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Antonie Zerwer, Aufgaben in der „Prävention“ und „Berufspolitik“


Kinderkrankenschwester - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 13.07.2021

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Bildquelle: Kinderkrankenschwester, Ausgabe 7/2021

Abb. 1: Wanderausstellung ?Mutter und Kind? im Warenhaus Tietz Berlin 1916. Von links nach rechts: Prof. F. Rott, Prof. L. Langstein, Schwester Antonie Zerwer

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich experimentelle Methoden in der Medizin, Hygiene, Psychologie und Pädagogik. Dadurch konnten Kinderärzte nun Ursachen und Folgen von Krankheiten umfassender definieren. Deutlich zeigte sich hier, dass präventive Maßnahmen für die Gesundheit der kleinsten Kinder eine entscheidende Rolle spielten. Aufgrund ihrer beruflichen Erfahrungen wurde Antonie Zerwer im Kaiserin Auguste Viktoria-Haus (KAVH) mit in die Arbeitsgruppe (Ärzte, Schwestern) zur Information der Bevölkerung über vorbeugende Maßnahmen in der Gesundheit von Säuglingen und Kleinkinder aufgenommen. Ihre Gedanken hierzu waren sehr vielseitig. Ilse Tittel, Nichte von Antonie Zerwer, schreibt darüber: „Mein Vater (Lehrer) bremste Tante Toni in ihren idealistischen, philosophischen Ideen und holte sie auf die Erde zurück, indem er versuchte, ihr die Realität ihrer Ideen zu veranschaulichen.“ [1] ...

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... Bereits vor der Eröffnung des KAVH (06.061909) entwarf die Arbeitsgruppe Tafeln für eine welche im 1914 eröffnet wurde. Diese sollte zur Fortbildung der Ärzte, Schwestern und Hebammen, insbesondere jedoch für die Aufklärung und Belehrung der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Die Schwerpunkte der Ausstellung waren: Natürliche Ernährung, Geburt und Entwicklung, Gesundes Kind, Krankheitslehre, künstliche Ernährung, das Milchwesen, Ernährung des älteren Kindes, Kunst, Einrichtung KAVH. Um einen größeren Teil der Bevölkerung zu erreichen, befanden L. Langstein (Ärztlicher Direktor des KAVH 1911-1933) und F. Rott (Oberarzt, Leiter des Organisationsamt KAVH 1911-1934), dass die „Bilder wandern müssen“. [2] Dafür erarbeitete das Team 1915 die Hauptthemen der Ausstellungsinhalte in ein allgemeines Format um und verzichtete dabei auf die Darstellungen aus der Anatomie/ Physiologie, Krankheitslehre und Kunstbeiträge. Die neue wurde nicht nur im KAVH, auch in Staatsministerien, im Sportpalast Berlin, in Warenhäusern, in Gesundheitsämtern, in Schulen, in Vereinshäusern und im Berliner Zoo präsentiert. Auch wurden Ausstellungen nach individuellen Bedürfnissen von Einrichtungen zusammengestellt z. B.

für das Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin die „Ausstellung für Kleinkinderfürsorge“. Zu Führungen der Wanderausstellungen wurde Antonie Zerwer und weitere Schwestern des KAVH freigestellt. Bei Ausstellungseröffnungen hielten sie Vorträge über Säuglingspflege, z. B. Antonie Zerwer 1917 über „Einfache Mittel zur Pflege des Säuglings“ im Preußischen Landtag, „Herrenhause in Berlin“. [3] Während des Ausstellungszeitraumes standen die Schwestern für Mütter, die mit ihren Nöten und Anfragen zu ihnen kamen, mit Ratschlägen und Hinweisen in allen Fragen der Pflege und Ernährung ihrer Kinder zur Seite.

Um das Thema „Mutter und Kind“ im Unterricht in Säuglings- und Kleinkinderpflege und in Kursen der Mütterschulung lebendiger zu gestalten, entschied sich das „Team“, die Schautafeln der Ausstellung in losen Blättern, nun „Atlas der Hygiene des Säuglings und Kleinkindes“ zur Verfügung zu stellen. Die Nachfrage war sehr groß, insbesondere von Behörden, Schulen, Stadt-und Landkreisen. Die erste Auflage des Atlas erschien 1918, die 2. Auflage 1922. Im Jahr 1926 erschien die 3. Auflage des Atlas. Diese, nun „Atlas der Hygiene des Kindes“, umfasste das gesamte Kindesalter. Dieser Auflage wurde ein Leitfaden für einen 20 Stunden-Unterricht beigefügt. Ein Beispiel daraus die Tafel 56 „Bewegung im Freien“ (Abb. 2).

„Zur Pflege des Kindes gehört der möglichst lang ausgedehnte Aufenthalt im Freien. Dieser darf aber nicht lediglich in einem Spaziergang auf der Straße bestehen. Vielmehr muß das Kind wirklich Gelegenheit haben, sich unter Aufsicht zu tummeln und dabei zu freuen. Wenn die Erzieherin des Kindes die Zeit, die sie sich mit dem Kinde im Freien aufhalten soll, dazu benutzt, sich möglichst intim mit ihren Freundinnen zu unterhalten, kommt das Kind zu kurz. Sein Gesundheitszustand wird dann durch den Aufenthalt im Freien nicht gefördert, sondern durch den Zwang geschmälert.“ [4]

Ein weiterer Schwerpunkt war der Aufbau von Kursen für werdende Mütter. Zunächst orientierten sich die Mitarbeiter des KAVH am Londoner Programm „School for Mothers“ [5]. Hier wurde jedoch bemängelt, dass Mütter erst nach der Geburt ihres Kindes Ratschläge bezüglich der Ernährung und Pflege erhielten. Das KAVH bot ab 1910 zwei getrennte Kurse an: Mutterschulkurse für werdende Mütter und Mütterabende für Mütter. Das Ziel der Mütterschulkurse war, werdende Mütter in die einfache Pflege und Betreuung ihres Kindes einzuführen, über bestehende Fürsorgeeinrichtungen zu informieren und einen Erfahrungsaustausch untereinander anzuregen. Die Mütterschulkurse, geleitet von Ärzten und Schwestern, wurden 4x im Jahr in jeweils 4, später 7 Doppelstunden angeboten. Nach der Erprobungsphase erarbeitete Antonie Zerwer 1922/23 hierzu Richtlinien zur Organisation und Gestaltung der Kurse. Für den praktischen Teil stellte sie im Jahr 1927 einen „großen Unterrichtskoffer“ mit allen notwendigen Unterrichtsgegenständen zusammen, u. a. Anschauungsmaterialien, Merkblätter, Richtlinien, Schnitt-und Strickmuster. Speziell auf ländliche Verhältnisse war der „Unterrichtskoffer für das Land“ zugeschnitten. Dieser enthielt zusätzlich für Lichtbildvorführungen einen Projektionsapparat und eine Leinwand.

Wie zufrieden, ausgefüllt, glücklich eine Gruppe werdender Mütter am Ende des Mutterschulkurses 1936 war, zeigt ein Gedicht:

„Nun hat der Kurs ein Ende genommen,

wir sind so gern hierher gekommen.

Viel zu lernen, zu hören und zu sehen,

damit wir als Mütter können bestehen.

Damit wir das Kind auch richtig behandeln

und treu mit ihm durchs Leben wandeln.

Wir lernten es baden, lernten es bündeln,

lernten die einzelnen Touren der Windeln.

Lernten wann froh und zufrieden das Kind,

lernten was ihm Kummer und Ärgernis sind.

Wir hörten viel Vorträge, manch guten Rat,

wir setzten das Gehörte um in die Tat,

Wir kochten Gemüse und kochten Brei,

auf, dass unser Kinde aufs Beste gedeih.

Auf den Pausen waren wir um Frau Oberin geschaart,

die mit guten Vorschlägen nie gespart.

Sie zeigte uns Muster niedlich und fein,

die ersten Dinge fürs Kindelein.

Wir waren begeistert und waren entzückt

und haben gleich alles nachgestrickt.

Man gab uns so viel, wir namens begierig,

nun dünkt uns das Kindererziehen nicht

mehr so schwierig.“ [6]

Das Ziel der „Mütterabende“ war ein zwangloser Austausch über pflegerische, erzieherische und wirtschaftliche Fragen sowie kennenlernen von Fürsorgeeinrichtungen. Veranstaltet wurden die Mütterabende in allen Einrichtungen der Fürsorge in Preußen. Aus ihrer Erfahrung bei der Durchführung der Mütterabende entwickelte Antonie Zerwer 1927/28 das Brettspiel/Würfelspiel „Kindlein hüpf “. Ihr Ziel dabei war, junge Menschen zu befähigen, ihre anvertrauten Kleinsten besser zu verstehen und zu betreuen.

Die 34 Spielfelder des Würfelspiels waren in Form einer Schnecke angeordnet. Jedes Spielfeld beinhaltete eine richtige oder fehlerhafte Pflegemaßnahme. Die Regeln/Vorschriften waren in bunten Bildern dargestellt und in scherzhaften Versen zusammengefasst. Je nach dem, auf welchem Spielfeld man durch eine gewürfelte Zahl „gehüpft“ war, erhielt man eine Belohnung oder eine Bestrafung. Vermutlich handelte es sich hierbei um ein weiteres Vorrücken oder ein Zurücksetzen der Spielmarke. Am „Ziel“ stand ein gesundes Mädchen inmitten der blühenden Natur am Ende des Säuglingsalters. Eingesetzt werden sollte das Spiel auch in Schulen, zur Überbrückung der oft langen Wartezeiten in Mütterberatungsstellen sowie in Warteräumen bei Ärzten und Krankenkassen. [7]

Nicht nur junge Mütter, auch Mädchen sollten in der Betreuung ihre kleinen Geschwister, in der Säuglingspflege informiert werden. Hierbei orientierte man sich am New Yorker Beispiel der „Little Mothers League“, dem „Bund der kleinen Mütter“. [8] Ab 1910 unterrichteten KAVH-Schwestern in Volksschulen junge Mädchen in Säuglingspflege. Kurze Zeit später erarbeitete Antonie Zerwer die Unterrichtseinheit „Säuglingspflege“, im Jahr 1912 verfasste sie die Säuglingspflegefibel. Nach einer Testphase stellte sie 1916 für die Unterrichtseinheit einen Lehrplan für 20 Unterrichtsstunden/Jahr zusammen. Um eine erhöhte Leistungsbereitschaft und adäquate Lernerfolge zu gewährleisten, band sie verschiedene Methoden in der Wissensvermittlung ein: Vortrag, Diskussion, Aufsatz schreiben, Projektarbeit (z. B. Puppenstube aus Pappe herstellen). Für den praktischen Unterricht stellte Antonie Zerwer 1927 für das Lehrpersonal 30 Pflegeutensilien in einem „Kleinen Unterrichtskoffer“ bzw. „Kleinem Wanderkorb“ zusammen.

Desweiteren forderte sie, dass jedes junge Mädchen „[ ] einige Male einen lebendigen Säugling getragen, gehalten, gewickelt und gefüttert haben sollte.“ [9] So wurde in Zusammenarbeit mit den Säuglingsfürsorgestellen und mit Säuglingsheimen den Mädchen (mit schriftlicher Einwilligung der Eltern) die Möglichkeit gegeben, unter Aufsicht Säuglinge und Kleinkinder zu betreuen. Antonie Zerwer resümierte: „Bei einigen der Mädchen hat die Arbeit viel Freudigkeit und tiefes Verständnis hervorgerufen, anderen ist es nicht geglückt, da die Willenskraft und Ausdauer versagte. In verschiedenen Fällen haben auch die Familien und Heime nicht funktioniert. Dies alles darf uns aber nicht entmutigen, sondern muß uns veranlassen nachzudenken, wo wir es falsch angefasst haben.“ [10] Aufgrund des hohen Zeitaufwandes waren die KAVH-Schwestern bald nicht mehr in der Lage, den Unterricht in Säuglingspflege alleine durchzuführen. Den Unterricht übernahmen nun Lehrerinnen, die u. a.im KAVH hospitierten.

Neben Schulungen engagierte sich Antonie Zerwer auch in Fachzeitschriften für eine Verbesserung in der Betreuung von Mutter und Kind. Als Beispiel hier der Artikel „Der Säugling auf der Reise“ in „Unser Weg“, Blätter für Gesundheit in Haus und Familie. Amtliches Organ der Preußischen Landeszentrale für Säuglingsschutz. 5. Jg., Nr. ?, 1914.

„Mancher Leser dieses Blattes wird die Erörterung eines solchen Themas für überflüssig halten, weil er der Meinung ist, wer einen Säugling zu versehen hat, der solle sich den Gedanken an eine Sommerreise aus dem Kopf schlagen und zwischen seinen vier Pfählen bleiben. Doch ich glaube, so leicht darf man eine so wichtige Angelegenheit nicht abtun, wie sie der jährliche Erholungsurlaub für eine Groß-Familie nun einmal unbestritten ist. [] Diese Frage wird selbst der Arzt anstandslos unter der Voraussetzung bejahen, wenn die Mutter ihr Kind selbst stillt. Das Stillen seitens der Mutter ist in letzter Zeit wieder so stark betont worden, daß die Mütter allmählich anfangen, wieder eine Ehre und mütterliches Glück darin zu sehen, wenn sie imstande sind, ihre Kleinen selbst zu nähren. [] Und so ist es der Mutter nicht zu verdenken, daß es ihr peinlich ist, wenn unreife Leute ihr Nährgeschäft mit neugierigen Blicken oder gar mit maliziösem Lächeln betrachten. Unter solchen Umständen läßt sie es lieber sein. Wie leicht ließe sich da durch unsere Eisenbahnverwaltung Abhilfe schaffen! Sie ist doch sonst in dankenswerter Weise bemüht, allen möglichen Wünschen des reisenden Publikums Rechnung zu tragen. Da stellt sie Sonderabteile in den Zügen ein für solche, die auf der Reise die gewohnte Zigarre nicht gern entbehren. Die Nichtraucher-Abteile schützen die Tabaksgegner vor den Wirkungen des bei ihnen unbeliebten Krautes; die mitgeführten Speisewagen kommen den leiblichen Menschen mit allem möglichen entgegen, ja sogar den vierbeinigen Gefährten des Reisenden, dem Hund, bringt man teils zu seinem Besten, teils um das Reisepublikum zu schützen, in einem eigenen Abteil. Was aber in unseren Eisenbahnzügen leider nicht zu finden ist, das sind Abteile für reisende Mütter mit ihren Säuglingen. Wenn dies in der allereinfachsten Weise durchgeführt werden möchte, so würde sich für die Eisenbahnverwaltung keine weiteren Umstände ergeben, als an irgendeinem Abteil ein Plakat anzuhängen: „Für Mütter mit Säuglingen“. Womit man nicht in das Gegenteil zu fallen braucht, die übrigen Abteile des Zuges für solche Mütter zu verbieten. Wie angenehm wäre es, wenn für die stillenden Mütter, wenn sie mit ihrem Kinde in ein gesondertes Abteil gehen könnte, um hier ungestört ihrem Kindchen die natürliche mütterliche Nahrung zukommen zu lassen. Mit einem Federstrich ließe sich eine solche Erleichterung ins Werk setzen.“ [11]

Für den kontinuierlichen und vielfältigen Einsatz in der präventiven Arbeit für „Mutter und Kind“ dankte der Verwaltungskurator Geh. Prof. Dr. E. Dietrich (1919-1934) Antonie Zerwer am 1.1.1925. Weiterhin wünschte er sich von Herzen, „[ ] daß unsere Schwesternschaft unter ihrer treuen, klugen und erfahrenen Leitung sich weiter festigen und eine starke Stütze unserer Stiftung und ihrer bedeutsamen Wohlfahrtsarbeit werden möchte.“ [12]

Auch die Aufgaben/Bedürfnisse des eigenen Berufsstandes waren Antonie Zerwer wichtig. Im KAVH beobachtete Antonie Zerwer sehr genau die Pflegemethoden, kontrollierte deren Vor-und Nachteile und hielt diese schriftlich fest. Sie stellte Überlegungen an über Verbesserungen der Säuglings- und Kleinkinderpflege und erprobte ihre Thesen in der praktischen Arbeit – immer an den Bedürfnissen des Kindes orientiert. Die Ergebnisse finden sich in Richtlinien und Dienstanweisungen wieder. Auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung strebte Antonie Zerwer kontinuierlich nach Verbesserungen. Von besonderer Bedeutung war ihr, dass die Freude an der Ausbildung und am Umgang mit Kindern erhalten bzw. gefestigt werden. Deutlich drückt sie dies 1916 im Artikel „Praktische Winke zur Ausbildung der Säuglingspflegerinnen. Für Lehrschwestern und solche, die es werden wollen.“ aus. „Es gibt viele, die da meinen, man solle die jungen Schülerinnen nur in die Arbeit hineinschicken, der Zwang der Verhältnisse würde sie schon dazu bringen, sich durchzufinden. Das ist ebenso, als wenn man jemand ins Wasser wirft und sagt: `So, jetzt sieh zu, daß du herausschwimmst, wenn dir dein Leben lieb ist´. [] Auch der Arzt, die Ärztin wird nicht gerade erbaut sein, wenn zufällig bei der Untersuchung, die vorgenommen werden muß, nur eine junge Schülerin da ist, die nichts weiß von Spatel, Hörrohr, Abstrichröhrchen usw. – Vielleicht hat sich die Schülerin die Arbeit auch ganz anders vorgestellt. Die anfängliche Begeisterung, das alt bekannte: `wie entzückend, wie süß, wie reizend´ verfliegt sehr bald. Sie sieht sich in einem Beruf gezwängt, der ihr nicht zusagt, der ihr nicht zur Lebensaufgabe werden kann und wird ein unglückliches Menschenkind. Am schlimmsten fahren aber dabei unsere Säuglinge; sie können unter solchen Händen nicht gedeihen. Das alles könnte vermieden werden durch Einrichtung von Vorkursen für Schülerinnen.“ [13] Für den Vorkurs stellte Antonie Zerwer einen Unterrichtsplan (Theorie/ Praxis) auf. Dieser sollte 2x im Jahr (März- April, September-Oktober) stattfinden. Für die Ausbildung zur Säuglingspflegerin, zur Säuglings- und Kleinkinderschwester entwickelte sie in Zusammenarbeit mit ltd. KAVH-Schwestern Lehrpläne und stellte Unterrichtsmaterialien zusammen u. a. zur Pflege des Frühgeborenen.

Die vielfältigen Aufgaben, an deren Lösung die gesamte Schwesternschaft, neben der eigentlichen Pflegetätigkeit beteiligt war, zeigte seine Auswirkungen in Erschöpfungszuständen und Arbeitsausfällen. Antonie Zerwer forderte 1929 dementsprechend eine „Gehaltsaufbesserung, Fort- und Weiterbildung insbesondere für die Lehrschwestern, Bezahlung von Urlaubsgeld und nicht nur freie Tage, wenn die Anstalt sich die Leistungsfähigkeit der Schwesternschaft erhalten will.“ [14] Unermüdlich kämpfte Antonie Zerwer auch weiter, die Gehälter der Schwestern aufzubessern. Sie reichte verschiedene Anträge an den Kurator der KAVH-Schwesternschaft (Geh, Prof. E. Dietrich) ein, die in der Regel nach zähem Ringen auch bewilligt wurden. Darüber hinaus machte sich Antonie Zerwer immer wieder Gedanken über die Auslastung der Stationen bzw. Entlastung stark frequentierter Abteilungen mit Säuglings- und Kleinkinderschwestern. Dazu reichte sie in den 20er Jahren einen Plan an das Kuratorium des KAVH ein. Neben der Versorgung auch Zeit haben für die Kinder war ihr stets wichtig. In den unveröffentlichten Notizen, zusammengefasst in Bd. II ihres Nachlasses, findet sich 1918 hierzu ein Mahnwort an die Mütter. „Habt Zeit für die Kinder.“ „Dies Wort liesse sich auch mit Recht auf viele Säuglingsschwestern anwenden, besonders auf solche, die in grossen Betrieben arbeiten, in denen alles nach einem Schema geht. Aber wir haben doch wirklich keine Zeit, wird manche junge Schwester ausrufen. [] All den jungen Mädchen, die mit Begeisterung den Beruf der Säuglingsschwester ergreifen, möchte ich zurufen: Werdet nicht stumpf! Verliert die erste Liebe nicht! [] Haltet euch frisch durch gründliches Ausruhen in den Freiund Abendstunden, möglichst im Freien, damit ihr körperlich auf der Höhe bleibt und die Arbeitsfreudigkeit, die euch und den euch anvertrauten Kindern notwendig ist, nicht verliert.“ [15] Kontinuierlich sorgte sich Antonie Zerwer weiter für die nötige Ruhe und Entspannung der Schwestern. Dazu gehörte auch der ungestörte Aufenthalt im Grünen auf dem Anstaltsgelände sowie im Schloßpark Charlottenburg. Damit, der dafür bestimmte Platz auch tatsächlich den Schwestern vorbehalten blieb, ließ sie sich dies vom Verwaltungsdirektor G. Samel (1921-1940) schriftlich bestätigen. Das Angebot des Vereins badischer Lehrerinnen sein Seeheim Gaienhofen am Bodensee den Säuglings- und Kleinkinderpflegerinnen für den Urlaub zur Verfügung zu stellen, gab sie an die Mitglieder des RSK 1928 sehr gerne weiter. Gleichfalls auch die Empfehlung von Pfarrer W. N. Obermöllern bei Kösen, der den „Tannenhof in Bayrischzell“ für körperliches Ausruhen in der wundervollen Höhenluft -840 Meter-“ empfahl. Prinzipiell wichtig für ihre Arbeit war Antonie Zerwer der regelmäßige Gedankenaustausch, der Dialog mit allen Gruppen die in der Säuglings-und Kleinkinderpflege tätig waren. Diesbezüglich erstellte Antonie Zerwer zunächst „Schwesternbriefe“, die sich 1919 offiziell zum „Schwesternblättchen“ entwickelten. Gegenstand im „Schwesternblättchen“ war u. a. Schwesterschlüssel, Schulungen, Aktivitäten in anderen Einrichtungen, Aufsätze z. B. „Von allzusorglichen Müttern“, Gedichte von Antonie Zerwer.

Auch internationalen Kontakten gegenüber war Antonie Zerwer aufgeschlossen. Bei der Entscheidung im Januar 1925 „Entsendung von Schwestern ins Ausland“, speziell eine Anfrage aus der Türkei, spielten für das KAVH jedoch die Absicherung der Schwestern bei Krankheit, Anspruch auf Wiedereinstellung eine Rolle. Ob bzw. unter welchen Bedingungen KAVH-Schwestern die Arbeit dort aufnahmen, ist aus den Unterlagen nicht mehr nachvollziehbar. Anfang 1930 regte der International Council of Nurses (ICN) einen Austausch zwischen den Mitgliedern des RSK und den englischen Kinderschwestern an. Dazu bereiterklärt hatten sich The Queen’s Hospital for Children in London, The Royal Liverpool Children’s Hospital in Liverpool, Booth Hall Infirmary in Manchester. Antonie Zerwer gab hier zu bedenken „[ ] daß die Ausbildungszeit in England für Säuglingspflegerinnen drei Jahre dauert und daß deshalb deutsche und schweizerische Säuglingsschwestern mit zweijähriger Ausbildung nur als Schülerinnen für das 3. Jahr aufgenommen werden. Ich finde, daß diese Bedingung gerechtfertigt erscheinen wird, da die englischen Pflegemethoden doch unbekannt sind und anfangs auch die fremde Sprache hemmend wirken kann.“ [16] Antonie Zerwer engagierte sich auch für die Versorgung der Schwestern im Ruhestand. Hier kämpfte sie für eine stetige Verbesserung der Altersvorsorge der Säuglings-und Kleinkinderschwestern. Gemeinsam mit dem Vorstand des RSK erreichte sie im Herbst 1930 den Abschluss einer Lebensversicherung für die Mitglieder zu besonders günstigen Bedingungen beim Gerling-Konzern. In Planung war 1931 auch ein Altersheim für Schwestern, welches zunächst zurückgestellt, jedoch nicht ausgeführt wurde.

Nach 1934 erscheint der Name Antonie Zerwer auf keinem Sitzungsprotokoll oder Rundschreiben mehr. Innerhalb der KAVH-Schwesternschaft hat sie jedoch bis zu ihrem Ruhestand 1938, enormen Einfluss gehabt, den man auch als passiven Widerstand gegenüber der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) bezeichnen kann. Dies ist in den zähen und geschickten Verhandlungen durch und über Prof. F. Rott mit den zuständigen Behörden spürbar. Dem Wunsch der NSV, die KAVH-Schwesternschaft zu übernehmen, wurde auch nach wiederholten Anfragen nicht entsprochen. Erst 1937 wurde Antonie Zerwers Vorschlag angenommen, nach ihrem Ausscheiden (1938), die Stelle der Oberin wieder mit einer KAVH-Schwester zu besetzen. Erfolg brachte auch die Sitzung des Verwaltungsrates KAVH im Reichsund Preussischen Ministerium des Innern am 03.04.1940, mit der Entscheidung, die KAVH-Schwesternschaft in den Reichsbund der freien Schwestern überzuleiten.

Mit ihren kreativen Ideen sowie umfassenden Aktivitäten in der Neuausrichtung der Säuglings- und Kleinkinderpflege/- betreuung war Antonie Zerwer überaus erfolgreich. In ihrem Verfahren zur Schaffung von Lehrprogrammen wird der wissenschaftliche Ansatz deutlich. Beharrlich kämpfte sie für Verbesserungen bezüglich Gehalt, Urlaub und Arbeitszeiten für Säuglings- und Kleinkinderschwestern. Bei allen Initiativen im Beruf war ihr stets die Freude an der Ausübung des Berufes wichtig.

Quellen und Literatur:

Wegmann, Hedwig: Antonie Zerwer. Ein Leben für Kinder. 75 Jahre

Kinderkrankenpflege (Reihe Deutsche Vergangenheit. Stätten der Geschichte Berlins, Nr. 74). Edition Hentrich, Berlin 1992

[1] S. 10 / [3] S. 82 / [6] S. 68 / [9] S. 77 / [10] S. 77 / [11] S. 116 f. / [12] S. 112 /

[13] S. 106 ff. / [14] S. 136 f. / [15] S. 123 f. / [16] S. 157

Wegmann, Hedwig: Das Experiment „Das gesunde Kind“ unter kaiserlichen Protektion 1909-1929. (Schriftenreihe Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 20). Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2012

[2] S. 113 / [5] S. 140 / [7] S. 135 ff. / [8] S. 137

Leitfaden zum Atlas der Hygiene des Kindes 1926. Nachdruck im Verlag Schmidt-Römhild Lübeck 1989

[4] „Bewegung im Freien“ Tafel 56, S.25.

Bildquelle

Wegmann, Hedwig: Antonie Zerwer. Ein Leben für Kinder. 75 Jahre

Kinderkrankenpflege (Reihe Deutsche Vergangenheit. Stätten der Geschichte

Berlins, Nr. 74). Edition Hentrich, Berlin 1992

Abb. 3 (62 ff.) / Abb. 4 (S. 79) / Abb. 5 (S. 53) / Abb. 6 (S. 82) / Abb. 7 (S. 73) / Abb. 8

(109) / Abb. 9 (S. 103) / Abb. 10 (S. 93)

Wegmann, Hedwig: Das Experiment „Das gesunde Kind“ unter kaiserlichen Protektion 1909-1929. (Schriftenreihe Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 20). Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2012

Abb. 1 (118)

Atlas der Hygiene des Kindes 1926. Nachdruck im Verlag Schmidt-Römhild Lübeck 1989

Abb. 2: „Bewegung im Freien“ Tafel 56

AUTORIN

Dr. Hedwig Wegmann Kinderkrankenschwester a. D. Historische Erziehungswissenschaftlerin a. D. 12165 Berlin