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ARKTISCHER OZEAN: TEILE ODER HERRSCHE


Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 21.09.2019

Jetzt, da das arktische Meereis langsam auftaut, machen fünf Staaten Rechte auf Abschnitte des darunterliegenden Meeresbodens geltend. Die beanspruchten rohstoffhaltigen Gebiete sind riesig – und überlappen sich teils.


Mark Fischetti schreibt als leitender Redakteur bei »Scientific American« zu Themen der Umwelt und Nachhaltigkeit.

Artikelbild für den Artikel "ARKTISCHER OZEAN: TEILE ODER HERRSCHE" aus der Ausgabe 10/2019 von Spektrum der Wissenschaft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 10/2019

Der Lomonossow-Rücken (helles Band in der Mitte) erstreckt sich quer über den Boden des Arktischen Ozeans. Kanada, Dänemark und Russland fordern Nutzungsrechte an dem Unterseegebirge, das sie als geologische Fortsetzung ihres jeweiligen Festlandsockels ansehen.


MARTIN JAKOBSSON ...

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... / SCIENCE PHOTO LIBRARY

Am 2. August 2007 tauchten drei Forscher in einem Mini-U-Boot unter das dicke Eis am Nordpol hinab, fuhren am Meeresboden in 4300 Meter Tiefe einen Roboterarm aus und rammten eine Russlandfahne aus Titan in das dortige Sediment. Zurück an der Oberfläche, erzählte der Expeditionsleiter und Parlamentsabgeordnete Artur Tschilingarow stolz: »Wenn in 100 oder 1000 Jahren jemand dort hinunterfährt, wo wir waren, wird er die russische Flagge sehen.« Präsident Wladimir Putin gratulierte dem Team telefonisch.

Der kanadische Geophysiker David Mosher blieb unbeeindruckt, als er diese Neuigkeiten in seinem Büro am Bedford Institute of Oceanography in Nova Scotia (Neuschottland) vernahm. Er schaut auf einen kleinen Zylinder aus getrocknetem, verdichtetem Schlamm in Form einer Bratwurst. Dabei handelt es sich um ein kurzes Stück eines 13 Meter langen Sedimentkerns, der aus ebenjenem Meeresboden am Nordpol entnommen wurde – 1991, als der damalige Doktorand Mosher gemeinsam mit 40 Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern auf zwei For schungseisbrechern aus Deutschland und Schweden unterwegs gewesen war und sie die Probe gezogen hatten. »Wir schufen das Loch, damit die Russen ihre Flagge aufstellen konnten«, witzelt Mosher.

Deren politische Aktion sollte die Moral in Russland heben, das gerade eine tiefe Rezession durchlitt. Der unverblümte Anspruch auf den Nordpol signalisierte den anderen vier Anrainerstaaten des Arktischen Meeres allerdings, dass es höchste Zeit wurde, formal ihre Rechte am Meeresboden der Arktis einzufordern.

Bis vor einiger Zeit galt der nördlichste aller Ozeane als eher nutzloser Eispanzer. Doch dann begann dieser zu schmelzen, und es eröffneten sich ganz neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Einer Studie des United States Geological Survey von 2008 zufolge verbergen sich in den mächtigen Sedimenten unter dem Nordpolarmeer 30 Prozent des weltweit noch zu entdeckenden Erdgases und 13 Prozent des Erdöls. Auch wertvolle Eisenminerale und Seltene Erden könnten dort zu finden sein. Wenn sich das arktische Meereis zurückzieht, ließen sich außerdem alternative, kürzere Schifffahrtswege eröffnen. Angesichts dieser rosigen Zukunftsaussichten möchte sich jedes der fünf angrenzenden Länder so viel Territorium wie möglich sichern.

Norwegen als eines von ihnen hat der UN-Festlandsockelgrenzkommission (FSGK) bereits 2006 geologische Daten und Karten für drei beanspruchte Meeresbodenbereiche vorgelegt. Die Kommission prüft solche Anwartschaften und befindet darüber, ob sie wissenschaftlich exakt begründet wurden. Dänemark, zu dem Grönland gehört, machte 2014 basierend auf einer riesigen Datenmenge Rechte auf einen 900 000 Quadratkilometer großen Abschnitt des arktischen Ozeangrunds geltend. Ein Jahr später reichte Russland seine Unterlagen zu einer Forderung über 1,3 Millionen Quadratkilometer des Unterseebodens ein, eine Fläche mehr als dreieinhalbmal so groß wie Deutschland, die sich mit über der Hälfte des von Dänemark beanspruchten Gebiets überschnitt. Ein kanadisches Team unter Führung Moshers übergab im Mai 2019 schließlich 2100 Seiten Text, Koordinaten und Messungen von Fächersonaren und Gravimetern sowie Bohrkernproben an die Kommission und forderte 1,1 Millionen Quadratkilometer Fläche unter dem Nordpolarmeer für Kanada, wobei sich diese in hohem Maß mit den von Russland und Dänemark beanspruchten Meereszonen überschneidet. Fünfter im Bunde sind die Vereinigten Staaten, die ihre Daten nicht vor 2022 vorlegen wollen. Voraussichtlich wird ihr Claim mit demjenigen von Kanada überlappen.

Jahrhundertelang galten die Ozeane als Niemandsland. Erst im 17. Jahrhundert begannen sich die Meeresanrainerstaaten Rechte über die Drei-Meilen-Zone zu sichern, einen drei Seemeilen (5,56 Kilometer) breiten Streifen des Küstenmeeres. Als verschiedene Länder ihre Hoheitsgewässer im späten 20. Jahrhundert weiter ausdehnten, geriet das Gewohnheitsrecht der Freiheit der hohen See in Gefahr. Daher führte schließlich 1982 das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ), dem mehr als 160 Länder beitraten, eine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) ein, die von der Küste 200 Seemeilen (370,4 Kilometer) weit hinausreicht. Innerhalb dieses Gebiets verfügt der jeweilige angrenzende Küstenstaat über die natürlichen Ressourcen im und unter dem Wasser, während Bereiche außerhalb der Zone als internationale Gewässer für alle frei zugänglich bleiben.

Die Konvention ließ jedoch eine Hintertür offen: Laut Artikel 76 darf ein Staat den Ozeanboden außerhalb seiner 200-Meilen-Zone nutzen, falls er geologisch schlüssig nachweisen kann, dass sein Festlandsockel – der Teil des Meeresgrunds, der von der Küste bis weit in den Ozean hinein sanft absteigt, bevor er plötzlich steil zur Tiefsee abfällt – über diese Zone hinausragt. Auf dem Festlandsockel hätte ein Staat ausschließliche Rechte über die Ressourcen auf und unter dem Meeresboden, nicht aber in der Wasser- oder Luftsäule darüber. Fischfang und Navigation blieben also frei. Seit das arktische Eis schrumpft, interessieren sich die Anrainerstaaten des Nordpolarmeeres zunehmend für die spezielle Klausel.

Alles dreht sich um den Fuß des Festlandabhangs

Artikel 76 regelt auch, wie im Fall einer Erweiterung der äußere Rand des Festlandsockels zu bestimmen ist. Er beschreibt zwei alternative Methoden, um die Grenze in Anlehnung an die geologischen Gegebenheiten zu ziehen: die Sedimentdicken-Formel und die Distanz-Formel (siehe »Wie Länder ihre Ansprüche anmelden«, S. 51). Außerdem setzt er Maximalentfernungen fest, gerechnet von der Küste oder von der 2500-Meter-Wassertiefenlinie, damit ein Staat nicht einen unverhältnismäßig großen Teil eines Ozeans für sich beanspruchen kann. Die beiden Formeln für die Bestimmung der äußeren Grenzen basieren auf der Linie, die der Fuß des Festlandsockelabhangs bildet. Von der Küste aus sinkt der Meeresboden über viele Kilometer hinweg ganz allmählich ab, bevor er schließlich steil auf ungleich größere Tiefen unter dem zentralen Ozean abfällt. An der zunächst zu definierenden Basis dieses steilen Abhangs müssen die Wissenschaftler des jeweiligen Landes die Linie des stärksten Gefällwechsels ermitteln, sowohl vor den Küsten als auch rund um eventuelle Inseln. Den Fuß des Festlandsockelabhangs zu bestimmen, sei »die Hauptaufgabe der Wissenschaftler«, sagt Mosher.

Die Arktis-Anrainerstaaten, auch »Arktische Fünf« genannt, säumen das fast kreisrunde Nordpolarmeer. Wenn sie ihre Festlandsockel entsprechend den Formeln vom Rand des Meeres bis zu dessen Zentrum projizieren, überlappen sich die Abschnitte zwangsläufig. Viel problematischer ist aber eine weitere Bestimmung des Artikels 76: Laut ihr kann ein Land einen breiten Streifen des Ozeangrunds an einem unterseeischen Rücken in der Verlängerung des Festlandsockels für sich postulieren, unabhängig davon, wie weit dieser reicht. Der Artikel definiert allerdings nicht, was unter einem Rücken zu verstehen ist. Die Formulierung »ist vollkommen unklar«, meint Larry Mayer, Direktor des Zentrums für Küsten- und Meereskartografie der University of New Hampshire. Mayer, früher Professor an der Dalhousie University und Moshers Doktorvater, gilt in den USA als führende Autorität in Sachen arktischer Meeresboden.

Die Mehrdeutigkeit des Artikels gibt den Geologen und auch den Juristen in den Außenministerien der beteiligten Länder einigen Spielraum für die Interpretation der Daten über die Ozeanrücken. Am stärksten überlappen die An sprüche Dänemarks, Russlands und Kanadas am Lomonossow- Rücken (Bild S. 48/49). Er zieht sich auf einer Länge von 1800 Kilometern von den zu Russland zählenden Neusibirischen Inseln bis zur kanadischen Ellesmere-Insel nahe Grönland mitten durch den Arktischen Ozean. Manche seiner Erhebungen ragen 3500 Meter über dem Tiefseegrund auf. Bei diesem Rücken handelt es sich um ein gigantisches Relikt aus einer Jahrmillionen zurückliegenden Epoche, als Nordamerika und Eurasien begannen, sich durch Kontinentaldrift voneinander zu entfernen, wobei der sich spreizende arktische Meeresboden verzogen und verbogen wurde. Auf Grund der räumlichen Nähe stellt sich die Frage, ob Dänemark (zu dem Grönland gehört), Russland oder Kanada den Lomonossow-Rücken als natürliche Erweiterung ihres jeweiligen Festlandsockels für sich reklamieren können. Markantester Punkt in diesem strittigen Gebiet ist der Nordpol.

Noch ist der Arktische Ozean ganzjährig zugefroren. Das Meereis wird jedoch von Jahr zu Jahr dünner und weniger. Unter ihm lagernde Bodenschätze werden auf einmal zugänglich, neue Seewege denkbar.


ALFRED-WEGENER-INSTITUT, STEFAN HENDRICKS (MULTIMEDIA.AWI.DE/) / CC BY 4.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/4.0/LEGALCODE)

Im Idealfall richten sich die Wissenschaftler bei der Kartierung der zu beanspruchenden Gebiete nach den geologischen Gegebenheiten. Allerdings können die für die Eingabe bei der UN-Kommission zuständigen Stellen die Forschungsergebnisse auch entsprechend politischen Erwägungen nutzen. Russland hätte eine Erweiterung seines Festlandsockels entlang des Lomonossow-Rückens über den zentralen Arktischen Ozean hinweg bis zu Kanadas 200-Meilen-Zone verlangen können. Aber es fordert in seiner Eingabe an die FSGK nur den Abschnitt bis unmittelbar über den Nordpol hinaus. Eine Erklärung gaben die Russen dazu nicht ab. Laut Experten könnte das finanzielle oder taktische Gründe haben.

Wem gehört der Lomonossow-Rücken?

Kanada hat sich für eine ähnliche Herangehensweise entschieden und den Lomonossow-Rücken von seiner Küste aus bis unmittelbar jenseits des Nordpols abgesteckt, womit sich am Pol eine Überlappung mit der von Russland ausgewiesenen Fläche ergibt. Dänemark hingegen reklamiert den Rücken von Grönland über den gesamten Ozean hinweg bis zur russischen 200-Meilen-Zone für sich.

Angesichts der Unbestimmtheit von Artikel 76 könnten alle drei Erklärungen zum Lomonossow-Rücken aus wissenschaftlicher Sicht zulässig sein. Doch letztlich ist es nicht Sache der Forschung, welcher Staat sich Rechte auf welches Territorium sichert, sondern der Diplomatie oder unter Umständen sogar des Militärs. Und zunehmende geopolitische Spannungen könnten den geordneten, wissenschaftsbasierten Prozess überrollen.

Vor allem sind kompliziertere Verhandlungen zu erwarten, sobald die USA ihre Eingabe an die FSGK eingereicht haben. Das Land befindet sich möglicherweise jedoch in der schwächsten Verhandlungsposition, da es dem SRÜ im Gegensatz zum Rest der Arktischen Fünf nie beigetreten ist.

Die Sichtung der Daten bei der 21-köpfigen Festlandsockelgrenzkommission könnte lange dauern. Es geht auch deshalb bedächtig voran, weil über 80 Streitigkeiten um den Ozeanboden zu klären sind – unter Ländern aller Welt, von Nicaragua über Ghana bis Vietnam. Mit der Interpretation der dänischen und russischen Daten wird frühestens in einigen Jahren gerechnet, die Ansprüche Kanadas werden nochmals um einiges später bearbeitet sein. Da die Kommission auch kein Urteil über sich überlappende Claims spricht, müssen die beteiligten Staaten nach Abschluss aller Bewertungen diplomatische Verfahren einleiten, ihre Empfehlungen seitens der FSGK auf den Tisch legen und Abgrenzungsübereinkünfte abschließen. Auch dieser Schritt könnte viel Zeit benötigen.

Die Kartierung und die Eingabe der Ansprüche verliefen bisher friedlich, wenn nicht gar kooperativ, wobei die geologischen Gegebenheiten im Vordergrund standen. Doch das gemächliche Tempo des gesamten Prozesses wird allmählich zum Problem. Während sich die Wissenschaftler methodisch durch die Claims der jeweiligen Länder arbeiten, erhöhen die Arktis-Anrainerstaaten ihre Militärpräsenz im hohen Norden. Die USA, die der Region bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten, erwarten laut einer Erklärung des Verteidigungsministeriums nun eine »Ära strategischen Wettbewerbs«. Erstmals seit seiner Gründung vor 23 Jahren endete eine Zusammenkunft des Arktischen Rats im Mai 2019 ohne eine gemeinsame Schlusserklärung der teilnehmenden Länder. Diese Missstimmigkeiten könnten Grenzverhandlungen verkomplizieren, wobei die gegnerischen Seiten die wissenschaftlichen Erkenntnisse übergehen könnten, statt einen Kompromiss zu suchen.

Während einige Fachleute das Risiko sehen, dass sich die Lage um den nördlichsten Punkt der Erde zuspitzt, halten andere das Potenzial für Konfrontationen für übertrieben. »Die Leute glauben, in der Arktis fände ein Wettbewerb statt«, sagt Heather Exner-Pirot, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für universitätsübergreifende Forschung zu den internationalen Beziehungen von Kanada und Quebec und Redaktionsleiterin beim »Arctic Yearbook«, einem Onlinejahrbuch, das den Stand der Arktispolitik analysiert. »Stattdessen gibt es vielmehr ein Oligopol von fünf Staaten, die sich freuen, dass sie gemeinsam das Monopol auf den Arktischen Ozean besitzen.«

China oder Grönland könnten das Arrangement der Arktischen Fünf durcheinanderbringen

Die Arktischen Fünf schrieben diesen Zustand 2008 fest, indem sie in der so genannten Ilulissat-Erklärung artikulierten, künftig gemeinsam den Schiffsverkehr sicherstellen, Ölkatastrophen vorbeugen und Meinungsverschiedenheiten friedlich beilegen zu wollen. Weiter würden sie jeden größeren internationalen Regulierungsversuch in der Arktis blockieren und jedwedes Drittland daran hindern, ohne ihre Genehmigung nach Öl oder Gas zu bohren. Weitere Staaten waren an dem Abkommen ebenso wenig beteiligt wie die indigene Bevölkerung der Arktis.

Falls Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern der Arktischen Fünf eine geordnete Lösung der Ansprüche auf den Meeresboden nicht gefährden, könnten dies allerdings zwei andere Faktoren tun. Dazu zählen zum einen Chinas wirtschaftliche Ambitionen. 2013 gab Staatspräsident Xi Jinping die Initiative »Neue Seidenstraße« bekannt mit dem Ziel, einen Wirtschaftsverbund zwischen zahlreichen Ländern zu schaffen. Mit einem Teil des Vorhabens namens »Polare Seidenstraße« möchte das Land Schifffahrtslinien über den Arktischen Ozean und Geschäfte mit den von diesen Routen berührten Ländern aufbauen.

Die zweite Unbekannte ist Grönland, das seit 1953 zu Dänemark gehört, sich seit 2009 aber weitgehend selbst verwaltet und auf absehbare Zeit die Unabhängigkeit anstrebt. China, die USA und weitere Länder investieren stark in den Bergbau der weltgrößten Insel, wodurch diese finanziell selbstständiger wird. Einmal rechtlich unabhängig, könnte sie der NATO beitreten oder eine Partnerschaft mit China oder Russland eingehen, um die Regionen zu erschließen, von denen sich das Eis zurückzieht. Dänemark hat Grönland bereits die Rechte auf Bodenschätze am Meeresgrund innerhalb der 200-Meilen-Zone rund um die Insel übertragen; falls das Land einem souveränen Grönland auch die Ansprüche auf riesige Gebiete am Festlandsockel überließe, müsste eine grönländische Regierung eventuell neue Verhandlungen über den Festlandsockel führen, was das Prozedere möglicherweise weiter verzögern würde.

Zwar möchten führende Wissenschaftler der Arktischen Fünf sich nicht ausführlich zu künftigen Grenzverhandlungen wegen der Überlappungen äußern. Doch geht einigen das Verfahren bei der FSGK zu langsam voran. Neun Forscher aus Kanada, den USA, Dänemark und Russland arbeiten daran, gemeinsam die Basis des Festlandsockelabhangs für den gesamten Arktischen Ozean zu definieren und die Ergebnisse in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Innerhalb dieser Basis bestimmen die Länder anschließend den Punkt des größten Gefällwechsels, den Fuß des Festlandsockelabhangs. Mit einer einheitlichen Definition würden die beteiligten Staaten daher das Signal aussenden, dass sie ihre Berechnungen auf derselben Grundlage anstellen. Vielleicht könnte diese Harmonisierung die Überprüfung durch die FSGK beschleunigen.

Sollte die Kommission die Eingaben der Arktischen Fünf praktisch unverändert durchwinken, bliebe nur ein vergleichsweise kleiner Teil der arktischen Meeresregion rechtlich keinem Staat zugeordnet. Dieser unbeanspruchte Bereich, das so genannte Gebiet (The Area), würde sich aller Voraussicht nach auf zwei bescheidene Flächen weit draußen auf See beschränken (siehe »Grenzen ziehen«, S. 50). Der Rest der Welt dürfte mit diesem Ergebnis nicht einverstanden sein.

Oft ist zu hören, der Arktische Ozean sollte formal zum gemeinsamen Erbe der Menschheit erklärt werden, nach dem Vorbild des Antarktis-Vertrags. In Kraft seit 1961, deklariert dieser das gesamte Land und die Eisschelfe als wissenschaftliches Schutzgebiet, verbietet militärische Aktivitäten und schützt außerdem mehr als 20 Millionen Quadratkilometer des Südpolarmeeres rund um den antarktischen Kontinent. Doch die Antarktis ist unbewohnt, abgelegener und stärker vereist, und es grenzen keine Staaten mit ihren Küsten an sie. Über dortige Bodenschätze ist wenig bekannt, die strategische Bedeutung gilt als eher gering. Wenn das arktische Eis hingegen den nördlichen Ozean frei gibt, ist es keine Frage, ob dieser aufgeteilt wird – die Frage lautet vielmehr, ob die Wissenschaft oder die Politik über sein Schicksal bestimmt.

QUELLEN

Gautier, D. L. et al.: Assessment of undiscovered oil and gas in the Arctic. Science 324, 2009

United Nations Convention on the Law of the Sea: CLCS/40/Rev.1 – Rules of procedure of the commission on the limits of the continental shelf

Grenzen ziehen

Die fünf Staaten mit Küsten am Arktischen Ozean beanspruchen vor der UN-Festlandsockelgrenzkommission (FSGK) einen »erweiterten Festlandsockel « am Meeresboden jenseits ihrer ausschließlichen Wirtschaftszonen. So wollen sie sich die Rechte auf Bodenschätze am und unter dem Meeresgrund sichern. Der Ozean selbst bliebe entsprechend dem Seerecht internationales Gewässer. Die Arktisstaaten werden große Überlappungen ihrer Gebietsansprüche klären müssen, speziell rund um den Nordpol und am Lomonossow-Rücken. Nur ein oder zwei kleine Bereiche des Meeresbodens werden vermutlich für den Rest der Welt frei zugänglich bleiben.

KATIE PEEK; KÜSTENLINIEN NACH: GLOBAL SELF-CONSISTENT, HIERARCHICAL, HIGH-RESOLUTION GEOGRAPHY DATABASE (GSHHG); MEERESBODENTIEFE NACH: INTERNATIONAL BATHYMETRIC CHART OF THE ARCTIC OCEAN (IBCAO) VERSION 3.0; AUSSCHLIESSLICHE WIRTSCHAFTSZONE (AWZ) NACH: MARINEREGIONS.ORG; ANSPRÜCHE NACH: UNITED NATIONS CONVENTION ON THE LAW OF THE SEA (UNCLOS) UND INTERNATIONAL BOUNDARIES RESEARCH UNIT (IBRU), DURHAM UNIVERSITY / SCIENTIFIC AMERICAN AUGUST 2019

Wie Länder ihre Ansprüche anmelden

Der jeweilige Küstenstaat übermittelt der Kommission Dokumente, in denen er die äußere Kante seines erweiterten Festlandsockels umreißt. Dazu verwendet er eine von zwei erlaubten Methoden (A, B), um seine Grenze so weit wie möglich nach außen zu verschieben, ausgehend vom Fuß des Festlandsockelabhangs. Die maximale Ausdehnung wird durch eine von zwei möglichen Außengrenzen (C, D) beschränkt, wobei der Staat die für ihn günstigere Linie heranziehen darf.

Reine Verhandlungssache

Im Streit um Ansprüche auf den Meeresboden sind politische und wissenschaftliche Argumente abzuwägen.

Ein anpassungsfähiges Plateau
Russland und die USA könnten das Tschuktschen- Plateau zu einer »natürlichen Verlängerung« ihres Festlandsockels erklären, je nachdem wie Experten die Vorgänge beim Auseinanderdriften der Kontinente über Jahrmillionen hinweg interpretieren. 1990 haben die damalige Sowjetunion und die USA jedoch eine Seegrenze zwischen ihren ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) ausgehandelt. Russland hat diese Grenze in seiner Eingabe für einen erweiterten Festlandsockel nicht überschritten, sondern lediglich nordwärts verlängert. Auch die USA wollen die Grenze respektieren.

Wirtschaftliche Pattsituation
Die USA und Kanada sind sich über ihre AWZ-Grenze uneinig. Kanada verlängert die am 141. Längengrad verlaufende Landesgrenze seewärts (orangefarbene Linie). Die USA ziehen hingegen eine abstandsgleiche Linie zur gewundenen Küstenlinie (rot). In dem dreieckigen Stück Meeresboden dazwischen schlummern geschätzte 1,7 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

Eine Region im Wandel

Landschaft und Gewässer der Arktis verändern sich so dramatisch, dass Forschende kaum noch Worte dafür finden. Physikalische Faktoren wie steigende Luft- und Wassertemperaturen beschleunigen diese Entwicklung ebenso wie der Rückgang von Schnee und Meereis. Die dort ansässigen Lebewesen – von Algen über Bäume bis hin zu Rentieren – reagieren sehr unterschiedlich: Manche gedeihen sehr gut, einige migrieren, für andere wiederum wird es kritisch. Nahezu die gesamte Nahrungskette muss sich neu einpendeln. Besonders gravierend könnte sich das Auftauen des Permafrostbodens auswirken. Das könnte so große Mengen an Treibhausgasen freisetzen, dass sich die Region sowie die gesamte Erde doppelt so schnell erwärmen dürften wie derzeit.

KATIE PEEK; HEISSERE LUFT NACH: NOAA EARTH SYSTEM RESEARCH LABORATORY (ESRL); WENIGER MEEREIS NACH: U.S. NATIONAL SNOW AND ICE DATA CENTER (NSIDC) / SCIENTIFIC AMERICAN AUGUST 2019

Luft und Ozean heizen sich auf
Die durchschnittlichen winterlichen Lufttemperaturen an der Oberfläche lagen in den 2010er Jahren viel höher als in den 1950er Jahren. Für die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts sagen Klimaforscher eine weitere deutliche Temperatursteigerung voraus. Auch die Sommertemperaturen an der Meeresoberfläche haben merklich zugenommen und werden Prognosen zufolge weiter steigen.

Das Meereis schrumpft drastisch
Jedes Jahr im September erreicht das Meereis in der Arktis seine geringste Ausdehnung. Jetzt schrumpft es von Jahr zu Jahr stärker. Als Referenzjahr für den Zeitraum 1850 bis 1859 dient 1855, die Abbildung basiert auf Karten sowie Aufzeichnungen von Seefahrern und Forschern. 2010 ist das Referenzjahr für die jüngste Dekade. Daneben hat auch die Zahl der Wochen mit Schneebedeckung im Winter von 1972/73 bis 2008/09 deutlich abgenommen.

KATIE PEEK; BIOMASSE NACH: STATE OF THE ARCTIC MARINE BIODIVERSITY REPORT, CHAPTER 3.4 MARINE FISHES. CONSERVATION OF ARCTIC FLORA AND FAUNA (CAFF); FISCHMIGRATION NACH: FOOD AND AGRICULTURE ORGANIZATION OF THE UNITED NATIONS (FAO); RENTIERHERDEN NACH: ARCTIC BIODIVERSITY ASSESSMENT 2013. CONSERVATION OF ARCTIC FLORA AND FAUNA (CAFF) UND ARCTIC COUNCIL 2013 / SCIENTIFIC AMERICAN AUGUST 2019

Fische migrieren
Der Polarkabeljau benötigt Meereis, um ab- zulaichen. Mit der Erwärmung der Ozeane schrumpft seine Population; gleichzeitig wandert der Atlantische Kabeljau von Süden her ein.

Rentiere geraten in die Defensive
Während Vögel wie die Dickschnabellummen, die an der Küste nisten, umziehen, sieht es für andere Tiere schlechter aus. Rentierpopulationen verlieren vielerorts an Bestand. Von 23 beobachteten Herden schrumpfen 16 derzeit, fünf wachsen, zwei sind konstant. Eisbären wiederum verschwinden an breiter Front.

GETTY IMAGES / GALLO IMAGES / MORGAN TRIMBLE

Biber breiten sich aus – mit fataler Wirkung
Bäume gedeihen auf Grund der Erwärmung nördlicher als zuvor. Damit siedeln sich dort auch Biber an und fällen die Gehölze, um Dämme zu bauen und Gewässer aufzustauen. Durch diese örtlich begrenzten Überflutungen taut Permafrostboden auf und setzt Kohlenstoffdioxid und Methan frei. Diese Treibhausgase verstärken die Erwärmung, woraufhin sich der Baumbewuchs wiederum weiter nach Norden ausbreitet und noch mehr Biber nachziehen. So setzt sich der Kreislauf fort, und der Temperaturanstieg schreitet voran.