Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 11 Min.

ARCHÄOLOGE UND GENTLEMAN: Georg Karo in den Zwanziger Jahren


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 15.11.2019

Georg Karo (1872–1963) war der erste deutsche Archäologe, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt ganz auf der ägäischen Bronzezeit lag. Er folgte Wilhelm Dörpfeld als Athener Direktor des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts im Amt nach, grub in Tiryns und publizierte 1930/33 die Funde aus dem Schachtgräberrund A von Mykene, die Heinrich Schliemann 1876 geborgen hatte. In den 1920er Jahren war Karo Professor in Halle und entfaltete im monarchistisch-rechtsnationalistischen Umfeld derSüddeutschen Monatshefte eine rege politische Publizistik, die um die Frage der Schuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg kreiste.

Artikelbild für den Artikel "ARCHÄOLOGE UND GENTLEMAN: Georg Karo in den Zwanziger Jahren" aus der Ausgabe 6/2019 von Antike Welt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 6/2019

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Antike Welt. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2019 von IRAN: INTERNATIONALE FORSCHUNG ZUR KONSERVIE RUNG VON SALZMUMIEN- FUNDEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IRAN: INTERNATIONALE FORSCHUNG ZUR KONSERVIE RUNG VON SALZMUMIEN- FUNDEN
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von UKRAINE: ZENTRALISMUS IN DENTRIPOLYE- SIEDLUNGEN:KOLLAPSERKLÄRBAR. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
UKRAINE: ZENTRALISMUS IN DENTRIPOLYE- SIEDLUNGEN:KOLLAPSERKLÄRBAR
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von AKKADISCH, DIE SPRACHE DER BABYLONIER UND ASSYRER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AKKADISCH, DIE SPRACHE DER BABYLONIER UND ASSYRER
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von LEBEN IN EXTREMEN: Anziehungspunkt Totes Meer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LEBEN IN EXTREMEN: Anziehungspunkt Totes Meer
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von SALZMEER – TOTES MEER – LOTS MEER: Die drei abrahamischen Religionen und das Tote Meer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SALZMEER – TOTES MEER – LOTS MEER: Die drei abrahamischen Religionen und das Tote Meer
Titelbild der Ausgabe 6/2019 von FELDHERREN, GENIESSER, WISSENSCHAFTLER: Die Römer und das Tote Meer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FELDHERREN, GENIESSER, WISSENSCHAFTLER: Die Römer und das Tote Meer
Vorheriger Artikel
WER DEN OBOLUS NICHT EHRT …Die interaktiven Kataloge der F…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel ANDERS HÖREN UND ANDERS SEHEN: Die Antike als Vorbild in uns…
aus dieser Ausgabe

Abb. 1 Georg Karo in den Zwanziger Jahren.


Abb. 2 Vor 60 Jahren erschienen die Erinne - rungen Georg Karos. Darin erzählt der Autor in höchst lebendiger Weise über seine Kindheit, die Jahre des Studiums und die Athener Zeit ab 1905. Die Jahre nach 1918 werden fast völlig ausgeblendet.


Karo war durch sein Elternhaus wohlhabend genug, um die nächsten sechs Jahre das freie Leben eines Pri- vatgelehrten führen zu können. Er zog nach Rom. Den Winter 1899 auf 1900 verbrachte Karo gemeinsam mit seinem Studienfreund, dem Ägyptologen Friedrich Wilhelm von Bissing, am Nil. Auf der Rückfahrt ging Karo im April 1900 in Herakleion auf Kreta von Bord. Er hatte von den Ausgrabungen gehört, die Sir Arthur Evans seit ein paar Jahren in Knossos leitete, und Evans führte ihn durch den Palast des sagenhaften Königs Minos, wo 1878 die ersten kretischen Grabungen begonnen hatten. Die Stadt war in der Bronzezeit das politische und wirtschaftliche Zentrum Kretas, und der Palast war bis zu seiner Zerstörung um 1370/50 v. Chr. (Spätminoisch III A 1/A 2) königliche Residenz gewesen. Bei den Grabungen waren nicht nur herausragende frühe Kunstwerke entdeckt worden, sondern wenige Tage vor Karos Ankunft auch die ersten Tontäfelchen mit eingeritzter Bilderschrift. Später kehrte Karo immer wieder gerne nach Kreta und Knossos zurück. Was ihn an der minoischen Kultur so faszinierte, war ihre Friedfertigkeit. Die minoische und mykenische Kultur sollten zu seinem wissenschaftlichen Lebensthema werden.

1902 konnte sich Karo in Bonn habilitieren. Die nächsten drei Jahre lehrte er als Privatdozent unter Georg Loeschcke als Ordinarius an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. In dieser Zeit lernte er die Familie Gothein kennen, durch die er mit Stefan George in Berührung kommen sollte (s. Beitrag auf www.antikewelt.de). Doch endete die Bonner Privatdozentenzeit schneller als gedacht. Nach nur drei Jahren wurde Karo dank der Empfehlung Loeschckes zum Zwei- ten Sekretär, d. h. Zweiten Direktor des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts in Athen ernannt. Erster Direktor war seit 1887 Wilhelm Dörpfeld (1853–1940). Nominell blieb Dörpfeld bis 1912 Leiter der Athener Abteilung, tatsächlich führte jedoch Karo ab 1909 die Geschäfte. Diese Stellung brachte ihn mit dem griechischen Königshaus in Verbindung, was ihm im Jahr 1939 die Flucht aus Deutschland über Griechenland in die USA ermöglichen sollte. Karo kam aber auch dem deutschen Kaiser nahe. Wilhelm II. hatte 1907 auf Korfu das Achilleion erwerben können, ein Schloss, das für Elisabeth von Österreich gebaut und nicht ohne Kitsch prächtig ausgestattet worden war. Dort verbrachte die kaiserliche Fami- lie gerne einige Wochen im Frühjahr. Im Herbst 1910 wurde unfern der Hauptstadt zufällig ein antikes Relieffragment gefunden, und der griechische Museumsdirektor der Insel ließ daraufhin eine Schürfung vornehmen. Nach Ostern 1911 wurde Wilhelm II. zur Besichtigung der Funde eingeladen. Der antikenbegeisterte Monarch bat sich beim griechischen König sogleich die Erlaubnis aus, die Grabung auf eigene Kosten fortführen zu dürfen. So konnten bis Anfang Juni alle erhaltenen Teile des Westgiebels des Artemistempels geborgen werden (Abb. 3). Dabei handelt es sich um ein herausragendes archaisches Kunstwerk aus der Zeit um 590/80 v. Chr. Nicht nur Dörpfeld wurde aus Olympia herbeigerufen, auch Karo wurde durch ein kaiserliches Telegramm aus Athen ins Achilleion beordert. Zu einem letzten Zusammentreffen mit der Kaiserfamilie kam es im März 1914.

Professor für Klassische Archäologie

Zum Wintersemester 1920/21 übernahm Georg Karo die Nachfolge von Carl Robert (1850–1922), der seit 1890 an der Vereinigten Friedrichs- Universität Halle-Wittenberg gelehrt hatte. Robert gehörte noch jener Generation von Altertumsforschern an, für die Klassische Archäologie und rückte ebenfalls auf den Stuhl Roberts in der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin nach.

Abb. 3 Die geflügelte Gorgo Medusa mit ihren Kindern von Poseidon, Pegasos und Chrysaor im Westgiebel des Artemistempels nische Wesen trägt Flügelschuhe und stürmt im Knielaufschema nach rechts. Bannender Blick, weitaufgerissener Mund,e gmebpleelcsk vtoe nZ äKhonrfeu, .h Dearasu dsämohängende Zunge, stumpfe Nase: Ihr schreckliches Gesicht lässt den Betrachter erstarren. Die Figur ist 2,79 m hoch und sprengt den Rahmen. Rechts und links sitzen Löwenpanther; gemeinsam beschützen sie den Tempel und dienen ihrer Herrin Gorgo. Karo wies 1914 darauf hin, dass die im Tempelareal gemachten Funde eine Benennung des Heiligtums nach Artemis nicht wirklich erlauben würden.


Genau 20 Semester blieb Karo in der Stadt an der Saale. In dieser Zeit hielt er Vorlesungen etwa über «Griechische Götterideale» (SS 1921), «Kretisch-mykenische Kunst» (WS 1922), «Homerische Kultur» (SS 1923), «Etrurien» (SS 1925) oder «Ausgrabungen und Ausgräber» (WS 1927/28) und bot Seminare zu Themen wie «Das antike Theater» (SS 1924), «Leben der Griechen » (WS 1924/25), «Griechische Vasenkunde » (WS 1925/26) und «Grie- chische Heiligtümer» (WS 1929/30) an. Interessant ist, dass er gerne Übungen gemeinsam mit den Kollegen Carl Robert, Otto Kern oder Wilhelm Weber und im Sommer 1927 mit dem George- Jünger und früheren Freund von Percy Gothein, Woldemar Graf von Uxkull- Gyllenband, veranstaltete (s. Beitrag aufwww.antikewelt.de). In den Wintersemestern 1923/24, 1924/25 und 1925/26 las er bei den Historikern über die Wurzeln des bzw. die Schuld am Ersten Weltkrieg.

Im Jahr 1930 erschien dem «Archaeologischen Institut des Deutschen Reiches zur Jahrhundertfeier am 21. April 1929» gewidmet, der I. Teil derSchachtgräber von Mykenai . Teil II und der schwere Tafelteil folgten 1933. Die in drei Bänden publizierte Arbeit darf wohl als Karos wissenschaftliches Hauptwerk gelten. Die Idee dazu reichte ins Jahr 1912 und ging auf Loeschcke zurück. Der Objektekatalog entstand zwischen 1914 und 1916, die eigentliche Gesamtauswertung, in der die Bedeutung der Schachtgräber für die Rekonstruktion der mykenischen Kultur herausgearbeitet wurde, erfolgte erst zwischen 1929 und 1932.

Einleitend würdigt Karo die Entdeckungen von Heinrich Schliemann in Mykene. Durch dessen Grabungen sei das Jahr 1876 zum «Epochenjahr der Vorgeschichte auf griechischem Boden » geworden. Zwischen dem 7. August und 28. November dieses Jahres gelang es Schliemann fünf Schachtgräber («Gräberrund A»; Abb. 4) «mit wahrhaft königlichen Schätzen» zu bergen. Zwar habe in dem Archäologen noch «allzu viel vom Schatzgräber » gesteckt und größere methodi- sche Sorgfalt wäre wünschenswert gewesen, letztlich aber hätten Schliemann und seine junge Frau unter den gegebenen Umständen so gut als möglich gearbeitet. Die Funde gelangten auf Schliemanns Initiative ins Athener Nationalmuseum. In den nächsten Jahren, so skizziert Karo die weitere Forschungsgeschichte, seien die Grabungen im kleineren Maßstab fortgesetzt und wichtige Ergebnisse veröffentlicht worden. Aufs Ganze gesehen aber seien die Forschungen schon nach 1878 ins Stocken geraten. Zudem sei durch die sensationellen Funde Sir Arthur Evans’ auf Kreta zu Beginn des 20. Jhs. die Aufmerksamkeit der Archäologie von der mykenischen auf die minoische Kultur und Kunst gelenkt worden. Bald sei das Mykenische nur mehr als «eine Provinz des Minoischen» angesehen worden. Doch habe es nicht an Stimmen gefehlt, die vor einer «Verwischung der Unterschiede » gewarnt und dazu aufgefordert hätten, die mykenische Kultur und Kunst – trotz ihrer unverkennbaren Abhängigkeit von der Kretas – als eigenständige Größe wahrzunehmen. Dieser von der neueren Forschung bestätigten Sichtweise folgt Karo: «So ist die Zeit reif für einen Versuch, Grundlage der altberühemrtseunc hu,n adu df odcehr noch so wenig verwerteten Schachtgräber und ihres Inhalts Wesen und Eigenart ältermykenischer Kunst und ihr Verhältnis zur minoischen aufzubauen. » Auf die Darstellung der Umgebung und Gestalt der Schachtgräber, der Grabstelen und der Art und Weise der Bestattungen folgt die Beschreibung der in den insgesamt sechs Gräbern gefundenen Beigaben, d. h. der Schmuckstücke, Gefäße, Waf- fen und sonstigen Fundstücke. Das sicher bekannteste Objekt stellt Nr. 624 aus Grab V dar, das von Schliemann auf den einprägsamen, doch irrefüh-renden Namen «Maske des Agamemnon » getauft wurde (Abb. 5).

Abb. 4 Gräberrund A. Die Anlage gehört ins 16./15. Jh. v. Chr. (Späthelladisch I/II A) und lag zunächst außerhalb der Stadtmauer. Der Anteil an minoischen Objekten ist größer als in dem später entdeckten Gräberrund B.


Abb. 5 Sog. Maske des Agamemnon. Ihr Träger war ein etwa 25jähriger Krieger, der 1,80 m groß war. Die Verwendung von goldenen Masken im To


Karo beschreibt die Goldmaske ausführlich: «Die Augenbrauen sind durch schräge Riefen gegliedert, die mandelförmigen Augen zeigen sowohl die Lidränder eines geöffneten wie die Lidspalte eines geschlossenen Auges […]. Die lange, schmale, gerade Nase ist scharf und edel geschnitten, mit kleinen Nasenflügeln […]. Der gerade, kurze Mund mit seinen schma- len Lippen hat einen mürrischen Ausdruck […]. Ganz singulär ist die Barttracht: ein ziemlich starker, leicht aufgebogener, spitzer Schnurrbart, eine kleine ‹Fliege› auf dem ausrasierten Kinn unter der Unterlippe, ein langer Bartkranz unter Kinn und Wangen bis zu den Ohren hinauf. […]. Die Ohren sind zwar stilisiert, aber in der Angabe von Läppchen und Knorpeln ziemlich richtig». Er kommt zu dem Schluss, dass man «hier unbedenklich den Versuch einer Porträtdarstellung» erkennen darf. Die Maske war, ebenso wie das große goldene Brustblech auf einem Tuch angebracht, genäht oder gebunden, in das der Leichnam zur Bestattung gewickelt war. Derartige Masken wurden ausschließlich für das Grab hergestellt und auch männliche Kinderleichen damit ausgestat- tet, fehlen aber bislang für FrUnmittelbare Gegenstücke dazua ubeien-. ten, wie Karo ausführt, die «Gesichter ägyptischer Mumienkästen». Eine «Ableitung» der mykenischen Masken von Ägypten her, sei «die einleuchtend einfachste Erklärung» und zwar vermittelt durch Handelsverbindungen und Kulturkontakte zwischen Kreta und Ägypten bzw. Kreta und Mykene. Merkwürdig bleibe allerdings, dass solche Grabmasken in kretischen Gräbern bislang nicht nachweisbar seien. Da die Masken überhaupt nur in Mykene entdeckt worden seien, schließt Karo darauf, dass es sich um einen ganz eigenständig entstandenen Brauch gehandelt haben könnte.

Der Sinn der Totenmasken, so Karo, sei der Wunsch gewesen, «das Ant- litz des Toten, vor allem des Fürsten, der Nachwelt unzerstört zu erhalten». Vielleicht greift diese Deutung aber doch etwas zu kurz: Die Maske dürfte eine magische Funktion gehabt haben, indem sie ihren Träger beim Über- gang ins Totenreich sowohl schützte als auch dessen Antlitz vollkommen und intakt halten sollte.

Karos vaterländische Publizistik

Die neuen universitären Aufgaben und Verpflichtungen nahmen Karo zweifellos in Anspruch. Wie sich an der von Astrid Lindenlauf zusammengestellten Publikationsliste ablesen lässt, blieb die Zahl der archäologischen Veröffentlichungen in den ersten Hallenser Jah- ren relativ überschaubar. Der Grund da- für ist, dass Karo stattdessen eine rege politische Publizistik entfaltete, die sich mit den Ursachen und Folgen des Ers- ten Weltkrieges für Deutschland beschäftigte. In Form von Aufsätzen in dunend zu«Ssaümddmeeuntsfachsseenn dMeno nBartosshcehfüterenn» griff der Archäologe in die mit ganzer Leidenschaft geführte Debatte um die «Kriegschuldfrage» ein. In Artikel 231 des Versailler Vertrages und deutlicher noch in der Mantelnote zum Vertrag vom 16. Juni 1919 wurden nicht nur der deutschen Regierung und der deutschen Bevölkerung die Alleinschuld am Krieg zugeschrieben, sondern zugleich die preußisch-deutsche Tradition als eigentliche Ursache des Krieges benannt. In deutscher Wahrnehmung, schreibt Jörn Leonhard, ging es damit «nicht mehr allein darum, harte Friedensbedingungen zu akzeptieren, sondern die Alleinverantwortung für den Ausbruch eines Krieges zugewiesen zu bekommen, der als singuläres Menschheitsverbrechen bezeichnet wurde» und das bei einem Krieg, der – wieder aus deutscher Sicht – dem Deutschen Reich von England, Frankreich und Russland aufgezwungen worden war. Während die ganz große Mehrheit der deutschen Bevölkerung also meinte, einen Vertei- digungskrieg geführt zu haben, wurde ihr von der Entente ein unverhältnismäßig harter, gleichsam Karthagischer Friede aufgezwungen. Die Reparationen sollten, wie Gerd Krumeich klar feststellt, aber nicht geleistet werden, weil die Deutschen «den Krieg verloren hatten, wie es seit Jahrtausenden üblich war und auch heute noch üblich bleibt, sondern weil sie ein Verbrechen an der Menschheit begangen und sich im Krieg wie Verbrecher verhalten hatten.» Galt bei jeder Friedensregelung vom 17. bis ins 19. Jh. hinein der Grundsatzin amnestia consistit substantia pacis , war 1919 an ein «Vergessen » und «Vergeben» nicht mehr zu denken: Der Kriegsgegner war nicht mehr «nur» der Feind, «sondern ein Verbrecher, der aus einer moralisch überlegenen Position bestraft werdenmusste» (Eckhart Conze).

Abb. 6 «Grundzüge der Kriegsschuldfrage» von 1925. «Die schwerwiegendste Anklage betrifft also nicht so sehr die Alleinschuld oder Hauptschuld an der Entfesselung des Weltkrieges als eine angebliche jahrzehntelange planmäßige Vorbereitung eines solchen zum Zwecke der Weltherrschaft.»


Gegen diese einseitige Schuldzuweisung erhoben Karo und andere vehement Einspruch. Dabei ging es ihm gar nicht so sehr um die Frage der Alleinschuld oder Hauptschuld Deutschlands am Krieg, sondern um die von den Siegermächten behauptete «angebliche jahrzehntelange planmäßige Vorbereitung» des Krieges «zum Zwecke der Weltherrschaft » (Abb. 6). Nähert man sich aus heutiger Perspektive ohne großes historisches Vorwissen dem Problem der Kriegsschuld besteht leicht die Gefahr einer Überblendung durch die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg. Dass Deutschland unbestritten die alleinige Verantwortung für die Entfesselung des verbrecherischen Krieges im Jahr 1939 trägt, bedeutet jedoch nicht, dass es auch ursächlich, und schon gar nicht alleine, Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges war. Wenn Karos Schriften in der neueren Literatur pauschal als «Pamphlete» abgetan werden, dann offenbar weil sich der Autor mit sei- nen Beiträgen für die «Süddeutschen Monatshefte» in einem monarchistisch- rechtsnationalistischen Umfeld bewegte. Doch wird dieses Verdikt weder der Komplexität des Gegenstandes noch dem intellektuellen Niveau des Autors gerecht, dessen Aus- führungen sicher die Zustimmung der Mehrheit der deutschen Professorenschaft in den Zwanziger Jahren gefunden hat bzw. gefunden hätte. Es sei an dieser Stelle nur darauf hingewiesen, dass auch der in dieser Hinsicht unverdächtige, 1933 aus Deutschland vertriebene Althistoriker, kommunistische Reichstagsabgeordnete und Zeithistoriker der Weimarer Republik Arthur Rosenberg (1889–1943) in seinem 1928 erschienenen BuchDie Entstehung der deutschen Republik zu dem Schluss kommt, dass die deutsche Regierung zu Kriegsbeginn von einer «moralischen Kriegsschuld» «freizusprechen» sei. Weder Kaiser Wilhelm II. noch seine Reichskanzler von Leo von Caprivi bis Theobald von Bethmann Hollweg hätten den Krieg «gewollt». Es seien zwar schwere, ja verhängnisvolle außenpolitische Fehler gemacht worden, aber eine «kriegslustige Militärpartei» sei am Hofe Wilhelms II. 1914 nicht nachweisbar. Interessanterweise sieht Rosenberg in der Politik Englands «die eigentliche Wurzel des Weltkrieges». Demgegenüber meinte Karo in Russland und dessen «Byzantinismus» die Hauptursache erkennen zu können. Es ist also vielleicht nicht ganz uninteressant etwas genauer auf seine Argumente zu hören (s. a. Beitrag aufwww.antikewelt.de).

Adresse des Autors

Prof. Dr. Kay Ehling oberkonservator Staatliche Münzsammlung München Residenz Residenzstr. 1 D-80333 München

Bildnachweis

Abb. 1: DAI Athen, neg. nr. 1973/1148; 2. 3: nach G. rodenwaldt, Altdorische Bildwerke in Korfu, (1938) #; 4: nach G. Karo, Die Schachtgräber von Mykenai (1930) 25; 5: akg-images / Erich lessing; 6: nach G. Karo, Grundzüge der Kriegsschuldfrage (1925).

Literatur

E. CONZE, Die große Illusion. Versailles 1919 und die neuordnung der Welt (2018).

J. FIScHEr, Griechische Frühgeschichte bis 500 v. chr. (2010).

G. KRUMEICH, Die unbewältigte niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik (2018).

J. lEonHArD, Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923 (2018).

A. lInDEnlAUF, Georg Heinrich Karo (1872–1963), in: G. Brands / M. Maischberger (Hrsg.), lebensbilder. Klassische Archäologen und der nationalsozialismus Bd. 2.

Menschen – Kulturen – Traditionen. Forschungscluster 5. Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts im 20. Jahrhundert Bd. 2, 2 (2016) 55–78.

DIES., Georg Heinrich Karo (11. 1. 1872 – 12. 11. 1963): «Gelehrter und Verteidiger deutschen Geistes», in: JdI 130 (2015) 259–354.

Mykene. Die sagenhafte Welt des Agamemnon. Ausstellungskatalog Badisches Landesmuseum Schloss Karlsruhe (2018).