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ARKTIS WELLEN ALS EISBRECHER


Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 27.07.2018

Die globale Erwärmung lässt die Eiskappe am Nordpol schwinden – so weit, so bekannt. Doch nun haben Forscher eine zusätzliche Bedrohung entdeckt: In der zunehmend offenen See türmen Winde immer höhere Wellen auf, die an der verbliebenen Eisdecke nagen und sie noch schneller zerstören.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung, Ausgabe 3/2018

Nur ein einsamer Eisberg dümpelt in den Gewässern nahe der Inselgruppe Franz-Josef-Land, dem nördlichsten Punkt Eurasiens, wo das Meer früher das ganze Jahr über zugefroren war.


Mark Harris ist Wissenschafts- und Technikjournalist in Seattle.

►►spektrum.de/artikel/1362276

►Der Sommer 2014 war in der Tschuktschensee höchst ...

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... ungewöhnlich. Normalerweise bleiben die arktischen Gewässer nördlich der Beringstraße fast das ganze Jahr über zugefroren. Doch diesmal gab es dort so gut wie kein Eis. Den 35 000 Walrossen in der Region blieb deshalb nichts anderes übrig, als sich am Strand im Nordwesten Alaskas niederzulassen; denn Eisschollen, von denen aus sie sonst auf Nahrungssuche gehen, waren weit und breit keine zu finden.

Und noch etwas Seltsames fiel dem Ozeanografen Jim Thomson von der University of Washington in Seattle bei einer Fahrt mit dem Forschungsschiff »Norseman II« eines Morgens im September auf: Ein großer Teil der Besatzung war seekrank. Mitten im Ozean mag das nicht ungewöhnlich erscheinen, doch in dieser Region, wo die Tschuktschen-an die Beaufortsee grenzt, war es schon merkwürdig. Da das Meer hier gewöhnlich eisbedeckt ist, können sich nämlich normalerweise keine Wellen bilden. Nun aber gab es weite offene Wasserflächen – und riesige Wogen: Fünf Meter hohe Brecher schubsten das Schiff hin und her und krachten auf das Deck. Die See war so rau, dass der Kapitän, um ein Kentern zu vermeiden, nicht gegen die Wellen ansteuern konnte, sondern vor ihnen herfahren musste. Während Thomson, ein erfahrener Seemann, seine Forscherkollegen kreidebleich über das Schiff wanken sah, genoss er selbst das stürmische Wetter. Er war hergekommen, um nach Wellen zu suchen – und hatte sie gefunden.

»Sie übertrafen alles, was je gemessen, geschildert oder auch nur für möglich gehalten worden war«, erinnert er sich. Einige Monate vorher hatte er eine kleine Flotte von Tauchbojen ausgesetzt, und jetzt wollte er eine davon wieder einholen. »Rund sechs Stunden vor ihrer Bergung gab es die höchsten jemals von uns registrierten Wellen«, erzählt er.

Diese Wellen lösen vielleicht ein ebenso bedeutendes wie verwirrendes Rätsel. Warum schwindet das arktische Meereis in so atemberaubendem Tempo? Klimamodellen zufolge sollte es wegen der Erderwärmung durch den von Menschen verursachten Treibhauseffekt zwar schrumpfen, aber wesentlich langsamer, als das derzeit geschieht. Entweder sind die Modelle also falsch, oder es gibt einen bislang übersehenen Effekt. Thomson und andere Wissenschaftler glauben inzwischen, dass es sich dabei um Wellen handelt. Diese erhalten durch das klimabedingte Abschmelzen von Meereis mehr Raum, sich aufzuschaukeln, und prallen dann ihrerseits mit Macht dagegen und zermalmen es. Eine Roboterboje, die Thomson 2012 ausgesetzt hatte, wurde von einer sich auftürmenden Woge fast acht Meter hochgeschleudert.

Solche neuerdings auftretenden Riesenwellen können weit reichende Folgen für das gesamte Weltklima haben. Die arktischen Gewässer umgeben den Nordpol von der Beaufort- und Tschuktschensee nördlich von Kanada und Alaska über die Ostsibirische, Laptew-, Kara- und Barentsee oberhalb von Russland bis zum Europäischen Nordmeer und zur Grönlandsee im Atlantik. Die Eisbedeckung dieses gewaltigen Areals dürfte außer dem Lebensraum der Walrosse auch Meeresströmungen sowie vielleicht sogar den Strahlstrom in der Atmosphäre beeinflussen, was sich auf das Klima bis in mehrere tausend Kilometer Entfernung auswirken würde. Und wenn das Eis die Küsten in der Region nicht mehr vor Erosion schützt, sind vermutlich auch die fragilen Permafrostregionen, die einen großen Teil davon ausmachen, in erhöhter Gefahr. 

Diese Überlegungen führten Thomson und gut 100 andere Forscher 2014 zurück ins Nordpolarmeer, wo sie das modernste Fernerkundungsnetzwerk installierten, das je in solch eisigen Gewässern ausgebracht wurde. Das mehrere Millionen Dollar teure Unternehmen sollte endlich Klarheit darüber bringen, was das Auftauchen von Riesenwellen für die Zukunft zu bedeuten hat.

Ein fehlender Faktor
Schon seit Jahren sind sich Forscher bewusst, dass ihnen eine entscheidende Größe in der Arktis durch die Maschen schlüpft. Die Meereisfläche geht alljährlich im Sommer weitaus schneller und weiter zurück, als sämtliche Klimamodelle vorhersagen. Erstmals machte Julienne C. Stroeve vom National Snow and Ice Data Center in Boulder (Colorado) 2007 auf diese Tatsache aufmerksam. »Die Simulationen erfassen nicht wirklich, was vorgeht«, meint sie.

Akkurate Klimamodelle für die Arktis sind jedoch von entscheidender Bedeutung. Eis hat eine höhere Albedo als Wasser, wirft also mehr Sonnenstrahlung ins All zurück. Wenn es schwindet, heizt sich das Nordpolarmeer deshalb stärker auf – und damit auch die Atmosphäre über ihm. Nach Ansicht von Wissenschaftlern beim Pacific Northwest National Laboratory in Richland (US-Staat Washington) kann das den Strahlstrom stören – jenes Luftband, das sich in großer Höhe sehr schnell von West nach Ost bewegt und so beispielsweise dafür sorgt, dass ein Flug von Europa nach Amerika länger dauert als umgekehrt. Diese Strömung wirkt laut einigen Forschern als Barriere, die eisige Luft von den Polen daran hindert, nach Süden vorzustoßen. Wird sie geschwächt, kann es in Europa oder Nordamerika im Winter zu starken Kälteeinbrüchen kommen, wie das in den letzten Jahren mehrfach der Fall war.

Laut Messungen durch Wissenschaftler von der Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts nimmt der Salzgehalt der Beaufortsee stark ab. Weil das Eis immer dünner wird und sich weiter zurückzieht, liegt der Eintrag von Süßwasser dort heute um 25 Prozent über dem Wert von vor 40 Jahren. Würde dieses Süßwasser in den Nordatlantik gelangen, könnte es das großräumige Strömungsmuster in den Ozeanen beeinträchtigen. Etwas Ähnliches ist aus noch unbekannten Gründen in den 1970er Jahren geschehen. Damals stieß salzarmes Wasser aus der Arktis nach Süden vor und brachte Strömungen durcheinander, welche für ein relativ mildes Klima in Nordwesteuropa sorgen. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler lösten analoge Störungen schon in früheren Zeiten rasante Klimaumschwünge aus, beispielsweise das Alleröd-Interstadial vor ungefähr 12 000 Jahren, bei dem die Temperaturen in Grönland innerhalb weniger Jahrzehnte um rund acht Grad stiegen.

Zurückweichendes Eis beschleunigt derzeit auch die Küstenerosion in der Arktis. Bei rund einem Drittel aller Kontinentalränder weltweit grenzt Permafrost, also dauerhaft gefrorener Boden, direkt ans Meer. »Das Einzige, was diese Böden an Ort und Stelle hält, ist das Meereis, und sie dürften sehr schnell erodieren, wenn dieser Schutz wegfällt «, meint Hugues Lantuit, Geomorphologe am Alfred-Wegener-Institut in Potsdam. Einige Küsten entlang der Beaufortsee weichen bereits um bis zu 30 Meter pro Jahr zurück.

Diese Erosion bedroht Siedlungen, kann Ökosysteme zerstören und Land absinken lassen. Außerdem trägt sie zur Versauerung der Meere und zur globalen Erwärmung bei. Beim Tauen setzt Permafrostboden nämlich darin eingeschlossenen Kohlenstoff von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen frei, der sich schließlich zersetzt. Dabei entstehen die Treibhausgase Methan und Kohlendioxid. Letzteres löst sich im Meerwasser, säuert es an und macht es so lebensfeindlicher.

Auch Unternehmen wüssten gern genauer, was mit dem arktischen Eis geschieht. Öl- und Gasfirmen spekulieren darauf, in bisher zugefrorenen Meeresregionen Bohrungen vorzunehmen. Und wenn sich die sommerliche Schmelze zuverlässig vorhersagen ließe, könnten Schifffahrtunternehmen die legendäre Nordwestpassage nutzen, was die Fahrzeiten zwischen Pazifik und Atlantik um eine Woche verkürzen würde. Der Eisschwund hat auch die US-Marine alarmiert, nicht zuletzt wegen der Sicherheitsfragen, die ein plötzlich schiffbarer Ozean an der Nordgrenze Alaskas aufwirft.

Alles in allem gibt es also triftige Gründe, herauszufinden, warum das arktische Eis letzthin so überraschend schnell zurückgeht. Thomson vermutet, dass große Wellen mit ihrer zerstörerischen Gewalt entscheidend dazu beitragen. Sie könnten, wie er meint, die Diskrepanz zwischen Vorhersage und Realität erklären. »Bisher gibt es kein umfassendes Modell von Ozean, Atmosphäre, Wetter und Meereis, das die Wellen einschließt«, erklärt er. »Der mechanische Aspekt wurde einfach unterschlagen.«

AUF EINEN BLICK: FATALES FEEDBACK

1 Das arktische Meereis zieht sich rascher zurück, als die Modelle der globalen Erwärmung vorhersagen. Der Grund dafür könnten gewaltige Wellen sein, die früher nie in der Region gesichtet wurden. Sie entwickeln sich in den offenen Meeresgebieten, die durch die Eisschmelze entstehen.

2 Die Wogen können weiteres Eis zerschmettern und so mehr freie Wasserflächen erzeugen, in denen sich noch größere Wellen bilden – ein verhängnisvoller Rückkopplungseffekt.

3 Die aufgewühlte See verstärkt zugleich die Küstenerosion und könnte auch Wettermuster außerhalb der Arktis negativ beeinflussen.

Wenn dichtes Packeis die Beaufortsee nördlich von Alaska bedeckt, können sich keine Wellen bilden.


Lantuit hält es gleichfalls für denkbar, dass die bewegte See für das Zurückweichen der Küsten mitverantwortlich sein könnte. »Noch gibt es kein gutes Modell der Wirkung auf Permafrostboden«, meint er, »allerdings scheint es logisch, dass höhere Wellen auch mehr Erosion hervorrufen. «

Tatsächlich gibt es Beobachtungen, die diese Annahme stützen. Elizabeth Hunke vom Los Alamos National Laboratory in Kalifornien modelliert schon seit Langem Ozeane und Meereis. Bei einer Forschungsfahrt in die Antarktis auf der anderen Seite der Erde stieß sie 1998 am Filchner-Ronne-Eisschelf in der Weddellsee auf einen seltenen Bereich mit offenem Wasser. »Ich sah Wellen mit enormer Wucht auf das Meereis krachen, das seit Jahren, Jahrzehnten oder vielleicht Jahrhunderten fest mit der Küste verwachsen war«, schildert sie. »Obwohl das Eis wirklich dick und widerstandsfähig war, hielt es der Gewalt des Wassers nicht stand.«

Auf der Jagd nach Riesenwellen
Da in der Arktis niemand Riesenwellen erwartete, suchte bis vor Kurzem auch keiner danach oder dachte gar daran, sie in Klimamodelle aufzunehmen. Das änderte sich erst mit den erstaunlichen Messungen, die Thomsons einsame Boje 2012 vornahm. Sie ließen nicht nur die Ozeanografen weltweit aufhorchen, sondern erregten auch die Aufmerksamkeit des US Office of Naval Research, eines Forschungsinstituts der US-Marine in Arlington County (Virginia). Dort gab es bereits ein mit zwölf Millionen Dollar dotiertes Projekt namens Marginal Ice Zone Program (MIZ) mit dem Ziel, das Schicksal des arktischen Eises zu klären. Im Sommer 2014 avancierte die Suche nach Wellen dank der Erkenntnisse von Thomson zum offiziellen Teil dieses Vorhabens.

Das Projekt spannte mehr als 100 Wissenschaftler aus allen Teilen der Welt zum ehrgeizigsten Unternehmen zusammen, das je gestartet wurde, um Licht in das sommerliche Abschmelzen des arktischen Meereises zu brin-gen. In früheren Jahren hätten dazu Eisbrecher das Polarmeer durchpflügt, bemannte U-Boote die Tiefen ergründet und Satelliten am Himmel ihre Spähaugen auf die Arktis gerichtet. 2014 jedoch erfüllten kleine Schiffe, kurze Expeditionen und Unmengen an Drohnen im Wasser denselben Zweck. Autonome Unterwasserroboter können heute Plätze aufsuchen, die für Menschen unerreichbar sind, und 24 Stunden am Tag unermüdlich Daten sammeln.

Im Frühjahr 2014 flogen Wissenschaftler auf die dick zugefrorene Beaufortsee und installierten Dutzende von Instrumenten entlang einer 400 Kilometer langen Linie, die vom 73. Breitengrad Richtung Pol verlief. Die Geräte registrierten die Dicke der Eisschicht, die Temperatur und Zusammensetzung des Wassers darunter und das Wetter darüber. Sie waren als Schwimmkörper konstruiert, so dass sie, als im Sommer das Eis allmählich aufbrach und sie eine nach der anderen in das kalte Wasser plumpsten, weiterhin die gewünschten Daten aufzeichneten.

Spät im Juli 2014 begannen Thomson und fünf andere Forscher dann von der »Ukpik« aus, einem kleinen, zum Forschungsschiff umgebauten Fischerboot, raffiniertere Versionen der Instrumente in der Beaufortsee auszusetzen. Um diese Jahreszeit geht die Sonne dort niemals unter; rund um die Uhr taucht sie die bewegte See und glitzern-de Eisschollen in ihre schrägen, matten Strahlen. Kein anderer Seefahrer befand sich in jenen Tagen wohl so weit nördlich, mehr als 150 Seemeilen von der nächstgelegenen Siedlung entfernt. Abgesehen vom gelegentlichen fernen Blasen eines Grönlandwals ist dieser Teil der Beaufortsee ein trostloser Ort.

Vor einigen Jahren setzten Wissenschaftler in der Beaufortsee ein Netz von Sensoren aus, um zu ergründen, warum das arktische Meereis in der jüngsten Vergangenheit noch viel schneller zurückgegangen ist, als Modelle für den Klimawandel vorhergesagt haben.


Für den Mangel an belebter Natur entschädigte in gewissem Maß die Gesellschaft der Roboter. Die Forscher bereiteten mehrere unterschiedliche Typen von Drohnen für den Einsatz vor. Bei einigen handelte es sich um Thomsons Standardbojen zum Registrieren von Wellen, ähnlich der 2012 in derselben Gegend installierten Version. Die anderen waren wesentlich komplexer: knapp zwei Meter lange, torpedoförmige Unterwassergleiter, die sich mit Hilfe von Schwerkraft, einstellbarem Auftrieb und einem beweglichen Flügelpaar selbstständig durch das Wasser bewegen (siehe auchSpektrum November 2014, S. 76). Jeder verfügt über eine Schwimmblase, die sich aufpusten oder entleeren lässt, wodurch das Gerät leichter oder schwerer als Wasser wird. Auf diese Weise legt ein solcher Gleiter bis zu 20 Kilometer am Tag zurück, indem er sich in eleganten Bögen auf- und abbewegt. Bei entsprechender Einstellung des Flügelpaars kann er auch um die Kurve fahren.

Am höchsten Punkt seiner geschwungenen Bahn reckt das Gerät wie eine neugierige Robbe kurz seine Nase aus dem Wasser, um eine GPS-Ortung vorzunehmen sowie Daten an Satelliten zu übermitteln und von dort neue Instruktionen zu erhalten. Eine leistungsstarke Batterie liefert genug Strom für eine Betriebszeit von zehn Monaten.

Thomson und seine Kollegen setzten insgesamt vier solche Gleiter aus. Diese pendelten zwei Monate zwischen offenem Wasser und Eisdecke hin und her. Dabei ermittelten sie die Turbulenz, die Temperatur und den Salzgehalt des Meers und maßen die Konzentration an organischem Material. Da bei längerem Aufenthalt unter der Eisdecke kein regelmäßiger Kontakt zu Satelliten möglich war, setzten die Forscher einen eigens entwickelten dritten Drohnentyp als Relaisstation ein. Von Solarzellen und Wellenkraft angetrieben, bewegen sich diese so genannten Wellengleiter zum Eisrand und kommunizieren von dort über akustische Signale mit den Unterwasserfahrzeugen. Insbesondere übermitteln sie Informationen über Längen- und Breitengrade sowie die Anweisungen der Forscher.

Für diesen Zweck hatte Lee Freitag, ein Ingenieur bei Woods Hole, ein System entworfen, um niederfrequente Schallwellen über weite Strecken im Meer zu übertragen: durch Reflexion an den Grenzen von Wasserschichten unterschiedlicher Dichte. Auf dieselbe Weise lassen Wale ihre Gesänge über ganze Ozeane hinweg erschallen. Um die Kommunikation der Tiere nicht zu stören, verwendeten die Forscher allerdings andere Wasserschichten und Frequenzen.

Wechselspiel von Wind, Wellen und Eis

Wellen bilden sich, wenn Wind Wasser vor sich auftürmt. Eine geschlossene Eisdecke verhindert diesen Effekt (1). Sobald jedoch wegen der globalen Erwärmung ein Teil des Eises schmilzt, entstehen offene Wasserflächen, an denen der Wind angreifen kann (2). Die dabei erzeugten Wellen krachen gegen das verbliebene Eis und zersplittern es, wodurch sich die unbedeckten Meeresgebiete ausdehnen und noch größere, zerstörerische Wellen entstehen (3).

Um die Interaktion zwischen Wellen und Eis zu erforschen, brachten Wissenschaftler 2014 die hier gezeigten Instrumente aus. Dazu gehörten Bojen und Detektoren zur Messung der Wellenhöhe, Unterwassergleiter, die unter die Eisdecke vordringen können, und Sensoren zur Messung der Eisdicke.

Roboter können ein viel größeres Gebiet abdecken als Eisbrecher. Da Letztere relativ schwerfällig sind, verfolgen sie meist eine feste Route – auch dann, wenn sich das interessante Geschehen vielleicht gerade ganz woanders abspielt. Die sehr viel wendigeren Wellen- und Unterwassergleiter können auf Anweisung der Forscher dagegen scharf abbiegen, um alle Bewegungen des Eises nachzuverfolgen, während es sich auflöst.

Es gibt einen weiteren Vorteil: Die Roboter benötigen nur ein kleines Mutterschiff. »Die ›Ukpik‹ eignet sich bestens für Manöver auf engstem Raum«, sagt Thomson. »Eisbrecher sind oft einfach zu groß. Wie ein Elefant im Porzellanladen zerstören sie genau die Wellen, die wir messen wollen.«

Die zerstörerische Kraft der Wogen
Nachdem er der Mannschaft geholfen hatte, zwei Wellengleiter zu Wasser zu lassen, erläuterte er mir, an die Reling gelehnt, wie Wellen entstehen. »Grundvoraussetzung ist natürlich Wind. Wenn er weht, sind zwei weitere Dinge nötig: Zeit und Entfernung. Je mehr Raum zur Verfügung steht, desto größer werden die Wellen. Dasselbe gilt für die Zeit. Richtig große Wellen brauchen beides: Raum und Zeit.«

Selbst in den wärmsten Jahren steckt die Arktis im Frühjahr noch unter einem Eispanzer. Doch gegen Ende des Sommers gibt es dort eine freie Wasserfläche von der doppelten Größe des Mittelmeers. Je ausgedehnter diese Fläche, desto größer ist die Streichlänge des Winds, und desto höhere Wogen türmen sich auf: Der Wind treibt das Wasser vor sich her – je weiter und länger, desto gewaltiger der Wasserberg.

Wenn das Meer eisfrei ist, absorbiert es auch mehr Sonnenlicht. Dadurch erwärmt sich das Wasser, heizt die Luft auf und verstärkt so den Wind. Die von ihm erzeugten Wellen können dann binnen Tagen Eisflächen von der Größe Deutschlands zerbrechen. Dabei entsteht mehr offenes Wasser, was die Bildung noch größerer Wellen begünstigt.

Unklar ist der genaue Beitrag der einzelnen Glieder dieser Rückkopplungsschleife zur Zerstörung des Eises. Auch stellt sich die Frage, inwieweit die Wellen das erneute Zufrieren des Meers im Herbst verzögern. Für ein besseres Verständnis solcher Zusammenhänge bedarf es genauerer Kenntnisse über die Interaktion zwischen Wellen und Meereis.

Nach dem Aussetzen der Drohnen im Juli 2014 geriet die »Ukpik« in ein ausgedehntes Feld mit Eisbergen, die von kleinen Brocken bis zu Kolossen ähnlich jenem reichten, der 1912 die Titanic versenkte – ein ideales Umfeld für Thomsons Untersuchungen. Der Forscher beeilte sich, eine Boje fertig zu machen, die er noch außerhalb des Felds über Bord warf. Dann steuerte er behutsam zwischen das Eis und deponierte eine weitere.

Der Unterschied zwischen der offenen See und dem Eisfeld war eklatant. Hatte das Schiff eben noch heftig geschaukelt, bewegte es sich schon erheblich sanfter, als es nur ein kleines Stück hineingefahren war. Einige hundert Meter weiter kam es völlig zur Ruhe, während auf der spiegelglatten Wasserfläche zwischen den Eisbrocken nur noch ein schwaches Kräuseln zu sehen war. »Das Eis wirkt wie ein Filter für die Wellen und lässt lediglich die längsten ein Stück weit hinein «, erläuterte Thomson. Unter anderem wollte er herausfinden, welchen Anteil die physikalischen Prozesse Streuung und Dämpfung an dem Filtereffekt haben.

Bei der Streuung wird die Wellenenergie lediglich umverteilt, bei der Dämpfung geht sie dagegen auf das Eis über, indem sie es zerbricht und aneinanderreibt. Dabei entfaltet sie die größte zerstörerische Kraft. So dramatisch haushohe Wellen in der offenen See auf uns wirken mögen – die Messungen im Zentimeterbereich innerhalb von Eisfeldern dürften wesentlich mehr dazu beitragen, die Klimamodelle für die Arktis in den kommenden Jahren zu verbessern.

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Unser Online-Dossier zum Thema finden Sie unterspektrum.de/t/arktis-und-antarktis

Was Thomson bisher herausgefunden hat, stützt jedenfalls seine Annahme, dass mehr Wellen zu weniger Eis und damit zu noch mehr Wellen führen. Das bestätigt auch W. Erick Rogers vom US Naval Research Laboratory. »Diese Rückkopplungsschleife scheint ein wichtiger Mechanismus zu sein, mit dem sich der Schwund des arktischen Meereises im künftigen wärmeren Erdklima verstehen lässt«, versichert er.

Als die »Ukpik« das Eisfeld wieder verlassen hatte und zurück in den Hafen tuckerte, traf sie auf ein kleines Boot mit einem alten Inuit und seinem Enkel aus der nahen Siedlung. Während die Welt noch kaum Notiz von den dramatischen Entwicklungen in der Arktis nimmt, bekommen diese Gemeinschaften – und die einheimische Tierwelt wie Eisbären, Robben, Wale und im Permafrost eingeschlossene Mikroben – die Auswirkungen schon empfindlich zu spüren.

QUELLEN

Cohen, J. et al.: Recent Arctic Amplification and Extreme Mid-Latitude Weather. In: Nature Geoscience 7, S. 627–637, 2014

Stroeve, J. C.: Trends in Arctic Sea Ice Extent from CMIP5, CMIP3 and Observations. In: Geophysical Research Letters 39, L16502, 2012

Thomson, J., Rogers, W. E.: Swell and Sea in the Emerging Arctic Ocean. In: Geophysical Research Letters 41, S. 3136–3140, 2014


PARSHINA OLGA / GETTY IMAGES / ISTOCK

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