Lesezeit ca. 12 Min.
arrow_back

Angriff im Wattenmeer


Logo von Klassiker der Luftfahrt
Klassiker der Luftfahrt - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 04.10.2022

Me 262 zerstört Catalina

Artikelbild für den Artikel "Angriff im Wattenmeer" aus der Ausgabe 8/2022 von Klassiker der Luftfahrt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Klassiker der Luftfahrt, Ausgabe 8/2022

Die Messerschmitt-Düsenjäger Me 262 machen mit ihren Bordkanonen kurzen Prozess mit der gewasserten und lahmen PBY Catalina.

Der Tagesbericht der deutschen Luftwaffe über ihre Reichsverteidigung vom 31. März 1945 enthält einen interessanten Vermerk: „britisches Consolidated-Flugboot“ von drei Messerschmitt 262 zerstört.

Auf den ersten Blick scheint dies eine unwahrscheinliche Geschichte zu sein – warum sollten sich Me 262 am selben Ort wie ein schwerfälliges alliiertes Flugboot befinden? An jenem Tag kam es über Norddeutschland zu einem heftigen Aufeinandertreffen zwischen viermotorigen Bombern des Royal Air Force (RAF) Bomber Command und den Jets des Jagdgeschwaders 7. Daher liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei der Behauptung des Me-262-Piloten, er habe ein Flugboot abgeschossen, um einen Fall von Verwechslung handelt. Bei näherer Betrachtung ergibt sich jedoch eine bemerkenswerte und viel komplexere Geschichte.

30. MÄRZ 1945: DER EINSATZ DER EIGHTH AIR FORCE

Ende März 1945 läuft der Krieg ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Klassiker der Luftfahrt. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2022 von 150 Ausgaben Emotionen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
150 Ausgaben Emotionen
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Ticker-Meldungen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ticker-Meldungen
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Leserbriefe. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserbriefe
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Leserbriefe
Vorheriger Artikel
Leserbriefe
Der „Fall Gelb“
Nächster Artikel
Der „Fall Gelb“
Mehr Lesetipps

... für die Deutschen an allen Fronten schlecht. Im Osten bereiten die Sowjets ihren Angriff auf Berlin vor, während im Westen die westlichen Alliierten über den Rhein nach Mitteldeutschland vorrücken. In der Luft sah es nicht besser aus, denn die immer stärker werdenden alliierten Luftstreitkräfte griffen täglich und ununterbrochen Ziele im schrumpfenden Reich an. Die Luftwaffe verfügte immer noch über ein halbwegs funktionierendes Luftverteidigungssystem, und die Me 262 waren für die Verteidigung deutscher Ziele gegen die schweren und mittleren Bomber der Alliierten unerlässlich. In dieser Phase des Krieges übernahmen die Düsenflugzeuge fast die gesamte strategische Luftverteidigung Deutschlands, während sich die Kolbenmotorflugzeuge auf die Unterstüt- zung des Heeres konzentrierten. Zwei Gruppen von Me 262 waren in Norddeutschland stationiert: die I. Gruppe des Jagdgeschwaders 7 unter Führung von Major Erich Rudorffer und die III. Gruppe des Jagdgeschwaders 7 unter der Führung von Major Rudolf Sinner. In der Nähe befanden sich auch die ehemaligen Bomberpiloten des I./Kampfgeschwaders (J) 54, die zu Jagdfliegern umgeschult worden waren, mit ihren Jets.

Diese magere Truppe umfasste etwa 100 Flugzeuge und stand täglich einem Meer von gegnerischen Bombern und Jägern gegenüber. Schon am Tag vor dem eingangs beschriebenen Vorfall starteten am Morgen des 30. März 1945 rund 1300 Consolidated B-24 Liberator und Boeing B-17 Flying Fortress mit einer Eskorte bestehend aus 815 North American P-51 Mustang und Republic P-47 Thunderbolt von Stützpunkten in Großbritannien. Die Ziele des Tages waren U-Boot-Werften und Häfen in Hamburg, Bremen und Wilhelmshaven. Die Bomber trafen am frühen Nachmittag über dem Ziel ein, und trotz bewölkten Himmels waren die Bombenangriffe einigermaßen genau.

Die Deutschen hatten die Bildung der Bomberformation schon über England entdeckt, so dass sie genügend Zeit hatten, eine Antwort mit begrenzten Luftverteidigungsressourcen der Luftwaffe vorzubereiten. Insgesamt 29 Me 262 des JG7 starteten ihre Abfangmissionen, doch die Piloten waren nicht sehr erfolgreich. Sie konnten nur sieben Luftsiege verbuchen, obwohl in Wirklichkeit nur fünf Bomber der Mighty Eight während des Einsatzes durch al- le Ursachen (Abschüsse, technische Probleme) verloren gingen. Die begleitenden amerikanischen Jagdflieger meldeten sieben zerstörte, eine wahrscheinlich zerstörte und vier beschädigte Me 262. Einer der erfolgreichen Piloten, Oberstleutnant John D. Landers von der 78th FG, erinnerte sich an seinen Sieg über die normalerweise schwer fassbare Beute:

„Ich eröffnete das Feuer auf 700 Yards und traf einen Jet. Er wurde langsamer, machte aber wieder den Fehler, zu wenden. Ich eröffnete erneut das Feuer, diesmal auf 400 Yards, und erzielte einige gute Treffer. Die Me 262 machte eine steile Linkskurve und mein nächster Schuss traf im Cockpitbereich.“

Ob Landers in diesem Gefecht tatsächlich erfolgreich war, lässt sich nur vermuten. Bekannt ist, dass ein Me-262-Pilot in der Nähe seiner Heimatbasis Kaltenkirchen abgeschossen und getötet wurde. Ein anderer sprang unverletzt ab, während der kampferprobte Leutnant Karl Schnörrer am Bein verwundet wurde und nach dem Kampf mit P-51-Maschinen mit dem Fallschirm absprang.

Der Angriff richtete in den deutschen Häfen verheerende Schäden an: Der Leichte Kreuzer Köln wurde getroffen und sank im flachen Wasser, elf U-Boote wurden versenkt und sieben beschädigt, viele Hafenanlagen wurden zerstört. Während der Einsatz für die Eighth Air Force weitgehend ereignislos verlief, geriet einer der beteiligten Mustang-Piloten bald in Schwierigkeiten und setzte eine Reihe von Ereignissen in Gang, die schließlich dazu führten, dass deutsche Düsenjäger ein alliiertes Flugboot zerstörten.

ALLIIERTE LUFTRETTUNG ZUR SEE

Im Frühjahr 1945 war die in Großbritannien ansässige alliierte Seenotrettungsorganisation ASR (Air Sea Rescue) sehr effizient und hatte sich für Hunderte von Jäger- und Bomberbesatzungen, die in Not geraten waren, als echtes Geschenk des Himmels erwiesen. Zunächst verließen sich die Amerikaner auf den seit langem etablierten britischen Seenotrettungsdienst, doch im Laufe des Jahres 1944 entwickelten sie ihre eigene Organisation, um den im Kanal oder in der Nordsee notgelandeten Angehörigen der Eighth Air Force zu helfen. Eine dieser Einheiten war die 5th Emer- gency Rescue Squadron (ERS), die in Halesworth, Suffolk, stationiert war und aus abgeflogenen P-47Ds, einigen in Kanada gebauten Catalinas (offiziell als OA-10A Canso bezeichnet) und einem halben Dutzend B-17s bestand. Die P-47 und die B-17 konnten Beiboote beziehungsweise Rettungsboote absetzen, die Catalinas waren in der Lage, selbst zu landen und Rettungsaktionen durchzuführen. Auf britischer Seite war die No. 280 Squadron in Beccles stationiert, nur elf Kilometer von der 5th ERS entfernt, sie verfügte über zweimo-torige Vickers Warwick, die ebenfalls Rettungsboote und Beiboote absetzen konnte. Die No. 280 Squadron war eine typisch bunt gemischte Royal-Air-Force-Einheit mit britischem, australischem, neuseeländischem, kanadischem und amerikanischem fliegendem Personal in Stärke.

Manchmal gerieten die ASR-Einheiten in prekäre Situationen und waren dann selbst auf Rettung angewiesen. So zum Beispiel am 30. März, als Leutnant Hicks von der 5. ERS die Catalina 44-33917 „Going My Way“ auf der Nordsee landete, um eine Liberator-Besatzung zu retten. Das Flugboot wurde jedoch durch die rauen Bedingungen beschädigt, so wurden die Retter bald zu Geretteten, als ein britisches Schnellboot (HSL) sie am Abend erreichte, begleitet von mehreren Warwicks der No. 280 Squadron.

MUSTANG IM WASSER

Eines der alliierten Flugzeuge, die der bedrängten Besatzung von Leutnant Hicks zu Hilfe kamen, war die Catalina 44-33915 „Miss Pick Up“ der 5. ERS, die von Leutnant John V. Lapenas gesteuert wurde. Lapenas und seine Besatzung hatten ihre Kameraden geortet, versuchten aber wegen des hohen Seegangs nicht zu landen. Um 16.00 Uhr, als sie über dem Gebiet kreisten, wurden sie über eine nicht weit entfernte, abgestürzte Mustang informiert und flogen in diese Richtung. Der Pilot in Schwierigkeiten war Lt. Daniel N. Myers von der 363rd FS / 357th FG. Seine neue P-51 Mustang 44-72328 hatte auf dem Rückflug von Deutschland einen Motorschaden erlitten und war im eiskalten Nordseewasser notgewassert, nur sieben Kilometer nördlich der von den Deutschen besetzten Insel Schiermonnikoog. Myers greift die Geschichte auf:

„Plötzlich flog ich in einer Wolke, an einem wolkenlosen Himmel, und mein Motor kam kreischend zum Stillstand. Ich wusste sofort, was passiert war, denn ich hatte es schon bei anderen gesehen. Der Thermostat klemmte und die Kühlflüssigkeit kochte über. Wir befanden uns auf 18000 Fuß, also hatte ich etwas Zeit zum Nachdenken. Ich vergewisserte mich, dass mein Fallschirm, mein Beiboot und meine Mae West (Rettungsweste) richtig befestigt waren, öffnete die Kabinenhaube und stieß mich aus dem Flugzeug. Sofort schlug ich mit dem Bauch gegen das Leitwerk, was zwar weh tat, aber dank der vielen Sit-ups, die wir während unserer Ausbildung gemacht hatten, keinen Schaden anrichtete.“

Myers landete im Wasser, blies sein Schlauchboot auf, konnte es aber nicht aufrichten. Schließlich kletterte er einfach auf das umgedrehte Boot und wartete auf Rettung. John Lapenas und seine Eskorte aus zwei Mustangs erreichten die gemeldete Position und entdeckten in der nahenden Dunkelheit die von Myers abgefeuerten Leuchtraketen. Die Catalina landete bei starkem Wellengang, aber es stellte sich bald heraus, dass der Steuerbordmotor aufgrund einer geplatzten Ölleitung ausgefallen war. Nun trieben sowohl Myers in seinem Beiboot als auch die Besatzung der „Miss Pick Up“ kurz vor der feindlichen Küste, während es Nacht geworden war. Die seekrank gewordene Catalina-Besatzung rollte mit ihrem einzigen Motor in nordwestlicher Richtung vom feindlichen Gebiet weg und überließ Myers seinem Schicksal. Der Mustang-Pilot erinnerte sich später: „(...) da ich nichts anderes tun konnte, tat ich das, was ich am besten kann, und schlief ein.“ Myers trieb bald darauf an Land und wurde von den Deutschen gefangen genommen.

31. MÄRZ 1945: DER EINSATZ DES BOMBER COMMAND

Während Dan Myers in den frühen Morgenstunden des 31. März in die Gefangenschaft abdriftete und die Besatzung der „Miss Pick Up“ eine schwierige Nacht an Bord ihrer angeschlagenen Catalina erlebte, bereiteten sich die Alliierten auf einen weiteren Großangriff auf Ziele in Norddeutschland vor. Diesmal waren die Briten an der Reihe. Das Bomber Command der RAF, das sich in der Mitte des Krieges durch nächtliche Angriffe auf deutsche Städte einen Namen gemacht hatte, flog in den letzten Kriegsmonaten zunehmend mehr Bombeneinsätze bei Tageslicht. Am 31. März schickte das Bomber Command 469 Avro Lancasters, Handley Page Halifax und de Havilland Mosquitos gegen die U-Boot-Werft Blohm und Voss in Hamburg. Sie starteten im Morgengrauen mit einer Eskorte von 181 Jägern, die vom Fighter Command der RAF gestellt wurden. Wie schon am Vortag entdeckten die Deutschen die Bomberformation früh; insgesamt 38 Me 262 des JG 7 und des KG (J) 54 waren der Luftwaffenwiderstand gegen den Angriff. Pilot Hermann Buchner der III./JG 7 schrieb später:

„Am 31. März gab es für uns etwas Neues – ein frühes Gerangel. Wir waren noch beim Frühstück im Speisesaal und das Wetter war nicht sehr gut. Die Wolkenbasis war 150–200 Meter über dem Boden. (...) Wir klettern in enger Formation in die Wolken hinein, in Richtung Westen. (...) Als wir näher kamen, konnten wir deutlich erkennen, um was für Bomber es sich handelte – RAF Lancaster –, die auf dem Weg waren, Hamburg anzugreifen.“

Die Bomber warfen ihre tödliche Ladung durch die Wolkendecke hindurch ab, richteten aber nur wenig Schaden an den geplanten Zielen an. Als die Briten das Zielgebiet verließen, wurde die leicht verteidigte Rückseite des Bomberstroms von den deutschen Düsenjägern unter Beschuss genommen. An diesem Morgen gingen elf schwere RAF-Bomber durch Düsenjäger und Flakfeuer verloren. Es war der erfolgreichste Einsatz des JG 7 während des gesamten Krieges, doch die Verlustquote des Bomber Command betrug nur 2,3 Prozent.

Während der Kampf um Leben und Tod über Norddeutschland tobte, trieb die Besatzung von „Miss Pick Up“ weiterhin in ihrer angeschlagenen Catalina vor den Friesischen Inseln. Es wurden jedoch intensive Bemühungen unternommen, sie und Leutnant Myers zu finden und zu retten. Um 5.56 Uhr startete die Warwick HG137 „Z“ der No. 280 Squad- ron mit einem Rettungsboot, begleitet von vier Mustangs der 479th FG, und nach einer zweistündigen Suche wurde das Rettungsboot um 09:00 Uhr abgesetzt. Als die Warwick-Besatzung jedoch Funkkontakt mit der Catalina aufnahm, stellte sie fest, dass das Rettungsboot nach der Kollision mit dem Amphibienboot auseinanderbrach und die See zu rau war, als dass Lapenas und seine Besatzung an Bord gehen konnten, so dass sie sich dafür entschieden, in der relativ komfortablen „Miss Pick Up“ zu bleiben.

EIN FLIEGENDES BOOT ZERSTÖRT

Der Zufluchtsort von John Lapenas und seiner Besatzung sollte jedoch bald zerstört werden, und zwar durch einen höchst unwahrscheinlichen Schuldigen. Die Deutschen hatten die Luft- und Seeaktivitäten in der Nähe ihres Territoriums bemerkt, daraufhin wurden drei Me 262 der I./JG 7 von Kaltenkirchen aus in die Luft geschickt. Die 250 Kilometer von Kaltenkirchen bis zur „Miss Pick Up“ wurden sehr schnell zurückgelegt; die deutschen Piloten konnten das Wetter mit tief hängender Wolkendecke nutzen, um sich anzuschleichen und das Flugboot anzugreifen. Vier Mustangs der 362nd FS/357th FG gaben zu diesem Zeitpunkt Deckung, entdeckten die unwillkommenen Eindringlinge aber erst, als es schon zu spät war. Die deutsche 30-mm-Kanone MK 108 machte kurzen Prozess mit der Catalina – und die Me 262 flog davon. Es wird angenommen, dass der erfolgreiche deutsche Pilot in dieser Begegnung Leutnant Hans-Dieter „Haddi“ Weiss von I./JG 7 war, ein ehemaliger Fluglehrer.

Die Mustangs nahmen die Verfolgung auf. Major Leonard K. „Kit“ Carson, der 22 Siege errang, erinnert sich: „Ich habe sie nicht Beschädigungen wie diese zerschossenen Querruder an der Boeing B-17 Flying Fortress waren noch die geringsten Schäden an den schweren Bombern, gesehen, bevor sie unter mir vorbeiflogen, und obwohl ich meinen beiden verbliebenen Flügelmännern über Funk zugerufen habe und wir alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, war es unmöglich, sie abzufangen und abzuschneiden. Beide 262er feuerten bereits auf die Catalina, als ich den Formationsführer ins Visier nehmen konnte, und selbst dann war es nur ein Ablenkungsschuss auf große Entfernung.“ Major Carson und 1/Lt. Becraft meldeten jeweils eine Me 262, die fünfzehn Meilen nördlich der Insel Juist beschädigt worden war, aber diese Angaben waren hinsichtlich fliehender Düsenjäger etwas optimistisch.

Unterdessen war die Catalina auf dem Meer durch die 30-mm-Kanonengranaten katastrophal beschädigt worden. Der Rumpf war durchlöchert, der Backbordflügel beschädigt und das Leitwerk komplett abgeschossen worden. Lapenas und seine Männer kletterten daraufhin aus dem sinkenden Flugboot und gingen an Bord von drei Beibooten, wie es in ihrem offiziellen Bericht heißt. Was die sechs Amerikaner nicht wussten, war, dass damit eine lange Tortur in der Nordsee begann.

Obwohl der Beschuss als Sieg für das JG 7 gewertet wurde, hielt „Kit“ Carson nicht viel von dem hinterhältigen deutschen Angriff:

„Die Wassertemperatur liegt nicht viel über dem Gefrierpunkt, und es gab keinen Grund für die Deutschen, anzugreifen. Diese Männer waren unbewaffnet und kampfunfähig, also aus dem Geschäft. Wenn sie die Rettung oder die Mustangs angreifen wollten – gut. Aber eine unbewaffnete gerissene Ente wie die Catalina stellte für niemanden eine Bedrohung dar – und die Luftwaffe wusste, dass sie unbewaffnet war.“

RETTUNGSVERSUCHE

Nachdem sich die Situation dramatisch verändert hatte, erreichte die Warwick HG208 „Y2“ der No. 280 Squadron um 13:10 Uhr mit einer Eskorte von drei Mustangs die gemeldete Position der Catalina und entdeckte drei zusammengezurrte Beiboote mit sechs Überlebenden. Der australische F/O. John R. Maxwell warf um 13.50 Uhr ein weiteres Rettungsboot ab und 25 Minuten später das Lindholme Gear. Das Lindholme Gear war ein Notausrüstungspaket in fünf Containern, in einem befand sich ein Neun-Mann-Schlauchboot, die anderen enthielten Notnahrung und Kleidung. Bei dieser Gelegenheit schoss das Lindholme Gear 90 Meter über das Ziel hinaus, aber die gesamte Catalina-Besatzung war um 14.55 Uhr an Bord des Rettungsbootes.

Doch dann gab es ein weiteres Problem für John Lapenas und seine Männer, denn der Motor des Rettungsbootes ließ sich nicht starten! Gegen Abend besserte sich die Lage, als die Warwick HG123 „A“ eintraf, um die Situation zu überwachen, und eine der B-17 der 5. ERS ein Higgins Airborne Lifeboat absetzte – der erste Einsatz dieser Ausrüstung. Die Besatzung bestieg ihr neues Boot und machte sich bei schwerer See auf den Weg, wobei sie von einer Warwick zu den sich nähernden Rettungsschiffen geleitet wurde.

Um 19.25 Uhr brach der Kontakt zu den Überlebenden jedoch wegen schlechter Sicht ab – sie wurden erst nach drei Tagen wiedergesehen. Die 5th ERS und die Warwicks der No. 280 Squadron flogen am 1. April zahlreiche Einsätze bei schlechtem Wetter und schlechter Sicht, begleitet von Mustang-Jägern, aber die Catalina-Besatzung wurde nicht wiedergefunden. Am nächsten Tag wiederholte sich die Situation, Lapenas und seine Crew berichteten: „Das Wetter blieb den ganzen Sonntag über gleich, und das Meer auch. Alles und jeder war klatschnass und es war unmöglich, sich trocken zu halten. Es war bit- terkalt und einige der Männer machten sich Sorgen um ihre Füße. Diese waren taub.“

Am Morgen des 3. April besserte sich das Wetter endlich, aber da war der Motor des Rettungsbootes ausgefallen. Gegen 10.50 Uhr entdeckten zwei Warwicks der No. 280 Squadron die sehr erleichterte Catalina-Besatzung. Treibstoffkanister wurden abgeworfen und an Bord genommen, aber Lapenas und seine Männer konnten den Motor weiterhin nicht starten. In der Nacht vom 3. auf den 4. April drifteten sie weiter. Erst um 7.45 Uhr erreichten zwei britische Barkassen die amerikanischen Flieger, die am Morgen des 5. April in Yarmouth ankamen. Die Catalina-Besatzung hatte außerordentliches Glück gehabt, die lange Tortur auf See zu überleben. Daniel Myers, dessen Absprung über der Nordsee die ganze Episode ausgelöst hatte, überlebte seine kurze Gefangenschaft und starb im Dezember 2004.

FAZIT

Die schnittige Messerschmitt 262 und die schwerfällige Consolidated Catalina waren sehr untypische Gegner, aber für ein paar kurze Sekunden am Vormittag des 31. März 1945 fanden sich diese beiden Flugzeugtypen in einem Duell wieder. Die Begegnung war einseitig und bildete nur einen kleinen Teil einer faszinierenden Gesamtgeschichte, die von Bombenangriffen, Rettungsaktionen, schlechtem Wetter, Tapferkeit und Rettung handelt. Ob der Beschuss einer Rettungsaktion vertretbar war, steht auf einem anderen Blatt. • •