Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 6 Min.

ANTI-ESTABLISHED: SEIT 1962


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 11.12.2019

Gemeinsam mit den Böhsen Onkelz schrieb und schreibt Gitarrist MATTHIAS „GONZO“ RÖHR (M.) seit Jahrzehnten Rock-Geschichte. Mit dem schlicht GONZO betitelten Buch legt er nun seine Autobiografie vor. Im Interview plaudert der gebürtige Hesse gut gelaunt über seine Anfangstage als rebellierender Teenager, die zeitgeschichtliche Einordnung bestimmter Ereignisse und das große Wort Freiheit


Artikelbild für den Artikel "ANTI-ESTABLISHED: SEIT 1962" aus der Ausgabe 1/2020 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 1/2020

MATT„GONZO“ROHR

Biografien bekannter Musiker können entweder lehrreich und einigermaßen faktenorientiert geschrieben sein, oder sie sind nichts weiter als peinliche Selbstbeweihräucherungen. Matthias „Gonzo“ Röhr hat sich ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Metal Hammer. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2020 von NEWS: FRÜHER WAR ALLES BESSER?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEWS: FRÜHER WAR ALLES BESSER?
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von LESERFORUM. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERFORUM
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von SOCIAL MEDIA METAL: EURE MEINUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SOCIAL MEDIA METAL: EURE MEINUNG
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von PLATTENTELLER: STEFANIE STUBER MISSION IN BLACK, ENSLAVE THE CHAIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PLATTENTELLER: STEFANIE STUBER MISSION IN BLACK, ENSLAVE THE CHAIN
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von HAUTNAH: ALESSANDRO DEL VECCHIO EDGE OF FOREVER, VOODOO CIRCLE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HAUTNAH: ALESSANDRO DEL VECCHIO EDGE OF FOREVER, VOODOO CIRCLE
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von COUCH: JÜRGEN ENGLER DIE KRUPPS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
COUCH: JÜRGEN ENGLER DIE KRUPPS
Vorheriger Artikel
MERCHANDISER: BAUMWOLL JUNKIES
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel SPECIAL: ME(N)TAL HEALTH: SCHLAGLICHT AUF DIE DUNKELHEIT
aus dieser Ausgabe

... glücklicherweise für die erste Variante entschieden. Gemeinsam mit Dennis Diel und Marco Matthes, die beide zum Presse-Team der Böhsen Onkelz gehören, schrieb er seine Lebensgeschichte nieder, ohne dabei die Realität aus den Augen zu verlieren. Das zeigt sich bereits in der Erzählform. Die Geschichte wird von einem Erzähler geschildert, nicht in der Ich-Form. „Wir haben tatsächlich länger überlegt und uns auch andere Biografien angeschaut, wie das dort gelöst wurde. Es gab Bücher, die ich nach wenigen Seiten weggelegt habe, weil nur drinstand, was für ein geiler Typ der Musiker ist. Mir war aber wichtig, dass die zeitgeschichtliche Einordnung der Ereignisse nicht unter den Tisch fällt. Ich bin 1962 geboren, also in den Siebzigern aufgewachsen und zum ersten Mal ernsthaft mit Musik in Kontakt gekommen. Das wardamals aber ein ganz anderes Deutschland, als wir es heute haben. Ein konkretes Beispiel: In der Onkelz-Biografie steht gleich zu Beginn, dass ich in einem streng katholischen Haushalt aufgewachsen bin. Das ärgert mich bis heute, denn erstens ist das so nicht richtig, und zweitens ist es ein Riesenunterschied, ob wir über 1970 sprechen, als jeder zweite Haushalt streng katholisch’ war, oder 2019, wo das fast schon nach Sekte klingt. Deshalb ist mir die historische Einordnung so wichtig.“

Der eigene Weg

ln ‘Gonzo’ wird anschaulich geschildert, wie Matthias noch vor dem Punk seine ersten Rock-Idole wie Jimi Hendrix, Kiss oder Ted Nugent entdeckt und ihnen in Schülerkapellen nacheifert. Dabei orientiert sich der Teenager durchaus an den Vorbildern, sucht aber schon seinen eigenen Sound. Später werden auch die Onkelz nicht gerade als Cover-Könige bekannt. „Damals gab es kein Internet, nur ganz selten Musik im Fernsehen. Natürlich besuchten wir Konzerte und versuchten, den Stars ein paar Tricks abzuschauen. Ansonsten konnte man sich nur in sein Zimmer stellen, das Album laufen lassen und Note für Note heraushören. Das war mir immer zu langweilig. Ich ließ das Album laufen und improvisierte dazu. So merkte ich schnell, welche Dinge funktionieren und welche nicht. Aber es stimmt, auch bei den Onkelz ist das reine Covern eine Seltenheit. Im Proberaum spielt manchmal jemand einen Klassiker an, und alle steigen drauf ein. Aber dann wenden wir uns gleich wieder unseren Songs zu.“ Röhr hat eben seinen eigenen Kopf, den er im jugendlichen Alter, wie es in dem Buch sehr anschaulich beschrieben ist, gerne mal mit Gewalt durch die Wand rammen will. Aber auch mit Mitte 50 hat sich Röhr, das wird auf vielen Seiten deutlich, seine Wut erhalten. Heute kann er sie jedoch besser kanalisieren. „Ich hatte schon immer ein Problem mit Autoritäten. Die Ablehnung des Establishments und Freiheitsliebe sind nichts, was ich mir angeeignet habe. Das ist angeboren. Und ich habe nie verstanden, wie man in einer Punk- oder Rock-Band spielen und sich gleichzeitig mit der herrschenden Klasse einlassen kann. Das ist etwas, das für mich nicht zusammenpasst.“

Ohne Scheuklappen

Diese Freiheitsliebe bezieht sich auf ziemlich alle Bereiche im Leben, auch und gerade auf die Musik, wie der mittlerweile in Irland lebende Gitarrist erzählt. „Damals gab es definitiv weniger Schubladen. Klar, wir haben Rock-Musik gehört, aber es war nicht verpönt, auch andere Genres anzuchecken. Im Gegenteil, es war spannend und man konnte im Soul oder Funk Dinge entdecken, die sich ins eigene Spiel einbauen ließen. Heute scheint jedes Genre für sich zu existieren. Meinen Kindern wollte ich dieses Scheuklappendenken ersparen. Ich erinnere mich, dass wir mal in einem Plattenladen in Buenos Aires waren und den Laden guasi leergekauft haben. Klassik, Jazz, Pop oder Metal, ganz egal. Dann haben wir uns diverse Sachen angehört oder DVDs geschaut, und die Kids durften sich ihre Lieblingslieder raussuchen. Wir hatten damals einen ziemlich guten Klavierlehrer, der auch moderneren Sachen gegenüber aufgeschlossen war. So haben sie dann ihre Favoriten auf dem Klavier eingeübt.

Diese eingeschränkte Sichtweise gilt allerdings nicht nur in der Musik, sondern guasi in allen Lebensbereichen.

Etwas ist entweder schwarz oder weiß, die Grautöne sind scheinbar verschwunden. In Irland geht es sogar noch, aber in Deutschland finde ich das besonders schlimm.“

Familienglück und EXZESSE

‘Gonzo’ beschreibt den Werdegang des Menschen und Musikers Matthias Röhr von Kindesbeinen an bis in das Jahr 2016. Seine nicht immer leichte Kindheit und Jugend spielt dabei natürlich eine gewichtige Rolle. „Wir haben zwei Jahre lang an dem Buch gearbeitet, Dennis und Marco haben auch Interviews mit meiner Verwandtschaft geführt. Erinnerungen sind immer subjektiv, manche Sachen ließen sich geraderücken. In Bezug auf meine Band hat mir Dennis geholfen, er ist nämlich ein wandelndes Onkelz-Lexikon. Er weiß besser als wir, wann wir wo an welchem Tag gespielt haben. Während des Schreibprozesses meldete sich zufällig ein alter Schulfreund bei mir, mit dem ich seit 35 Jahren nicht mehr gesprochen hatte. Er konnte ein paar Geschichten von damals erzählen, die mir im Leben nicht mehr eingefallen wären. So fügte sich das Bild zusammen.“ Das zeigt nicht nur die Sonnenseiten, ganz im Gegenteil. Aber auch wenn Röhr diverse Tief- und Rückschläge erleiden musste (sein jüngster Bruder starb an Drogensucht), war sein Zuhause doch weitaus bürgerlicher als das seiner Kollegen Kevin und Stephan. Die Szene, wie sich die vier „Onkelz“ zum ersten Mal begegnen, ist brüllend komisch, aber kommende Probleme sind, zumindest mit dem Wissen von heute, vorhersehbar.

Vor allem Kevins Neigung zu Rauschmitteln jeglicher Art beschwört die ein oder andere Katastrophe herauf. Für einen Menschen wie Matthias, der sich - wenn überhaupt - an Alkohol hält, nicht immer einfach. „Es war schon schwierig, keine Frage. Vor allem für Stephan, der ja ein noch engeres Verhältnis zu Kevin hat. Mitte der Neunziger Jahre hatten wir alle Familien, wir verbrachten eine Zeit des Jahres also getrennt voneinander. Da bekam ich den ein oder anderen Exzess gar nicht mit. Aber ich erinnere mich an Konzerte aus jener Zeit, von denen ich mir auf der Bühne stehend einfach nur wünschte, dass sie zu Ende gehen mögen. Kommerziell betrachtet hatten wir den Durchbruch endgültig geschafft, dadurch stiegen aber auch die Erwartungen an uns. Und es ist wirklich hart, wenn man weiß, dass man sie nicht erfüllen können wird, weil eben einer nicht mitspielt. Auch die Vorbereitungen auf ein Album oder eine Tour zogen sich ewig hin. Aber das ist Teil unserer und meiner Geschichte.”

Aus anderem Winkel

Das Buch hält für Onkelz-Fans also die ein oder andere Anekdote bereit, die sie bisher garantiert noch nicht kannten. Bleibt die Frage, was die anderen Band-Mitglieder zu den Geschichten sagen werden. „Natürlich habe ich aus meiner Erinnerung heraus geschrieben, was keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Ganz im Gegenteil - ich habe zwar den Anfang gemacht, aberfände es interessant, wenn die anderen eines Tages ihre Erinnerungen aufschreiben würden. Die Geschichte aus einem anderen Winkel erzählt zu lesen, wäre extrem spannend. Bei manchen Sachen war ich persönlich zum Beispiel gar nicht anwesend. Ich glaube nicht, dass die Geschichte der Onkelz mit ‘Gonzo’ bereits auserzählt ist.“ Und die der Band als solche schon mal gar nicht. Das neue Album steht in den Startlöchern, wie Röhr berichtet. „Kevin ist gerade dabei, einige Nummern einzusingen. Das Album wird Ende Februar erscheinen, die Tour war bereits nach wenigen Stunden ausverkauft. Wir feiern 2020 auch unser 40-jähriges Bestehen, da haben wir uns ganz besondere Dinge ausgedacht, über die ich aber noch nicht sprechen darf.“ Bleibt am Ende die Frage, ob Matthias, Her mit ‘Gonzo’ bereits sein zweites Buch veröffentlicht hat, eines Tages vielleicht ganz unter die Schriftsteller geht. Irland als Wohnort ist schon mal eine gute Voraussetzung für einen Literaten. Röhr lacht. „Sag niemals nie, aber nach dieser langen Phase brenne ich darauf, endlich wieder Musik zu machen. Das ist meine Hauptleidenschaft, was sich wahrscheinlich auch nicht mehr ändern wird.“

MARC HALUPCZOK

Matthias Röhr mit Dennis Diel und Marco Matthes

GONZO

Rock-Biografie 6

HANNIBAL (VÖ: ERSCHIENEN)

Matthias „Gonzo“ Röhr wagt sich als erster der vier Onkelz aus der Deckung und veröffentlicht ein Buch über sein Leben. Das geht natürlich weit über die Band-Geschichte hinaus, bietet aber gleichzeitig auch so viele Insider-Geschichten über das Quartett aus Frankfurt, dass Fans aus dem Staunen nicht mehr herauskommen werden. Mehr oder weniger chronologisch arbeitet sich Röhr mit seinen Mitautoren durch rund 55 Jahre gelebten Lebens.

Von den ersten Gehversuchen im Jugendzimmer bis zu den Arena-Shows mit seinen drei Freunden ist es ein langer Weg, auf dem unglaublich viel passiert - sowohl beruflich als auch privat. Es fällt auf, dass ‘Gonzo’ sprachlich weniger brachial daherkommt als die Onkelz-Biografie ‘Danke für Nichts’. Trotzdem gibt es neben viel Licht auch sehr viel Schatten. Röhr scheint tatsächlich an der ungeschminkten Wahrheit interessiert zu sein, berichtet authentisch und nachvollziehbar von gemeinsamen Gelagen, aber auch friedlichen Momenten mit der eigenen Familie. Über Begegnungen mit anderen Musikern äußert sich Röhr gewohnt direkt und subjektiv. Angry Anderson von Rose Tattoo? Ein ehrlicher Mensch und echtes Idol. Glenn Danzig? Ein arrogantes Arschloch. Abgerundet wird der fast 400 Seiten starke Wälzer von zuvor unveröffentlichten Fotos. Stark!