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Anmut und Anarchie


Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 193/2021 vom 23.11.2021

THEA STERNHEIM

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 193/2021

Bild links: DLA-Marbach; rechts: René-Gabriel Ojéda/RMN - Grand Palais/bpk/Succession H. Matisse/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die junge Frau konnte sich nicht sattsehen an ihrem neuen Bild. »In mein Zimmer hänge ich van Goghs Arlesierin. Es ist köstlich, Geld genug zu haben, um im Besitz eines solchen Kunstwerks zu sein. Der Gedanke packt mich plötzlich, dass die Arlesierin da allein in dem leeren Musikzimmer hängt; ich hole sie herbei und siehe da, sie erfüllt mit ihrem Wesen den ganzen Raum.« Das schrieb Thea Sternheim Ende Juli 1908 in ihr Tagebuch. Da war sie gerade in ein schlossähnliches Anwesen gezogen und hatte mit 24 Jahren schon einige Skandale hinter sich. Aufgewachsen im wohlhabenden Fabrikantenmilieu ihres rheinisch-katholischen Elternhauses war Thea Sternheim, geborene Bauer, bereits als 17-Jährige mit dem Anwalt Arthur Löwenstein durchgebrannt. Aus der jugendlichen Protestehe ging die erste Tochter Agnes und viel Langeweile hervor, sodass sich Thea schon bald in eine verhängnisvolle Affäre ...

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... mit dem Ehemann ihrer Internatsfreundin stürzte.

Carl Sternheim hieß der notorische Schürzenjäger, den sie als Dramatiker vergötterte, als Mann begehrte, aber dessen charakterliche Schwächen sie sich schonungslos bewusst machte. Er war der Vater ihrer zweiten Tochter Dorothea, genannt Mopsa, die noch unter dem Namen Löwenstein zur Welt kam. Völlig zerrissen zwischen ihrer Rolle als Mutter, Ehefrau und Geliebte wurde Thea 1907 schließlich geschieden – unter der erpresserischen Bedingung, ihre beiden kleinen Töchter zurückzulassen. Weder die Ehe mit Sternheim noch der neugeborene Sohn Klaus konnten sie über diesen Verlust und die damit verbundene Frage ihrer Schuld hinwegtrösten. Umso wichtiger wurden ihr Tagebuch und die »Nothelfer« ihres Lebens, die sie in Glauben, Literatur und Kunst fand.

Madame Ginoux, van Goghs »Arlésienne« vor leuchtend gelbem Hintergrund, heute im Musée d’Orsay, war Thea Sternheims erster Kunstkauf – Auftakt und Maßstab einer kleinen, aber herausragend qualitätvollen Sammlung von Géricault bis Picasso. Heute sind die Werke auf die wichtigsten Museen der Welt verteilt. Doch ist Sternheim nicht nur als Kunstkennerin von Bedeutung, sondern auch als Literatin. Ihr Tagebuch, das sie von 1903 bis zu ihrem Tod 1971 führte, zählt zu den wichtigsten und umfangreichsten Diarien des 20. Jahrhunderts. Auf fast 34 000 eng beschriebenen Seiten entfaltet sich darin nicht nur ein eigenständiges und unkonventionelles Frauenleben, sondern ein umfassendes Panorama, das die kulturelle Blüte dieser Zeit ebenso dokumentiert und analysiert wie die politischen Katastrophen.

Unter den dramatischen Umständen ihres Lebens wurde Sternheim zur Chronistin der Moderne, die sich mit den Schlüsselfragen ihrer Epoche auseinandersetzte. Ihre Reflexionen zur Rolle der modernen Frau, zur bildenden Kunst und Literatur, zu Theater und Kino, zum Pazifismus, Judentum, Katholizismus, Kommunismus, Antifaschismus und zu Europa faszinieren noch heute in der sprachlichen Brillanz und kritischen Treffsicherheit. Doch die Tagebücher sind nicht nur eine unerschöpfliche Fundgrube und Quelle, sondern gewähren darüber hinaus intime Einblicke in die Gefühle, Ambitionen und Zweifel einer Frau auf der intensiven Suche nach ihrer geschlechtsspezifischen Rolle und Identität.

Trotz dieses buchstäblichen Lebenswerks – vom Wallstein Verlag 2011 mustergültig herausgebracht – ist Thea Sternheim bis heute für die Außenwelt vor allem eines: die Ehefrau des damals umjubelten Dramatikers Carl Sternheim, dessen bissige Satiren auf die wilhelminische Gesellschaft immer wieder von Zensur und Skandalen begleitet waren, aber heute kaum noch auf dem Spielplan stehen. Mit ihm baute sie das repräsentative, dreißig Zimmer umfassende Haus »Bellemaison« bei München auf, wo neben der »Arlésienne« schon bald acht weitere van Goghs und je zwei Bilder von Renoir, Daumier und Gauguin hängen sollten. Mit ihrem progressiven Kunstgeschmack, der ganz im Gegensatz zur nationalkonservativen Kunstpolitik des Kaiserreichs stand, waren die Sternheims wichtige Leihgeber bei der Sonderbundausstellung 1912 in Köln, bei der sie Gauguins »Stillleben mit drei Hündchen« erwarben, das heute dem New Yorker MoMA gehört.

IM SELBEN JAHR KAM »Korb mit Orangen« von Matisse hinzu, das zeitgenössische Werk, das die Sternheims zu den ersten Sammlern des Malers in Deutschland machte. Beide Stillleben verbinden die radikale Aufsicht und Absage an eine räumliche Logik zugunsten einer ornamentalen Anordnung in der Fläche. In dem Attribut des »Primitiven«, das damals für die frühen Niederländer und Italiener gebräuchlich war, bündelt sich Theas Vorliebe für das Ursprüngliche, Unmittelbare und Urgewaltige, wie sie es bei all ihren großen Idolen bewunderte, angefangen von Grünewald, Bosch und Bruegel über den Zöllner Rousseau, van Gogh und Gauguin bis zu Matisse und Picasso.

Neben der Kunstbegeisterung verband Sternheim mit ihrem Mann aber auch die Vorliebe für die russischen und französischen Dichter, allen voran Flaubert und Tolstoi. Mit Carl feierte sie dessen Theatererfolge bei Max Reinhardt und Felix Holländer, sah Nijinski in Paris und Josephine Baker in Berlin tanzen, verkehrte in der Villa von Walther Rathenau genauso wie in der »Bellemaison« mit der intellektuellen und wirtschaftlichen Elite. Treffende Porträts ihrer Freunde und Gäste hat die scharfe Beobachterin nicht nur in ihrem Tagebuch, sondern auch mit der Kamera festgehalten. Denn als talentierte Amateurfotografin schuf Sternheim einige Meisterwerke moderner Porträtfotografie. Für kurze Zeit erfüllte sich in ihrer Ehe der Traum von einem Leben im Zentrum des pulsierenden Kulturbetriebs: Sternheim wurde zur unermüdlichen Mitarbeiterin, Muse und Mäzenin ihres Gatten, später auch eigenständige Autorin und Übersetzerin.

Doch schon bald geriet »das überirdische junge Liebesglück«, für das sie ihre erste Ehe und zunächst sogar ihre beiden Töchter aufzugeben bereit war, in die Niederungen von Carls Untreue, Egozentrik und zerrütteter Nerven. Aus der Fallhöhe ihrer abgrundtiefen Enttäuschung drängte sich Thea nicht zum ersten Mal ein literarischer Vergleich auf: »Anna Karenina von Tolstoi. Frappante Ähnlichkeit mit meinem Schicksal. Ist’s an manchen Stellen nicht, als läse ich meine aufgezeichneten Gedanken?«

Schon 1912 musste die »Bellemaison«, zwei Jahre später sogar die geliebte »Arlésienne« verkauft werden, weil sich Thea für die Verluste aus den unseriösen Geschäften ihres Schwiegervaters heranziehen ließ. Die Sternheims zogen nun in die Nähe von Brüssel, das Thea seit ihrer dort verbrachten Internatszeit ganz besonders liebte. Bei den belgischen Symbolisten und frühen Niederländern fand sie eine Form der Spiritualität, die ihrem Hang zur Mystik entgegenkam. Gotik und Moderne waren die Epochen, die ihr Herz höher-schlagen ließen und ihren Geist beflügelten. Doch bald mussten die Sternheims den Einmarsch der deutschen Truppen in das neutrale Belgien erleben und aus ihrer neuen Wahlheimat fliehen.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erwachte Theas politisches Bewusstsein, und sie wurde zur überzeugten Pazifistin. Unter dem Eindruck der militärischen wie der ehelichen Kämpfe wählte sie 1916 den Vorsatz aus van Goghs Briefen als Motto für ihr 33. Lebensjahr: »Ich will nicht Gewalt antun und will nicht verlassen!« Als fehlte noch ein Leitbild für ihren Vorsatz, erwarben die Sternheims in der Kunsthandlung Cassirer van Goghs »Briefträger Roulin«. »Ja, dies Bild müssen wir haben! Das ist nicht nur ein herrliches Kunstwerk. Das ist ein Stück Leben aus Vincents Leben, Andenken eines gütigen Mannes.« Mit seiner frontalen Sitzhaltung, dem eindringlichen Blick und den riesigen Händen nimmt der Postbote nicht nur das ganze Bild, sondern auch den Betrachter vollständig ein für seine unbekannte Lebensgeschichte. Thea Sternheims literarisches Naturell machte sie auch in der bildenden Kunst empfänglicher für die großen Erzählungen als für die formalen Abstraktionen. Wie es der Zufall wollte, lieferte der Galerist Alfred Flechtheim mit Gauguins Porträt eines betenden Mädchens das Gegenstück zu van Goghs blauem Postboten ins Haus, mit dem es die »rührende Einfalt und Güte« und bildfüllende Komposition teilt. Gleichzeitig verkörperte Gauguins gelbes »Bretonisches Mädchen beim Beten« geradezu die Protagonistin aus Thea Sternheims pazifistischer Erzählung »Anna«, die 1917 bezeichnenderweise nur unter dem Namen ihres berühmten Mannes erscheinen konnte.

SO INSTABIL und streitbar wie die junge Weimarer Republik mit ihren häufigen Regierungswechseln verlief nach dem Krieg auch das Strindberg’sche Ehedrama der Sternheims mit ihren rastlosen Wohnortwechseln. Von Belgien ging es über die Schweizer Künstlerkolonie Uttwil am Bodensee, den Waldhof bei Dresden zurück nach Uttwil; immer wieder Abstecher nach Berlin, wo Thea zusammen mit ihren Kindern in das schillernde Großstadtleben der Roaring Twenties eintauchte. Unter all ihren Künstlerfreunden bewunderte sie niemanden so sehr wie Gottfried Benn, von dem sie sich staunend fragte: »Wie kommt sein Wortschatz so ins Blühen?« Seit 1917 war sie dem Dichter und Arzt ihres Mannes eng verbunden, was diesen allerdings nicht daran hinderte, eine kurze Affäre mit ihrer Tochter Mopsa anzufangen.

Der Tanz auf dem Vulkan fand ein jähes Ende am 25. November 1927, als sich die Familie Sternheim zu Theas 44. Geburtstag im Hotel Adlon zum Mittagessen traf und ihr Gatte es noch nicht einmal für nötig befand, seiner Frau zu gratulieren. Nach zwanzig Ehejahren reichte Thea Sternheim die Scheidung ein und zog nach Berlin. Während sie Halt und Trost in katholischen Kreisen suchte, verloren sich die Sternheim-Kinder zunehmend in ihrer Vergnügungs- und Drogensucht. Nicht nur deren Libertinage und Ziellosigkeit verfolgte Thea Sternheim mit wachsender Sorge, sondern auch den erstarkenden Nationalsozialismus und die zunehmenden Übergriffe auf ihre jüdischen Freunde. Bereits 1924 sah sie die bedrohliche Entwicklung: »Es spitzt sich die politische Situation unbedingt zum Faszismus zu. Für eine Mark werden öffentlich Hitlerbroschüren feilgeboten, in denen der verrückt gewordene Anstreicher zum Nationalhelden proklamiert wird. Reaktionäre Zeitungen an jeder Straßenecke. Es riecht geradezu nach Nibelungenlied und Teutschtum.«

Sechs Jahre später empfand Thea Sternheim nur noch eine »unbeschreibliche ansteigende Düsterkeit. Europa – vorzüglich Deutschland in der Nachfolge Italiens und Russlands eine Gefängniszelle par excellence. Der Abbau von allem, was ich köstlich und sinnvoll fand, hat mit Vehemenz eingesetzt.« Auch ihr Vermögen hatte durch Inflation, Scheidung und Weltwirtschaftskrise erhebliche Einbußen erlitten, sodass ein bedeutendes Van-Gogh-Bild nach dem anderen verkauft werden musste, angefangen von dem »Postboten Roulin« bis zum »Liebespaar im Dichtergarten«, das 1929 über Flechtheim für 100 000 Mark an die Berliner Nationalgalerie veräußert wurde. In ihrer Not akzeptierte Thea Sternheim eine Anzahlung von 20 000 Mark, da sie nicht ahnen konnte, dass die Zahlungen 1933 eingestellt würden, das Bild 1937 als »entartet« beschlagnahmt und 1938 von Hermann Göring zum Verkauf annektiert wurde. Es ist bis heute verschollen.

Immer klarer wurde Sternheim, dass sie in Deutschland nicht mehr weiterleben wollte. Auch ohne direkt verfolgt zu sein, entschloss sie sich zehn Monate vor Hitlers Machtergreifung, nach Paris zu emigrieren, wo sie dreißig Jahre lang bleiben sollte. Hier notierte sie am 30. Januar 1933: »Die Abendzeitungen: Hitler Reichskanzler. Diese geistige Erniedrigung fehlt noch zu allen voraufgegangenen. Sie fehlte noch! Ich gehe heim. Erbreche.«

»Gauguins Mädchen ist von rührender Einfalt. Das Gelb des Kleides und des Haares laufen wunderlich zusammen.«

Tagebuch, 5. März 1916

Dank ihrer Zweisprachigkeit und der Freundschaft mit André Gide fand sie als eine der wenigen deutschen Exilanten schnell Anschluss an die Pariser Künstler- und Intellektuellenkreise. In dem überaus einflussreichen und umstrittenen Kultautor, für den sie bereits ein Theaterstück übersetzt hatte, erkannte Thea Sternheim von Anfang an den Moralisten und Gottsucher, der wie sie für eine freigeistige Lebenshaltung fernab von überlieferten Moralvorstellungen stand. Unter den Emigranten aus der Heimat zählten Joseph Roth, Max Ernst, Heinrich Mann und die Fotografin Frieda Riess zu ihren engsten Freunden.

Mit wachsendem Schrecken verfolgte Sternheim den Siegeszug des Faschismus in Italien, Spanien und Deutschland. Bereits 1936 ahnte sie den Hitler-Stalin-Pakt, doch trotz ihrer Hellsichtigkeit vermochte auch sie sich nicht vor dem Krieg zu schützen und weigerte sich, mit ihrem Sohn Klaus nach Mexiko zu fliehen. Als die deutschen Truppen im Juni 1940 in Frankreich einmarschierten, wurde Thea Sternheim als feindliche Ausländerin im Lager Gurs interniert. Selbst dort führte sie ihr Tagebuch auf einem Notizblock weiter, um die unmenschlichen Zustände wenigstens in Worte zu bannen. »Die ganze Nacht hat’s weitergeregnet. Der Schlamm wird Tümpel u. Moor, die hindurchwatenden Gestalten sorgenvoller und grauer. Die Egalité der Trauer, die Fraternité der Mühsal, die Liberté im Drahtverhau. Ich habe mir offenbar die Blase erkältet, bin kaum fähig, Wasser zu halten.«

Nach zwei Monaten Lagerhaft kehrte sie in die nun deutsch besetzte Hauptstadt zurück, wo sie bald schon Zeugin der einsetzenden Judenverfolgung wurde. Überall herrschte Mangel, sodass sie Schmuck und Bilder verkaufen musste. Schweren Herzens trennte sie sich von ihrem geliebten Matisse-Stillleben. Umso größer war die Überraschung und Freude, als sie erfuhr, dass niemand geringerer als Pablo Picasso das Bild erworben hatte und er sie einlud, »ihr Stillleben« in seinem Atelier zu betrachten. Bei aller Not und Bedrängnis war Sternheim dankbar für die Freundschaftlichkeit, die ihr in Frankreich noch immer entgegengebracht wurde: »Das sind kostbare Erfahrungen, in den Perioden des Terrors erworben.« Aber auch ihre Familie blieb nicht verschont. 1944 wurde Mopsa wegen ihrer Unterstützung der Résistance ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Schwer gezeichnet überlebte sie Folter und Lagerhaft, während ihr Bruder Klaus in Mexiko nach jahrelangem Drogenkonsum an den Folgen einer Lungenentzündung zugrunde ging. Der Tod des geliebten Sohns in der Ferne erschütterte Sternheim in ihren Grundfesten.

NACH DEM KRIEG weigerte sich Sternheim, nach Deutschland zurückzukehren, sodass sie bis zu ihrem Lebensende staatenlos blieb. »Was mich betrifft, so hat dieser zweite Weltkrieg meinen Lebenswillen vollkommen verlöscht, die furchtbare Ideologie des Nationalsozialismus das letzte Zugehörigkeitsgefühl zum Deutschtum abgedrosselt. Und wenn ich an dieser Loslösung zugrunde gehen soll – ich mache nicht mit! Ich träume vom Pax vobiscum unseres Herrn als vom Passwort der Seligkeit«, schrieb sie im Januar 1945. Der wahre Glaube, um den sie zeitlebens genauso rang wie um die richtigen Worte, war wohl das tiefste und geheimnisvollste Fundament ihres Lebens. Derweil war ihre wirtschaftliche Grundlage in den ersten Nachkriegsjahren so desolat und prekär, dass sie 1949 schließlich auch noch ihren Picasso, »La soupe« aus der blauen Periode, verkaufen musste. Das Bild einer tief gebeugten Frau, die ihrem heraneilenden Kind einen dampfenden Teller Suppe reicht – Sinnbild von Armut und Entbehrung – wurde so zu ihrer buchstäblichen Nahrungsgrundlage.

In ihrer tiefen Skepsis jedem Staat und jedem Nationalismus gegenüber blieb Europa Sternheims geistige Heimat. Sie bewunderte die französische genauso wie die russische Literatur, die italienische wie die flämische Gotik. Europa war für sie »ein uraltes von Tränen und Träumen durchsetztes Kulturland«. Angesichts der neuen Vormachtstellung der USA fragte sie sich: »Ist es nicht höchste Zeit, dass sich die europäischen Völker zusammenschließen?« Noch vordringlicher war ihr aber: »Wie mit diesen Erfahrungen weiterleben, ohne sich vom Ekel vergiften zu lassen?« Nicht Siegerjustiz und Kollektivschuld, sondern Aufarbeitung, Wiedergutmachung und Vergebung waren ihre Schlüsselbegriffe für einen Neuanfang. Aufmerksam verfolgte sie die Kriegsverbrecherprozesse, später den Eichmann- und den Auschwitz-Prozess. Behutsam nahm sie den Kontakt zu Gottfried Benn wieder auf, den sie wegen seiner vorübergehenden Hinwendung zum Nationalsozialismus 1933 radikal abgebrochen hatte. Umso beglückender vollzog sich nach Jahren der Unterbrechung die Wiederannäherung an den alten Freund, der ihr 1952 zur Publikation ihres ersten und einzigen Romans »Sackgassen« im Limes Verlag verhalf.

Im programmatischen Titel offenbart sich ein von Fehlentscheidungen, Enttäuschungen und Schicksalsschlägen grundiertes Lebensgefühl, das aber seine Würde und Demut im Plural der neuen Anläufe und gescheiterten Bemühungen wahrt. Das Buch, an dem Sternheim über dreißig Jahre gearbeitet hatte, wurde ein Ach-tungs-, aber kein Publikumserfolg. Die »unwiderstehliche Sehnsucht nach Äußerung« und die »Lust am Schöpferischen«, die sie seit ihrer Jugend zum ständigen Schreiben, Redigieren und Übersetzen antrieben, dienten jedoch nicht nur der Selbstvergewisserung, sondern halfen Sternheim auch dabei, sich Katastrophen in ihrem Leben entgegenzustellen. So musste sie im Alter von 70 Jahren den Verlust ihres zweiten Kindes miterleben, als Mopsa, gezeichnet von KZ-Haft und Drogensucht, 1954 an Krebs starb.

Wer ihr blieb, war die Tochter Agnes aus erster Ehe, in deren Nähe sie die letzten Lebensjahre bis zu ihrem Tod 1971 in Basel verbrachte. Näher stand ihr jedoch der belgische Künstler Herman- Lucien de Cunsel, der ihr seit den Zwanzigerjahren als Freund und Ersatzsohn verbunden blieb. Neben Cunsel umgab sich Sternheim im Alter mit einer ganzen Reihe jüngerer homosexueller Männer aus dem Umkreis von André Gide. Sie verehrten sie für ihren lebendigen Schönheitssinn und ihre freigeistige Vorurteilslosigkeit, ihre heroische Standhaftigkeit und ausgesuchte Höflichkeit, ihre außergewöhnliche Lebenskraft und bis zuletzt fiebrige Neugier. Noch in ihren letzten Jahren widmete sie sich mit Vitalität und Disziplin dem Nachlass von Carl Sternheim, den sie wohlgeordnet wie ihre Tagebücher dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach überließ, aber auch Wiedergutmachungsprozessen, die ihr zusammen mit den Sternheim-Tantiemen ein bescheidenes Auskommen sicherten. Und Thea Sternheim schrieb ihre Lebenserinnerungen, die erst posthum erschienen. Es ist die Autobiografie eines weiblichen Aufbruchs, der sich zwischen »Anarchie und Frommsein«, wie sie es selbst charakterisierte, sowie auf der Suche nach unbedingter Wahrhaftigkeit in Liebe, Kunst und Glauben vollzog. Im Drama ihres Lebens spiegelte sich das Drama ihrer Epoche.

»Der von Carl bei Caspari um 50 000 Mark gekaufte Picasso kommt an. ›La soupe‹. Blau in Blau. Sehr schön. Sehr edel.«

Tagebuch, 12. April 1921