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Angriff aus dem Nichts


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 16.12.2022

1. KAPITEL STURM AUS DEM OSTEN

Flüchtlingsstrom

Artikelbild für den Artikel "Angriff aus dem Nichts" aus der Ausgabe 1/2023 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 1/2023

Die Goten fliehen 376 n. Chr. vor den Hunnen von ihren Gebieten am Schwarzen Meer zur Donau, um über den Grenzfluss in das Römische Reich zu gelangen

Frühjahr 376 n. Chr.: An der Donaugrenze des Römischen Reichs bahnt sich eine Flüchtlingskatastrophe an. Unzählige Goten erreichen das Nordufer des Stroms, zu Fuß oder in Ochsenkarren, darauf ihr weniger Besitz. Auf der anderen Seite des Grenzflusses stehen römische Truppen.

Die Grenzsoldaten sind Flüchtlinge gewohnt, die vor lokalen Konflikten fliehen. Doch solche Menschenmassen hat keiner von ihnen gesehen. Bis zu 200 000 Goten campieren am Flussufer, Frauen, Kinder, sogar Krieger. Manche von ihnen sind so verängstigt und hungrig, dass sie in die Donau springen, um auf die andere Seite zu schwimmen. Die Grenztruppen zeigen wenig Verständnis, stechen die Flüchtlinge nieder, sobald sie aus dem Wasser ...

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... kommen.

Die Goten suchen Schutz vor einem Feind, von dem die römischen Soldaten bisher nicht gehört haben: Reiternomaden aus dem Osten, brutale Kämpfer, die, wo auch immer sie hinkommen, Zerstörung hinterlassen.

Mit den Hunnen, und vor allem denjenigen, die vor ihnen fliehen, beginnt im 4. Jahrhundert die Völkerwanderung. Nur wenig ist darüber bekannt, was die ersten Hunnen nach Europa bringt, wer sie anführt oder wie sie leben. Sie hinterlassen keine schriftlichen Quellen, keine Bauwerke, nur Gräber. Um ihre Geschichte zu rekonstruieren, muss man sich anschauen, was die Ankunft der Hunnen bei ihren Nachbarn auslöst: eine Kette von Ereignissen, einen Dominoeffekt, der das Römische Reich existenziell bedrohen wird.

Tierischer Führer

Der Sage nach lebten einst die Goten im Westen, die Hunnen im Osten des Asowschen Meeres, einem Nebenmeer des Schwarzen Meeres. Beide Völker glaubten, an ihrem Ufer endet die Welt. Doch dann erscheint hunnischen Jägern ein wundersamer Hirsch, der sie durch ein Sumpfgebiet an das andere Ufer führt – und der Weg nach Westen ist offen. Illustration um 1910

Als es in der Steppe trockener wird, suchen die Hunnen neues Weideland

Bevor die Hunnen Europa erreichen, reiten sie als Nomaden durch die Eurasische Steppe, die sich gut 7000 Kilometer weit vom Westen Chinas bis an das Schwarze Meer erstreckt. Sie halten Ziegen, Kamele, Rinder und die Pferde, die sie brauchen, um die großen Distanzen in der Steppe zurückzulegen. Wahrscheinlich sind es Klimaveränderungen, die Anfang des 4. Jahrhunderts das Leben dort stören. Anhaltende Dürren lassen das Grasland knapp werden, weshalb die Hunnen sich westwärts auf die Suche nach Weideland begeben. Um Konkurrenten zu vertreiben, treten sie immer kriegerischer auf.

Gegen Mitte des 4. Jahrhunderts erreichen sie den Fluss Don im heutigen Russland. Dort lebt das Reitervolk der Alanen, gefürchtete Krieger, die wie die Hunnen auf dem Pferd sitzend Pfeile abschießen. Um 370 attackieren die Hunnen und besiegen binnen weniger Jahre die Alanen. Funde in Gräbern geben Auskunft: Die Bögen der Alanen, sogenannte Kompositbögen, sind damals etwa 80 Zentimeter lang. Die Kompositbögen der Hunnen messen hingegen 130 bis 160 Zentimeter und entwickeln eine viel höhere Kraft: Selbst aus 100 Metern durchschlagen die Pfeile noch die Panzerung der Alanen. Der Schaft der hunnischen Bögen ist asymmetrisch, unten kürzer als oben. So bleibt er nicht am Hals der Pferde oder in den Zügeln hängen. Die Hunnen reiten auf ihre Gegner zu, treiben sie mit Pfeilsalven auseinander, um dann mit Schwertern anzugreifen. Teilweise nutzen sie Lassos, um einzelne Gegner aus der Menge zu ziehen.

Viele Alanen schließen sich den hunnischen Verbänden an, andere flüchten westwärts in den Osten der heutigen Ukraine, wo sie auf die Stämme der ostgermanischen Goten treffen. Ihrem König Ermanarich gelingt es wohl für einige Jahre, die Alanen abzuwehren, bis auch hunnische Verbände am Schwarzen Meer einfallen.

375 bringt sich Ermanarich um, entweder aus Verzweiflung oder als Teil eines rituellen Selbstmords zur Beschwichtigung der Götter. Es hilft alles nichts. Hunnen und Alanen plündern das Gebiet der Goten und lösen eine Hungersnot aus. Hunderttausende fliehen in Richtung Westen an die Donau und hoffen, dass ihr mächtiger Nachbar sie schützt.

In den oströmischen Quellen, die über diese Ereignisse berichten, wird es so dargestellt, als seien die Hunnen aus dem Nichts gekommen. Der Chronist Zosimos schreibt etwa hundert Jahre später: »ein Barbarenstamm, früher nicht bekannt, ganz plötzlich auftauchend, überfiel die jenseits der Donau siedelnden Skythen« (die römische Bezeichnung für Goten). Doch die Hunnen wüten zu jener Zeit schon seit Jahren im Osten Europas. Die römische Führung in Konstantinopel scheint wenig davon mitzubekommen, was jenseits ihrer Grenze passiert. Das ändert sich erst, als die Goten an ihrer Grenze um Asyl flehen.

Früher Vorstoß

Um 374 besiegen die Hunnen im heutigen Südwestrussland die Alanen, ein Reitervolk aus dem Iran. Angeblich werfen sie im Kampf auch Lassos (im Bild). Die Alanen ziehen dann in der Völkerwanderung mit germanischen Stämmen quer durch das Römische Reich

Der Kaiser freut sich über die Flüchtlinge: Er braucht Soldaten für seinen Krieg

Der oströmische Kaiser Valens hat 376 andere Probleme, er führt Krieg gegen Persien. Eine Delegation der Goten reist zu ihm ins heutige Syrien und bittet um Hilfe. Laut dem Chronisten Ammianus Marcellinus löst das bei Valens »mehr Freude als Furcht« aus. Schon in den Jahrzehnten zuvor hat das Imperium große Mengen an Migranten aufgenommen. Sie waren willkommene Arbeitskräfte auf den Bauernhöfen oder dienten als Hilfstruppen in der Armee.

Gerade die Goten gelten als widerstandsfähige Kämpfer, und Kaiser Valens braucht dringend Truppen für seinen Feldzug gegen Persien. So erlaubt er den Goten, die Donau zu überqueren, wenn sie dafür Hilfstruppen stellen. Die Hunnen scheint Valens nicht als Bedrohung wahrzunehmen. Die Reiterkrieger sind weit weg, plündern in losen Verbänden die Region am Schwarzen Meer, die Wagen voller Beute bremsen sie auf ihrem Weg in den Westen. Dabei hätte es Valens durchaus beunruhigen können, dass selbst die kämpferischen Goten die Hunnen nicht aufzuhalten vermochten.

Umzingelte Römer

In der Schlacht von Adrianopel 378 siegen die Goten mit Hilfe hunnischer Verbände über die Römer (im Bild). Dabei stirbt Flavius Valens, Kaiser über den Osten des Römischen Reichs

Ein gieriger Römer will Hundefleisch gegen Sklaven eintauschen

Es ist ein Dominoeffekt: Dürren vertreiben die Hunnen, Hunnen vertreiben die Alanen, Alanen und Hunnen vertreiben die Goten, die 376 in Boten und Flößen über die Donau setzen und zum Problem für das Römische Reich werden. Dessen Behörden an der Donau sind überfordert. Laut Marcellinus nutzt der römische Heerführer Lupicinus den Hunger der Flüchtlinge so aus: Er bietet den Goten Hunde als Nahrung – und verlangt als Preis für jedes Tier ein Mitglied ihres Stammes als Sklaven. Etliche beginnen, aus Hunger das Umland zu plündern.

Als ein Römerkommandant versucht, die gotischen Anführer ermorden zu lassen, eskaliert die Lage. Die wenigen Truppen Roms auf dem Balkan haben den Goten kaum etwas entgegenzusetzen und werden überrannt. Gotische Hilfstruppen wechseln die Seite und ziehend ausgerüstet mit römischen Waffen mit ihren Stammesbrüdern durchs heutige Bulgarien. Selbst kleinere Verbände der Alanen und Hunnen nutzen das Chaos und setzen über die Donau.

Die Goten dringen derweil weiter nach Süden vor und erreichen das paradiesische Thrakien: Die reiche Region zwischen Ägäis und Schwarzem Meer liegt knapp 200 Kilometer vor den Toren Konstantinopels. Dort stehen viele Villen römischer Bürger, wo die Goten nun Gold, Wein und Edelsteine rauben.

Erst jetzt erkennt Kaiser Valens seinen Fehler. Er beendet die Kampagne gegen Persien und lässt seine Armee zurückmarschieren. Im Sommer 378 sammeln sich bei Adrianopel in Thrakien wohl 30 000 kampferprobte Legionäre, denen ähnlich viele Goten gegenüberstehen. Die römischen Soldaten sind es gewohnt, Aufstände der Barbaren niederzuschlagen. Deshalb wartet Kaiser Valens nicht auf die aus dem Westen des Römischen Reichs angeforderte Verstärkung. Er lässt seine Truppen acht Stunden lang durch die Hitze marschieren, um schneller zur Wagenburg der gotischen Krieger zu kommen.

Rätselhafte Herkunft

Die Reiternomaden aus Asien

Wer von den Hunnen spricht, sorgt in Europa ab Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. für Angst. Bis heute ist unklar, woher der Name kommt und wer genau damit gemeint ist. Lange glauben Forscher, dass die Hunnen von den chinesischen Reiternomaden Xiongnu abstammen, die im 1. Jahrhundert n. Chr. gegen die Han-Dynastien kämpfen und riesige Teile der asiatischen Steppe beherrschen. Wahrscheinlicher ist, dass sich nach deren Niedergang verschiedene Nomadenvölker in der asiatischen Steppe mit dem Namen der Xiongnu schmücken.

Die Nomadenvölker besitzen zwar eine ähnliche Kultur, aber ihre Gruppen verändern sich ständig, teilen sich auf, folgen neuen Anführern, ziehen in verschiedene Richtungen davon. In der Spätantike erreichen die »Chunni«, wie die Römer die Hunnen nennen, nicht nur Europa. Auch in China, Persien und Indien sind Raubzüge der »Xùn«, »Hyon« oder »Huna« überliefert. Wie, falls überhaupt, sie verwandt sind, ist unklar. »Hunnen« wird in Europa und Asien ein Sammelbegriff für brutale Reiterkrieger aus der Steppe, die Chaos und Tod bringen.

Die Goten schicken derweil Unterhändler zum Kaiser, offenbar hoffen sie auf Frieden. Aber da greift die linke Flanke der Römer ohne Vorwarnung und vermutlich ohne Befehl an.

Doch die Goten haben Reiterverbände der Alanen und Hunnen als Verstärkung angeworben. Gerade als die römische Infanterie vorrückt, erreichen die Verbündeten das Schlachtfeld, reiten sofort einen Sturmangriff in den Rücken der Legionen und schießen ihre Pfeile ab.

Von überall fliegen Pfeile auf die Römer, die von ihren Feinden eingekesselt sind

Unerwartet werden die Reiter der leichten römischen Kavallerie von den Pfeilen getroffen. Sie sprengen auseinander, auch die römische Reserve flieht. Die Infanterie der Römer ist von zwei Seiten eingeschlossen. Stundenlang kämpfen die Legionäre gegen Goten, Hunnen und Alanen. Kaiser Valens versucht seine Truppen zusammenzuhalten, doch am frühen Abend brechen die römischen Linien, und so endet die Schlacht in einem Massaker.

Zwei Drittel der römischen Orientarmee stirbt in der Schlacht von Adrianopel, 20 000 Opfer sind zu beklagen, darunter Kaiser Valens selbst. Es ist die schwerste römische Niederlage seit der Varusschlacht etwa 370 Jahre zuvor, eine Zäsur für das Oströmische Reich. Nun bedrohen die Goten, die man lange nach Belieben angriff, Konstantinopel.

Die hunnischen Reiter trugen mit ihren Kompositbögen entscheidend zum Sieg der Goten bei. Zwar ziehen sich die Verbände der Reiternomaden mit ihrer Beute bald wieder über die Donau zurück. Doch schnell spricht sich herum, welche Reichtümer sich im Westen finden lassen. Die Hunnen haben gerade erst begonnen, Europa zu terrorisieren.

LESETIPP

Herwig Wolfram: »Die Goten und ihre Geschichte«. C. H. Beck 2022, € 9,95