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ANTHROPOLOGIE: DIE LE TZTE IHRER GATTUNG


Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 23.03.2019

Warum hatHomo sapiens als einzige Menschenart bis heute überlebt? Ein Erfolgsrezept unserer Spezies lag im Nachwuchs, den wir mit anderen Frühmenschen zeugten.


Artikelbild für den Artikel "ANTHROPOLOGIE: DIE LE TZTE IHRER GATTUNG" aus der Ausgabe 4/2019 von Spektrum der Wissenschaft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 4/2019

GABRIELE MALTINTI / STOCK.ADOBE.COM; BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

Kate Wong ist leitende Redakteurin für Evolution und Ökologie bei »Scientific American«.


► spektrum.de/artikel/1626458

► In der Frühzeit desHomo sapiens wurden unsere Vorfahren in eine Welt hineingeboren, die uns heute völlig fremd erschiene – nicht etwa nur wegen des unterschiedlichen Klimas, der anderen Pflanzen und Tiere, sondern wegen der vielen verschiedenen ...

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► In der Frühzeit desHomo sapiens wurden unsere Vorfahren in eine Welt hineingeboren, die uns heute völlig fremd erschiene – nicht etwa nur wegen des unterschiedlichen Klimas, der anderen Pflanzen und Tiere, sondern wegen der vielen verschiedenen Menschenformen, denen sie vielleicht begegneten. Während des größten Teils der Existenz vonHomo sapiens wandelten mehrere Menschenspezies über die Erde: In Afrika, wo die Wurzeln unserer Art liegen, streifte auchHomo heidelbergensis mit seinem großen Gehirn herum, außerdemHomo naledi , dessen Gehirn wesentlich kleiner war. In Asien gab esHomo erectus sowie eine rätselhafte Gruppe, die als Denisova- Menschen bezeichnet wird, und späterHomo floresiensis , ein zwergenhaftes Wesen mit großen Füßen. In Europa und Westasien herrschten stämmige Neandertaler mit dicken Brauenwülsten. Und vermutlich gab es noch weitere Formen, die wir bisher nicht kennen.

Nach derzeitigem Wissensstand warHomo sapiens erst vor rund 40 000 Jahren allein – das einzig übrig gebliebene Mitglied einer einstmals unglaublich vielgestaltigen Familie aufrecht gehender Primaten, die zusammenfassend als Homininen bezeichnet werden. Wie kam es, dass unseresgleichen zur letzten Art der GattungHomo wurde?

Bis vor wenigen Jahren hatten Wissenschaftler dafür eine einfache Erklärung:Homo sapiens sei erst relativ spät in seiner heutigen Form in einer einzigen Region Afrikas entstanden und hätte sich von dort über die ganze übrige Alte Welt verbreitet. Dabei verdrängte er die Neandertaler und andere archaische Menschenspezies, denen er unterwegs begegnete. Nennenswerte artübergreifende Verbindungen hätte es nicht gegeben, sondern nur den vollständigen Austausch der alten Garde gegen die schlauen Neuankömmlinge, deren Aufstieg offensichtlich nicht auf- zuhalten war.

Aber nach neuen Fossilfunden, archäologischen Entdeckungen und genetischen Analysen mussten die Experten dieses Szenario überdenken. Heute sieht es so aus, als wäreHomo sapiens weitaus früher entstanden als zuvor geglaubt, und das möglicherweise an mehreren Orten in Afrika. Außerdem entwickelten sich einige seiner charakteristischen Eigenschaften – einschließlich mancher Aspekte des Gehirns – erst Stück für Stück. Darüber hinaus kristallisierte sich heraus, dass sichHomo sapiens durchaus mit den anderen Frühmenschen vermischte und dass diese Kreuzungen ein entscheidender Faktor für seinen Erfolg gewesen sein könnten. Insgesamt zeichnen solche Befunde ein weitaus komplizierteres Bild von unseren Ursprüngen, als viele Wissenschaftler es sich vorgestellt hatten – und in diesem Bild spielt schieres Glück für unsere Spezies eine wichtige Rolle.

Die Diskussionen über die Entstehung unserer Art drehten sich traditionell um zwei konkurrierende Modelle. Auf der einen Seite stand die Hypothese des späten afrikanischen Ursprungs (Out of Africa), die insbesondere der Paläoanthropologe Christopher Stringer vertrat: Demnach entstandHomo sapiens im Lauf der letzten 200 000 Jahre in Ost- oder Südafrika und verdrängte auf Grund seiner Überlegenheit weltweit die archaischen Homininenarten, ohne sich nennenswert mit ihnen zu kreuzen. Die zweite Theorie war das Modell der multiregionalen Evolution, formuliert von den Paläoanthropologen Milford Wolpoff, Wu Xinzhi und dem 2012 gestorbenen Alan Thorne. Sie unterstellt,Homo sapiens habe sich aus Neandertalern und anderen archaischen Menschenpopulationen aus der ganzen Alten Welt entwickelt, die durch Wanderung und Paarung verbunden waren. Nach dieser Vorstellung liegen die Wurzeln desHomo sapiens weitaus tiefer und reichen fast zwei Millionen Jahre in die Vergangenheit zurück.

Noch Anfang der 2000er Jahre sprach vieles für das Modell des späten afrikanischen Ursprungs: Analysen der DNA heutiger Menschen deuteten darauf hin, dass unsere Spezies vor nicht mehr als 200 000 Jahren entstanden ist. Die ältesten bekannten Fossilien, die unserer Art zugeschrieben wurden und aus den äthiopischen Fundstätten Omo und Herto stammten, wurden auf ein Alter von 195 000 beziehungsweise 160 000 Jahren datiert. Und Sequenzen der Mitochondrien-DNA (genetisches Material aus den Kraftwerken der Zellen) aus Neandertalerfossilien unterschieden sich von der heutiger Menschen – genau wie man es erwartet, wennHomo sapiens sich nicht mit den verdrängten archaischen Menschen gepaart hatte.

Ausgefeilte Steinwerkzeuge und symbolisches Denken läuten die Mittelsteinzeit ein
Allerdings passen nicht alle Befunde zu dieser Geschichte. Nach Ansicht vieler Archäologen kündigte eine kulturelle Periode, die in Afrika als Mittlere Steinzeit (Middle Stone Age) bezeichnet wird, das Auftauchen von Menschen an, die erstmals dachten wie wir. Vor diesem technischen Wandel stellten die archaischen Menschenarten überall in der Alten Welt mehr oder weniger gleichartige Steinwerkzeuge im so genannten Acheuléen-Stil her. Dabei entstanden klobige Faustkeile, indem man von einem Stein so viele Splitter abschlug, bis er die gewünschte Form hatte. Doch dann machten sich unsere Vorfahren ein neues Verfahren der Werkzeugherstellung zu eigen: Sie drehten den Prozess des Abschlagens um und konzentrierten sich auf die kleinen, scharfen Splitter, die sich von dem Kernstein lösten – eine effizientere Nutzung des Rohstoffs, die aber hochentwickelte Planung voraussetzte. Außerdem befestigten sie die scharfen Splitter an Handgriffen, so dass Speere und andere Wurfgeschosse entstanden. Und manche Menschen stellten jetzt nicht nur mittelsteinzeitliche Werkzeuge her, sondern auch Gegenstände mit symbolischem Wert wie schmückende Perlen aus Muschelschalen oder Farbstoffe zum Malen. Symbolisches Verhalten, zu dem ebenfalls Sprache gehört, gilt wiederum als charakteristisches Kennzeichen des modernen Geistes.

Dabei ergibt sich jedoch ein kleines Problem: Die ersten mittelsteinzeitlichen Werkzeuge wurden auf ein Alter von über 250 000 Jahren datiert – sie tauchten damit lange vor den frühesten Fossilien vonHomo sapiens auf, die weniger als 200 000 Jahre alt waren. Hatte eine andere Menschenart die Mittelsteinzeit erfunden, oder entwickelte sichHomo sapiens in Wirklichkeit viel eher, als es die Fossilfunde nahelegen?

2010 kam ein weiteres Problem hinzu. Genetiker um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropo- logie in Leipzig gaben bekannt, sie hätten DNA aus Zellkernen von Neandertalerfossilien gewonnen und sequenziert. Beim Vergleich mit dem genetischen Material von heutigen Menschen stellte sich heraus, dass Nichtafrikaner Neandertaler- Erbgut in sich tragen. Damit war klar:Homo sapiens und Neandertaler haben sich eben doch zumindest gelegentlich gepaart.

Der Hirnschädel (blau) aus Djebel Irhoud wirkt noch archaisch, ähnelt aber sonst dem eines anatomisch modernen Menschen.


Weitere Studien an sehr alten Genomen bestätigten, dass Neandertaler und auch andere archaische Populationen zum Genpool der heutigen Menschheit beitrugen. Und im Gegensatz zur Vorstellung, unsere Art sei innerhalb der letzten 200 000 Jahre entstanden, lässt die alte DNA darauf schließen: Neandertaler undHomo sapiens spalteten sich bereits beträchtlich früher von ihrem gemeinsamen Vorfahren ab, möglicherweise schon vor mehr als einer halben Million Jahre. Wenn das stimmt, liegt die Entstehung desHomo sapiens vielleicht mehr als doppelt so weit zurück, wie es die Fossilien vermuten lassen.

Funde von Djebel Irhoud in Marokko brachten die fossilen, kulturellen und genetischen Anhaltspunkte besser in Einklang – und unterstützten die neuen Ansichten über unsere Ursprünge. Als hier 1961 beim Barytbergbau die ersten Fossilien auftauchten, hielten Anthropologen sie für Neandertalerknochen, die etwa 40 000 Jahre alt seien. Doch durch weitere Ausgrabungen und Analysen in den Folgejahren mussten die Wissenschaftler ihre Haltung immer mehr revidieren. Im Juni 2017 präsentierten der Paläoanthropologe Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und seine Kollegen neue Fossilien sowie mittelsteinzeitliche Werkzeuge von der Fundstelle. Mit zwei Datierungsverfahren schätzten sie deren Alter auf rund 315 000 Jahre. Damit hatten die Wissenschaftler die bis dato ältesten Spuren desHomo sapiens und auch die ältesten Überreste mittelsteinzeitlicher Kultur aufgespürt: So reichen die fossilen Belege für unsere Spezies um mehr als 100 000 Jahre weiter als bisher vermutet in die Vergangenheit zurück und konnten mit dem frühesten belegten An- bruch der Mittelsteinzeit verknüpft werden.

Allerdings teilen nicht alle Fachleute die Ansicht, bei den Fossilien von Djebel Irhoud handele es sich umHomo sapiens . Manche glauben, die Funde könnten auch von einem engen Verwandten stammen. Aber wenn Hublin und seine Mitarbeiter mit der Identifizierung der Knochen richtig liegen, entstand die Kombination von Schädelmerkmalen, mit denen manHomo sapiens von anderen Menschenarten unterscheidet, nicht parallel mit der Herausbildung unserer Spezies, wie die Anhänger der Theorie des späten afrikanischen Ursprung angenommen hatten. So ähneln die Fossilien mit ihrem kleinen Gesicht anatomisch modernen Menschen. Der Hirnschädel erscheint allerdings verlängert wie bei archaischen Menschenarten und nicht kuppelförmig wie bei uns. In diesen unterschiedlichen Formen spiegeln sich Unterschiede in der Hirnorganisation wider: Im Vergleich zum anatomisch modernen Menschen hatten die Individuen von Djebel Irhoud einen kleineren Scheitellappen, der sensorische Reize verarbeitet, sowie ein kleineres Kleinhirn, das unter anderem an der Sprache und der zwischenmenschlichen Kognition mitwirkt.

Die Artefakte von Djebel Irhoud entsprechen auch nicht vollständig den Merkmalen der Mittelsteinzeit. Die dortigen Menschen stellten Steinwerkzeuge her, um Gazellen, die durch die Graslandschaften der heutigen Wüste streiften, zu jagen und zu zerlegen. Und sie machten Feuer, um vermutlich ihr Essen zu kochen und sich nachts zu wärmen. Aber sie hinterließen keinerlei Spuren symbolischer Ausdrucksfähigkeit.

Damit erscheinen die Menschen von Djebel Irhoud als nicht viel höher entwickelt als der Neandertaler oderHomo heidelbergensis . In der Evolutionslotterie würde man kaum auf sie wetten. Der früheHomo sapiens besaß zwar einige Neuerungen, aber »vor 300 000 Jahren gab es keine großen Veränderungen, die auf seinen späteren Erfolg hindeuteten«, meint der Archäologe Michael Petraglia vom Max-Planck- Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. »Am Anfang sahHomo sapiens aus wie jedermanns Freiwild.«

Ein gesamtafrikanisches Phänomen
In einem sind sich viele Fachleute einig: Das GesamtpaketHomo sapiens wurde erst irgendwann in der Zeit von vor 100 000 bis vor 40 000 Jahren geschnürt. Wodurch verwandelte sich in den davor liegenden 200 000 Jahren unsere Art von einem gewöhnlichen Homininen zu einem mächtigen Welteroberer? Wissenschaftler versuchen, dafür die Größe und Struktur der Population des frühenHomo sapiens heranzuziehen. In einem Beitrag von 2018 vertrat die Archäologin Eleanor Scerri, die inzwischen am Jenaer Max- Planck-Institut für Menschheitsgeschichte forscht, zusammen mit zahlreichen Koautoren, zu denen auch Stringer gehörte, ein Modell des afrikanischen Multiregionalismus. Wie die Wissenschaftler betonen, unterscheiden sich die ersten mutmaßlichen Repräsentanten unserer Art – Djebel Irhoud aus Marokko, Herto und Omo Kibish aus Äthiopien sowie der Teilschädel Florisbad aus Südafrika – untereinander wesentlich stärker als heutige Menschen. Die Unterschiede sind so groß, dass manche Forscher sie sogar als verschiedene Arten oder Unterarten interpretieren. »Aber vielleicht war der früheHomo sapiens auch einfach nur irrwitzig vielgestaltig«, vermutet Scerri. Und möglicherweise, so erklärt sie weiter, sei die Suche nach einem einzigen Ursprung für unsere Spezies, auf die sich viele Wissenschaftler begeben haben, ein fruchtloses Unterfangen.

Nach Ansicht von Scerri und ihren Kollegen stützen die neuesten paläontologischen, archäologischen und genetischen Erkenntnisse immer weniger die These vom einzigen Ursprung desHomo sapiens , sondern seine Entstehung entpuppt sich vielmehr als gesamtafrikanisches Phänomen. Statt sich als kleine Population irgendwo in Afrika zu entwickeln, so vermuten die Forscher, kristallisierte sich unsere Spezies aus einer umfangreichen Bevölkerung heraus, die in Grüppchen aufgeteilt war und sich über den ganzen riesigen afrikanischen Kontinent verteilte. Diese Subpopulationen blieben häufig jahrtausendelang durch große Entfernungen und ökologische Schranken wie etwa Wüsten mehr oder weniger isoliert. In solchen Phasen entwickelte jede Gruppe eigene biologische und technische Anpassungen an die jeweilige ökologische Nische, sei es eine trockene Savanne, ein tropischer Regenwald oder die Meeresküste. Hin und wieder jedoch gerieten die Gruppen in Kontakt, was sowohl den genetischen als auch den kulturellen Austausch ermöglichte, der zur Triebkraft für die Evolution unserer Abstammungslinie avancierte.

Das wechselnde Klima könnte die Zersplitterung und erneute Verbindung der Subpopulationen vorangetrieben haben. So zeigen paläoökologische Befunde, dass Afrika ungefähr alle 100 000 Jahre in eine feuchte Phase eintrat, in der sich die unwirtliche Saharawüste in eine üppige Weite mit Pflanzen und Seen verwandelte. Diese Episoden der »grünen Sahara« hätten zuvor isolierte Gruppen miteinander verbunden. Als die Sahara dann wieder austrocknete, wurden die Menschen erneut getrennt und konnten in der Zeit bis zur nächsten Grünphase ihre ganz eigenen Evolutionsexperimente durchlaufen.

Jede Gruppe ging ihre eigenen Wege
Eine Population aus Untergruppen, die jeweils an ihre individuellen ökologischen Nischen angepasst sind, erklärt – trotz Verbindung durch gelegentliche Wanderungsbewegungen – nach Ansicht von Scerri und ihren Koautoren nicht nur die mosaikartig erscheinende Anatomie desHomo sapiens , sondern auch den Flickenteppich an mittelsteinzeitlichen Artefakten. Im Gegensatz zu den Acheuléen- Werkzeugen, die überall ähnlich aussehen, stößt man bei Stücken aus der Mittelsteinzeit auf beträchtliche regionale Unterschiede. So gibt es in Nordafrika 60 000 bis 130 000 Jahre alte Werkzeugtypen, die so in Südafrika nicht vorkommen, darunter Steingerätschaften mit charakteristischen Stielen, an denen möglicherweise Handgriffe befestigt waren. Südafrikanische Fundstätten wiederum enthalten – im Gegensatz zu Nordafrika – schlanke, blattförmige Werkzeuge; diese hatte man hergestellt, indem man Steine erhitzte, so dass sich Bruchstücke besser abschlagen ließen. Komplexe Technologien und Symbolverwendung traten im Lauf der Zeit auf dem ganzen Kontinent immer häufiger auf, aber jede Gruppe ging dabei eigene Wege und passte ihre Kultur an die jeweilige Nische an.

Im marokkanischen Djebel Irhoud bergen Wissenschaftler menschliche Überreste und Steinwerkzeuge, die inzwischen als älteste Nachweise desHomo sapiens gelten.


Homo sapiens war nicht der einzige Hominine, der ein großes Gehirn und komplexe Verhaltensweisen entwickelte. Wie der Max-Planck-Forscher Hublin feststellte, nahm auch bei schätzungsweise 50 000 bis 300 000 Jahre alten Fossilien aus China, die nach seiner Vermutung zu den Denisova-Menschen gehörten, die Hirngröße zu. Und die Neandertaler schufen im Lauf ihrer langen Herrschaft ausgefeilte Werkzeuge sowie ihre eigenen symbolischen Ausdrucksformen. Aber solche Verhaltensweisen waren anscheinend weder so hoch entwickelt noch so unverzichtbar für das Überleben, wie sie es später für uns wurden, betont der Archäologe John Shea von der Stony Brook University. Er sieht vor allem in der Sprachfähigkeit desHomo sapiens eine Grundlage für dessen Vorherrschaft.

»All diese Gruppen entwickelten sich in die gleiche Richtung «, meint Hublin. »Aber unsere Spezies überschritt in Bezug auf Kognitionsfähigkeit, komplexes Sozialverhalten und Fortpflanzungserfolg früher als die anderen eine Schwelle. « Und als das geschah – nach Hublins Schätzung vor rund 50 000 Jahren –, »kochte die Milch über«. Jetzt konnte der in Afrika entstandene und geprägteHomo sapiens in praktisch jede Umwelt auf der ganzen Welt vordringen und dort gedeihen. Er war nicht mehr aufzuhalten.

DassHomo sapiens sich über Hunderttausende von Jahren öfters von Mitgliedern seiner eigenen Spezies abspaltete und sich später wieder mit ihnen vereinigte, bescherte ihm vielleicht einen Vorteil gegenüber anderen Angehörigen der Menschenfamilie. Aber das war nicht der einzige Grund für seinen Aufstieg zur Weltherrschaft. Vielmehr sollten wir gerade unseren ausgestorbenen Verwandten dankbar sein für ihre Beiträge zu unserem Erfolg. Die archaischen Menschenformen, auf dieHomo sapiens bei seinen Wanderungen innerhalb Afrikas und jenseits davon traf, waren nicht nur Konkurrenten, sondern auch Paarungspartner. Den Beweis liefert das Erbgut heutiger Menschen: Bei Eurasiern macht Neandertaler-DNA zwei Prozent des Genoms aus; die DNA der Denisova-Menschen trägt bis zu fünf Prozent zur DNA der Bewohner Melanesiens bei. Und im März 2018 veröffentlichten Arun Durvasula und Sriram Sankararaman von der University of California in Los Angeles eine vorläufige Studie, wonach sich nahezu acht Prozent des genetischen Erbes der Yoruba-Bevölkerung in Westafrika auf eine noch unbekannte archaische Spezies zurückführen lassen.

Ein Teil der DNA, dieHomo sapiens von anderen Homininen übernommen hat, dürfte unserer Spezies bei ihrem Weg um den Globus geholfen haben, sich an unbekannte Lebensräume anzupassen. Bei der Analyse von Neandertalersequenzen im Erbgut heutiger Bevölkerungsgruppen stießen der Genetiker Joshua Akey von der Princeton University und seine Kollegen auf 15 Abschnitte, die besonders häufig vorkommen – ein Hinweis auf ihre vorteilhaften Wirkungen. Etwa die Hälfte davon beeinflusst die Immunität. »Als der moderne Mensch sich unter neuen Umweltbedingungen ausbreitete, musste er sich auch mit neuen Krankheitserregern und Viren auseinandersetzen«, erklärt Akey. Durch Paarung »konnte er Anpassungen vom Neandertaler aufnehmen, mit denen sich diese Krankheitserreger besser bekämpfen ließen.«

Wertvolle genetische und kulturelle Gaben von den Konkurrenten
Die andere Hälfte der Neandertalersequenzen, die Akeys Arbeitsgruppe bei heutigen Menschen vergleichsweise häufig fand, betrifft die Haut sowie deren Pigmentierung. Wissenschaftler gehen davon aus, dassHomo sapiens sich in seiner afrikanischen Heimat vermutlich mit einer dunklen Hautfarbe vor der schädlichen Ultraviolettstrahlung der Sonne schützte. Auf seinem Weg nach Norden musste er eine hellere Färbung entwickeln, um genügend Vitamin D zu produzieren, das der Körper vorwiegend durch Sonneneinstrahlung gewinnt. Genau dazu könnten die Hautgene des Neandertalers bei unseren Vorfahren beigetragen haben.

Die heutigen Bewohner Tibets wiederum können den Denisova-Menschen für eine Genvariante danken, durch die sie besser mit der sauerstoffarmen Umwelt in den großen Höhen der Tibetischen Hochebene zurechtkommen. Und einige afrikanische Bevölkerungsgruppen haben von einem unbekannten archaischen Vorfahren eine Genversion erhalten, die ihnen wahrscheinlich dabei hilft, schädliche Mundbakterien abzuwehren.

Statt zu warten, bis im eigenen Genpool günstige Mutationen auftauchten, war es wohl für den vordringendenHomo sapiens effizienter, sich mit archaischen Menschen zu kreuzen, die sich innerhalb von Jahrtausenden an örtliche Bedingungen angepasst hatten. Andererseits stehen manche Gene, die wir von Neandertalern erhielten, im Verdacht, Depressionen oder andere Krankheiten auszulösen. Vielleicht waren diese Varianten einst von Vorteil und verursachten erst bei unserem modernen Lebensstil Probleme. Oder, so vermutet Akey, das Krankheitsrisiko war ein hinnehmbarer Preis für den erhaltenen Nutzen.

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Von archaischen Menschen erhielten wir nicht nur DNA. Einige Forscher spekulieren, ob der Kontakt zwischen verschiedenen Menschenformen einen kulturellen Austausch ermöglichte und somit Innovationen auslöste. So setzte just in der Zeit, alsHomo sapiens in das westeuropäische Siedlungsgebiet des Neandertalers eindrang, eine auffällige Blüte technischer und künstlerischer Kreativität ein. Manche Experten vermuteten, die Neandertaler hätten einfach die erfindungsreichen Neuankömmlinge nachgeahmt. Aber möglicherweise sorgte gerade die Wechselbeziehung zwischen beiden Gruppen für eine gegenseitige kulturelle Befruchtung.

Eigentlich sollte uns die Tatsache nicht überraschen, dass sichHomo sapiens mit anderen Abstammungslinien der Menschen mischte. »Wir wissen von zahlreichen Tieren, dass Hybridisierung eine wichtige Rolle in der Evolution spielt«, erklärt die Anthropologin Rebecca Rogers Ackermann von der südafrikanischen Universität Kapstadt. »Manchmal entstehen dadurch Populationen und sogar neue Arten, die besser als ihre Vorläufer an eine sich wandelnde Umwelt angepasst sind, weil sie neuartige Merkmale oder Merkmalskombinationen besitzen. « Eine ähnliche Gesetzmäßigkeit zeigt sich auch bei den Vorfahren des Menschen: Durch Kombination entstand die anpassungsfähige, vielgestaltige Art, die wir heute sind. »Homo sapiens ist das Produkt eines komplizierten Wechselspiels verschiedener Abstammungslinien «, meint Ackermann. Die Spezies sei gerade deshalb so aufgeblüht, weil daraus so viele Variationen hervorgegangen sind. »Ohne sie wären wir bei Weitem nicht so erfolgreich gewesen.«

Wie oft eine solche Vermischung stattfand und in welchem Ausmaß sie die Evolution desHomo sapiens und anderer Homininen vorantrieb, bleibt bislang ungeklärt. Möglicherweise lieferten die ökologischen und demografischen Gegebenheiten, denen unsere Art in Afrika und anderswo ausgesetzt war, für sie mehr Gelegenheiten zu genetischem und kulturellem Austausch mit anderen Gruppen als für unsere Homininenverwandten. Anders gesagt: Wir hatten einfach Glück.

QUELLEN

Ackermann, R. R. et al.: The hybrid origin of »modern« humans. Evolutionary Biology 43, 2016

Hublin, J.-J. et al.: New fossils from Jebel Irhoud, Morocco and the pan-African origin ofHomo sapiens . Nature 546, 2017

Scerri, E. M. L. et al.: Did our species evolve in subdivided populations across Africa, and why does it matter? Trends in Ecology & Evolution 33, 2018

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Teil 2: Februar 2019
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Teil 3: März 2019
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Teil 4: April 2019
Die Letzte ihrer Gattung
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Die Geburt des »Wir«
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Teil 6: Juni 2019
Warum wir kämpfen
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AUF EINEN BLICK: MISCHWESENHOMO SAPIENS

1 Bislang galt die These,Homo sapiens sei in einer einzigen Region in Afrika entstanden und habe bei seinem weltweiten Vordringen archaische Menschenformen verdrängt, ohne sich mit ihnen zu kreuzen.

2 Archäologische, paläontologische und genetische Befunde lassen daran zweifeln. Der Ursprung unserer Art scheint vielmehr in mehreren isolierten Populationen zu liegen, die sich unterschiedlich entwickelten und sich mit anderen Frühmenschen vermischten.

3 In dem genetischen und kulturellen Austausch mit konkurrierenden Homininen liegt wahrscheinlich der Schlüssel für unseren evolutionären Erfolg.


PHILIPP GUNZ, MPI EVA LEIPZIG (WWW.MPG.DE/11322546/HOMO-SAPIENS-IST-AELTER-ALS-GEDACHT) / CC BY-SA 2.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/2.0/LEGALCODE)

SHANNON MCPHERRON, MPI EVA LEIPZIG (WWW.MPG.DE/11322546/HOMO-SAPIENS-IST-AELTERALS-GEDACHT) / CC BY-SA 2.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/2.0/LEGALCODE)