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Analoges Laufen in virtuellen Wettkämpfen


Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 10.06.2020

Virtuelle Läufe gab es auch schon vor Corona-Zeiten. Aber nie zuvor gab es so viele Optionen, sich an eine virtuelle Startlinie zu stellen wie in diesen Tagen. Das Wettkampfformat hat in den letzten Wochen und Monaten einen deutlichen Bedeutungszuwachs erfahren. Was hat es eigentlich damit auf sich? Wie funktioniert so etwas?


In einer perfekten Laufwelt geht man raus vor die Tür und läuft. So schnell man möchte, so lange man möchte, so oft man möchte. Man lässt den stressigen Arbeitsalltag hinter sich oder nutzt die Zeit einfach für sich, um mal zur Ruhe zu kommen oder die Energie zu verpulvern. Zu ...

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Bildquelle: Laufzeit, Ausgabe 4/2020

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... dieser perfekten Laufwelt gehört für viele sogar noch weit mehr: Laufveranstaltungen. Voller Vorfreude darauf, mit dem gewohnten Kribbeln im Bauch an der Startlinie zu stehen, bewegt Tausende dazu, sich monate- oder im Ausnahmefall gar jahrelang lang vor dem eigentlichen Startschuss bei einem Laufevent anzumelden. Für die eine oder andere Veranstaltung bedeutet es, dass man Losverfahren in Kauf nimmt und wochenlang nach der Anmeldung vor Freude zusammenzuckt, wenn das bekannte „Pling“ des E-Mail-Postfachs ertönt, immer mit zwiegespaltenem Gefühl, ob man unter den Auserwählten sein wird. Dazu gehört aber auch, sich nachts um kurz vor zwölf vor den PC zu setzen und dann zu fluchen, wenn die Internetverbindung abbricht und dann die limitierten Startplätze schon anderweitig vergeben sind.

Laufen in gewohnter Umgebung: Wann und wo man läuft ist einem beim virtuellen Wettkampf weitestgehend selbst überlassen.


Fotos: Rawpixel.com - stock.adobe.com

Wir Läufer*innen haben in den letzten Monaten eins gelernt: Laufevents gehören für uns zu einem perfekten Laufleben dazu. Die meisten Veranstaltungen in diesem Jahr wurden nun abgesagt und wir sind auf Entzug. Eine Stimmung der Frustration verbreitete sich zunächst in den Läufer*innenkreisen, denn nun müssen Gewohnheiten umgestellt werden. Der exakt auf die Höchstform zur Wettkampfzeit angepasste Trainingsplan, den man sich penibel hat zusammenstellen lassen, führt nun unweigerlich ins Leere.

Für die Veranstalter ist diese Situation ebenso traurig und es spielt sogar oftmals eine gewisse Dramatik mit. Häufig hängt eine große Zahl von Arbeitsplätzen daran, die aufgrund der Absagen ebenfalls in Gefahr sind. Da stellt sich dann nicht nur die Frage, wie man mit den bereits gezahlten Startgebühren umgeht. Es stellt sich auch die Frage, wie man es schafft, die Teilnehmer*innen trotz des Ausfalls zufriedenzustellen.

Eine Startupatmosphäre entsteht

Mittlerweile sind wir alle an einem Punkt angekommen, an dem die Läuferschaft dem Frust den Kampf angesagt hat. Nicht, dass nun groß angelegte Proteste geplant oder durchgeführt werden, nein! Vielmehr rauchen viele kluge Köpfe, eine Art Startupatmosphäre baut sich über den Eventagenturen auf und bringt eine grandiose Idee auf den Plan: „Virtual Racing“. Virtual Racing ist dabei nicht unbedingt etwas Neues, aber etwas lang Unterschätztes. Konkret geht es darum, sein „Rennen“ stattfinden zu lassen, ganz gleich, ob man an der reellen Startlinie stehen kann oder nicht. Es ist eine Alternative zu der bisher bekannten Form, bei der man quasi im Läuferrudel geschlossen dem Startschuss Folge leistet und gemeinsam die gleiche Strecke zur gleichen Zeit am gleichen Tag läuft. Anders beim „Virtual Racing“: Hier läuft jede*r alleine auf einer individuellen Strecke. Das Wissen, dass andere Menschen zeitgleich das Gleiche tun, spornt an. Eine finale Ergebnisliste aller Teilnehmer*innen rundet das Wettkampfgefühl ab. Diesen Grundgedanken hatte Arthur Bartz aus Aachen bereits 2018 mit seinem Startup „Runnys“. Er selbst ist Familienvater und mit seiner Sicherheitsfirma gut ausgelastet. Zudem ist er leidenschaftlicher „Eventläufer“ und nimmt seit Jahr und Tag jegliche Laufveranstaltung mit, die er kriegen kann. Ein Manko ist dabei jedoch die Vereinbarkeit mit dem Job und der Familie, denn die meisten Veranstaltungen liegen nun mal am Sonntag, dem Familientag. Also entschließt er sich, sich im Ausland eine Medaille zu kaufen und sein eigenes Rennen dafür zu starten. Mit der Zeit fehlt Arthur Bartz jedoch das Communityfeeling und so beschließt er, seine eigenen Läufe virtuell zu veranstalten. Bis zum aktuellen Zeitpunkt wäre diese Firma nichts gewesen, wovon man hätte leben können, aber die jetzige Situation sorgt dafür, dass sich das Anmeldevolumen verdreifacht hat und damit sogar endlich eine eigene App entwickelt werden konnte.

Ein Lauf ganz für sich allein

Wir möchten wissen, wer an solchen Events teilnimmt. Arthur Bartz erläutert uns, dass viele Menschen aus den unterschiedlichsten Beweggründen an virtuellen Rennen teilnehmen. Neben Medaillensammlern ist es für einige der Teilnehmer*innen der erste Wettkampf überhaupt. Man möchte sich nicht blamieren und nicht vor Kameras und den Blicken der Freund*innen zum Schluss ins Ziel kommen. Also meldet man sich an und läuft sein Rennen allein. Hinterher erhält man seine Urkunde und seine wohlverdiente Medaille per Post. Aber auch andere Gründe sorgen dafür, dass man bei einem regulären Rennen gar nicht starten könnte, selbst wenn man wollte.
Platzangst ist einer davon. Vollkommen verständlich wird das, wenn man an die Situation im Startblock denkt. Aber auch für viele Trainer*innen einer Laufanfängergruppe sind virtuelle Läufe ein gelungenes Instrument, um den Schüler*innen den Status quo aufzuzeigen, ihnen Mut zu machen und sie nebenbei ein wenig ins Schwitzen zu bringen. Ganz ohne Zeitlimit oder Besenwagen, hat das dann fast den Charakter eines offiziellen Laufs. Das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, erklärt der Gründer von Runnys. In einer Facebook-Gruppe tauschen sich so ehemalige und aktuelle Teilnehmer*innen untereinander aus und erzählen, wie der Lauf bei ihnen gewesen ist.

Bestzeiten trotz Krisenzeiten

Ein ähnliches Angebot hat sich das Leipziger Unternehmen Larasch ausgedacht. Mit der „Anti Corona Running League“ hatten Läufer*innen die Möglichkeit, trotz ausfallender Veranstaltungen ihr hartes Training doch noch zu einer Bestzeit umzuwandeln, wenn auch inoffiziell. An mehreren unterschiedlichen Tagen hatten die Teilnehmer*innen die Chance, Distanzen von fünf bis 42,195 Kilometer entweder in einzelnen Etappen zu erlaufen oder sogar an einem Serienranking teilzunehmen. Pro Wochenende sind dabei etwa 200 Leute bei sich zu Hause auf der Strecke gewesen. Ein breites Zeitfenster, das jeweils ein ganzes Wochenende zur Erfüllung der Aufgabe bereithielt, schuf maximale Flexibilität. Einzige Bedingung: Alle Teilnehmenden mussten ihre gelaufene Zeit auf ihrem Strava-Profil veröffentlichen. Wie bei einem realen Rennen war nach jedem Event eine Preisverleihung fester Bestandteil, bei der jedes Mal verschiedenste namenhafte Sponsoren die unterschiedlichsten Artikel zur Verfügung stellten. Insgesamt wurden etwa 10 Prozent aller Teilnehmer per Zufallsgenerator mit Sachpreisen belohnt. Somit musste man nicht einmal zu den Schnellsten gehören, um endlich auch mal abräumen zu können. Die Preisverleihung wurde jedes Mal vorschriftsmäßig mit entsprechendem Abstand aus dem Anti-Corona-Office per Video an die Teilnehmer übertragen. Eine rundum gelungene Laufserie also, der sich sogar viele prominente Läufer angeschlossen haben: Maximilian Thorwirth, der aktuelle deutsche Hallenmeister, schloss sich dem Rennen an und konnte, wie erhofft, die schnellsten Zeiten erlaufen. Aber auch der Ultraläufer Florian Neuschwander, der unter anderem einige Male bei den Wings For Life World Runs für Spannung sorgte, ließ sich die Teilnahme nicht nehmen.

Der Planlosigkeit den Kampf ansagen

Für die Leistungssportler*innen kommen die Einschnitte ohnehin noch dicker als für den Rest der Läuferwelt. Ziele sind weggebrochen, Träume zerschmettert. Olympia wurde auf das kommende Jahr verschoben, die HalbmarathonWM bereits von März auf Oktober. Ob sie dann tatsächlich stattfinden kann, steht in den Sternen. Damit ist für Tobias Blum, Gewinner des Köln Marathons 2018, eine Lücke entstanden. Der eigentliche Trainingshöhepunkt war auf den März ausgelegt. Jetzt befindet er sich in einer Art luftleerem Raum. Ungewissheit, Planlosigkeit, Formerhalt, Motivationstief. All das sind Gedankenfetzen, die sich immer wieder in seinem Kopf festsetzen. Dass das nicht nur ihm so geht, sondern vielen seiner Lauffreunde und seiner Proficommunity merkt er immer wieder. Als er dann angesprochen wird, um das Corona- Running-Fest im Mai zu unterstützen, steigt er direkt voll mit in die Planungen ein. Eine große, stetig wachsende Gemeinschaft, unter anderem mit dem deutschen Meister im Crosstriathlon, Jens Roth, Hendrik Pfeiffer, der nun eigentlich bald den Weg nach Tokio antreten sollte und vielen weiteren Unterstützern, hat sich in kürzester Zeit aufgebaut. Der Grund dafür sind nicht nur die vielen prominenten Gesichter, sondern insbesondere das Feeling, das mit dieser Aktion verbunden ist. Als wir mit Tobias sprechen, sprudelt er vor lauter Informationen und Emotionen über. Für ihn ist der Kern der Aktion das „Fest“. Den Teilnehmern „ein wenig Freude schenken“ ist eines der Kernanliegen, die er vermitteln möchte. Ein Ziel in einer haltlosen Zeit zu schaffen, das aber auch vollkommen ohne Leistungsdruck angegangen werden kann, war eine Grundidee des Ganzen. Erweitert wird dies durch den Wunsch, anderen zu helfen. So hat man sich bewusst für den Saarländer Veranstaltungsplaner Meisterchip entschieden, dem jegliche Einnahmequellen weggebrochen sind. Auch andere lokal geschwächte Unternehmen sollen mit dem Corona-Running-Fest ein wenig Hilfe bekommen. Nicht zuletzt soll das neu geschaffene Gefühl der Solidarität die Teilnehmer dazu anregen, Spenden für die unterschiedlichsten Aktionen zu tätigen. Der Bau einer Wasserleitung für eine Bergschule in Äthiopien ist eine Kernaktion des Ganzen. Das Herzensanliegen von Tobias Blum ist jedoch, Spenden für die Deutsche Knochenmarkspende zu sammeln, nachdem ein Freund von ihm erst kürzlich die Diagnose „Knochenmarkkrebs“ erhielt und nun im Koma dagegen kämpfen muss. Hierfür hat er sich am Runningday vorgenommen, so weit wie möglich zu laufen, um dann selbst einen Euro pro Kilometer zu spenden. Die Vorbereitung darauf ist für ihn außerdem wie ein Motivationsanker in dieser ungewissen Zeit. Hierfür verbringt er teilweise vier Stunden am Stück auf „der Rolle“, einem Indorradtraining, um seinen Stoffwechsel bestmöglich an die mindestens 60 Kilometer zu gewöhnen, die er für diesen Tag plant. Am Ende läuft er ganze 70 Kilometer und sammelt eine Spendensumme von 2500 €.

Generell hätte der Spitzensportler wohl ohne die aktuelle Situation niemals bei einem virtuellen Lauf mitgemacht. Viel zu sehr liebt er das Laufen als Hobby, beinahe mehr als das Wettkampflaufen. Und wenn es ein Wettkampf ist, dann muss er die Crew um sich herum spüren und reell kämpfen. Gerade jetzt geben diese Läufe jedoch einen Sinn, findet neben Tobias Blum und Arthur Bartz auch Alexander Pohle, der den „Tritt in den Hintern“ erwähnt, den er mit der Anti Corona Running League bieten kann. Auf lange Dauer wird diese Form wohl nicht die vorherrschende Art sein, seine Rennen zu gestalten, da sind sich alle drei einig. Aber sie wird das Repertoire der Wettkämpfe auch in Zukunft ein kleines bisschen erweitern.

Virtuelle Wettkämpfe im Internet:
Anti-Corona Running League: larasch.de
Runnys: runnys.com
Virtual Run: virtualrun-germany.de