-Skandal, Regierungskrise? Von wegen. Nachdem die österreichische ÖVP-FPÖ-Koalition Mitte Mai krachend auseinandergebrochen war, warteten viele auf das reinigende Gewitter namens Europawahl. Doch tatsächlich tat sich nichts. Konservative und Rechtspopulisten sitzen kurz vor den Nationalratswahlen am 29. September fest im Sattel. Das Werk X, schreibt unsere Österreich-Korrespondentin Margarete Affenzeller, fand dafür ein treffendes Spielzeitmotto: „Heimat und Arschloch“. Wir haben mit dem neuen Burgtheater-Chef Martin Kušej über Kunst als Opposition gesprochen und porträtieren die ...

Artikelbild für den Artikel "Anale Phase: Österreichs Künstler und die Polit-Malaise – Ein Land zwischen Ibiza-Skandal und Nationalratswahl" aus der Ausgabe 9/2019 von Theater der Zeit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Theater der Zeit, Ausgabe 9/2019

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... Wiener Burschenschaft Hysteria.

Kaperung der verlogenen Heimatideologie der FPÖ – Nach ihrem „Heimatpanorama“ (Wien 2016, hier mit Enrique Fiß) wird die Performerin Barbara Ungepflegt im September ein „Ministerium für Heimatschmutz“ gründen.


Foto Anton Waldburg

Österreich ist so schnell nichts peinlich. Aber im Fall des Ibiza-Videos, das im Mai überraschend die Regierung zu Fall brachte, war es dann doch so weit. Bundespräsident Alexander Van der Bellen entschuldigte sich für den geistig-moralischen Zustand der darin agierenden Politiker mit dem einfachen Satz „So sind wir nicht“. Aber wie sind wir dann? Immerhin handelt es sich bei Heinz-Christian Strache um einen demokratisch gewählten Politiker und niemand Geringeren als den damals amtierenden Vizekanzler. Tausende seiner Fans haben ihm am Tag eins nach Bekanntwerden seiner korrupten Pläne gleich trotzig ihre weitere Unterstützung zugesagt. Das muss die Faszination am Grauen sein. Andererseits war die FPÖ aber auch immer gut darin, sich das Märtyrer-Mäntelchen umzuhängen. Und daran wird die Partei, die sich vornehmlich aus rechtsnational bis rechtsextrem gepolten Burschenschaftern rekrutiert, vermutlich wieder genesen.

Traditionell linksliberal gesinnte Kulturschaffende beißen sich an der FPÖ jedenfalls seit Jahren die Zähne aus. Gegen billigen Populismus ist eben schwer anzukommen. Künstlerinnen und Künstler in Österreich sind aber auch schon müde geworden, sich ideologisch immer wieder gegen eine latent rassistische, mit dem Faschismus liebäugelnde, fremdenfeindliche und frauenverachtende Partei zu positionieren. Von den im Video zutage getretenen Abgründen (Errichtung eines regierungstreuen Pressemonopols, Ausverkauf heimischer Wasservorräte etc.) zeigten sich viele keineswegs überrascht. Eher schulterzuckend quittierten Autoren wie Robert Menasse oder Daniel Kehlmann (der den Video-Protagonisten eine „Neandertalerpsyche“ attestierte) das „Ibiza-Gate“. Auch Regisseur Paulus Manker hat keine Lust mehr auf differenzierte Diagnosen und bezeichnete die FPÖ-Männer im ORF schlichtweg als „plemplem“ – ein schnoddriges Fazit, das bestens zum Ibiza-Sachverhalt passt.

Die FPÖ ist im Geschichtenerzählen allerdings verdammt gut. HC Strache urlaubt längst wieder auf Ibiza. Sein Sommer-Gag war es, Ehrenbürger auf dem Baleareneiland werden zu wollen. Strache schreibt die Schmierenkomödie also selber weiter, womit er Macht zurückgewinnt. Seine Ehefrau Philippa tritt für die FPÖ bei den nächsten Landtagswahlen an. Die Realität ist von Satire nur schwer zu überbieten. Dazu gehört auch die sogenannte „Schredder-Affäre“ aus dem Juli, das Prozedere rund um die unsachgemäße Entsorgung von Datensätzen durch die ÖVP. Jeder Krimi-Drehbuchschreiber sollte hier die Ohren spitzen.

Die Ibiza-Witzkiste wurde jedenfalls reichlich geplündert. Sogar René Pollesch ließ in „Deponie Highfield“ im Mai am Akademietheater den glorreichen Cowboy Martin Wuttke, in Anspielung an die ibizenkische Kokain-Nacht, das weiße Fell seines Lipizzanerhengstes nach seiner „Line“ absuchen. Dabei verwechselte der abgehalfterte Mann auch stets die Orte Lipizza und Ibiza. Und Regisseur Markus Öhrn integrierte bei den Wiener Festwochen Straches Abdankungs-Pressekonferenz, ohne sie persiflieren zu müssen, in seine von Täter-Opfer-Umkehr handelnde Trilogie „3 Episodes of Life“. Auch Ibiza-Memes kursierten schlagartig in sozialen Medien. Die Verwertungskette läuft heutzutage eben schnell, das Netz verzeiht kein Zuspätkommen. Und bis zu einem gewissen Teil ist Ibiza auch schon im Museum gelandet. Denn das neu eröffnete Haus der Geschichte Österreich (hdgö) hat Transparente von Ibiza-Demonstrationen bereits stolz in die Sammlung aufgenommen.

Doch Ibiza und die FPÖ bleiben. Strache, der nun alle Hände voll zu tun hat, sich als missverstandener Partylöwe der Nation zu inszenieren, ist umringt von ideologischen Schwerenötern, die Nägel mit Köpfen machen. Das haben Versuche im vergangenen Frühling gezeigt, Gremien mit FPÖ-affinem Personal zu besetzen. Insbesondere sorgte die Entsendung des FPÖ-nahen Malers und schlagenden Burschenschafters Odin Wiesinger in den oberösterreichischen Landeskulturbeirat für Entsetzen; seine dämonisch-martialischen Bilder verherrlichen das Soldatenleben, eines trägt den Titel „Endsieg“. Der Protest war enorm, die Entsendung wurde daraufhin rückgängig gemacht.

Tatsächlich hat die FPÖ zum zeitgenössischen Kunstschaffen Österreichs keinen Bezug. Das in den neunziger Jahren legendär gewordene provokante FPÖ-Wahlplakat mit der Aufschrift „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Peymann oder Kunst und Kultur?“ hat die Fronten auf lange Sicht klar gezeichnet. Kunst ist unberechenbar, verschiebt Grenzen, konfrontiert mit unangenehmen Dingen. Das passt einer Hardliner-Partei nicht ins Konzept. Wie unterentwickelt das Verhältnis der FPÖ zur Kunst ist, zeigt sich auch darin, dass die Partei völlig kritikunfähig ist. Besonders auf der weniger gut geschulten Landesebene lassen sich von Fall zu Fall peinliche Zensurgelüste vernehmen. Im Vorjahr traf es die Nestroyspiele Schwechat, denen die FPÖ ob missliebiger Kritik die öffentlichen Gelder streichen wollte. Die Gefahr, als Mitglied der ÖVP-FPÖ-Regierung auf österreichischen Bühnen durch den Kakao gezogen zu werden, ist eben groß. Vorsorglich bleiben die Funktionäre Premieren oder Vernissagen am liebsten fern. Kulturminister a. D. Gernot Blümel (ÖVP) hat es in seiner Amtszeit kein einziges Mal ins Burgtheater geschafft, angeblich auch nicht ins Theater in der Josefstadt und ebenso nicht ins Volkstheater.

Wo geht´s denn hier nach Ibiza? Äh Lipizza? – „Deponie Highfield“ von René Pollesch (Burgtheater Wien / Wiener Festwochen 2019).


Foto Reinhard Werner / Burgtheater

Da Burgtheaterdirektor Martin Kušej das Programm für seine erste Spielzeit als „oppositionell“ definiert hat, könnte das Fernbleiben von Politikern auch nach der Wahl Status quo bleiben. „Wir haben einige Regisseure, die sich sicher nichts scheißen, dazu gehöre ich aber auch“, so Kušej. Allerdings kann, auch das sagt Kušej, Kunst nicht Politikersatz sein. Wie wahr. Ohnehin werden sich einige vollmundige Ansagen am Ende als heiße Luft entpuppt haben. Die bankrotte Ösi-Politik ist aber gewiss eines: Wasser auf die Ankündigungsmühlen der Kunstschaffenden, die sich in ihrer Kritik herausgefordert sehen. Am schärfsten hat es die der Volksbühnen-Ästhetik verschriebene Bühne Werk X in Wien Meidling formuliert und sich für 2019/20 den unzimperlichen Titel „Heimat und Arschloch“ zugelegt. Die anale Phase hat seit den sechziger Jahren (Aktionisten) in Wien eben nie so wirklich aufgehört! Eleganter legen es die Klangspuren Schwaz in Tirol (6. bis 22. September) an, die ihrerseits „utopische Gegenwelten“ eröffnen wollen – unter anderem mit der Komposition „anaptyxis“ von Olga Neuwirth, die bereits in Reaktion auf die erste schwarz-blaue Regierung im Jahr 2000 entstanden ist. Auch nicht schlecht: Performancekünstlerin Barbara Ungepflegt eröffnet im September in Wien ihr „Ministerium für Heimatschmutz“, eine Kaperung der verlogenen Heimatideologie der FPÖ.

Mehr oder weniger konkrete FPÖ-kritische Bekundungen waren im Sommer bei großen Festivaleröffnungen zu hören. „Kulturverlust“ sei „Humanitätsverlust“, sagte der Präsident der Bregenzer Festspiele, Hans-Peter Metzler, und forderte deshalb eine intensivere Förderung von Kultur. „Es wird nötig sein, mit den Mitteln der Kunst Stellung zu beziehen“, meinte Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele. Es fällt Kulturschaffenden nicht besonders schwer, sich in Sachen Ibiza oder Regierungskritik einig zu zeigen, von Klaus Maria Brandauer bis David Schalko, von Marlene Streeruwitz bis Doron Rabinovici. Billig wird es nur dann, wenn Kunstmanager unter dem Vorwand Reißaus nehmen, das missgünstige politische Klima hinter sich lassen zu wollen, während sie wie Kunsthallen-Exchef Nicolaus Schafhausen einfach nur erfolglos waren. „Die Wirkungsmächtigkeit von Kunst ist in Zeiten nationalistischer Politik stark eingeschränkt“, sagte er und warf das Handtuch. Um nach München zu wechseln. Da lacht vermutlich sogar die FPÖ.