Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 10 Min.

ARCHÄOLOGIE: POST AUS DER STEINZEIT


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 07.06.2018

In Namibia entdeckt ein ehemaliger Landvermesser eine der reichsten Ansammlungen von Felsgravierungen in Afrika. Jetzt untersuchen Forscher mit modernsten Methoden diesen kulturhistorischen Schatz. Ein Team von Terra Mater begleitete die Archäologen bei ihrer Arbeit.


Ein gutes Omen
Frühzeitliche Jäger gravierten Tierdarstellungen in einen Felsen, vielleicht als Vorzeichen für reiche Beute. Die Erforschung soll Aufschluss geben über das Leben während der Steinzeit in Namibia.

Abbildung in Originalgröße

Artikelbild für den Artikel "ARCHÄOLOGIE: POST AUS DER STEINZEIT" aus der Ausgabe 4/2018 von Terra Mater. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 4/2018

Schauplatz Wüste
Das Klima in den Mik-Bergen im Nordwesten Namibias ist trocken und heiß. Einige ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Terra Mater. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2018 von LOGBUCH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LOGBUCH
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von WELTBILD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WELTBILD
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von LEBENSRAUM: WENN ES NACHT WIRD IN MUMBAI. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LEBENSRAUM: WENN ES NACHT WIRD IN MUMBAI
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von ALS IM FREIBAD DIE BOMBE HOCHGING. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ALS IM FREIBAD DIE BOMBE HOCHGING
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von EIN MENSCH VOR EUBÖA. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EIN MENSCH VOR EUBÖA
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von BOTANIK: LASST SIE BLÜHEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BOTANIK: LASST SIE BLÜHEN
Vorheriger Artikel
WELTBILD
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel LEBENSRAUM: WENN ES NACHT WIRD IN MUMBAI
aus dieser Ausgabe

Schauplatz Wüste
Das Klima in den Mik-Bergen im Nordwesten Namibias ist trocken und heiß. Einige Wasserstellen sicherten den Menschen das Überleben.

Im „Amphitheater“. Besonders intensiv bebilderten Fundstellen gaben die Entdecker Namen. Diese Schöpfung nennen sie scherzhaft „Götterplatte“. Nirgendwo sonst fanden sich vergleichbar große Darstellungen von Menschen.


DIE KARGE WÜSTENLANDSCHAFT HIER IM NORDWESTEN NAMIBIAS IST MENSCHENLEER. ZUMINDEST FAST: Ein genauer Beobachter kann gegen den braun-staubigen Horizont zwei Gestalten ausmachen. Vorneweg marschiert Joe Walter, ein pensionierter Landvermesser und passionierter Felsbild-Fan. Hinter ihm Peter Breunig, Professor für afrikanische Archäologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Es ist ein Spätsommertag in einer der trockensten Gegenden der Erde. Das Thermometer zeigt 41 Grad, die Hemden der Männer sind vom Schweiß dunkel verfärbt. Als sie schließlich einen Felsvorsprung erreichen, lassen sich die beiden auf Knie und Hände nieder und kriechen unter den überhängenden Felsen. Suchend blicken sie nach oben – und entdecken das Ziel ihres mühsamen Marschs. Über ihnen spannt sich ein Himmel voller wundersamer Felsbilder: Ein filigran gezeichneter Springbock ist zu erkennen, stilisierte, spinnenbeinige Menschen, daneben zwei rote Elefanten, über und über mit weißen Punkten versehen.

Für moderne Augen sind die Zeichnungen schlicht Kunstwerke. Das macht sie zum Teil eines Kunstschatzes, der bis heute der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist und dessen Ausmaß die Wissenschaftler erst langsam erkennen. 61 Fundstellen entdeckte Walter, 142 weitere Funde gelangen Breunig und seinen Mitarbeitern, die sich jetzt um die fachgerechte Dokumentation und Analyse der Darstellungen kümmern.

Der Formenreichtum ist erstaunlich: Da gibt es einfache Symbole, aber auch höchst lebendig wirkende Darstellungen von Wildtieren – Nashörnern, Giraffen und Elefanten. Manche davon sind klein wie ein Handteller, andere wiederum mehrere Meter groß. Die meisten Zeichnungen sind in den weichen Stein graviert. Einige wenige wurden mit Farbe aufgetragen.

Entdecker Joe Walter. Der ehemalige Landvermesser fand mithilfe von Landkarten einen einst für Jäger und Sammler vielversprechenden Landstrich – und einen gewaltigen Kunstschatz.


Camp in den Mik-Bergen. Wer als Wissenschaftler in der Wüstenlandschaft von Namibia Felszeichnungen dokumentieren will, muss Entbehrungen in Kauf nehmen.


Noch ist Breunig mit seinen Mitarbeitern damit beschäftigt, die Felsdarstellungen zu inventarisieren. Klar ist schon jetzt: Der Fund stellt viele der bekannten Fundstellen in Namibia in den Schatten.

Bisher haben Joe Walter und Peter Breunig nur wenige Vertraute und Forscherkollegen zu dieser Schöpfung geführt. Zu groß ist ihre Sorge, dass neugierige Besucher die Werke beschädigen, bevor sie nach allen Regeln der Wissenschaft dokumentiert worden sind. Das Terra Mater Magazin ist das erste Medium, das umfangreich von diesen Felsbildern berichten darf.

Auch sonst ist Walter Breunig vorsichtig, etwa bei der Datierung. Einige der Darstellungen könnten gut 10.000 Jahre alt sein, schätzen die Forscher. Andere sind möglicherweise erst vor 500 Jahren entstanden. Nun wollen Breunig und seine Mitarbeiter Proben ziehen, die dann später in Deutschland datiert werden sollen.


Einige der Darstellungen könnten 10.000 Jahre alt sein, andere sind möglicherweise erst vor 500 Jahren entstanden. Um Gewissheit zu erlangen, nehmen die Forscher Proben für weitere Analysen mit nach Deutschland.


DIE KUNST-SCHATZKARTE

Wo in Namibia frühe Jäger und Sammler Felsen verzierten.

Fahndungserfolge
Auf Karten wie diesen verzeichnen Archäologen, wo in der Wüste sie die Schöpfungen vorzeitlicher Künstler gefunden haben. Dabei unterscheiden sie prinzipiell zwischenMalereien undGravuren . Das Gelände befindet sich westlich der bekannten FundstelleTwyfelfontein . Für Besucher sind die neu entdeckten Darstellungen noch nicht zugänglich. Zuvor müssen die Forscher die wissenschaftliche Dokumentation abschließen, und die Behörden müssen ein Besucherkonzept entwickeln.

Erst dieses Verfahren könnte Gewissheit bringen. Doch unabhängig von ihrem Alter beeindrucken die Muster und Tierdarstellungen auch beim Anblick mit freiem Auge: Sie erlauben einen kleinen Einblick in die steinzeitliche Lebenswelt der Menschen im südwestlichen Afrika.

Welche Bedeutung die Zeichnungen für ihre Schöpfer ganz genau hatten, werden wir allerdings naturgemäß niemals erfahren: Zeichneten etwa Jäger jene Tiere, die sie möglichst bald erlegen wollten? Schufen sie ihre Werke aus reiner Freude am Dekorieren? Oder ritzten sie die Bilder aus bloßer Langeweile in den Stein, während sie auf Beute warteten?

SCHATZSUCHER IN DER WÜSTE

Die Entdeckung des Bilderkosmos begann im Jahr 2000. Mit dem Spürsinn eines Fährtenlesers suchte Joe Walter auf Online-Satellitenaufnahmen nach Landschaften in seiner namibischen Heimat, die für Jäger und Sammler in grauer Vorzeit attraktiv gewesen sein müssten. In den Mik-Bergen entdeckte er ein Areal, das ihm so vielversprechend erschien, dass er noch im Dezember – also zur Zeit der größten Hitze – mit seiner damaligen Frau aufbrach.

Verwittertes Gestein und staubtrockene Erde bedecken den heute unbewohnten Ort. Nischen und Felsüberhänge hatten den Jägern und Sammlern Schutz vor Wind und Sonne geboten. Von den Anhöhen aus hatten sie nach Beute Ausschau halten können.

An dem Ort, den Joe Walter „Backenzahn“ nannte, untersuchten er und seine Frau erstmals überhängende Felsformationen und fanden sie mit Malereien verziert. „Es hat mich umgehauen, was ich hier zu sehen bekam“, erinnert sich

Walter an diesen Moment. Die Zeichnungen hatten in diesem trockenen Klima tausende Jahre praktisch unversehrt überdauert. Immer mehr Felsbilder entdeckte er in der Folgezeit. Walter nahm die GPS-Daten auf und kümmerte sich darum, dass sein Fund wissenschaftlich untersucht wird.

Gravieren am „Backenzahn“
Diese Felsgravuren in den namibischen Mik-Bergen sind möglicherweise an die 10.000 Jahre alt. Die Menschen-und Tierfiguren wirken lebendig und dynamisch, geben bezüglich Anatomie und Bildpositionierung aber auch Rätsel auf.

INSPIRATION MAMMUT

Früh küsste eine Muse den Zweibeiner. Hier eine Retrospektive ausgewählter Werke.

Ockerstück mit Ritzungen, 77.000 Jahre alt

Gefunden wurden Artefakte wie diese in derBlombos-Höhle in Südafrika. Die Entdecker sehen in den Ritzungen den Ausdruck abstrakter Gedanken mit künstlerischer Intention. Im vergangenen April meldeten dänische Kognitionsforscher Zweifel an: Sie halten die Muster für gedankenlose Verzierungen.

Handabdruck, 64.800 Jahre alt

Die Hand an den Fels halten, Pigment darüberblasen – fertig ist der „Abdruck“. Viele solcher Abbilder finden sich in europäischen Höhlen. Dieses Handabbild aus derMaltravieso-Höhle in Westspanien entstand bereits 20.000 Jahre, bevor der moderne Mensch Europa erreichte. Es muss von einemNeandertaler stammen.

Elfenbeinschnitzerei, 35.000 Jahre alt

Die knapp neun Zentimeter lange Figur wurde in derVogelherd-Höhle auf der Schwäbischen Alb entdeckt. Bei dem dargestellten Tier könnte es sich um einen Löwen handeln. Die Schnitzer gehörten der ältesten archäologische Kultur des europäischen Jungpaläolithikums an.

Jetzt ist er regelmäßig mit niemand Geringerem unterwegs als mit Peter Breunig, einer Koryphäe für afrikanische Archäologie. Immer wieder besuchte der seither diese entlegene Region Namibias, um hier Pilotstudien vorzunehmen. Er durchstöbert jeden Winkel, verortet, dokumentiert. Inzwischen kennt er die Gegend. Seit 2017 unterstützt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die systematische Erfassung dieser Bilderwelten.

Mittlerweile haben die Forscher über 200 Fundstellen mit fast 10.000 Einzelbildern ausgemacht und dokumentiert. Schon die schiere Menge der Gravierungen und Malereien verdeutlicht den Stellenwert der Bilder. Zum Vergleich: In Twyfelfontein, der bekannten Fundstelle steinzeitlicher Felszeichnungen ebenfalls im Nordwesten Namibias, entdeckte man 2.500 Gravuren und Malereien – und dieses Gelände zählt seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Archäologie verlangt Ausdauer. Zwei Monate ist Breunig mit seiner Frau und drei Doktoranden aktuell unterwegs, um zu katalogisieren und zu dokumentieren. Kein fließendes Wasser, kein Handyempfang, kein Internet. In ihren Autos stapeln sich Kisten voller Konserven, Kanister mit Trinkwasser, Solarzellen, Kameras und Computer. Geschlafen wird im Zelt. Wer hier forscht, braucht asketische Hingabe und das Talent zu logistischen Meisterleistungen.

VOM SINN DER BILDER

An einem dieser Tage stehen Breunig und seine Frau in einer 300 Meter langen Schlucht, an deren Ende eine Wasserstelle liegt: Rhino Spring. Die Quelle hat wohl über Jahrtausende Menschen und Tiere angezogen. Aus der Steinwüste ringsum schälten sich in Jahrmillionen gerundete Felsrücken. Sie sind übersät mit Gravuren: Springböcke, Oryxantilopen, Elefanten, Giraffen, Nashörner. Breunig ist umschwärmt von Mopane-Bienen, die versuchen, den Schweiß auf seiner Haut aufzusaugen. Es weht ein Wind, der nicht kühlt. Doch der 65-Jährige und seine Frau verorten, vermessen, fotografieren, kartieren und nummerieren jede einzelne Gravur. Stunde um Stunde, Tag um Tag.

Felsmalerei, ca. 33.000 Jahre alt

Die Darstellungen in derChauvet-Höhle in Frankreich wurden in verschiedenen Techniken an die Wände gebracht: mit Holzkohle oder mit Farbstoffen, die mit Wasser oder Fetten vermischt wurden. Rund tausend Darstellungen von Tieren und Symbolen sind heute dokumentiert.

Steinfigur, ca. 30.000 Jahre alt

Die nach ihrem Fundort in NiederösterreichVenus von Willendorf genannte Oolith-Figur ist rund elf Zentimeter groß. Sie entstand zu Beginn einer Kälteperiode: Ihre Schöpfer fühlten bereits die nahende Hungersnot. Die Klimaschwankung vertrieb denHomo sapiens für Jahrtausende aus Mitteleuropa.

Felsmalerei, ca. 2.000 Jahre alt

Die rund 40 Zentimeter hohe Figur vomBrandbergmassiv in Namibia wurde einst für die Darstellung einer Frau gehalten, daher der NameWeiße Dame . Heute gehen Forscher dagegen davon aus, dass das Bild einen Jäger zeigt. Die Farben sind Mischungen aus Pigmenten, Wasser und Casein.


Die Schöpfer der Kunstwerke waren wohl meist Jäger und Sammler, die in kleinen Familienverbänden über das Land zogen. Warum sie die Tierbilder angefertigt haben? Vielleicht, um ihr Revier zu markieren und ihren Anspruch auf das hier weidende Wild zu dokumentieren.


Wer aber hat diese Bilder geschaffen? Aus Untersuchungen in Twyfelfontein und anderen Fundstellen ahnen die Archäologen zumindest, wie man sich das Leben in jener Zeit vorstellen kann. „Wir sind sicher, dass die Felsbilder von Jägern und Sammlern geschaffen wurden“, sagt Breunig. „Die meisten von ihnen besaßen nicht viel mehr, als sie tragen konnten, lebten in kleinen Familienverbänden und waren ständig unterwegs.“ Es könnten Vorfahren derSan gewesen sein, das sind Mitglieder der bis heute bestehenden ältesten Ethnie im südlichen Afrika; oder es warenDamara , ebenfalls eine der ältesten Volksgruppen mit Siedlungsgebiet Namibia.

Welchen Nutzen hatten die mühevoll erstellten Bilder tatsächlich? Einige Wissenschaftler vermuten, dass sie von Schamanen stammen, die verewigen wollten, was sie in Trance erfahren hatten. Tatsächlich wirken einige der Motive ziemlich psychedelisch: Einmal sieht man mysteriöse Punktwolken in den Stein gekratzt, ein andermal sind Wesen mit menschlichen und zugleich tierischen Körperteilen zu erkennen.

Kunst im öffentlichen Raum
Dieser bearbeitete Fels ist Teil der nahen Weltkulturerbe-Stätte Twyfelfontein. Graviert wurde in dieser Region offenbar über Jahrtausende hinweg auf jedem erreichbaren flachen Stein.

Gravur-Inventur. Eine Archäologin dokumentiert neu entdeckte Felszeichnungen. Überhänge und Nischen wie diese dienten den Steinzeitjägern als Wohnplatz.


Breunig hält dagegen, dass die allermeisten Darstellungen doch sehr naturalistisch sind. Seine Theorie: „Möglicherweise sind die Tierdarstellungen als Manifestation des Anspruchs auf hier vorhandene Ressourcen zu verstehen.“ Schließlich war das Gebiet dank seiner Quellen wohl schon vor Jahrtausenden ein „ökologischer Gunstraum“ (Breunig) – und damit für die Menschen zu bestimmten Jahreszeiten ein ertragreiches Jagdrevier. „Hier fanden sie tierische Nahrung, ohne dass sie der Beute tagelang durch die Wüste folgen mussten.“

Irgendwann betrachteten die Menschen ihre Umgebung wohl mit anderen Augen. „Wir können von einer kognitiven Entwicklung sprechen“, meint Breunig, „im Homo sapiens erwachte das Bewusstsein für Veränderungen im Leben, auf die niemand Einfluss hatte – wie den Lauf der Zeit, Vergangenheit und Zukunft, aber auch Fragen zur Entstehung der Welt, zum Tod.“ Das manifestiert sich vor allem in der Kunst. „Zu den Kennzeichen des menschlichen Bewusstseins gehört das symbolische Verhalten. Bilder stellen den Inbegriff symbolischer Ausdrucksweise dar.“

Doch damit nicht genug. „Die Endlichkeit des eigenen Lebens zu erkennen muss zwangsläufig Fragen nach Mächten, die außerhalb unserer Kontrolle stehen, aufgeworfen haben“, sagt Breunig. Die frühen Menschen hätten nach der Ordnung der Welt gesucht, nach den Mächten, die sie erschuf und erhält, nach Wegen, mit ihnen in Kontakt zu treten, um sie zum positiven Eingriff in das eigene Leben zu bewegen. „Es mag weit hergeholt erscheinen, aber irgendwann muss sich ein Göttergedanke entwickelt haben“, überlegt der Forscher. „Vielleicht müssen wir die Felsbilder auch aus dieser Perspektive betrachten.“

NEUE FUNDE

Immer noch finden die Forscher neue Felsbilder. Erst jüngst haben Breunig und seine Dokto randen ein ganzes Tal voller Gravuren entdeckt, das sie wegen des grauen Dolomitgesteins „Grey Canyon“ nennen. Der vielleicht spektakulärste Fund aber glückte Joe Walter: In einem schwer zugänglichen Talkessel von mehr als zwei Kilometern Durchmesser stieß er 2010 auf eine Fülle von Gravierungen. Die erste Inventur der Bilder im „Amphitheater“ im Jahr 2015 umfasst beinahe 1.500 Felsbilder, darunter außergewöhnliche Werke wie eine Giraffe, mit dreieinhalb Metern die größte bekannte Gravierung Namibias. Außerdem noch mehrere ebenfalls fast lebensgroße Elefanten sowie eine acht Meter lange Wand mit einer bis dato einzigartigen Dichte von mehr als 330 einzelnen Gravierungen, die die Forscher „Newspaper Wall“ tauften.

Anhand der Patinierung und der Stellung der Werke neben-und übereinander können die Wissenschaftler erkennen, in welchem zeitlichen Ablauf die einzelnen Bilder entstanden sind, und sie haben eine Steinzeit-Stilkunde erstellt.

Die ältesten Darstellungen sind schlichte Symbole wie Dreiecke oder Kreise. Ihnen folgt die Hochphase der Felskunst, aus der die zum Teil filigranen Tierdarstellungen stammen. Danach kam eine dritte Phase, in der die Kunstfertigkeit abnahm. In dieser Epoche entstanden meist schlichtere Tierbilder.

VORSICHTIGE DEUTUNG

Jene Bilder, die eine Exkursionsteilnehmerin von Breunig nahe der „Newspaper Wall“ fand, stammen aus der Hochphase der Felskunst: ein sieben Meter langer Fries, auf dem Tiere dargestellt sind, daneben Menschen mit weit von sich gestreckten Armen. „Etwas Vergleichbares ist uns bislang in Namibia nicht bekannt“, sagt Breunig. Wegen der kräftigen Figuren, die offenbar besser genährt sind als viele der an an-deren Fundstellen abgebildeten Menschen, nannten die Wissenschaftler den Ort später scherzhaft „Götterplatte“.

Doch auch an diesem einzigartigen Fundort hält sich der Archäologe mit Deutungen zurück. „Wir brauchen nur unsere eigenen Symbolsprachen anzusehen: Können wir allein aus den Objekten christlicher Symbolik wie dem Kreuz, dem Altar und einer Frau mit Kind im Arm die komplexe christliche Glaubenswelt verstehen?“

Abends sitzen die Archäologen auf Campingstühlen vor ihren Zelten zusammen. Die Sonne versinkt hinter den Hügeln. Zum Abendessen brät Breunig Antilopensteaks, Jazz perlt aus den Boxen. „Archäologie darf auch Spaß machen“, sagt der Wissenschaftler. Sobald das Feuer erlischt und es ganz dunkel wird im Camp, spannt sich ein für Mitteleuropäer beeindruckender Sternenhimmel über die Zelte.

Man fühlt sich in diesen Momenten den Frühmenschen, die hier einmal lebten, seltsam nah. Die Jäger und Sammler waren in dieser kargen Landschaft perfekte Überlebenskünstler. Vermutlich verließen sie den Ort aber auch irgendwann genau wegen seiner Kargheit.

Als wir am letzten Tag das „Amphitheater“ verlassen und uns an den Abstieg machen, sind wir überwältigt von diesen Bildern. In ihnen taucht etwas längst verloren Geglaubtes auf: die Klarheit und Einfachheit des Lebens. Ganz wesentliche Eigenschaften von Tieren wie Elefanten und Nashörnern sind mit wenigen Strichen wiedergegeben. Die Bilder spiegeln damit eine berührende Wahrhaftigkeit wider. Walters und Breunigs Entdeckungen sind damit nicht nur Funde von Weltrang, sondern auch faszinierende Erinnerungen an die frühen Tage des modernen Menschen: Sie geben uns eine Vorstellung vom vergessenen Leben unserer Vorfahren.


KARTE: GOETHE-UNIVERSITÄT FRANKFURT AM MAIN

FOTOS: WWW.PICTUREDESK.COM, AKG IMAG ES, MAURITIUS IMAGES