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Angriffe auf die Chancengleichheit


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WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 185/2022 vom 01.03.2022

In ihrem Buch Backlash: The Undeclared War Against American Women, einem der bekanntesten Werke zum organisierten und gesellschaftlichen Widerstand gegen Frauenrechte und die feministische Bewegung, schreibt die US-amerikanische Wissenschaftlerin Susan Faludi: “a backlash against women’s rights is (…) a recurring phenomenon: it returns every time women begin to make some headway towards equality, a seemingly inevitable early frost to the brief flowerings of feminism”. 1 Der Widerstand gegen feministische Errungenschaften kann laut Faludi also fast schon als historische Kraft verstanden werden, die, wie Faludi in ihrer Analyse der amerikanischen Frauenbewegung aufzeigt, mit jeder der sogenannten feministischen Mobilisierungswellen einhergegangen ist.

Faludis Buch erschien zu Beginn der 1990er Jahre. Seitdem hat sich in Bezug auf feministische Kernanliegen wie Gendergerechtigkeit und ...

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Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 185/2022

?Weibliche Bedrohung? ? die verzerrte Sicht der Antifeminist*innen
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... Gleichberechtigung einiges getan: 2001 führten die Niederlande als erstes Land die gleichgeschlechtliche Ehe ein – heute ist diese in 31 Ländern gesetzlich verankert. 2 Abtreibung ist mittlerweile in 72 Ländern „auf Wunsch“ (im Gegensatz zu „im medizinischen Notfall“ oder „aufgrund wirtschaftlicher und sozialer Gründe“) gestattet. 2018 sorgte #metoo mit der bislang größten Online-Kampagne zu sexueller Belästigung für Schlagzeilen und juristische Konsequenzen für Täter*innen.

Und Ende 2021 führte Frankreich ein offizielles geschlechtsneutrales Pronomen (iel) ein. Das alles sind positive Errungenschaften der feministischen Bewegung, die zu sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit beitragen.

Antifeministischer Widerstand

Wie von Faludi antizipiert, wurde jedoch jeder dieser Fortschritte auch von gesellschaftlichen Gegenmobilisierungen begleitet. Diese nahmen je nach Thematik und Zeitgeist unterschiedliche Formen und Ausprägungen an. Von großflächigen Anti-Gender-Protesten, die Mitte der 2010er Jahre in verschiedenen europäischen und südamerikanischen Ländern für Aufsehen sorgten, über Online-Aktionen wie der die #metoo-Bewegung begleitende Hashtag #notallmen, der zum Teil genau diejenigen Belästigungsproblematiken reproduzierte, gegen die #metoo sich richtete, bis hin zu den radikalen antifeministischen, misogynen Foren der sogenannten „Manosphere“. Die „Manosphere“ ist ein loser Zusammenschluss von online communities, die in den letzten Jahren mit mehreren misogynen und antifeministischen Vorfällen in Verbindung gebracht wurden. Ein besonders bekanntes Beispiel hierfür ist die sogenannte „Gamergate“-Kontroverse; eine 2014 organisierte Belästigungskampagne aus Vergewaltigungs-und Morddrohungen, die sich gegen Frauen und nicht-binäre Personen in der Gamer-Community richtete. Teile der „Manosphere“ stehen zudem auch in Verbindung mit gewaltvollen Vorfällen offline. Mittlerweile werden Terroranschläge in Europa und Nordamerika mit Theorien und Individuen in der sogenannten Incel-Szene in Verbindung gebracht. 3

Bei einer Vorlesung an der Universität Potsdam, die ich Anfang dieses Jahres gehalten habe, fragte eine Person unter den Zuhörenden, wie groß denn die Problematik des Antifeminismus einzuschätzen sei – ob man das Ganze nicht irgendwie eingrenzen und quantifizieren könnte. Wie aus den vorangegangenen kurzen Einblicken in verschiedene Formen und Folgen antifeministischer Mobilisierung hervorgeht, ist das leider alles andere als einfach. Allerdings gibt es durchaus einige Eigenschaften und Strategien, die antifeministische Bewegungen ausmachen und ihnen ermöglichen, sich über Grenzen hinweg zu verbünden. Ein besseres Verständnis solcher antifeministischen Mobilisierungsdynamiken kann dabei helfen, das Phänomen etwas besser einzugrenzen und mögliche Gegenstrategien zu formulieren.

Ob radikale Online-Subkultur oder großflächiger Massenprotest – was antifeministische Bewegungen eint, ist, dass sich in ihnen Menschen wiederfinden, die sich durch die erkämpften Rechte anderer bedroht sehen. In der französischen Anti-Gender Bewegung „Manif pour tous“ war beispielsweise die Vorstellung, dass die Einführung der Ehe für alle eine Bedrohung für die Ehe zwischen Mann und Frau darstellt, ein zentrales Mobilisierungsmotiv. Andere übliche antifeministische Narrative stellen Feminist*innen als Männerhasser*innen dar, deklarieren das weibliche Recht auf Arbeit und Politiken wie die Frauenquote als Auslöser für Massenarbeitslosigkeit und verstehen #metoo als Gefahr für Romantik und das Recht zu flirten. Dies sind nur ein paar Beispiele für die für den Antifeminismus essentielle Idee einer Nullsummenlogik, in der die Ausweitung von Rechten anderer zwangsläufig mit einem Verlust eigener Rechte und Chancen einhergeht. Feministische Forderungen nach Chancengleichheit werden damit als Angriff auf die eigene Position in der Gesellschaft gesehen und gehen für Antifeminist*innen daher häufig „zu weit“.

3 “Incel” steht für ‘Involuntary Celibate’ (unfreiwilliges Zölibat). „Incels“ sind eine Untergruppierung der Manosphere, deren Ideologie auf einer hierarchischen Gesellschaftskonstruktion basiert, in der Incels als besonders benachteiligt verstanden werden. Mehr zur Ideologie und Geschichte der Incel-Bewegung, sowie zur Verbindung der Bewegung zu verschiedenen Terroranschlägen hier: Kelly, Megan / DiBranco, Alex /DeCook, Julia R. (2021): Misogynist Incels and Male Supremacism. Political Reform, vgl. https://www.newamerica.org/political-reform/reports/misogynist-incels-and-male-supremacism/.

Die Politik der Angst

Um diese Bedrohung zu veranschaulichen, knüpfen antifeministische Gruppierungen wiederum an lokale spezifische Ängste und Gegebenheiten an. Diese werden dann in Bezug zu feministischen Zielen und Bewegungen gesetzt und so zu einer globalen Bedrohung der eigenen Lebensrealität stilisiert. In einer meiner Analysen habe ich in einem Vergleich russischer, indischer und US-amerikanischer antifeministischer Narrative diese Dynamiken zwischen lokalen und globalen Bedrohungsaspekten herausarbeiten können. In allen drei Kontexten wurde auf lokale Problematiken für Männer, wie beispielsweise auf Alkoholismus und Suizidraten in Russland, hohe Scheidungsraten und Sorgerechtsstreitfälle für Väter in Indien und erhöhte Arbeitslosigkeit in den USA Bezug genommen. Statt jedoch die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Ursachen für diese Problematiken zu beleuchten und politische Forderungen für deren Bekämpfung zu stellen, wird in antifeministischen Diskursen eindimensional „der globale Feminismus“ als Ursache benannt. Durch diese rhetorische Verbindung von negativen individuellen Erfahrungen und einem universellen und eindimensionalen Feindbild sind antifeministische Gruppierungen in der Lage, an verschiedene konkrete Reformen und Gegebenheiten anzudocken, aber gleichzeitig überregionale Verbindungen aufzubauen. 4

Die Zentralität des Bedrohungsnarrativs für die Mobilisierung von antifeministischen Diskursen bildet zudem auch eine Grundlage für Synergien mit den Diskursen und Agenden diverser anderer Bewegungen. Verschiedene Wissenschaftler*innen haben gezeigt, dass die „Politik der Angst“ 5 ein zentrales Merkmal populistischer, extrem rechter und faschistischer Gruppierungen ist, die „aus der beschworenen Katastrophe überhaupt erst ihre Existenzberechtigung ziehen“. Durch die in antifeministischen

4 Rothermel, Ann-Kathrin (2020): Global-Local Dynamics in Antifeminist Discourses: An Analysis of Indian, Russian and US-American Online Communities. In: International Affairs 96, No. 5, S. 1367–85, vgl. https://doi.org/10.1093/ia/iiaa130. 5 Ruth Wodak, Ruth (2015): The Politics of Fear. What Right-Wing Populist Discourses Mean. Sage, Los Angeles. 6 Fielitz, Maik / Marcks, Holger (2020): Digitaler Faschismus. Die Sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus. Dudenverlag, Berlin.

Narrativen übliche Kombinationen aus einer Glorifizierung traditioneller Genderrollen und -hierarchien mit Bedrohungsszenarien für traditionelle und nationale Kultur-und Wertesysteme werden also Synergien mit einem ganzen Spektrum von konservativen, nationalistischen, fundamental-religiösen und faschistischen Diskursen geschaffen. Sowohl in russischen als auch US-amerikanischen antifeministische Bewegungen wird die vermeintliche Bedrohung durch den Feminismus beispielsweise mit einer Konstruktion des sogenannten „kulturellen Marxismus“ verknüpft, wodurch der Antifeminismus mit einer kulturell verwurzelten Angst vor dem Kommunismus bzw. der Rückkehr der Sowjetunion gekoppelt wird. So wird zum einen die konstruierte Bedrohung noch furchteinflößender, zum anderen entsteht hier eine Brücke zu bestehenden konservativen und rechten Diskursen im Mainstream. In Antifeminismus-Bewegungen in Indien und anderen ehemals kolonialisierten Ländern wird Feminismus wiederum häufig als eine Art westlich-imperialistisches Missionierungsnarrativ geframt. In Europa wiederum wird häufig an nationalistische, aber auch anti-neoliberale und Anti-Globalisierungsdiskurse angeknüpft und Gender als Ideologie der EU oder der UN deklariert. 7 In allen Fällen entsteht hier zusätzlich zum Bedrohungsgefühl auch eine Assoziation zwischen antifeministischem Aktivismus und vermeintlichen Freiheitsbestrebungen, was die Ziele der Bewegung für „besorgte Bürger*innen“ legitim erscheinen lassen soll – und den Anhänger*innen hilft, über die antidemokratischen, antiliberalen und menschenrechtsfeindlichen Effekte der von ihnen befürworteten Politik hinwegzusehen.

Zwischen Extremismus und Mainstream

Und darin liegt genau die Krux des Antifeminismus. Im Gegensatz dazu, wie es bei einigen durch Antifeminismus und Misogynie motivierten Attentaten häufig vermutet wird, handelt es sich dabei eben nicht um eine abgegrenzte radikale Bewegung. Radikale Bewegungen, wie diejenigen, die in der „Manosphere“ aktiv sind, stellen tatsächlich nur eine extreme Ausprägung eines gesellschaftlich weit verbreiteten Diskurses dar. In diesem Diskurs wird der feministische Ruf nach Chancengleichheit mit einem Gefühl der Bedrohung eigener Rechte und Privilegien in Verbindung gesetzt. Die Idee der Nullsummenlogik, in der es bei der Verteilung von Rechten zwangsläufig Gewinner*innen und Verlierer*innen geben muss, kann wiederum auf jahrhundertealte und immer wieder wirksam angepasste Rechtfertigungen für die patriarchale Grundordnung in allen Regionen der Welt aufbauen.

7 Korolczuk, Elżbieta / Graff, Agnieszka (2018): Gender as ‘Ebola from Brussels: The Anticolonial Frame and the Rise of Illiberal Populism. In: Signs: Journal of Women in Culture and Society 43, No. 4 (2018): 797–821, https://doi. org/10.1086/696691.

Das Schwierige am Antifeminismus ist also, dass er auf existierende diskriminierende Strukturen aufbauen kann, und dadurch sowohl eine Anbindung an den Mainstream als auch eine Brücke in den Rechtsextremismus darstellt. Für den Feminismus sowohl als Theorie als auch als Bewegung ergibt sich dadurch wiederum das Problem, dass er sich seit jeher mit beidem beschäftigen muss, dem radikalen gewalttätigen Backlash und den ihm zugrundeliegenden gesellschaftlichen Strukturen. Oder um mit Faludi zu sprechen: Solange der gesellschaftliche patriarchalische Grundgedanke im System weiterbesteht, wird es unweigerlich immer wieder zum Backlash kommen.