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Antike Götter in der Klosterbibliothek


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Spektrum Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 28.10.2022

PALIMPSESTE

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Bildquelle: Spektrum Geschichte, Ausgabe 5/2022

AM BERG SINAI | Das Katharinenkloster im Süden der Sinai-Halbinsel beherbergt eine der größten Sammlungen von spätantiken und mittelalterlichen Handschriften. Die Anlage ließ Kaiser Justinian I. in der Mitte des 6. Jahrhunderts errichten.

Im Süden der Sinai-Halbinsel ragt ein hohes Felsmassiv auf. Dort, auf dem Jebel Mousa – dem Berg Sinai –, soll Moses nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten einst die »Zehn Gebote« von Gott empfangen haben. Der spätrömische Kaiser Justinian I. (482–565), der sich als großer Baumeister in seinem Reich hervortat, ließ am Fuß des geschichtsträchtigen Bergs eine große befestigte Anlage errichten: das Katharinenkloster. Die massiven Mauern fassten angeblich nicht nur den brennenden Dornbusch ein, in dem laut Bibelüberlieferung Moses glaubte die Stimme Gottes zu vernehmen, sondern auch eine der größten frühchristlichen Basiliken. In dem Bau, der mit ...

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... prachtvollen Mosaiken ausgestattet ist, hängen die ältesten erhaltenen Ikonen der Welt.

Seit der Spätantike verwendeten und verwahrten die Mönche im Kloster handgeschriebene Bücher auf Tierhaut, also auf Pergament. Daher beherbergt das Katharinenkloster eine der wenigen Manuskriptsammlungen, die seit über einem Jahrtausend in ungebrochener Tradition am selben Ort besteht. Selbst nachdem die Region im 7. Jahrhundert unter islamische Herrschaft gekommen und Arabisch die Gebrauchssprache geworden war, existierte das Kloster samt seiner Bibliothek weiter.

AUF EINEN BLICK

Recyceltes Pergament

?1 Im Katharinenkloster auf dem ägyptischen Sinai lagern alte Pergamente, die im Mittelalter recycelt wurden: so genannte Palimpseste. Man entfernte die Schrift und beschrieb die Tierhaut neu.

?2 Mit Licht verschiedener Wellenlängen durchleuchten Forscherinnen und Forscher die Textträger. Auf diese Weise können sie die ursprüngliche Schrift sichtbar machen und abfotografieren.

?3 Auf den meisten Palimpsesten standen Texte christlichen Inhalts, auf wenigen Exemplaren finden sich aber auch Auszüge aus Werken der klassischen Antike.

Claudia Rapp ist Professorin für Byzantinistik an der Universität Wien. Sie leitete das Sinai Palimpsests Project, an dem die Byzantinistin Giulia Rossetto von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Fotografie- und Bildgebungsexperte Damianos Kasotakis von der Forschergruppe Early Manuscripts Electronic Library (EMEL) beteiligt waren.

MULTISPEKTRALFOTOGRAFIE

Auf einem speziellen Fototisch liegt das Manuskript »Sinai Syrisch 30«. Unter verschiedenen Lichtverhältnissen – hier im UV-Licht – fotografieren die Mitwirkenden des Sinai Palimpsests Project die biblische Handschrift. Sie haben die Palimpseste zusammen mit der University of California in Los Angeles unter online zugänglich gemacht.

Die Mönche haben die meisten Manuskripte in griechischer Sprache verfasst, später auch auf Arabisch und Syrisch

Welche Manuskripte im Katharinenkloster lagern

Am Fuß des Jebel Mousa sind heute mehr als 4500 Handschriften untergebracht. Viele haben die Mönche selbst vor Ort hergestellt, andere haben Pilger als Geschenk hinterlassen. Im Jahr 1975 erweiterte sich der Bestand wesentlich: In einem bis dahin unbeachteten Lagerraum entdeckte man dutzende Handschriften, die heute unter der Bezeichnung Neufunde bekannt sind.

Die Mönche haben die meisten Manuskripte in griechischer Sprache verfasst, später auch auf Arabisch und Syrisch, ebenso finden sich Pergamente auf Georgisch und in anderen Sprachen. Bis heute sind diese reichen Bestände nicht vollständig in Katalogen erfasst, obwohl gelehrte, wissbegierige Männer und Frauen aus dem Westen schon seit dem 18. Jahrhundert in das Kloster gereist sind. Ihr Ziel war es, die ältesten Texte des Christentums aufzuspüren und Erkenntnisse über die frühchristliche Schriftkultur zu gewinnen. So brachte der Theologe Konstantin von Tischendorf (1815–1874) eine großformatige Bibelhandschrift aus dem 5. Jahrhundert aus der Klosterbibliothek in seinen Besitz, die heute als »Codex Sinaiticus« in der British Library aufbewahrt wird.

Die lange und wechselvolle Geschichte der mittelalterlichen Buchproduktion lässt sich insbesondere an den im Katharinenkloster in großer Zahl erhaltenen Palimpsesten erkunden. Dies sind Pergamente, von denen die ursprüngliche Schrift abgeschabt oder abgewaschen wurde, um die Tierhaut neu zu beschreiben. Seit wenigen Jahrzehnten können die ausradierten Texte wieder lesbar gemacht werden: mit Hilfe von Multispektralfotografie und computergestützter Bildanalyse.

Auf Einladung des Klosters hat die unabhängige Forschergruppe Early Manuscripts Electronic Library (EMEL) unter Leitung von Michael Phelps und gefördert durch den gemeinnützigen Arcadia Fund London von 2011 bis 2016 das Sinai Palimpsests Project durchgeführt. Wir waren Teil des Projekts – Claudia Rapp als wissenschaftliche Leiterin, Giulia Rossetto als wissenschaftliche Assistentin und Damianos Kasotakis als Leiter der Fotografie. Handschriften der Bibliothek konnten wir 74 dokumentieren und bearbeiten, die für Interessierte auch im Internet zugänglich sind. Die Auswertung und die Publikation der Texte dauern weiterhin an.

Sprachen, die nur von Manuskripten aus dem Katharinenkloster bekannt sind

Ein internationales Team von 23 spezialisierten Forscherinnen und Forschern hat die ausradierten Texte, die häufig nur fragmentarisch erhalten sind, in mühseliger Kleinarbeit studiert, den Schriftstil analysiert sowie Werke und Autoren identifiziert. Mit teils erstaunlichen Ergebnissen: Manche der verwendeten Sprachen sind uns überhaupt oder fast nur aus den Palimpsesten vom Sinai bekannt, etwa das Kaukasische Albanisch oder das Christlichpalästinische Aramäisch. Bei den abgeschabten Texten handelt es sich größtenteils um liturgische oder theologische Schriften, daneben um wenig bekannte medizinische Traktate, die die Schreiber über Jahrhunderte immer wieder kopiert haben. Die Versionen auf den Palimpsesten reichen bis ins 5. Jahrhundert zurück. Daher enthalten sie auch seltene Beispiele für die früheste Form der griechischen Majuskelschrift, einer Schreibweise, die nur aus Großbuchstaben besteht.

Die Kopisten, die neue Texte auf das gereinigte Schreibmaterial übertrugen, wussten lediglich, dass sie Recyclingpergament verwendeten, aber nicht, welche Texte welchen Ursprungs zuvor darauf gestanden hatten. Teils liegen Jahrhunderte zwischen der Erstellung der beiden Schreibschichten, teils nur wenige Jahrzehnte. Die Menschen haben damals Handschriften oder ausradiertes Pergament oft über große Entfernungen transportiert – als persönlichen Besitz oder als Handelsware. Daher lagen die Ursprungsregionen der ausradierten Schriften häufig weit entfernt von jenen Orten, an denen die neuen Schreiber tätig waren.

Zu Beginn unserer Projektarbeit ließ sich kaum absehen, was die Form der zerstörungsfreien, optischen »Ausgrabung« zu Tage fördern würde. Insgesamt haben wir zahlreiche Ergebnisse erzielt, etwa herausgefunden, dass die Mönche mit Menschen im gesamten Mittelmeerraum in Kontakt standen. Doch als Giulia Rossetto ein bisher unbekanntes Werk der klassischen Antike entdeckte, war ihr damit ein Sensationsfund gelungen. und Epigraphik« hat sie ihre Entdeckung in zwei Studien wissenschaftlich besprochen.

Solche Texte konnten wir dank der Multispektralfotografie aufspüren. Dabei ist es gar keine neuartige Herangehensweise, die Palimpsest-Handschriften mit technologischen Methoden zu untersuchen. Schon seit dem späten 19. Jahrhundert haben Gelehrte mit Hilfe fotografischer Geräte Texte wieder sichtbar gemacht, die mit bloßem Auge nicht lesbar waren.

Ammoniak zersetzte die Tintenschrift

In dieser Hinsicht hat unter den Handschriften im Katharinenkloster »Sinai Syrisch 30« einen besonderen Stellenwert. Es war das erste Manuskript in der Bibliothek, das als Palimpsest erkannt wurde. Im Jahr 1892 bemerkten die schottischen Schwestern Agnes Lewis Smith (1843–1926) und Margaret Dunlop Gibson (1843–1920), dass sich unter dem Text des Manuskripts weitere ausradierte Zeilen abzeichnen. Nach langer und geduldiger Arbeit identifizierten sie diese als älteste erhaltene Fassung des Neuen Testaments in syrischer Sprache. Die Schwestern waren die Ersten, die diese Handschrift fotografierten, um nicht nur den Ober-, sondern auch den ausgelöschten Untertext zu erforschen. Bei ihrer Untersuchung pinselten sie allerdings auf einige Seiten Ammoniak und setzten die Handschrift dem Sonnenlicht aus. Chemische Reaktionen mit der Tinte enthüllten zwar für kurze Zeit den ausgelöschten Text – so konnte das Gelehrtenpaar seine Ergebnisse dokumentieren. Doch die Handschrift war danach dauerhaft beschädigt. Auf den betreffenden Seiten lässt sich die ältere Schrift selbst mit modernster Technologie kaum wiederherstellen.

Beim Entziffern kommt den Forschern ein typisches Phänomen alter Handschriften zugute: der Tintenfraß

PALIMPSEST

Von einem der beiden Pergamentblätter mit der Göttergeschichte sind drei Fragmente erhalten, die am Computer wieder zusammengefügt wurden. Rot und blau sind zwei der Bruchstücke markiert (ganz links). Der gut erkennbare arabische Text, der hier auf dem Kopf steht, stammt aus dem 10. Jahrhundert. Damals hatten Schreiber das Pergament wiederverwertet. In der Multispektralaufnahme zeichnet sich die ausradierte Schrift aus griechischen Großbuchstaben ab (links). Am oberen Bildrand des zweiten Pergamentblatts ist ein großes Psi (ψ, Pfeil) zu erkennen (unten). Der 23. Buchstabe im griechischen Alphabet markiert den Beginn des 23. Buchs in einem längeren Werk.

Die digitale Multispektralfotografie ist hingegen nichtinvasiv. Die Technik kombiniert die Ansätze der Satellitenfotografie, der medizinischen Diagnosetechnik und der gewöhnlichen digitalen Fotografie. Wie bei der Satellitenbildgebung werden die Palimpseste in bestimmten Wellenlängenbereichen fotografiert. In der Diagnosetechnik wiederum beobachtet man die Effekte des Auftreffens von ultravioletter und Infrarotstrahlung auf bestimmte Materialien. Auch bei den Palimpsesten geht es darum, die Wirkungen der Lichtstrahlen zu erkennen: Manche Tintenreste fluoreszieren unter ultravioletten Wellenlängen, und in einige Tinten dringt das Infrarotlicht ein und macht diese deutlicher lesbar.

Die multispektrale und die normale Fotografie unterscheiden sich eigentlich kaum. Man braucht ein Aufnahmegerät, ein Objektiv und eine Lichtquelle. Am Computer lassen sich die Bilder digital so bearbeiten, dass die ausradierten Textschichten klar herauskommen. Für das Sinai Palimpsests Project haben wir die bestehenden Methoden jedoch wei- terentwickelt. In der Kamera steckt eine neuartige Linse aus Quarzkristall, mit der sich ultraviolettes und infrarotes Licht ohne Verzerrungen aufnehmen lässt. Ein spezieller digitaler Sensor arbeitet zudem feinste Details der Buchstaben heraus. Zusätzlich nutzen wir neuartige Lichtquellen: Besondere LEDs verringern die Wärmestrahlung, die auf die Pergamente trifft. Als weitere Innovation führten wir eine multispektrale transmissive Beleuchtung ein. Das heißt, wir beleuchten die Manuskriptseite auch von der Rückseite. Auf diese Weise können wir die ältere Tinte besser sichtbar machen. Dabei kommt uns ein typisches Phänomen alter Handschriften zugute: der Tintenfraß. Im Lauf der Jahrhunderte greift die Schreibflüssigkeit nämlich das Pergament an. Dadurch erodiert das Material an den beschrifteten Stellen und wird dünner. Deshalb zeichnen sich bei einer multispektralen transmissiven Beleuchtung die ursprünglichen Buchstaben klarer ab.

Algorithmen helfen beim Entziffern

Bei unserem Projekt legen wir besonderen Wert darauf, die Palimpseste präzise und umfassend zu dokumentieren. Jede einzelne Manuskriptseite wird 33-mal aufgenommen. Dabei fotografieren wir die Schriftstücke unter verschiedenen Wellenlängen des Lichts, das wiederum aus unterschiedlichen Winkeln auf die Pergamente trifft. Im Streiflicht können wir die Oberflächenstruktur des Tintenauftrags oder der Radierungen deutlicher erkennen. Der gesamte Prozess dauert sechs Minuten pro Manuskriptseite.

In einem zweiten Schritt bearbeiten wir das digitale Bildmaterial in einer computergestützten Analyse weiter. Da wir bereits eine große Vielfalt an Pergamentqualität, Tinten und Schriftstilen im Katharinenkloster dokumentiert haben, konnten wir daraus spezielle Algorithmen entwickeln, die uns automatisiert Informationen zur ursprünglichen Schrift bereitstellen. Falls dieser dreiminütige Routinedurchlauf nur unzureichende Ergebnisse für die Aufnahmen einer Manuskriptseite liefert, bearbeiten wir in einem dreistündigen Verfahren die Bilder zusätzlich manuell nach.

Unsere Untersuchung von 74 Palimpsesten aus dem Katharinenkloster hat gezeigt, welche Inhalte die mittelalterlichen Schreiber ausradierten, um wiederverwertbares Schreibmaterial zu erhalten: In den meisten Fällen, bei über 80 Prozent der Pergamente, handelt es sich um christliche Schriften. Vorwiegend sind es liturgische und biblische Texte. Recht selten fanden sich Werke der klassischen Antike – bei weniger als vier Prozent. Doch genau solch einen seltenen Text aus altgriechischer Zeit entdeckten wir während unseres Projekts.

Statt »Amen« und »Heiliger Geist« standen da Namen wie Zeus und Dionysos

Der Text ist auf zwei fragmentarischen Pergamentblättern mit der Bezeichnung »Sin. ar. NF 66« erhalten. Der Name steht kurz für »Sinai Arabic New Finds 66« (Sinai Arabisch Neufunde 66). Die Zeilen sind in einer griechischen Majuskelschrift verfasst; dem Schriftstil zufolge dürfte der Kopist im 5. oder 6. Jahrhundert in Alexandria oder woanders in Ägypten gearbeitet haben. Später radierte man die Texte auf den beiden Blät- tern aus. Im 10. Jahrhundert schrieb dann jemand die Lebensbeschreibungen von Heiligen in arabischer Sprache darauf ab. Als wir die Arbeit an diesen Seiten begannen, fiel uns sofort die Schönheit und Eleganz der ausradierten Majuskelbuchstaben auf – ebenso war ungewöhnlich, dass christliche Begriffe fehlten. Statt wie so oft »Gott«, »Amen« oder »Heiliger Geist« haben wir Namen aus der griechischen Mythologie gelesen: Dionysos, Zeus, Persephone.

In dem Palimpsest sind Episoden geschildert, die sich mit der Kindheit des Gottes Dionysos befassen

Es war sehr schwierig, den gelöschten Text zu entziffern; ohne die multispektrale Bildgebung und -verarbeitung wäre es unmöglich gewesen. Aus mehreren Gründen: Das Pergament ist nur fragmentarisch erhalten, an vielen Stellen klaffen Löcher in den Blättern; der ursprüngliche Text wurde zudem sehr gründlich abgewaschen; und die alten Buchstaben waren besonders klein geschrieben worden. Geduld, Ruhe und in langjähriger Arbeit erworbene Schriftexpertise waren die Voraussetzungen dafür, die 89 erhaltenen Textzeilen zu transkribieren. Dabei wurde uns schnell klar, dass es sich um Verse handelt – genauer gesagt um Hexameter. In diesem Versmaß ist die epische Dichtung der Antike abgefasst, etwa »Ilias« und »Odyssee« von Homer, die aus dem 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. stammen.

Auf den beiden Seiten sind Episoden geschildert, die sich mit der Kindheit des Gottes Dionysos befassen: Auf dem einen Blatt führen die Göttinnen Persephone und Aphrodite einen Dialog über das Kind, auf dem anderen Blatt versuchen die Giganten, den kleinen Dionysos mit Spielzeug vom Thron seines Vaters Zeus wegzulocken, um ihn zu töten. In Übersetzung lautet die Episode so:

»Den Giganten gelang es nicht, Dionysos, den Sohn des Zeus und der Persephone, davon zu überzeugen, sich vom Königsthron zu erheben: weder mit irgendwelchen Gaben, die die weite Erde nährt, noch mit tückischen Täuschungen und drängenden Reden. Sogleich schmückten sie den Kopf des Sohnes des laut donnernden Zeus mit Kränzen aus lieblichen Blumen und schritten im Kreis einher, in der Absicht, ihn mit Ermahnungen und verführerischen Worten zu überzeugen, mit all den kindlichen Spielsachen und mit angenehmen Geschenken.«

Ein Buch, so lang wie die homerischen Epen

Uns ist kein anderer klassischer Text bekannt, der jene mythischen Ereignisse mit diesem Wortlaut und mit solchen Details darlegt. Nun waren Detektivarbeit und Spezialwissen gefragt: Um welchen bisher unbekannten Text handelt es sich?

Einen wichtigen Hinweis entzifferten wir am Rand des einen Blatts: Hier steht der 23. Buchstabe des griechischen Alphabets, ein Psi (ψ). Es dient in diesem Fall als Zahl und markiert den Beginn von »Buch 23« eines bestimmten Werks. Auch die homerischen Epen sind nach den Buchstaben des Alphabets geordnet. Weitere Nachforschungen führten uns zu einem Werk, das, soweit uns die antiken Quellen informieren, eine ähnliche redaktionelle Geschichte durchlaufen hatte wie die homerischen Epen – es war in 24 Bücher gegliedert und enthielt eine Erzählung über die Kindheit des Dionysos: die »Hieroi Logoi in 24 Rhapsodien«.

Die »Heiligen Reden« gehörten zu den orphischen Werken, die heute fast alle verloren sind. Diese Bücher hatten die Orphiker geschrieben, Anhänger einer religiösen Bewegung der Antike. Die Gruppe hing unter anderem der Idee an, dass die Seelen der Menschen unsterblich seien und nach dem Tod in einen anderen Körper wandern würden. Wie das Leben im Jenseits aussehen würde, darauf hatte die klassische griechische Religion keine klare Antwort. Ungefähr seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. füllten daher spezielle Geheimkulte und nicht staatliche Strömungen diese Lücke. Und so boten auch die Orphiker ein Erklärmodell über das Leben nach dem Tod, das sie in Gedichtform niederschrieben. Dabei geht die Bezeichnung »orphisch« auf den mythischen Sänger Orpheus zurück. Er soll die in Hexametern verfassten Gedichte formuliert haben, lautete die antike Vorstellung.

Was aus den »Hieroi Logoi« der Orphiker bekannt ist

In den »Hieroi Logoi« schilderten die Orphiker die mythische Entstehungsgeschichte des Kosmos. Wie antike Autoren schreiben, denen mehr Schriften bekannt waren, als heute erhalten sind, muss es sich um das längste orphische Gedicht gehandelt haben. Bislang war es lediglich indirekt überliefert – durch vereinzelte Zitate bei antiken Autoren. Insbesondere Neuplatoniker wie Porphyrios (um 233–301/305) oder Proklos (412–485) zitierten in der Spätantike aus dem Werk. Und einige solcher Erwähnungen der »Hieroi Logoi« erinnern stark an den Inhalt der Sinai-Verse.

Wann die orphischen »Hieroi Logoi« verfasst wurden, darüber ist sich die Gelehrtengemeinschaft uneins. Offenbar ist das mythologische Material, aus dem sie bestehen, recht alt. Die Schriften wurden aber im Hellenismus und in der Kaiserzeit, also seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. , überarbeitet. Im 5. bis 6. Jahrhundert studierten dann in Alexandria die Neuplatoniker die »Heiligen Reden«. Da die Sinai-Fragmente in einem Schriftstil geschrieben sind, der im selben Zeitraum in Ägypten typisch war, liegt die Vermutung nahe, dass ein Schreiber die älteren Dionysos-Verse damals in dieser Region kopierte.

Mit den beiden Blättern vom Sinai liegt erstmals ein direktes Zeugnis jenes wichtigen mythologischen Werks aus der Antike vor. Es ist ein einzigartiger Fund, der erst durch die systematische Untersuchung der Palimpseste und dank der Multispektralfotografie möglich wurde.