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Anerkennen statt tolerieren?


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 02.12.2022

WOHLWOLLEN

Vielfalt feiern!«, hieß es 2022 anlässlich des 10. Deutschen Diversity-Tags, an dem sich bundesweit zahlreiche Unternehmen und Institutionen beteiligten. Ziel der Veranstaltung war es laut den Organisatoren, die »kulturelle Vielfalt in Deutschland anzuerkennen, zu fördern und zu nutzen«. Ein wichtiges und hehres Ziel. Aber »Vielfalt feiern!« – wie weit muss das gehen?

Bisweilen entsteht der Eindruck, es genüge nicht mehr, alternative Lebensweisen und fremde Kulturen in ihrer Daseinsberechtigung einfach zu akzeptieren. Vielmehr solle man sie möglichst auch bejahen und befürworten – ihnen statt mit liberalem Desinteresse mit Zugewandtheit, Sympathie und symbolischer, besser noch tatkräftiger Unterstützung begegnen. Eine stille Forderung schwingt da mit: Wir sollten jede individuelle Bedürftigkeit und Sensibilität berücksichtigen, anderen sozialen oder kulturellen Identitäten und ...

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... Lebensentwürfen wohlwollend begegnen, mitgendern, »mitpriden«; die Sache der anderen zur eigenen machen.

UNSER EXPERTE

David Hommen ist promovierter Philosoph und lehrt an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Der Ruf nach Anerkennung kommt dabei aus verschiedenen Richtungen. Mitunter hört man sogar, man solle Pegida-Aktivisten und Rechtspopulisten, die selbst nicht gerade durch besondere Offenheit und Nächstenliebe auffallen, nicht stigmatisieren und an den moralischen Pranger stellen, sondern sie in ihrem Gefühl des Abgehängt- und Ausgegrenztseins ernst nehmen und (wieder) als Teil der Gesellschaft wertschätzen. Ja, es kann schon ziemlich anstrengen, ein progressiver Mensch zu sein.

Der Appell, gegenüber Andersdenkenden und -handelnden eine anerkennende, wertschätzende oder wohlwollende Haltung einzunehmen, geht weit über das hinaus, was traditionellerweise mit der Idee der Toleranz verbunden ist (siehe »Tugend mit Schattenseiten« in Gehirn&Geist 5/2020, S. 26). Etwas zu tolerieren bedeutet im ursprünglichen Wortsinn zu erdulden, was man eigentlich ablehnt – zu erlauben, was man an sich lieber verbieten würde (oder könnte). Historisch entstand das Modell der Toleranz aus der Notwendigkeit, mit der Vielfalt der Meinungen und Lebensweisen zurechtzukommen, die plurale Gesellschaften auszeichnet.

So konnte zum Beispiel der französische König Heinrich IV. (1553–1610) mit dem Edikt von Nantes, das den calvinistischen Protestanten ab 1598 freie Religionsausübung und weitgehende Gleichberechtigung gegenüber den Katholiken in Frankreich zusicherte, die blutigen Hugenottenkriege beenden. Doch das klassische Konzept der Toleranz ist in Verruf geraten. Denn eine Person oder Gruppe von Menschen zu erdulden, heißt ja immer noch, sie oder ihr Handeln negativ zu bewerten. Eigentlich werden die Tolerierten im Akt der Toleranz stets daran erinnert, dass etwas falsch mit ihnen ist; nur dank des Entgegenkommens der selbst ernannten Guten und Gerechten dürfen sie ihren eigenen Vorstellungen und Werten gemäß leben. Sie werden nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft geschätzt, sondern gewissermaßen zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Toleranz als Gnade sozusagen.

Auf einen Blick: Vielfalt aus ethischer Sicht

1 Reicht es, die Lebensweisen und Werte anderer sozialer Gruppen zu tolerieren – oder sollte man sie gutheißen und aktiv wertschätzen? Diese Frage beschäftigt plurale Gesellschaften besonders intensiv.

2 Wer etwas toleriert, erduldet nur, was er eigentlich ablehnt. Doch auch der Appell zur Anerkennung wirft Probleme auf: Echte Zustimmung lässt sich beispielsweise nicht verordnen.

3 Widersprechen sich gesellschaftlich vertretene Positionen, so ist zudem fraglich, welche mehr Anerkennung verdient. Moralische Indifferenz ist hier oft angemessener.

Der in der Tat despektierliche Gestus des Tolerierens brachte schon den Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) zu der Auffassung, Toleranz dürfe allenfalls eine vorübergehende Gesinnung sein. Sie müsse über kurz oder lang zur Anerkennung führen, denn: »Dulden heißt beleidigen.«

Durch Anerkennung Mensch werden

Die grundlegende Überzeugung hinter der Forderung nach gegenseitiger Anerkennung ist, dass die persönliche Identität und das Selbstwertgefühl jedes Menschen wesentlich durch Wertschätzung und Bestätigung anderer geprägt werden. Dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zufolge erfahren wir uns erst im Spiegel unserer Mitmenschen als Individuum und werden überhaupt nur durch die Anerkennung der anderen zu einem richtigen Menschen mit gesundem Selbstbewusstsein. Nur als Anerkannter, schreibt Hegel, ist der Mensch »an und für sich«.

Und es hat ja durchaus handfeste Folgen: Kinder lernen besser, wenn sie von ihren Lehrern gelobt werden. Kranke genesen schneller, wenn sie von ihren Ärzten geachtet werden. Mitarbeiter kündigen seltener, wenn ihre Vorgesetzten ihnen öfter positives Feedback geben. Eine Studie der britischen Gesundheitsforscher Matthew Rablen und Andrew Oswald ergab 2008, dass Ähnliches auch für Geistesgrößen gilt: Nobelpreisträger leben im Durchschnitt 1,5 Jahre länger als ihre zwar nominierten, aber nicht prämierten Kollegen.

Anerkennung ist nicht nur eine Sache der Höflichkeit – sie ist ein wichtiges menschliches Bedürfnis. Sie einer Person zu verweigern, kann diese tief und nachhaltig verletzen (siehe »Ein zweischneidiges Schwert« in Gehirn&Geist 11/2022, S. 26). Wem permanent ein herabsetzendes oder verachtendes Bild von sich selbst vorgehalten wird, der erleidet nicht selten psychische Schäden, von Minderwertigkeitsgefühlen bis hin zu zerstörerischem Selbsthass. Verwehrte Anerkennung ist deshalb nicht nur ein Ausdruck von Respektlosigkeit oder schlechten Umgangsformen, sie ist mitunter sogar grausam und moralisch verwerflich.

Noch schlimmer wird es, wenn gesellschaftliche Geringschätzung systematisch zur Unterwerfung und Beherrschung einzelner Gruppen eingesetzt wird. So führte jahrhundertelange Nicht- und Missachtung von Frauen in patriarchalischen Gesellschaften mit dazu, dass diese das ihnen vermittelte Bild der eigenen Minderwertigkeit verinnerlichten und lange Zeit kaum in der Lage waren, sich gegen die gesellschaftliche Diskriminierung zu erheben und von männlichen Machtstrukturen zu emanzipieren. Ähnlich subversiven Unterdrückungsmechanismen waren und sind zum Teil Schwarze und Indigene ausgesetzt, die sich auf Grund mangelnder Anerkennung durch die weiße Mehrheit als nicht zugehörig erleben, sich selbst abwerten und – das ist das Perfide – ihren Unterdrückern so gewissermaßen Recht geben.

Angesichts solcher Missstände haben in jüngerer Zeit vor allem der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor (* 1931) sowie der deutsche Sozialphilosoph Axel Honneth (* 1949) eine Ethik der Anerkennung propagiert. Nach Honneth schulden wir unseren Mitmenschen nicht nur Respekt in dem Sinn, dass wir ihre Grundrechte als Bürger und moralische Subjekte achten und möglichst nicht in ihre persönlichen Freiheiten eingreifen. Damit sie sich überhaupt erst zu vollwertigen moralischen Subjekten mit stabiler Selbstachtung entwickeln können, schulden wir ihnen darüber hinaus Liebe (vor allem in ihrer Kindheit) und Wertschätzung, indem wir ihre Leistungen, ihren Status, ihre individuelle und kulturelle Identität bestätigen und gutheißen, sie in ihrer persönlichen Lebensplanung fördern und unterstützen.

Für Honneth sind die drei Aspekte Respekt, Liebe und Wertschätzung unabdingbar für die Entwicklung und Erhaltung einer autonomen Persönlichkeit. Das verpflichte uns nicht nur dazu, jedem Menschen diese Wertschätzung zukommen zu lassen, sondern berechtige auch umgekehrt die Betroffenen dazu, Anerkennung zu fordern, wo sie sie vermissen. Anerkennung sei keine bloße Wohltätigkeit, sondern etwas, was wir unseren Mitmenschen regelrecht schulden.

Aber wäre eine Kultur der Anerkennung tatsächlich einer Politik der »bloßen« Toleranz vorzuziehen? Bei genauerem Hinsehen birgt die Forderung nach Anerkennung eine Reihe logischer, psychologischer und ethischer Probleme. Nehmen wir noch einmal die Toleranz zum Vergleich: Streng genommen hat sie etwas Paradoxes an sich. Denn wie kann es tugendhaft sein, nicht in die als falsch empfundenen Überzeugungen oder das abwegig erscheinende Verhalten anderer einzugreifen? Die Frage ist: Aus welchen Gründen hält man das Tolerierte eigentlich für schlecht? Geschieht dies nur auf Grund irrationaler Animositäten oder Vorurteile – ist das Tolerierte objektiv gesehen folglich nicht verwerflich –, so kann von einem »Ertragen« ja keine Rede sein. Der Tolerierende sollte vielmehr zusehen, dass er seine ablehnende Einstellung gegenüber dem Tolerierten ablegt.

Gibt es dagegen triftige moralische Gründe, das Tolerierte zu kritisieren (etwa weil es wie das religiöse Ritual der Beschneidung gegen fundamentale Menschenrechte verstößt), so ist eben nicht klar, weshalb man es überhaupt dulden und nicht konsequenterweise verbieten sollte.

MITFEIERN, TOLERIEREN – ODER VERBIETEN?

Traditionen wie das muslimische Beschneidungsfest erregen im liberalen Westen häufig Widerspruch.

Zu glauben, ein Wechsel zum Konzept der Anerkennung helfe dieses Problem zu umschiffen, wäre allerdings ein Irrtum. Tatsächlich tut sich im Fall der Anerkennung nämlich das gleiche Paradox nur mit umgekehrten Vorzeichen auf: Denn wie kann man etwas moralisch befürworten, ohne es auch zu fordern? Wie kann, mit anderen Worten, etwas gut und dennoch nicht gesollt sein? Wieder kommt es auf die Gründe an, aus denen man eine Person oder Handlungsweise wertschätzt.

Entspringt das Wohlwollen einer blinden Sympathie oder unreflektierten Parteinahme, bleibt offen, warum das Anerkannte anerkennungswürdig sein soll. Würde es sich als moralisch bedenklich erweisen, sollte man es viel eher missbilligen und tadeln. Wenn das Anerkannte aber wirklich Anerkennung verdient, sollte man es dann nicht sogar zur allgemeinen Pflicht machen, statt es lediglich anzuerkennen? Während der Ruf nach Toleranz im Fall des moralisch Verächtlichen zu viel von uns verlangt, verlangt der Ruf nach Anerkennung im Fall des moralisch Achtbaren anscheinend zu wenig.

So müsste sich zum Beispiel jemand, der den Veganismus »feiert«, die unbequeme Frage gefallen lassen, wieso er nicht selbst zum Veganer wird beziehungsweise eine vegane Lebensweise von allen erwartet. Sicher: Nicht alles, von dem man denkt, dass es besser wäre, lässt sich auf Geheiß herbeiführen. Man kann niemanden dazu bringen, nonbinär zu sein oder einer bestimmten Ethnie anzugehören, für wie gut und wünschenswert man das auch immer hält. Hier wie anderswo gilt das Prinzip »Sollen impliziert Können«. Bei religiösen, kulturellen oder politischen Anschauungen und Lebensweisen, die man sich (mit mehr oder weniger Anstrengung) willentlich aneignen kann, bleibt jedoch die Frage, wie man sie ohne inneren Widerspruch für anerkennenswürdig halten kann, ohne sie zum eigenen Ideal oder allgemeinen Maßstab des Handelns zu machen.

Man mag natürlich argumentieren, dass wir längst nicht alle Verhaltensweisen, die wir als vortrefflich und löblich erachten, auch zur Pflicht machen – Heldentaten oder selbstaufopfernden Altruismus beispielsweise. Solche Handlungen (Ethiker nennen sie »supererogatorisch«) werden typischerweise deshalb nicht gefordert, weil sie den durchschnittlichen moralischen Akteur schlicht überfordern würden oder mit zu hohen psychischen oder physischen Kosten verbunden wären.

Ob sich diese Überlegung jedoch auf die Idee des Anerkennens anwenden lässt, darf bezweifelt werden. Die Entpflichtung, die einer solchen Form der Anerkennung zu Grunde läge, hätte eher den Charakter einer Sondergenehmigung, einer Ausnahme oder Entschuldigung als den Charakter echter Optionalität und Freiheit. Dass man das Anerkannte tatsächlich nur anerkennt, nicht aber übernimmt und zur Norm erhebt, wäre bloß unserer bedauerlichen moralischen Unvollkommenheit und menschlichen Schwäche geschuldet. Ein so begründetes Anerkennen guter Handlungen (statt ihres konsequenten Anordnens) wäre also eine moralische Verlegenheitslösung, keine echte Tugend. Wenn die Haltung der Anerkennung etwas wirklich Ehrbares sein soll, darf sie nicht mit einer zunächst gültigen und dann wieder außer Kraft gesetzten Pflicht, das Gute zu tun, einhergehen.

Der innere Kampf der Kulturen

Aber selbst unabhängig davon, ob man alternative Sichtweisen nur anerkennen oder auch danach handeln sollte, ergibt sich ein Problem für das Anerkennungsmodell aus der faktischen Pluralität moderner Gesellschaften. Denn die verschiedenen kulturellen Gruppen, die um Anerkennung buhlen, propagieren oft miteinander inkompatible Überzeugungen und Werte. Wo es eine Haltung der Toleranz erlaubt, sich von diesen konträren Ansichten innerlich zu distanzieren, verlangt eine anerkennende Haltung vom Einzelnen darüber hinaus, dass er ihnen aktiv zustimmt. Das bringt den Anerkennenden, will er alle einander widersprechenden Vorstellungen gleichermaßen honorieren, selbst in einen Zwiespalt. Während der Tolerierende zumindest mit seinen eigenen Wertvorstellungen im Reinen bleibt, macht der Anerkennende den »Kampf der Kulturen« quasi zu seinem inneren Gewissenskonflikt.

Doch nicht nur der Akt des Anerkennens erscheint in sich paradox. Auch die Vorstellung, Anerkennung fordern zu können, mutet bei genauerer Betrachtung absurd an. So argumentiert der ungarisch-kanadische Soziologe Frank Furedi (* 1947), dass ein Gebot der Anerkennung letztendlich im Aufzwingen bestimmter Werturteile mündet. Anerkennung ist aber nichts, was sich vorschreiben lässt – nicht einmal von denen, die die Anerkennung begehren. Sie muss vielmehr aus innerer Einsicht auf Basis guter Gründe erfolgen.

Wo man einer Person Raum für eigene Überlegungen und Einschätzungen gibt, besteht allerdings immer auch die Möglichkeit, dass diese ein negatives Urteil fällt und der betreffenden Sache ihre Anerkennung verweigert. Ihr die gewünschte Anerkennung per Dekret abzufordern, hieße unter Umständen, ihr eine moralische Einstellung aufzudrücken, für die sie keine guten Gründe sieht.

Ein solches Anerkennungsdiktat, so Furedi, könne langfristig dazu führen, dass öffentliche moralische Debatten behindert, im schlimmsten Fall unterbunden werden: dann nämlich, wenn die Forderung nach Anerkennung über die Suche nach moralischer Wahrheit gestellt und dazu benutzt wird, Andersdenkende mit abweichenden Ansichten ad hoc zum Schweigen zu bringen. Eine Vorschrift des Anerkennens könnte so eine allgemeine Opferkultur fördern, in der jede Gruppe ihre Interessen mit der Keule des Vorwurfs fehlender Wertschätzung durchzuboxen versucht. Strittige Themen würden nicht mehr sachlich und ergebnisoffen diskutiert, sondern aus Taktgefühl und vermeintlicher Rücksicht totgeschwiegen und zensiert.

Erstickt unbedingte Wertschätzung die kritische Debatte?

Das wäre besonders dort fatal, wo verschiedene Gruppen konkurrierende Anerkennungsansprüche an die Gemeinschaft stellen. Hier hätte die Gesellschaft im Grunde keine Mittel mehr, solche Konflikte argumentativ zu lösen. Wenn also die UNESCO erklärt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt sei »nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit«, mag das ehrenwert und humanistisch klingen. Eine automatische, bedingungslose Wertschätzung aller kulturellen Praktiken kann jedoch schnell auf Kosten einer kritischen Betrachtung gehen und droht notwendige gesellschaftliche Debatten im Keim zu ersticken.

Ist damit das Anerkennungsmodell also diskreditiert? Seine Verteidiger könnten an dieser Stelle ins Feld führen, dass es zwar unmöglich ist, eine positive Bewertung fremder Kulturen regelrecht einzuklagen. Man könne von der Mehrheitsgesellschaft aber sehr wohl die Bereitschaft erwarten, die spezifischen Eigenschaften jeder Gruppe zur Kenntnis zu nehmen und in der Auseinandersetzung zu berücksichtigen. Mit anderen Worten: Alle sozialen und kulturellen Identitäten sollten den gleichen Respekt genießen und die gleiche Chance bekommen, als Kandidaten für Wertschätzung in Betracht zu kommen. Das würde den Begriff der Anerkennung allerdings wieder stark dem klassischen Konzept der Toleranz annähern. Nicht die verschiedenen Lebensstile an sich würden positiv bewertet, sondern die grundsätzliche Autonomie der Menschen, zu denken und zu tun, was ihnen beliebt, und sich nach ihren Überzeugungen und Wertvorstellungen zu entfalten. Eine weitergehende Wertschätzung dessen, was jeder aus dieser seiner Freiheit macht, wäre nicht verlangt.

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Noch in einer anderen Hinsicht ist das Konzept der Anerkennung dem der Toleranz kaum vorzuziehen. Mitunter wird der Vorwurf laut, Toleranz sei nichts anderes als eine subtile Form der Unterdrückung. Denn dahinter stehe immer eine gesellschaftliche Autorität – sei es ein König, die herrschende Klasse oder die demokratische Mehrheit –, die festlegt, welche Überzeugungen und Praktiken sie anderen Gruppen zugesteht und wo sie die Grenzen ihrer Toleranz zieht. Der tolerierten Minderheit bleibe nur, die dominante Position der Autorität zu akzeptieren. So gewährte das erwähnte Edikt von Nantes den französischen Protestanten zwar volle Bürgerrechte und Gewissensfreiheit, zwang ihnen jedoch zugleich den Kirchenzehnt auf und erlaubte in den meisten Städten bloß den katholischen Gottesdienst. (Von einer Religionsfreiheit für Juden oder Muslime war im Edikt übrigens keine Rede.) 1685 wurde es von König Ludwig XIV. schließlich wieder annulliert.

Ein Wechsel von Toleranz zu echter Anerkennung, behaupten manche, könne das Risiko solch einseitiger Machtverhältnisse zwar vielleicht nicht beseitigen, aber erheblich verringern. Ob das stimmt, ist allerdings fraglich. Der an der Queen’s University Belfast lehrende Politologe Cillian McBride gibt zu bedenken, dass die gleichen sozialen Hierarchien, die einige Arten der Toleranz repressiv machen, genauso manche Form der Anerkennung pervertieren könnten. Denn sie begünstigen, dass die Abhängigen und Unterprivilegierten in einer Gesellschaft die Bestätigung der Mächtigen wünschen, ohne zu erkennen, dass der Wunsch überhaupt nur von ihrer ungleichen Beziehung zu diesen herrührt und somit eigentlich den ungerechten Status quo bestä- tigt. Ihr Wunsch nach Anerkennung macht sie, so Mc-Bride, zu Komplizen ihrer eigenen Unterdrücker. Deren scheinbar wohlwollende Anerkennung der Schwächeren wäre wiederum lediglich ein (besonders perfides) Instrument zum Erhalt ihrer Herrschaft.

Eine Politik der Anerkennung scheint in ihrer Umsetzung also hochproblematisch zu sein. Man kann bereits die zentrale Prämisse des Anerkennungsmodells hinterfragen: Hängt unsere Selbstachtung wirklich dermaßen von der Ehrerbietung anderer ab? Sind die psychologischen Auswirkungen fehlender Anerkennung derart negativ, dass wir die unbedingte Pflicht haben, solche Auswirkungen zu verhindern und alle Ansprüche auf Anerkennung zu erfüllen?

Starkes Selbstwertgefühl trotz Erniedrigung

Sicherlich ist es unserem Selbstwertgefühl zuträglich, wenn andere uns und unser Handeln wertschätzen und das uns gegenüber zum Ausdruck bringen. Wir verlieren unser Selbstwertgefühl aber nicht zwangsläufig, wenn uns dies verwehrt wird. So beschreibt McBride Fälle von Sklaven und Holocaust-Überlebenden, die ihre Selbstachtung sogar angesichts schlimmster Erniedrigung bewahrten, weil sie in der Lage waren, sich im Licht moralischer Ideale zu betrachten, denen sie in ihrem Handeln folgten. Es war das Wissen um ihre eigene moralische Integrität, das ihnen ein starkes Selbstwertgefühl verschaffte, keine Zusprache von außen.

Das legt die Vermutung nahe, dass wir die psychologische Rolle gesellschaftlicher Anerkennung nuancierter betrachten sollten. Einem Kind Liebe und Zuwendung zu verweigern, ist mit Sicherheit gravierender, als den Modegeschmack eines Erwachsenen zu kritisieren. In vielen Lebensbereichen dürften Anerkennungsdefizite weniger dramatisch sein, als Anerkennungsethiker es bisweilen darstellen. Damit entfiele nicht nur die allgemeine Pflicht, Forderungen nach Anerkennung fraglos nachzukommen. Es könnte in bestimmten Fällen – dort, wo etwa Gerechtigkeits-, Freiheits- oder andere moralische Prinzipien relevant werden – durchaus erlaubt, wenn nicht geboten sein, einzelne Anerkennungsansprüche zurückzuweisen und den Anspruchstellern somit ein gewisses Maß an Geringschätzung zuzumuten.

Was bleibt nun noch von Goethes hohem Ideal der Anerkennung? Toleranz und Anerkennung sind zwei unterschiedliche Ansätze für den gesellschaftlichen Umgang mit kultureller Diversität. Beide sind jedoch mit konzeptuellen Schwierigkeiten behaftet. Das menschliche Bedürfnis nach Respekt, Liebe und Wertschätzung zeigt einerseits, wo das traditionelle Konzept der Toleranz zu kurz greift. Andererseits kann eine Ethik der Anerkennung das klassische Toleranzmodell offenbar nicht ersetzen.

Vielleicht wäre ein Weg der Mitte der richtige – einer, der von uns weder verlangt, andere Lebensentwürfe »bloß« zu tolerieren, noch, sie fraglos anzuerkennen. Ein solcher Weg könnte den Wert moralischer Indifferenz betonen, was aber nicht bedeuten soll, dass man sich anderen Kulturen gegenüber neutral (gleichgültig oder unparteiisch) verhält, sondern vielmehr, dass man gewisse soziale Praktiken als moralisch neutral, also weder gut noch schlecht bewertet. Natürlich wäre hier zu klären, welchen Handlungen konkret ein solcher moralischer »Nullwert« zugeschrieben werden kann und welche Kriterien dafür maßgeblich sind.

Prinzipiell dürften sich diese nicht wesentlich von den allgemeinen Kriterien unterscheiden, anhand derer wir auch sonst menschliches Handeln ethisch beurteilen. Die genuine moralische Indifferenz fremder Handlungs- und Lebensweisen zu erkennen, ist jedenfalls ein Schritt dahin, sie als etwas wahrhaft Statthaftes zu akzeptieren; etwas, was in den Schutzraum echter persönlicher Freiheit fällt.

Damit wäre diesen fremden Handlungsweisen letztlich vielleicht sogar mehr Respekt gezollt als mit einer vermeintlich wohlwollenden, aber schwer zu begründenden Haltung des Anerkennens.

LITERATURTIPP

Honneth, A.: Anerkennung. Eine europäische Ideengeschichte. Suhrkamp, 2018 Umfassende Darstellung der Probleme um Wohlwollen und Anerkennung in pluralen Gesellschaften

QUELLEN

Furedi, F.: On toleration. A defence of moral independence. Continuum, 2011 Galeotti, A.: Tolerance as recognition. Cambridge University Press, 2002 McBride, C.: Recognition. Polity, 2013

Rablen, M. D., Oswald, A. J.: Mortality and immortality: The nobel prize as an experiment into the effect of status upon longevity. Journal of Health Economics 27, 2008

Siep, L. et al. (Hg.): Handbuch Anerkennung. Springer, 2021 Visala, A., Vainio, O.-P.: Tolerance or recognition: What can we expect? Open Theology 2, 2016

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2071338