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ANALYSE: EIN MEINUNGSBILD ZU „THE LAST DANCE“. PART 1 „ES TUT MIR WEH!“


Basket - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 08.07.2020

Es sollte ein Kommentar zu „The Last Dance“ werden, und es wurde eine Liebeserklärung an den Basketballer Michael Jordan. Aber eine, die auch bitter schmeckt.


THE LAST DANCE

Artikelbild für den Artikel "ANALYSE: EIN MEINUNGSBILD ZU „THE LAST DANCE“. PART 1 „ES TUT MIR WEH!“" aus der Ausgabe 8/2020 von Basket. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Basket, Ausgabe 8/2020

Für die Ewigkeit: Jordan versenkt in seinem letzten Spiel für die Bulls den Gamewinner und holt Titel Nummer sechs.


Ich mag Michael Jordan nicht. Michael Jordan ist mein Idol. Nicht nur ein Held, sondern mein Held. Aber ich kann ihn nicht mehr sehen. Immer weniger. Wie jeder Basketball-, ja jeder Sportfan sitze, liege und stehe ich momentan unter Hochspannung vor dem Rechner und sauge jede Sekunde von „The Last Dance“ auf, ...

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... stellvertretend für all den Sport, den wir momentan vermissen. Und natürlich, weil es hier um Michael Jeffrey Jordan geht. Air Jordan. The Man. Den besten Basketballer aller Zeiten – sorry, LeBron, es kann nur Einen geben!

Aber ganz offen gesagt: „The Last Dance“ tut mir weh. Es ist Herzschmerz, gemischt mit echtem Schmerz. Jede Episode ist eine Achterbahn der Gefühle, nicht ganz zwischen Liebe und Hass, aber zwischen Bewunderung und Abneigung, zwischen Erinnerungen und Realität, zwischen meiner Jugend und meiner Gegenwart.

Denn ich will Michael Jordan nicht sehen. Nicht so. Nicht den Michael Jordan mit blutunterlaufenen Augen, mit dem Bauchansatz, dem zu vollen Glas Alkohol neben sich. Ich will Michael Jordan nicht als erfolglosen Besitzer der Charlotte Hornets sehen. Ich will Michael Jordan nicht sehen, wie er über die Vergangenheit redet. Ich will den Michael Jordan der Vergangenheit sehen. Ja, ich will Michael Jordan nicht alt sehen.

Ist es Liebe oder Hass?

Ich bin kein Bulls-Fan, ich war es nie, obwohl Michael Jordan mich zum Basketball gebracht hat wie wahrscheinlich so ziemlich jeden Basketball-Fan in den 90ern. Ich war ein Warriors-Fan! Aber Jordan dominierte alles in diesem Sport. Man konnte ihn lieben oder hassen (weil er dein Team mal wieder in den Playoffs auseinandergenommen hat), aber er wurde auch stets bewundert, vergöttert, gefürchtet … er stand einfach über allem und allen.

Ich verstehe, dass heute manch einer geneigt ist, LeBron James mit Michael Jordan zu vergleichen. Als Spieler mag das sogar noch angehen … LeBron ist vom athletischen Talent und den Leistungen her eher näher an Jordan als eine Nummer 2, vielleicht sind sie 1A und 1B. Wer weiß! Es ist immer schwer, Spieler aus völlig verschiedenen Epochen zu vergleichen.

Aber Michael Jordan war in den 90ern kein Basketballspieler, er war schlicht eine Berühmtheit. Ein Popstar. Eine Ikone zu Lebzeiten. Der bekannteste Mensch der Welt. Ohne Instagram! Ohne Internet! Ohne Live-Übertragungen seiner Spiele außerhalb der USA! Er war ein verdammt gut aussehender junger Mann mit einem Million-Dollar- Smile, der auf dem Court in der Offense und Defense jeden Gegner vollständig dominieren konnte, wann immer ihm danach war; und abseits des Courts konnte er von der Unterhose bis zu Frühstücksflocken jedes Produkt vermarkten. Ich war überzeugt, dass er einem Vegetarier den Big Mac schmackhafte machen könnte …

Bei „The Last Dance“ will ich hingucken, wenn ich DIESEN Michael Jordan sehe, und weggucken, wenn ich die 2020er- Version sehe.

Jordan stimmte der Doku nur unter einer Bedingung zu: Er würde am Ende das letzte Wort haben.


Ist es gerecht oder ungerecht?

Ist das fies? Ungerecht? Dem Alter gegenüber? Oder gar Michael Jordan selbst? Dem Mann, der sich nie um die Gefühle anderer Menschen gekümmert hat, wenn diese seinem unstillbaren Durst nach Erfolg im Weg standen?

Es ist fies! Oder zumindest ist es nicht ganz korrekt von mir, das ist mir klar! Nobody is perfect! Ich nehme es mir aber heraus! Gefühle lassen sich schwer unterdrücken. Ich habe auch kein Problem damit zu realisieren, dass BJ Armstrong nicht mehr wie ein Babyface aussieht, dass Horace Grant, ohne die Sportbrille, aber dafür mit gut und gerne 50 Kilo mehr auf den Hüften, kaum noch zu erkennen ist. Ich nehme es zur Kenntnis, dass Scottie Pippen aussieht, als könnte er morgen wieder in der NBA spielen … Das alles lässt mich entweder kalt oder ich verbuche es einfach unter: So ist das Leben.

Jordan ist anders. Jordan war übermenschlich. Erst der unglaubliche Athlet, dann die Definition eines Winners, irgendwann die globale Ikone. Larry Bird und Magic Johnson haben die NBA in den USA zu einem Phänomen gemacht – Michael Jordan hat die Liga in die Welt geführt.

Ohne Jordan hätte ein Dirk Nowitzki entweder keine 20 Jahre in der NBA gespielt … vielleicht sogar Tennis statt Basketball. Ohne Jordan kein Dream Team. Ohne Jordan keine BASKET. Ohne Jordan hätte ich nie diese Leidenschaft entwickelt, die mich als einzige seit fast drei Jahrzehnten begleitet. Michael Jordan war einfach nicht … normal!

Noch bevor ich wusste, dass die NBA überhaupt existiert, hat Larry Bird gesagt, dass Michael Jordan Gott sei, als Michael Jordan verkleidet. Für mich und Millionen pubertierender Jungs rund um den Globus war Jordan in den 90ern wirklich das: übernatürlich.

Vielleicht bin ich selbst jetzt in einem Alter, in dem „Alter(n)“ eine andere Bedeutung hat als vor 20 Jahren. Vielleicht will ich Götter aber auch einfach nicht sterblich sehen. Michael Jordan war für mich der Mann, der alles konnte … und alles konnte, was er wollte.

Ist es schön?

Jetzt seh’ ich einen Mann, der auf Teufel komm raus die Erfolge als Spieler in der Welt der Eigentümer replizieren will – und es nicht schafft. Obwohl er alles hat, wovon man träumen kann, tut er mir irgendwie leid. Er wirkt getrieben, verflucht geradezu von den Erfolgen der Vergangenheit und dem Versagen, in der Karriere nach der Karriere an diese nicht anknüpfen zu können.

Ich hab das immer ausgeblendet! In meiner Welt hat Michael Jordan nie bei den Washington Wizards gespielt. Er hat nie als GM Kwame Brown mit dem ersten Pick gedraftet und ihn dann syste- matisch fertiggemacht. In meiner Welt hat er weder Michael Kidd- Gilchrist gedraftet noch ihm eine fette Vertragsverlängerung gegeben. In meiner Welt hat er nicht eine Flut von Celtics-Picks ausgeschlagen, um Frank Kaminsky zu draften. In meiner Welt gibt es keinen Wettkampf zwischen Jordan und Knicks-Besitzer James Dolan für den zweifelhaften Titel des miesesten NBA-Eigentümers.

„The Last Dance“ hat diese Fantasie-Welt, meine Welt, durcheinandergewirbelt. Ich LIEBE jede Sekunde der Doku – und ich bin doch froh, wenn es vorbei ist.

Dann stiehlt Jordan wieder den Ball von Karl Malone, gibt Byron Russell einen zärtlichen Schubser, versenkt den Jumper und bleibt einen Moment zu lang mit ausgestrecktem Arm stehen. Hier wird Michael Jordan für mich eingefroren. Und alles ist gut!

Steffen Sander war in den 90ern als Praktikant bei BASKET, später dann Volontär und ab 2001 als Redakteur verantwortlich für den Inhalt; 2004 ging er in die USA, arbeitet dort bis 2007 als US-Korrespondent. Dem Basketball blieb er treu, für BASKET weiterhin ein Freund.


Fotocredit: Getty Images (1), Privat (1), Netflix (1)